Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2205 (10.4.1925)
- Date
- 1925-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1 jPoien: aft aroszyl Wien: Zum Abholen in der Expedition, fl., Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstellc rTrafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der 'Firma Goldschmied, i J., Wollzeile 11 [Mit Postversand für Wien [und Oesterreich monatlich j 5 Schilling iTsch echo-SIowakei: Mon. K22. Jugoslawien: Man. Din. 60. Polen: Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 |Nachzahlungen bei Preis- | erhOhangen Vorbehalten Wiener orgenreitung IPrall 20 al England: Mon. 4 Schilling, Italien: Monatl. 18Lire, Rumänien: Mon. 170 Lei, B ul gar! en: Mon. 80 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II.Tabontr.l Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (Druckerei lg. Steinmann) c «r. 2200 Ser Platzhalter. -y. W ie n, 10. April. Marx oder Hindenburg. Von der Entscheidung, die am 26. April fallen soll, hängt das Urteil der Welt über Deutschland ab. Ist das deutsche Volk gewillt, vom Krieg und vom Kriegsgeist Älbschied zu nehmen und das friedliche Einverständnis mit seinen gewesenen Feinden anzustreben oder will es sich zu einem Problem ausgestalten, dessen Bestehen alle Nachbarn in Unruhe hält? Es mag sein, daß nicht alle, die sur Marx eintreten, als -entschlossene Republikaner zu gelten haben, daß sie sich vielleicht eher der im Zentrum vorherrschenden Parteidisziplin fügen. Marx selbst ist einer der Führer der Weimarer Richtung, die an der Republik festhalten will. Mer alle, die für Hindenburg votieren, stimmen in verständlicher Klarheit für die Rückentwicklung zur Monarchie, für die Kaserne, für den Säbel. Hindenburg ist 'ein Programm, in keinem Punkt unzweideutig. Die jdeutschnationale Presse sagt es ohne Rückhalt heraus, daß er der Platzhalter für die Dynastie von Doorn oder von Oels ist. Sie setzt damit die Persönlichkeit des Kandidaten herunter und degradiert den Präsidenten zum treuen Diener eines Herrn. Das ist eine Degradation, 'die der Bestätigung durch die Wähler unterbreitet wird. ' ■. Vom Standpunkt der politischen Psychologie ist die Procklamierung Hindenburgs ein Signal an das Ausland, Deutschland auch weiterhin als Feind zu behandeln. Hindenburg war . der Krieg, mehr noch, der Kriegsgott. Die Ludendorff-Partei hat es boshafterweise niemals unterlassen/, aus dem Lorbeerkranz ein. Blatt.nach dem anderen zu zupfen, mnd die Partei Wilhelms teilte gerne die wütend-taÜlose Aeußerung S.M. über die Feldwebelfresse mit. Trotzdem knüpften sich an den Namen Hindenburgs alle Vorstellungen von der großen Zeit, die so intensiv waren, daß die Hauptsache' vergesten blieb, daß nämlich Hindenburg in die Galerie der Geschlagenen gehörte. Diesen ruhmreichen, waffenklirrenden Vorstellungen entsprachen genau die korrespondierenden Empfindungen auf der französischen Äite. In den Nordöstdepartements, von Verdun bis Antwerpen, erzählen noch jetzt die Mütter ihren Kindern von der Hindenburg-Linie, von der Zeit, in der die Erde statt Blumen und Aehren nur die Bajonette mit dem schwarz-weiß-roten Portepee trug. Daß gerade dieser Name aufsteigt, daß die führenden Bourgeoiskreise Deutschlands gerade ihn auf die Plakate malen, muß in Frankreich wie eine blutige Provokation wirken, und darüber hinaus in England, in Amerika, in der Tschecho-Slowakei, in Polen die bittersten Erinnerungen aller derjenigen Wecken, die die Wüste der Hindenburg- Stellung mit eigenen Augen gesehen hatten. Hindenburg ■—der Präsident als Platzhalter? Welchen Wert hat da noch die Unterschrift der deutschen Republik unter einem Vertrag? Sie wilä) heute von dem Präsidenten gegeben. Wird nicht morgen der oberste Kriegsherr das Papier wieder zerreißen, so wie er das schon einmal getan hat? Wer bann einem Gesandten Deutschlands noch glauben? Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Marx gewählt wird und daß das durch die Nominierung des Kriegsmarschalls versuchte Attentat mißlingen wird. TroAem ist schon der Beschluß der Rechtsparteien eine demonstrative Tat. Sie ist in London und in Paris sehr wohl verstanden worden und sie wird an diesen für die deutsche Entwicklung so heiklen Punkten gar nicht mehr als eine Dummheit angesehen, sondern als ein Akt bewußter Herausforderung. Die Kandidatur des Platzhalters ist von der deutschen Volkspartei unterzeichnet, von der Partei des Außenministers Stresemann, dessen Doppelspiel freilich nicht erst dieser Demaskierung bedurft hätte. In der gegenwärtigen deutschen Regierung sitzen neben Stresemann noch fünf Nationale, darunter einer, der der Republik als Beamter den Eid verweigert hat. Die Parteien,, die sich zu Hindenburg stellen, sind somit ein für die deutsche innere Politik sehr maßgebender Teil des Volkes. Sie beherrschen den Verwaltungsapparat, die Armee, die Studentenschaft, die Großindustrie und das Großbauerntum. Sie wären also in der Lage, die großen materiellen und politischen Kräfte dieser Schichten für das durch die Aufstellung des Platzhalters gezeigte Ziel einzusetzen. Dieses' Ziel ist der Krieg, zunächst nach innen, gegen die jüdische Demokratie, und dann nach außen. Diese Erkenntnis erhellt aus dein Beschluß und sie ist leider wichtiger und nachhaltiger als das ziffernmäßige Resultat des 26. April. Me«. Freitag. 10. April 1028 Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 7. Fahrgang Lberrabbiner ßhajes über die Universitatserössnung. „Seit zweitausend Jahren wieder Gastseber." V Oberrabbiner Dr. Chajes, der als Prä- ' s.ident des Zioniitischen Aktionskomitees an den UniversitälsfsiMichkeiten in Jerusalem teilnahm, kam in seiner gestrigen Predigt im Seiten stettentempel auf dieses Ereignis zu sprechen und sogte ungefähr das Mge-n'de: Ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe, das wiederzugeben, was ich erleben durfte. Ich meine nicht die physische Kraft, obwohl ich die Strapazen der Eröffnungsfeier und der Rückreise eben erst hinter mir habe und die Wochen vorher in den jüdischen Kolonien Eindrücke einer ganz neuen Welt in mich ausgenommen habe. Ich meine die geistige Kraft. Man hat mich gefragt, ob ich die Bedeutung des Ereignisses durch eine kurze Formel ausdrücken könnte. Ich versuche es hiemit: Nach 2000 Jahren waren wir Juden zum ersten Male wieder Ga st gebe r., Während dieser zwei Jahrtausende waren wir stets nur Gäste. Selten erwiinschte, meistens nicht erwünschte'Gäste. Ich habe auch bisher die politische Reife d e s e n g l i sch e n B o l k e s bewundert.. Diesmal ist meine Bewunderung noch gewachsen, weil die Engländer anläßlich der Eröffnungsfeier den Takt hatten, z ür ü ckzu'treten, so daß die Juden die Gastgeber waren. * Ehajes zählte die Universitäten auf, die bei dem feierlichen Akte vertreten waren und kam insbesondere auf zwei Festgäste zu sprechen. Der Vertreter der Universität Äther. gedachte in seiner Rede nicht der Makkabäerkämpfe, die sich in der Nähe des Skopusberges abgespielt haben, sondern er gedachte der.Ze.it, da die Juden in Alexandrien gemeinsam mit den Griechen versucht haben, die Welt geistig zu erobern. Unvergeßlich blcifer auch der Eindruck, welchen die Rede des Rektors der arabischen Universität, von Kairo: gemacht habe. Er hat sich über alte-künstlich konstruierten Gegensätze zwischen Juden und Arabern hinweggesetzt und die Periode ins Auge gefaßt, in welcher die Juden und Araber in Spanien und anderen Ländern - im tiefsten Mittelalter gemeinsam die Welt du.rch geistiges Schaffen a u f z u k l ä r e n t r a.ch t e t e n. Im Mittelpunkte der Feierlichkeiten stand W e i zm a n n, aber nicht als Parteimann. Er wurde von allein Faktoren als Vertreter der Juden , angesehen. Links von ihm saß der Ehef der palästinen» fischen Regierung, Sir Herbert S a m u e l, rechts saß Lord Balfour. Herbert S^a.m u e l hat nicht als Jude, sondern als Vertreter Englands gesprochen und seine Rede mit dem', hebräischen. Segenssprüch „Schechejonu" (daß-du uns diesen 'Tag hast" erleben lassen) geschlossen. Alle Völker haben uns aus Anlaß der Universitätserösfnung Ehrungen erwiesen. Ans rein geistigen Interessen. Es ist, als wenn ' das Gewissen der Welt für einige Tage, erwacht wäre. Herbert Samuel durfte den Segensspruch sagen, denn es ist uns wirklich Heil widerfahren. 