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Wiener Morgenzeitung · 1924-10-29 · Heft 2047 (29.10.1924) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 2047 (29.10.1924)
Date
1924-10-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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mk o Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung. W. Oktober 1924 Nr. 8047 so Ptvzent des Reinertrases Ml den Tchwerüvroli'deulverbcn'd obzuiMven. Bald daraniff traten dar 98jährige Kau-f-- mm Leonhard Fall und der Ik>jährige Michnann Alexon^er Aleiri als Gesellschafter in die Firma.' Am 7. März'verschwanden ipllvhlich Kantor, Fwlk und Klein ans Wien, und es stellte sich he-rcms, daß sie von Firmen hock^veirtige Waren lbezogen und größtenteils nicht bezahlt hatten. Kantor kon-nte in Buidapeft, wo er sich unter falschem Namen anfhiKt, Vacha*et werden; er. wurde nach Wien ausgolisfert.. Dar Au-fsn-tilM der iboiden anderen ist unbok-aimrt, sie Sverden steckbrieflich verfolgt. Der den Fi-rnien nigosügte Schaden wird aus 600 Millionen Kronen asschäd- Geistern begann vor einem Schöffens-anat die Bechcvivdlung gegen Kantor. Kantor bHtvitt die Belrugsabsicht, er ha>be sich höchstens der fahrlässigen Krida schuldig gemacht. An der Art der Gsschäftsftührung sei FE schM. Di« StcxvtAcmwaltschaft erklärte diese VorMtwortu-nig als ungboubwürdig. Die Kündigungen an der Renaiflmivebühne. Wie semsrzeit berichtet, hatten 14 Angestellte der Wiener Renaisi-anaelbühne gegen den Direktor Rodert aus Zahlüng der.ihnen nach dem KollÄtrVvertrag zustchenden emMvvgen WfertMmg geklagt. Direktor Rodert hatte, als ihm die Konzession Wr die Renaisscmosbühne nicht m>chr verlängert wurde, nach § 35 deS Schawfp ielergesttzes wogen Schließung deö Theaters. die langfvMaen Verträge mit den MitMe-devn und Angestellten vierzehntagig ge-Nndigt. Die Entlassenen hatten nach dom .KolMwvertraa der BühnenangeffteWen die einjAhrv-e Abfertigung begehri. Nach einem rrmffangvvichen GewsiSvsrfahren hatte das Gewerbegsricht die Gesellschafft Wiener Rowaisfcmcedühne zur Zahlung dor evnffährigen Abfertigimg verurteilt, weil die Verweigerung dar Berlämgevung der Konzession keinesfalls als eine vis mayor anzusethen sei. Gestern bestätigte der Bevu-fungssonat das eostvichtevliche Urteil, sprach jedoch in seiner Begründung aus, daß der Klägecmspruch schon ans dom Grunde zu Rocht bestand, weil durch die äbysschwssenen Bortrag» die Angestellten nicht nur für die Re-ncdifsanoeoühne, sondern auch für die Neue Wiener Bühive engagiert waren. Das Schicksal eines Schwachstnigen. Wie srinnerlich, ist Hemer i-m Winter der Oborwachmann Elsner, als er den damals ezKedierenden Burschen Richard Ritscher verhaften wollte, während der AmtshaMu-ng' infolge AuffwgtM-g an Herzffchlag gestorben.. Gegen Ritscher wurde die Untersuchung -wegen Verbrechens des Totschlages geführt, das Vorfahren jedoch eingestellt, da er für schwachsrrmiig und mit einem Gehörfehler behaftet erklärt wurde. Bold nachher kam Ritscher wogen mehrfacher Diebstahls- und Betrutzsanzeigen wieder vor Gericht. Der 23jährige AngeKagte, der als Beruf ,Kimtänzer" augäb, leugnete die ihm zur Last geladen KaiffschauS- ViMdähle. Gerichtspshchiater Professor Bischofs bqzeichnete den Ritscher als Schwachsinnigen loichteven Grades. Der Schwachsinn sei indessen lediglich auf das mcmgÄhafte Gehör EÜckWlDhren. Verteidiger Dr. RostnfM bemangÄte gewisse llnterschiede zwischen den beiden Gutachten. Am ersten Gutachten wurde Ritschers Intavnievnng im Arvenhanse .für zweckmäßig bezeichnet, im zweitem hingegen' seine Anhaltung m der ländesgerichblichm Hofft Äs einzig wirksames Mittä betrachtet. Der Richter, Obeatlandesgerichtsrat