Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1957 (27.7.1924)
- Date
- 1924-07-27
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Moraenzeitung. 97. IM IM mk* Md krez Israel. Aeußerungen Pros. PastemÄs und Prof. Margolis. Nr. 1S67 . Wien, Äomckag . -Mer aus dem Kahlenbergerdorf. I. Der der Ankunft. 110 Kinder entsteigen dem. Zuge. Eines trippelt dem anderen nach, geschäftig, eilig, voller Erwartung der kommenden Dinge. Ein jedes hat das Kleingepäck unter dem Arm, das große wird durch das Fenster auf den Perron geworfen. Dann wird das Gepäck auf den bereitstehenden Wagen verstaut und der Marsch nach dem 16 Minuten entfernten Heim begint. Ich höre folgenden Dialog zweier Freundinnen: „Freust du dich hinauszukommen?" „Das weiß ich noch nicht." „Wieso?" „Ich weiß ja nicht, obmir das Essen schmeckt, ob ich gute Schlafgelegenheit habe; wenn nicht, dann fahre ich zurück." „Ich weiß ja auch nicht, wie es draußen ist, aber ich hoffe, es wird schön sein nnd ich freue mich doch." Es ist der Ton der Erwartung, der Ungewißheit und der Hoffnung darinnen. II. D i e A n s s p e i s u n g. Die Leitung der Kolonie hat Gewicht darauf gelegt, daß Kinder. unbemittelter Eltern und auch Mittelstandskinder gemeinsam draußen ive'len. Der pädagogische Wert dieser Maßregel hat sich in der Praxis gezeigt. Am ersten Tage kamen die Kinder, ein jedes mit seinem Besteck bewaffnet, zum Essen. Das Lager ist in zwei Gruppe,: geteilt. Die Kinder, die zu Hause wohl selten so gutes Esssen bekommen, wie es ihnen hier vorgesetzt wurde, verschlingen mit Appetit das Gemüse, die Eier und den ausgezeichnet zubereiteten Kakao. Tie Kinder aus sogenannten besseren Häusern rümpfen die Nasen und denken an das leckere Mahl zu Hause. Mißtrauisch blicken hie Bedürftigen auf die Reichen und begegnen hochmütigem, spöttischem Lächeln. So war se die ersten Tage. Im Laufe der Zeit jedoch hat sich unverkennbar ein Akkomodationsprozeß vollzogen. Mißtrauen und Hochmut sind geschwunden und schon jetzt herrscht Freundschaft und Ein- 'erständins zwischen allen Kindern.' V in. Das jüdische Gefühl. Einer der vielen, schönen Sommerabende. Im roten Schein der untergeheirden Sonne lageren die Pfleglinge des Heims auf. der geräumigen Wiese und lauschen der Vorlesung des Leiters. Er liest Dubnow und man wähnt palästinensische Luft zu atmen mit diesen Burschen und Mädels, die hier Kraft sammeln zum rüstigen Wiederaufbau ihrer Heimat. Tief prägen sich die Worte Dubnows in die Gemüter der Lauschenden, nur der Benjamin der Kolonie, der fünfjährige, blondlockige Doli ruht in den Armen einer Ghnmasiastin, eingelullt von den Klängen der Heimat. Rührend ist es, dieses Paar anzuschauen; unbesorgt kann man fest auf die Jugend vertrauen, die einem 16jährigen Mädchen instinktiv das heiligem Gebot der Mutterpflicht eingeimpft hat- > IV. Die Herzl-Feier. Der 20. Tamus, der Todestag Herzls, war ein großer tag in Kahlenbergerdorf. Ein jeder hatte das Bedürfnis tatfj Andacht. Es waren lauter traurige Gesichter, die den Worten ihres Führers zuhörten, der in dem Arbeitsaufzug tastand. und schmerzerfüllt von Herzl erzählte. Was er -em Volke geopfert und wie er schließlich auch sein Leben ruf dem Opferaltar für uns dargebracht. Er sprach von der jeiligen Pflicht, die wir dem großen Toten schulden, der mn seit 20 Jahren nicht mehr unter uns weilt. Als er zeendet hatte, da fühlten sich alle soverlassen und hilflos »hne ihren Führer, um aber dann mit echt jüdischem Trotz md echt jüdischer Goluskraft in das Lied unserer Hoffmng ainzustimmen. Und als ein kleines Mädchen den Refrain pes Zederliedes sang: „Dieses schöne Land am blauen Meeresstrand", da wußte ich: In dieser Jugend, die herzl