3n Etznen. Demonstrationen gegen Balfour in Damaskus. Damaskus, 9. April. (Reuter.) Gestern kam es hier bald nach B a l f o u r s Ankuqft zu l 8 r m e n d e n Kundgebungen. Eine große Volksmenge strömte vor dem Hotel zusammen, in dem Balfour abgestiegen war, und warf Steine gegen das Haus; einer davon traf einen Dragoman, der auf dem Balkon des Hotels stand. Der Hoteldiroktor hatte inzwischen in Balfours Zimmer die Rollläden herabgelassen und das Licht abgedreht. Schließlich drängte die Polizei die Menge auf einen nahe gelegenen Platz zurück. Dort wurden heftige Reden gehalten. Gegen 10 Uhr abends war die Ruhe wieder hergestellt. Eine Anzahl Personen ist verhaftet worden. Balfour war durch die Kundgebung sehr aufgebracht und erklärte, er habe nicht im entferntesten an die Möglichkeit von solchen Unruhen gedacht; wenn er gewarnt worden wäre, würde er nie gekommen sein. Neuerliche Kundgebungen. London, 9. April. (Tel.-Komp.) Nach einer Meldung aus Damaskus haben sich die Demonstrationen gegen Lord Balfour wiederholt. Arahische Studenten haben vor dem Hotel, in welchem Lord Balfour wohnt, eine Kundgebung veranstaltet, wobei sie durch Steinwürfe sämtliche Fenster des Hotels zertrümmerten. Es ertönten Rufe: Nieder mit Balfour! Polizei zerstreute die Demonstranten «nd nahm mehrere Verhaftungen vor. * Lord Balfour ist bekanntlich über Einladung des französischen Oberkommissärs für das syrische Mandatsgebiet, des Generäls Sarrail, nach Dauu^'.rs gekommen. Beirut und Damaskus find die Zentren jener Nationalist ischen Aräberparteien, die mit fremdem Geld souteniert werden, um die Geschäfte derjenigen Faktorei: zu besorgen, denen daran liegt, im bähen Osten einen chronischen Herd der Unruhe zu verbreiten; diese Faktoren sind usben der ägyptischen Nationalistenpartei Zaglul Paschas hauptsächlich dex Vatikan und jene russischen Emissäre im Priesterkleid, welche noch die Richtlinien der zaristischen politischen Konzeption in Aisten befolgen, an denen die bolschewikische Politik festhält. Der französische Oberkowmissär van Syrien, General Sarrail, welcher erst kurze Zeit im Amte ist, verfolgt ebenso wie Sir Heribert Samuel in Palästina eine offene und aufrichtige Verständigungspolitik zwischen der MämdatAmacht und den . Arabern. Herbert Samuel ist seinem politischen Ziel bereits viel näher gekommen als sein französischer Kollege, wobei betont werden muß, >daß gerade die jüdische AufbautäiiMit und ihre friedlichen Ziele, welche der wirtschaftlichen Entwicklung des gesamten Palästina dienen, sehr viel dazu beigetragen haben, das politische Ziel- Samuels, beziehungsweise der britischen Regierung zu fördern. In Palästina ist die nationalistische Araberbewegung überraschend schnell zurückgedrängt worden, da sie in der arabischen Bevölkerung selbst angesichts der. ihr vor Augen stehenden Tatsachen günstiger Wirtschaftsentwicklung nicht Fuß fassen konnte. Was jetzt in Damaskus geschehen ist, ist auch nicht viel mehr als Demonstration.. Daß es sich bloß um diese handelte, wird ohne weiteres klar, wenn man bedenkt, -daß sie gegen eine Person gerichtet war, die durchaus in keiner amtlichen Eigenschaft, sondern lediglich als Gast und über Einladung des Generals Sarrail Damaskus besuchte. Daß die arabischen Nationalisten ausschließlich mit dem Argument der Straße arbeiten, beweist die Schwäche ihrer Position. Sie haben ihrer Sache durchaus nicht genützt, denn sie treffen in Balfour vielleicht weniger den Gast des Landes als vielmehr den englischen Staatsmann, der nicht als Vertreter irgend einer Partei, sondern des britischen Reiches nach iJerusalem und Damaskus gekommen ist. Der Besuch in TelAwlw. * lieber den Besuch, 'den Lord Balfour am 26. März der Stadt Tel-Awiw abstattete, wird uns.von dort geschrieben: Lord Balfour begab sich in Begleitung von Weizmann, Sokolow, Chiesrabbi Hertz und den Mitgliedern der palästinensischen Exekutive der Zionistischen Organisation nach Tel-Awiw. Der Weg führt über Rischon-le-Zion und Mikwch Israel. In Rischon-le-Zion sah Balsour zum ersten Male eine jüdische ländliche Siedlung