Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1981 (20.8.1924)
- Date
- 1924-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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' ' -“V ‘' MM- TS^^fTTTT •Palen 20grQgzyI Wien: Zum Äbliolen in der Expedition, II. Tabor str. 1-3, oder in einerVerschl eisstelle (Trafik) monatl. K 40.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmied, 1. Bez«, Wollzeile li Mit Postversand für Wien u, Oesterr. monatl. K 40.000 Ts ch e c h o-S I owa k e ir Mon. K18. Jugoslawien: Mon.Dinar60. Polen: Mon. 3V« Zloty, Deutschland: Mon. Goldmark 4, Franko Belgien: Mon. Fres* 12 CHg* N*«h«»hlunseij "W> bei PrfeieerhShuDtren «orbehalte» Nr. 1981 jettet Wien, Mittwoch. 20. August 1 Preis K 1400 England: Mon.4Schilling, Italien: Monatl; 12 Ute, Rumänien Mon. 150 Lei, Bulgarien Mon. 80 Lewa. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Fres. 4 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—-8 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 21-102,25-282 IX. Uni veralt&tsstr* 6—8 (Druckerei Stelnmann) Oesterr elchisches Postspar» hassen-Konto Nr. 150.698 Papierener Frieden st. W i e n, 20. August. Schöne Worte wuü>en in London auf glattes Papier geschrieben und die kriegsmüde Well fteut sich unbändig. Die rauhen, polternden Paragraphen des Versailler Vertrages sind vergessen, liebenswürdiger Meinungsvergleich ist in sanfte Klauseln - gegossen worden. Kein Diktat, ein Vertrag, der Europa den Frieden geben kann, wenn die ehrenwerten Unter-. Zeichner noch ein kleines Uebriges tun: Wenn sie nämlich den Vertrag auch erfüllen! Me gesagt, eine Kleinigkeit, aber man sollte in der großen Freude ihrer doch nicht so ganz vergessen. . Wille, Fähigkeit und Macht für Erfüllung sind bei deur-petUragsWeßenden Teilen -nichtimgleichen- Maße vorhanden. In England ist es darum noch am besten bestellt. Die jetzt herrschende Arbeiterpartei erstrebt den friedlichen Ausgleich und ist auch gewillt, um seinetwillen materielle. Opfer und Opfer an Prestige zu bringen. Wohl werden gewisse Teile der liberalen und konservativen Opposition die getroffenen Vereinbarungen mißbilligen und heftig kritisieren.. Mer sie werden nie etwas unternehmen, was einen Bruch der von ihrer Regierung eingegangenen Verpflichtungen bedeutet. Auch wenn morgen eine neue Regierung kommt, wird sie die Abmachungen ihrer Vorgängerin: respektieren, well sie im Ramena - per Regierung Englands getroffen Wurden.. England ist verpflichtet.: Und. in diesM; die Sache nicht so einfach. An dem 8hrlrchen Millen Herriots 'und der ihn stützenden Parteienist nicht zuzweifeln/ M.nn Vergleiche überhaupt zulässig sind, so muß gesagt werden, daß Herriots Leistung' viel, viel höher zu werten ist, als die Tat Mac DonaDs'. Frankreich' hat unendlich mehr gelitten als England. EnglärÄ ist über die Krsegsfolgen hinauSgekommen, auf-Frankreich lasten sie noch schwer. Herriot will den Frieden mindestens - so intensiv wie Mac Donald. Aber zu Hause steht er einer nationalistisch^ militaristischen Opposition gegenüber, welche alles.daran setzen wird, ihn zu ' stürzen und. seinen Vertrag zu zerreißen. Zur Herrschaft gelangt, wird sie aus dem nichtigsten Vorwände heraus den . Vertrag für ungültig erklären. Dazu kommt, daß Herriots Stellung nicht allein von Vorgängen in Frankreich bestnmnt wird. Ern Vorstoß der deutschen Reaktion wird genügen, um ihn und seine Gruppe hinwegzufegen. . . Und was ist's mit Deutschland? Das England von heute ist zuverlässig, das von morgen auch. Das Frankreich von heute kann als vertragtreu gelten, das Frankreich von morgen ist unsicher. Das Deutschland von heute ist unfähig und unwillig, irgend einen Vertrag zu erfüllen und die Spur eines Deutschland von morgen ist nirgends zu sehen..Deutschlands Regierung hat unterzeichnet, aber wer steht hinter ihr? Wissen diese Marx,' Stresemann und Luther, wie Deutschland ihr gegebenes Wort achten, wird? Sie wissen, nicht einmal, ob nicht ihre eigenen Parteien sie mit Schimpf-und Spott preisgeben werden. Der Außenminister Stresemann, der derzeitige Träger des Willens der'deutschen