betrauert, zugleich aber Erlösung erhofft, liegt unsere Zukunft. Und als später ein Chaluz palästinensische Weisen vortrug, hatte ich. das Gefühl, Herzls sehnlichster Wunsch zehe in Erfüllung, seine Seele werde nach Zion getragen. Wenn der große Tote gehört hätte, w,ie schließlich von allen Seiten das Lied erklang: „Wir heben die Hand gegen Misrach und schwören", dann wäre er zur Ueberzeugung gelaugt: Dieser Eid gilt! M. U. Hedenigg geistesgestört. Der Rechtsanwalt des Generaldirektors der v»r- / rächten Deuittschen Bodenbauk Hans Hedenigg, Herr Dr. Richard P r e ß!b u r g e r, schreibt uns: Im Hinblicke auf die Besprechung deS Falles Doktor Hans Hedenigg aus Anlaß der Beratung des Bankenhaftungsgesetzes im Finanz- und Budgetausschuß bitte ich, mr Steuer der Wchrheit der Feststellung Raum zu geben, daß die Enthaftung des Herrn Dr. Hans Hedenigg auf' Grund des dezidierten psychiatrischen Gutachtens erfolgte, inhaltlich dessen Herr Dr. Hans Hedenigg derzeit geistesgestört ist und aller Wahrschernlichke it nach schon im Zeitpunkte des den Gegenstand der Untersuchung bildenden Vorganges bei der Deutschen Bodenbank des Gebrauches der Vernunft beraubt war. Es ist nicht abzusehen, warum die öffentliche Diskussion sich gerade mit dem Falle eines kranken Mannes befaßt, der schon vor der Einlieferung in das Landesgericht vernehmungSunsähig war. Diese tot gvoßdeutscher Sprache abg-öfahte MtteMmvg, mhaMich derer Hedenigg eigentlich schon zur Zeit seiner Geschäftsführung zum Nachbar des Nowoisat hätte avancieren sollen, kann natürlich nicht alle ZjweffÄ Scheiben. Es ist nicht oinzufehen, weshalb denn die GeistesgestörtlM dieser Haikenlkveuzler immer nach der Tat während der Untersuchung vor der öffentlichen Verhandlung durch psychiatrisches Gutachten behauptet w>ivd. War er schon vor -der Berhalftu-ng vern-chntungsunsähig — aus welcher Seite lag da die Geistesgestörtheit? —, so hätte man ja vichig den Gang des Prozesses vor den Geschwornen äb- Wartvn können. Der bekannte Künstler Prof L. Pasternak, der sich mchr als einen Monat in Palästina ausgehälten hat und jetzt nach Berlin abgereist ist, gab einem Vertreter der Palästinensischen Telegraphenagentur in folgenden Worten feine Eindrücke wieder: ,^Jch kam mit einer Kunstexpedition hierher, um ein künstlerisches Buch, das „Goldene Buch von Palästina", herzustellen. Die Expedition wurde von d.em Kunstverleger Herrn A. K o g a n arrangiert. Das Buch wird illustrierte Artikel über Land und Leute in Palästina sowie von palästinensischen Fachleuten verfaßte historische und archäologische Artikel enthalten. Die Künstler Pann, Raßkin u. a. werden sich hieran beteiligen. Die Expedition besuchte Jerusalem, Tel- Lliwiw, Nablus, Bethlehem, Safed, Liberias, Nazareth, Käpernaum, Mvjdal, Haifa, zuletzt die Kolonien. Pros. Nahum Slousch übernahm die Führung, einige einheimische Künstler und Photographen begleiteten die Expedition. Obgleich ich von Palästina schon früher viel gehört habe, übertreffen meine Eindrücke dennoch alle meine Erwartungen. Einen besonderen Eindruck machten auf mich die Täler von Esdraelon, Liberias, Sased und Haifa. Ich hörte nicht auf, Skizzen zu entwerfen; wie in einem Kaleidoskop folgte in buntem Wechsel Bild auf Bild, das nächste immer interessanter als das vorhergehende. Hier in Jerusalem ist das Leben und Treiben außergewöhnlich malerisch. Der Zweck des Buches ist der", fuhr Prof. Pasternak fort, „die Schönheit und . , den künstlerischen Reichtum Palästinas . aufzuzeichnen. Ich bin viel gereist und habe viel gesehen, aber hier fand ich ganz neue und unerwartete Schönheiten." Prof Pasternak erzählte weiter, daß er Skizzen zu einem Porträt von Sir Herbert Samuel entworfen