Hummel, griff in die DrÄuftian sin und auf se-inie Fragen erWrte der PshchioLer, er habe sich aus euren strerng prcZbischen Standpunkt stÄen müssen, weil bei uns eigen« Schwachsinnigenanstalten nicht bestehe«. Der zweite SachverfftäiÄ>vge, Prvff. Hreveff, bezeichrvote den An^Magten als ,vermindert -Mechnnngsstchiig". Doch besitze er bte Einsicht für die Strafwürdigkeit seiner HcmdnmgSwevse. Der Richter fällte einen Freispruch aus MangeL an Beweisen. Alle Arten Bankgeschäften Kommandite der Kroatischen Eskomptebank, Agram WIEN, I. SEITZERCASSE 4 <ECKE Be,M “ Telephon: 22*3.90 Serie ■ Teiecrammadreue: FRAPOBANK rrPrcnyeJC/*a/« lei Handelsvertrag mit England. -Der Nationa-lrat hat' gestem hm Handelsüind Schifffahrtsvertrag mit England ohne Debatte genehmigt,^ den seit dem Kriege herrschenden vertragslostn Zustand beendet. Da die österreichischen Wavon bei! der Einfuhr in Großbritannien bisher nicht differenziert wurden, hat der Vertrag, wenn keine Aenderung der englischen Handelspolitik eintritt, derzeit praktisch keine Folgen. Er beruht im allgemeinen ans der Gewährung der Meistbegünstigung, beziehnngs-weise ans der Weichstellung mit den Staatsbürgern Großbritanniens. Auff englischen Wunsch wu-ride eü-ne Au'Lnahme van der Weist-- begünstigung für jene Waren vereinbart^ die im Gebiet des anderen Vertvaastei.l-es , eine Präime genießen-^ (echtes Dumping). Ferner gibt der Vertrag England das Recht, Sonder* zolle aus Waren üsterwichischer HerTunst dann zu legen, wenn sie infolge Entwertung der Währung billiger angeboten werden als die entprschoirden englischon Erzeugnisse (Valutendumping). Dies gilt aber nur unter der Voraussetzung, daß ein auch allen Ländern gegenüber wirkendes Gesetz solche Sonderzölle für di-esien Fall vorsreht. Auf Vergangen der österreichischen Regierung verliert der vorliegende Vertrag gleichzsitig mit dem Inkrafttreten solcher Sondergölle auf Waren österveichifcher Herkunft seine Wirksamkeit. England «wahrt sich in dem neuen Handelsvertrag auch alle anderen Rechte, die ihm aus dem Friedensvertrag zuistehsn. In einer angeschlossenen Grklärung wird dervinVari:, daß die A u 's n a -h m s g e s e tz e, die gegenüber allen ehemäls fvindlichen Staaten gelten, auch für Oesterreich weiter in Kraft bleibe,-». Aiußervrdentlich tvichdig ist jedoch die Bestimmung, daß die Dominions, Kolonien und Protektorat« Englan«ds sowie jene Lander, m denen England ein' .Mandat. des - 'Völkerbundes aus übt, dem .vorliegenden Handelsvertrag du rch ein« einfache Erblävung^ des großbvitann-ischen Vertreters beitreten konmn. Diese. Länder sind Absatzgebiete, die fitv die österreichische Industvie vielfach von der größten Beden-' t u n g sind. . . «avaveker Wirtschaftsbrirs. Mitte Oktober 1921. Dia Folgen der Sanierung zeigen sich auf Schritt und Tritt, indem trotz der astabilen" Krone nichts billiger werden will. Ursache hiervon ist nicht in letzter Reihe die ständige Erhöhung der Stonern, Gebühren, Zölle und staatlichen „Lerstungeu" sowie NutzbetMgnngen. Diese letzteren bilden einen recht respektMen Teil, der Lasten, unter denen das KonsumentenpMikimr ächzen muß.' Als Beispiel muß hier des kleinsten, jck>och wichtigen Artikels,' der Zündhölzchen, Erwähmmg getan wevden, wo die staatliche Gewinnbeteiligung 36 Prozent des Wertes ansmacht; ähnlich, aber noch in größerem' Verhältnis, stcht eS mit Zucker und PetrÄeu-nr. Ein anderes HmdemiS des Abbaues der Preise ist der Umstand, daß die Handelswelt noch immer in dem Glauben ist, unbedingt mit dem von der Kriegszeit und den nachherigen Jahren angewohnten großen Nutzen arbeiten zu müssen. Wenn man den Känfleuten zuhört, sind sie allerdings die Opfer