Nation, ist übrigens imstande, sich morgen selber das Mißtrauen wegen der Unterschrift auszusprechen. D rs deutsche. Völk ist systematisch' verhetzt und- 'in' eine Stimmung.gebracht worden,^ dieesvertragsunfähig nracbt. Der Geist Wilhelms schwebt über ihm. Es sieht die Welt voll Schwindler und Betrüger, es sieht sein .Heil, nur in neuen Kriegen. Wer Verträge erfüllen will, ist ein Verräter und wird weggeschossen wie ein räudiger Hund. Jeder geschlagene General oder.weggejagte Fürst gilt tausendmal mehr als die. ganze Republik -undalle ihre. Minister. Frieden, Demokratie, Verträge,' alles jüdischer Schwindel! Ward je in solcher Laune ein Vertrag erfüllt? Vielleicht wird in letzter Stunde eine elementare Wandlung vor sich gehen. Vielleicht, wahrscheinlich ist es. nicht. Fünfzigjährige Kasernierunahaben ein großes, begabtes Volk zuschanden gedrückt, fünfzig Jahre Kasernen leben bringt man nicht-leicht und bald hintzr'sich. : , > : düsterer Bericht des GemrallommMs Dr. ludium m Böllerbmde«li«ete. i. - AS- Der neunzehnte Bericht des österreichischen Generalkommiffärs, welcher die Zeit vom IS. Juni bis IS. Juli umfaßt, also den e rst e n M o n a t der v i erten Sanierungs etappe, welcher nach dem, im Jahve 1928 festgesetzten Sanierungsplan einen Budgetn.bers chu ß hätte zeigen.sollen,' Präludiert sehr markant und' mit einer selbst in dem vorliegenden Auszug deutlich erkennbaren scharfen Stellungnahme der Tätigkeit der Völkerbunddelegation, die am 25. oder'R.^MMtzu ihrer' Enquete über die österreichische Forderung einer Abänderung der Budgetansätze in Wien eintveffen soll. Der Bericht Dr. Zimmevmams weist gleich in seiner Einleitung darauf hin, daß die Entwicklung der Lage heute nÄben der Frage, auf welcher . Höhe das Budget ins Wrichgawicht. gebracht werden kann, die Frage des Gleichgewichtes an und für-sich zur Diskusiion zu stellen scheint, und konsta-. tiept; daß sich heute eher eine Neigung zur Vergrößerung des Defizits als zu besten Verringerung, ergibt. . . .. Im.emze-Irwu:?hebt-sper .'GimelMoMUtzMr-.-sHa'pf her- - .- Pot, -'daß, dieseinen^teWväien nicht-- - B es,p l düng s e r h öMng. Hv ' Me. 'StaÄtsVeMten -- .der-, die'MMoMvWuWt - von der Regierung vorgesehenen 62 MrNrönen- ' .G olldk. rv n e n über st e ig e n wivd.^^Daböl sind die KHe« -her ' GeWkMWWtz der Bundesbahnäntzestellten nicht inbegriffen, wobei-es nach Ansicht Dr. Zimmer- . Mans z w e i s e l h a f t. erscheiA, ob. das .E i s e n,fl> a h nbudget neue Läste-n von mehr als 20 Millionen Goldkro n e n wird tragen können. I Ueber die Gebarung der . Monate Jänner bis IM 1924 besagt der Bericht, daß die laufenden Ausgaben ohne. Freigabe der Anle-iheerlöse bvstvitteu werden konnten. Dabei macht der Genevalkommistär jedoch darauf au-fmcrksam, daß' im Jahre 1923 die Freigaben von An-, leiheer lösen - 2461 Milliarden Kronen' betrugen, während das Defizit des Jahres 1923 nur 1703 Ml- : liavden ausmachte, - so daß sich eine ... freie Reserve von 758 Milliarden ergibt, -die die Regierung zur Begleichung der Ende 1923 bestehenden Zahlungsrückstände hätte verwenden, sollen. Bis heute hat der Generalkommissär ziffernmäßige Angaben über die Regelung der Ende 1923 bestehenden Zahlungsrückstände nicht erhalten. Der' größte Teil . dieser freien Reserve ist heute nicht mehr verfügbar, so daß, wenn sie nicht zur Zahlung der Rückstände verwendet wurde, achunehmen ist, daß sie zur Bedeckung > der Abgänge, im ersten Halbjahr 1924 gedient hat.- Eine rasche . Steigerung der Staatseinnahmen ist bei dem heutigen Zustand des Wirtschaftslebens und des Geldmarktes, .wo GeMnüPPheft und eine - Kredctkvise herrscht, schwerlich zu evwraten. Man wird daher —. so hebt der Bericht hervor — seine Bemühungen ans ■%.. . weitere Ersparungen richten müssen, noch mehr als aü-f eine Reorga n-isati-on der -Finamtzver-waltun.g. - - Wohl sind Anzeichen einer Besserung der Geld- und Vertrauenskrise zu bemerken und österreichische Uuternehnrungen konn-ten im Ausland wieder kurzfristige Kredite erhalten. Es hängt aber alles davon ab, das - Vertrauen des Auslandes wiederherzustellen,; 'damit dasausländische