habe'^ und daß er in Berlin das Porträt vollenden wolle. Prof. Max L.' M a r g o l i s von dem „Dropsie College" in den Vereinigten Staaten äußerte sich folgendermaßen: „Ich kam hierher, um ein Jahr lang an der Jerryalemer amerikanischen Schule für Archäologie (American School os Archaelogi) zu wirken. Ich werde Kurse Wer hebräische Grammatik, das Buch Josua, außerdem über Namens- und Städtebildungen halten und selber dem Studium der Topographie obliegen. Die American School Archaelogi wird von 50 amw. kanischeit Universitäten und Kollegien erhalten und von einerü Direktorenrat in Amerika geleitet. Wir halben einen ständigen Direktor hier, Dr. Albright, jÄoch wird jedes Jahr von dem Direktorvnrat ein Professor entsandt, der an her Jerusalemer Anstalt auf ein Jahr wirken-darf. Eine zweite Schule befindet sich in Bagdad, wohin ich ebenfalls ehrenhalber als Jahvesprofessor berufen worden bin. Jur übrigen arbeite ich gemeinsam mit Prof. A. M a r x an einem Werk, das die Geschichte des jüdischen Volkes vom Altertum bis in die Jetztzeit behandelt. Ein Teil dieses Werkes ist bereits sertrggestellt, doch hoffe ich durch meinen Aufenthalt hier dem noch fehlenden biblischen Teil Farbe und Wärme geben zu können. Ich glaube, daß die jüdische Nationalbibliothek mir Wertvolles bieten wird. Ich weile zwar nur wenige Wochen hier", schloß Prof. Margolis, „allein was ich vom Lande und der heiligen Stadt gesehen habe, hat mich tief ergriffen. Ich hoffe, in das Leben der jüdischen Gemeinschaft, so weit es für einen Fremden möglich ist, einzudvingen. Dann wird es so sein, wie mir jemand neulich sagte: Kein Jude ist ein Fremder in I erus alem." Die biochemische Abteilung der Jerusalemer Universität. Jerusalem, 23. Juli. (I. T' A.) Der Bau der biochemischen Abteilung der hebräischen Universität auf dem Berge Scopits ist nahezu beendet. Prof. Fodor, der seinen Lehrstuhl an der Universität Halle verließ, um die Leitung der Abteilung zu übernehmen, bat persönlich die Bauarbeit und die Beschaffung der erforderlichen 2lusrüstung beauffichtigt. Aus Paris wird uns gemeldet: Vom 16. bis 21. Dezember wird in Paris eine Ausstellung für Luftschiffahrt stattfinden, in der alle an der Luftschiffahrt interessierten Firmen vertreten fein werden. Ae Seipel'Sabe. Eine anonyme Spende von 250 Millionen Krone«. Bekanntlich ist aus Anlaß des Attentates gegen den Bundeskanzler Dr. Seipel die Wohltätigkeitsaktion Doktor Seipel,Gabe ins Leben gerufen worden., die den Zweck verfolgt, Spenden zu sammeln und das Sammelergebms dem Bundeskanzler bei Wiederantritt seines Amtes zur Verwendung für wohltätige Zwecke zu überreichen. Dem Vollzugsausschüsse der Aktion ist dieser Tage der namhafte Betrag von 250 Millionen Kronen von einem Spender, der nicht genannt sein will, zugekommen. ' Die Aktion erfreut sich auch sonst in der Beyölkernng motzen Interesses. Die Gesamtkosten dechemischen und mikrobiologischen Laboratorien werden auf 24.000 Pfund geschätzt. Das amerikanische jüdische Aerztekomitee steuert zu den Kosten der Laboratorien im Jahre 1924, welche auf 3400 Pfund geschätzt werden. 2600 Pfund bei. Außerdem haben die amerikanischen Aerzte sich verpflichtet, die Finanzierung des mikrobiologischen Instituts auf sich zu nehmen. Das botanische Departement der jüdischen Universität, jetzt vorübergehend mit der land-wirtschaftlichen Versuchsstation in Tel-Awiw verbunden, befindet fich noch unter der Leitung Prof. Otto Marburgs im Bau. Dieses Departement wird. vom Keren Hajessod erhalten. Die von Herrn Felix Marburg aus New-Dorlk gestifteten 100.000 Dollar werden entweder als Kapital angelegt werden, aus dessen Zinsen laufende Ausgaben gedeckt werden, oder die ganze