einerseits der Habifucht der Großindustrie, die hierzulande gar unsinnigen Zollfchutz genießt, andererseits der Stsnerpolitik. die immer für frische Lasten sorgt. So heißt es, daß die Stenern für das vergangen« Jahr — Erwerbs- und Einkommen, nebst Vermögenssteuer — boi 53 Prozent des Gesamteinkommens betragen werden. HandÄsänigestellte nick» Arbeiter betreffend wurden 806 Goldkronen als jährliches emkommensienerfreies «EflU« m Devisen Amsterdam t. i holl. Gulden. Belgrad I Dinar. Berlin . .. Brasset 1 belgischer Frank. . Budapest 100 Ungar* Kronen . Bukarest 1 Lei. . ..... . London 1 Pfund Sterling . , Mailand 1 Lire.. . . Üew-York I Dollar ..... Paria l Frank . . ..... rag 1 tschecho-alow. Krone. Devisen- und Balutenlurse vom tz. Sktober 1924. Oeld 28000— 7026.— 16810.- 3419.- 92.20 397.- 319500,- 3U59— 70935— 3717— 2111— Ware 28100.- 1030.- 16910.- 3431.- 93.- 999.- 320500.- 3071.- 71185.- 3733.- 2121.- Sofla 1 Lewa.. Stockholm 1 schwed. Krone . Warschau . . . . . . . ... 20rlck 1 Schweiz. Frank. . . Valuten Amerikanische Noten . . . . Belgische Noten 100 Franke». Bulgarische Noten zu lOOOLeva Deutsche Noten . V . . , . . Englische Noten ... . . . . Geld 512.- 18750.- iStzso.- 13645.- 70480.7 3375.- 496.- 16640- 3177C0- Ware 516- 18810— 13700— 13695— 70660- 3405— 504— 16760— 319300—- PranzQslache Noten. Holländische Noten ..... Itatl nlsehe Noten ...... -Ingosiawisehe Noten ..... Polnische Noten.. RumSnlsche Noten.. Russische Noten (Roman,1. . Schweizer Noten 100 Franken Tschecho-alow. Noten...» Türkische Pfund-Noten . . , . Ungarische Noten. OeM Ware N85. - < 15— 27700—?79!10.. 304',- 306«... 1015. irrt.- 13480— IR-'».- 392.- 39'.. - 13510— 1359'*.- Vo98.- 7114. 3605').- 370'». - 89.60 S.'.89 Copyright 1924 by Dorische BerfazSorlstatt, Stuttgart. Nachdruck dertioten. 24. Fvttsetzung, Die Stadt a« der Moldau. Roman. Bon Auguste Huuschner. Sie vergaß sich, zormg mit dem Fuß zu stampfen, pMpur färbten sich die blassen MmschÄn ihrer Ohren, bei chr m. Zeichen verhaltoner Erregung. „Diese JuderchMgen. Und gerade herüe . . Das Wort komvte nicht mehr zarückgenommen werden. „Wfo doch." Seine dichten Brauen zogen sich zu siner schwarzen Linie zusammen. Der Diener öffnete die Tür. ,Herr und Fvau SbatthailiteveiM v. Korsky," meldete er an. * „Das. war aber eine Uebermschung, Gnädigste," sagte der Oberleutnant Schlecht v. Mowtel-upo. Er saß mit Therese «mmitten der lärmenden Gesellschast, von einem Japanschivm umgeben, Kvie allein. „Und ich bin," scheint es mir, mit meinem Glückwunsch noch im Rückstand. Da muß ich nachträglich vielmals nm Verzeihung bitten. Wisien Sie, ich war d.rzwmail mit meinen Leurten gerade oben in den Karpathen, mitten zwischen Eis und Schnee. Wie mich die Post endlich erreicht hat, waren Sie längst in der Seligkeit der Flitterwochen." Sr stnvlch mit seimr gewohnten, ein wenig frechen Nachlässigkeit. Etwas nach vorn gebogen, schlug er die Angen wie werbend zu ihr aus, verliebten Ausdruck in den verschwimmenden Pupillen. Das kindlich spitzbübisch« Lächeln um den Mund. Sie aber dachte: schlecht siecht der Arme aus. Sein« Schlankheit hatte sich in Mavgerlert verwandelt. Blaue Aedevchen durchzogen zuckend seine Schlafen, «in scharfer Zug zerschnitt, abwärts von der Nasenwurzel, die Rundung seiner Wangen. Noch nie hatte sie -ihn so ehrlich, so von ganzem Herzen lieb gehabt. Sie mußte sich an sich hallen, es ihan nicht zn sagen. „Sind Sie krank gewesen?" Er machte eine abwchvende Bewegung. Geleaeuhett „Nicht der Rede wert, nur was sich für den Schützengraben so gehört.". Mit einem guten Lüchen: „Ich gefalle Ihnen, scheint es, nicht nvchr." Ihre Mvme berührte und entzündete sein Blut. „Dafür