Kapital,, welches das Wirkschaftsleben Oesterreichs so dringend, benötigt,-, herangezogen' . -werde.. Dies ist auch nach Ansicht des Generalkommissä-rs; die Begründung für die Dis k-o n t p o l i't i k ’ de.r .N a-- , t i o n a l b a n k. Zur Starkung - der von -der Nati-onalba-nk: zu befötgenden Währungspolitik kündigt Dr. Zimmer-- - man weitere Maßnahmen des Noteniuftitu-ts an, wie -- st r e n g e Z e-nf u r d es e i n g e r e i ch t e n -W e ch s e lma.terials und Beschränkung des Wechsel- ' po.rtefeui-lles, unaMä-ugig von der Bonität der eingereichten Wechsel, damit es innerhalb der Grenzen der noch zur Verfügung stehenden KrMte gchalten -werde. Das DeckungsverhAitms der- U-mlauftmttel 'dürfe 'nicht: Westsr verringert werden, damit die für OÄstervsich so wichtige Wertbestandigkeit der Wahrung erhalten Vloiibe. ' Zur Milderung der Gle-ld'-teuerung erscheinennach.der-Ansicht des GeneraAmmniissärs vevschiedene Maßregeln geboten. Das charakteristische' UsW ist die große Spannung zwischen de-nr Zinssatz, den die Banken ihren Gläubigern zahlen und dem Sitz, dem sie der Industrie Kredite geiwähvon. Der BermittleMenst zwischen Darlehensgeber und Darlehensnehmer, den die -Banken der Allgemeinheit leisten, stellt sich , in' Oesterreich außewvdentl'lch teuer. Die . ' . - Anzahl der Banken ist zu groß -und ihr -Personal viel zu zahlreich. Jede DeveinsachuM und Verbilligung des A-rbeitens der Wiener^Batcken wiiHd eine wohltätige Rückwirkung auf. das wirtschaftliche Leben haben. Man kann sich jedoch nicht des - Grüdvuckes er» wehren, daß die Bänke n .Ml b st einiges hiM.i W-.- -trägen könnten. Zum-.-'BeisPiK^ -durch- Erhöhung des Z i n sfuß.e's^fü die' " ' v* •’'' ' ■ '' r? H Bankenumsatzsteuer und die ValutenumsatzsteDr' ÄtW Diese beiden Steuern verteuern derzeit ohne Notwendigkeit die. Kredite. Ihre AushöbMg ' würde - belebend auf das Einlageng-eschäft und auf den Zufluß auÄänldi- -fchen Kapitals wirken.- ' . ' Die Idee einer GeldinstitutK-entrale. bezeichnet der Bericht als g e f ä htze l i ch/ Diese neue Ban) bringt keine neuen Mittel in das-Land. Sie wird, um arbeiten zu können, Darlehen bei der Nationa-lbank, das . heißt bei einenr ihrer Großakttonäre, gegen die Werte der in schwieriger Situation befindlichen Banken aufnehmen müssen. Es' steht daher zu befürchten, daß' die' Tätigkeit des neuen Instituts eine ung esu n d e Vermehrung, der VeM-ndlichkeiten der Nationalbank zur Folge haben würde. . Die Kapitalsknaippheit und der Mangel an langfristigen KrMten ergeben, obwohl Ern- :ün!d-- -Ausfuhr' - ick Werte steigen, wobei die Steigerung - des Ausfuhrwertes größer ist, also eine V erm-inderu ng, d.-e8 Defizits der Hand el-sb.i.lang ergibt, -die Möglichkeit einer . ' JndustriÄrffe, besonders für die mittleren Industrien. Diese schwierige Situation der - österreichischen, Industrie, welche einerseits durch die nach dem Zerfall, der alten österreichischen Wirts-chaftseinhett hervorgerufenen, Absa'tzschwierigkeiten, andererseits durch die Behinderung der 'Kv n k>u r re n-z f äh kg k e i t zufolge des. hohen -Bankzinsfußes, der Körperfchaftssteuer und der die Produk- .tkonskosten verteuernden, so.zu al e n .Gesetzg'eh'ung . bedingt, ist, könnte nur durch ZusammonäÄeit aller'Fcckioren, der -Regierung^ der Nattonalbank, der Privatbanken, der Industriellen i und -der (Mwerkscha-ften gelöst üMi» - den. Die Idee einer - gememschaftl-ichen ' ' >; Wirtschaftskonferenz sei daher freudig zu begrüßen. Der Generalkommissär beurteilt unter den gegenwärtigen Umständen die Entwicklung der'Wirt- - sch ä s t in 'den' 'nächsten Monaten wtt -g r o ß e r Zmrückhaltnng. „Die Lage "der- Privatwirtschaft^, so schließt -der Bericht, „auf die man sich gefaßt nrachen muß, , e r l-a u-b t -n i ch t.d i e H o.f f. n u n g. a u.f. e i.n e. n'e u'e ' U-r höh n -ng d e s Erhräg e s der öffe nt ls ch e-n Äbga be m Dieser Tatsache'wird man RechnMg tragen ' müssen, wenn man im Verlaufe der vom Völkevbündvät - vorgeseheüen Enquete die Mitteln sucht, das Dudtzet .i-nß Gleichgewicht zu bringen und -seine-endgülrige Stabilisiemng ststzu-setzen." - - - - . .