Summe wird dem Institut übergelben zur freien Verfügung des Herrn Marburg An den Dichter Ch. N Bialik, der in Palästina seinen ständigen Wohnsitz genommen hat, ist die Einladung, ergangen, in der Abteilung für jüdische Wissenschaften Vorlesungen zu halten. Das Komitee für die Jerusalemer Universität. Am 21. d. wurde in London die vom Komitee Zur Gvündultg der hebräischen Universität in Jerusalem einberufene Sitzung eröffnet. Die Sitzung hat sich vor allem mit der Frage der Eröffnung einer \ geisteswissenschaftli chen Abteilung zu beschäftigen. An der Sitzung nalhmen Vertreter des Londoner, Pariser, New- Dorker und Jerusalemer Komitees teil, außerdem eine Anzahl von Sachverständigen. Folgende Persönlichkeiten waren anwesend: Chief Rabbi Dr. HBrtz (London), Dr. Bnschler (London), Dr. Weizmann, Mr. Sokolow, Dr. L. Abagnes (Jerusalem), Grand Rab'bin L. Levy (Paris), Rabbi Liber (Paris), Chief Rabbi Dr. Chafes (Wien), Dr. Martin Buber (Deutschland, Dr.' Bergmann (Jerusalem), Mr. D. Dellin (Jerusalem), M. M. Usfischkin (Jerusalem), Dr. L. Mayer (Jerusalem), Mr. Zlatopolski (Paris), -Richter Mack (New- Zjork), Dr. Gder. Zum Vorsitzenden -der Konferenz wurde Chief Rabbi Dr. Hertz gewählt. Mch einleitenden Erklärungen der Herren SoMow Und Dr. Gder sprachen die einzelnen Vertreter der Komitees und brachten die Anschauungen -ihrer Gruppen zum Ausdruck. Für das Pariser Komitee sprach Grand Näbbm Levy, für «das Londoner Komitee Chief Rabbi H e r tz, für das amerikanische Komitee Doktor Magnes und für das palästinensische Komitee Doktor Uss t s chkin. Ferner beteiligten sich an der Debatte Doktor Buber, Dr. Chaje s und andere. Schließlich wurde ein Komitee eingesetzt, das die Einzelheiten des Organisationsplane's 'sowie Personalvorschläge v-orbereiten und dem Plenum -der Konfeveng Vorschläge machen soll. Das engere Komitee besteht aus den folgenden Herren: Dr. Hertz, Mr. I. Levy, Dr. Magnes, Dr. Chajes, Dr. Bnschler, Mr. Sokolow und Dr. Buber. Das Institut für jüdische Studien in Jerusalem. Die von der gegenwärtig in London tagenden Kon^ ferenz der Länderikomitees für die Jerusalemer hebräische Universität eingesetzte Komission berichtete in der NachtsitzNng vom Dienstag den 22. d. de-m Plenum dcr Konferenz über das Resultat ihrer Beratungen. Nach eingehender Diskusiion wurden die Vorschläge der Kommission angenommen. Demnach wurde beschlosien, daß ern Institut für jüdische Studien, das mit der hsbräischen Universität in Jerusale-m verbunden ist, geschaffen werden soll. Das Institut soll zunächst ha-uptsächlich auf Forschung (und seminaristisch er Betrieb eingestellt sein. Hierauf wurden Fragen des Budgets und der Administration beraten und darüber eine Einigung erzielt. Ebenso wurden Perjonalvorschläge für die Besetzung der Lehrstühle diskutiert und beschlossen, eine Reihe von Gelehrten '-iMladen. Die Administration des Instituts soll im Laufe der nächsten Zeit konstituiert werden. Spenden nehmen sämtliche Banken entgegen. Einzahlungen können auch auf das Postsparkaffenkonto 36.500 ,Dv. Seipel-Sühne-Gabe" -unmittelbar überwiesen werden. Re AtzmpWe« Spiele. Aus Paris wird uns gemeldet: Meisterschaft in den ReMonkurrenzen, allgemeine Klassifizierung: 1. Van der Boot van Zip (Holland), 2. Kirkchjevg (Dänemark), 3. Doak (Bereinigte Staaten). > Endgültige Klaffifizierung der olympischen Regatten (6 Meter): 1. Norwegen, 2. Dänemark, 3. Holland; 8 Meter: 1. Norwegen, 2. England. k ---— Me Lebensmittelmiirkte. Fett teurer, Gemüse und Obst billiger. Sehr unangenehm machte sich in den letzten Tagen das Steigen der Preise für amerikanisches Fett r "«merkbar. Geitenr bcstte sich Feft wieder um 3000 K. pro Km Ausstellung für Lnstschissahrt