gefallen S>e mir aber, um so besser, Fräulein Resi. Verzeihen Sie," etwas knabenhaft Spielerisches überbrückte feinte Keckheit. „Aber ich ißamt mich an di« Gnädige noch wicht v"wähnen." Leicht streiften seine Knie die ihren. „Schön sind Sie geworden. Sie waren ja immer hübsch. Aber jetzt haben Sie so etwas — na, Sie haben ja auch inzwischen allerlei erfahren." Unter der Weißen Haut der feinen Schultern und. der zarten Ansätze des Busens schimmerte es rosig aus. Noch weiter ließ sie sich aus dem schwarzen Tüllgeriesel tauchen, wie um sich ganz darzubreben. Einer Liebkosung glich ihre Bitte: „Ich möchte eine Zigarette haben." Verwundert streckte er die Hand nach dem reich bestellten Rauchtisch aus. „Nein," sagt« sie fchr sanft, „eine von Ihnen." Er verstand, lastete betreten an sich herum, zog, zu ehrlich um zu lügen, eimn einfachen ledernen Behälter auS -dem Maffsurock bervor und -bot ihr das Gewünschte. - Sie griff nicht zu. „An eine andere verschenkt?" Cr war sehr verlegen: „Wie können glauben? Wie ein He-il-igtmn Lelvalhvt. Nur so un-bguem —man wird im Feld so schlamtzert . . Er -dachte: Verdammt noch einmal, daß ich das Ding nicht bei mir habe. Sie zag die leichten schwarzen Falten höher au sich hinauf. Es war, als ob ihr Kinn sich -langte rund ihre Stimme spitziger geworden sei. „Ich hätte Ihnen gern die Aella Beyer oingeladen, aber si-e hat heute Bahnhofsdienst. Und wenn der Hauptmann Nagy den Lazarettzug führt, ist si-e immer unabkömmlich." „Habe die Ehre Herr Oberleutnant, hatte Sie gar niu>v kommen sehen. Wie geht^s? Wie steht-s?" Krdmni-er legte mit zur Schau getragener Zärtlichkeit feint« kurzen schweren Finger auf Theveses Helles Fleische w»a AoiettflAsaa .« Vl-*—• UrW 2 STOfFH l'l A . „RestnZa, Herze-l, verzeih' wenn ich dich störe. Aber du mußt s-o gut fein, dich der Gesellschaft bin bissel anzuuchmen. -Herr Eduard Leschner wünscht, dir seine Aufwartung zu machen . . Erich riß die Augen in übertriebenem Erstaunen ans. „Habe ich sie recht verstanden? Eduard Leschner. das umsikalifche Genie?" .-Als solches ist er mir empfohlen worden." „Mlrtärisch hat er sich jedenfalls nicht ausgezeichnet. War Übrigens wiicklich immer krank, der arme Kerl. Wurde deshalb als disnistuntauKch erklärt und nach 'Haust ent- .lassen. Mer hinter der Front hat feilte Gesundheit sich ja öffenbar aufs Erfreulichste befestigt. Ich wußte'gar nicht, daß Me /ihn kennen, Gnädigste." Zwischen dem Argwohn ihres Mannes und dem Spott des Freundes versagte ihr di« Geiftesgegentvart. - Sie stammellte: „Ich nicht. Mein Mann wurde durch Dr. Adutti auf ihn aufmerksam gemacht." „Ach," lachte der Oberleutnant mitbelei-digender Lustigkeit, Sie haben mir wirklich heut« all« mein« guter Freunde oinge-ladrn." So drohend zogen sich die Wolken auf Krommert Stirn zusammen, daß sein« Frau sogar die Taktlosigkeit willkommen hieß, mit der Jakob Adutti sich ohne vorhergegangene Vochellung und Begrüßung in die Ilnterhaltungh merigte. „Ich weiß, meine Herrschaften, daß ich cu\ic:t - gesellschaftliche Herkonnnen verstoß«, wenn ich gestehe, daß ich die letzten Sätze Ihres Gespräches verstanden habe. Ich evs«he daraus, daß^ wir beide, mein, Freund und ich, hier Nicht -willkommen sind.'Was mich betrifft, so würde ich selbstverständlich, weM auch mit Bedauern, sofort auf Ihre Gastfreundschaft verzichten. Aber für meinen Freund wurde es beinahe eine Katastrophe sein. Er ist em Sclbstquäler und. Selbstverneiner. Seit Tagen lebt er von der Freude,, die er von diesem Nachmittag , erwartete. Eine Enttäuschung würde auf lange Zeit ein Nein bedeuien für frim künstlerisches Schaffen." (Fortsetzung folgt.)

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