Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1943 (13.7.1924)
- Date
- 1924-07-13
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 16 Wien, Sonntag Wierrev Mbrgenzeitung. 13. Juli 1924 Nr. 1248 * n op tf k I C h T Das Dirndlkostüm. Es gibt Trachten, deren Zweckntäßigkeit selbst über ästhetische Bedenken siegt. Zu ihnen gehört das Dirndlkostüm. Die Freiheit und Ungezwungenheit in der Bewegung, deren sich seine Trägerinnen beim gewöhnlichen Spaziergang, beim anstrengenden Marsche oder bei ermüdenden Gebirgstouren erstellen, besiegen selbst die Launen verwöhnter GroßstadtpflaMen. In diesem Jahr wird zum bunten Rock die schwänze Bluse getragen. Karrierte Stoffe, in der Dachauer Webart gearbeitet, werden bevorzugt. Beliebt sind einfarbige Röcke mit bunter Schösselbluse; das Anlegen von Schürzen ist nicht notwendig. Die Stoffmotive werden der historischen Eigenart der Gegend angepaßt, die znm ^Sommeraufenthalt gewählt wird. Doch herrschen die bayrischen Tonarten vor. Die Dirndln, die sich die Wiener Umgebung zur Erholung aussuchen, halten sich nicht an eine spezifische Landestracht, sondern wählen das stilisierte WäschermädeKostum, welches Motive aus der Wiener Werkstätte verzieren. Zum Dirndlkostirm sollen keine Strumpfe getragen werden, wohl aber weiße Socken. . r. m. Der Kubenkops. Meine Frau hat sich die Haare abschneiden lassen. Sie «ragt einen Bubenkops. Vor Wochen schon wurde der Entschluß dazu geboren. Meine Frau hat eine Freundin. Ein entzückendes Mädel. Ein allerliebstes Mädel. Ich mache ihr ein wenig den Hof. Nur in den erlaubten Grenzen. Eben diese Freundin trägt einen Bubenkopf. Also —. Meine Frau hatte den Entschluß gefaßt. Sofort nach der Simsonprozedur kam sie zu mir. Ich muß gesteheu, sie sah bildhübsch ans. Schick, lieb, jung. Ich habe mich noch einmal in meine Frau verliebt. Ich begann die Flitterwochen, rüdem ich ihr durchs Haar streichen wollte. Sie wich < nt setzt zurück. „Du verdirbst meine Ondulation." Gleichzeitig hielt sie mir die Rechnung des Friseurs vor die verliebten Augen. Mir schwindelte. Ich muß leichenblaß geworden fein. Sie tröstete: „Es ist nur eine einmalige Ausgabe!" Ich wagte mich diesen Abend nicht mehr in ihre Nähe. Sie hielt die Hand zur Abwehr schon bereit. Am Morgen sah sic aus wie ein Aschcmtiwevb. Ich ernannte sie an - einer kleinen Narbe als meine Frau. Sie ging sofort zum Friseur. Er empfahl Wasferwellen. Die Rechnung verschlang den Rest meines Kap "als. Meine Frau ließ sich sämtliche Hüte enger machen. An alle Kleider mußte ein Bubikragen. Sie" ließ sich von ollen Seiten photographieren. Am Mb tag sah man nichts mehr von den Wasserwellen. Sie fuhr rmt dem Auto zum Friseur. Der Friseur wurde unser. Hausfreund. Ich hrde keine Zeit, weiterzuschreiben. Ich muß Geld verdienen hi" den Bubenkopf meiner Frau. Geld verdienen. Gelb verdienen... Copyright ZLtäscher Verlag, Berlin. Nachdr,!^ titvE-alen, 41. LortMinig. ir h Md Zapfenstreich. Bon Sammh Gronemann. In großer Verlegenheit nannte der Mann irgend einen lächerlichen' Preis. Sofort zog der General seinen: Stiefel aus und befahl ihm, auf der Stelle ihm zu einem' neuen Paar Maß zu nehmen, die ex., ihm zu dem Preise liefern sollte. Ter Kaufmann schwitzte Angst und Wut, als er den Fuß des Generals in Händen hatte und nichts' damit anzufangen wußte. Dann lief er schleunigst.zu einem Schuster und besorgte Zum sechsfachen Preis -die Stiesel. Die Folge war, daß er zwar keinen Reiseschein erhielt, aber dafür eine Unmenge Aufträge auf Stiefel und Schuhe aller Art zu solch billigem Preise, die er wohl oder übel für sein teures Geld erledigen lassen mußte. Entzückend war auch die unendliche Geschichte von der Militärgestellung, die freilich noch in derrpssischen Leit - spielte. Es handelt sich da um einen mir auch bekannten .Herrn, der nach Fühlungnahme mit -der Kommission sicher zu fein glaubte, daß er nicht genommen würde, aber. da. er damals im Auslande studierte, -nicht eigens zu dem Termin kommen wollte. Deshalb schickte er eiiven Ersatzruann, der unter feinem Namen sich -der Kommission stellte. Durch irgend, einen unglücklichm Zufall wurde dieser Ersatzmann aber für tauglich befunden und sofort in die Kaserne gebracht.' Jetzt mußte natürlich dieser arme Mensch befreit werden. Das ging in der Weise, daß sich ein frei billiger Ersatzmann für ihn stellte. Ta nun aber für jeden Freiwilligen nur der jeweils zuletzt Ausgel-oste frei 'wird, jener Mann aber elf Hintermänner hatte, mußten zwölf Freiwillige gefunden werden. Diese zwölf Freiwilligen -fand man auch, aber sie waren nur bereit, sich zu stellen, durchaus nicht, wirklich zu dienen und nach Sibirien abzugchen. Es mußten also am folgenden Tage alle zwölf defertieren. Das ging auch ohne Folgen zu bewerkstelligen, da alle zwölf sich auf Pässe von, Verstorbenen m-e-ldeten, die begreiflicherlveise unauffindbar waren. Sehr interessant war für mich eine Wanderung durch Warschauer jüdische Schulen, die ich eines Tages unternahm, indem ich mich einer Gesellschaft von deutschen Journalisten und Abgeordneten anschloß, die unter Führung! jenes Referenten und von Barth' nniernommen wurde' Schulvisiten. Wenn ich mir den Strom von Touristen vorstell-e, der sich zurzeit über Palästina ergießt und mir toemr vergegenwärtige, daß alle diese Leute bestimnfte Erziehungs-institute dort zu besichtigen für ihre Pflicht halten, frage ich mich, wann eigentlich die Kinder dort dazu kommen, einen richtigen Unterricht zu genießen. Wenn ich mich in meine Seele als Schüler zurückversetze, beneide ich die palästinensischen Kinder ungeheuer; ich wenigstens freute mich über jede wie immer geartete Störung des Unterrichtes. So ähnlich wie jetzt den Kindern int ' Lande Israel ging es damals i>eu Zöglingen in einigen Warschauer Schulen, die den Fremdrnbesuchern vorgeritten wurden. Nun unterscheiden sich,aber die jüdischen Kinder -des Ostens dadurch von allen mir bekannten schulbefuchenden Kindern sonst, daß sie -den Unterricht nicht als eine höchst unerquickliche Einrichtung, betrachten, die nach Möglichkeit sabotiert werden muß, sondern daß sie samt -und sonders eigentlich mit UM-Heurem Vergnügen und Eifer lernen. Int Osten wird mau es auch nie sin den, daß'den'kleinen Kindern von den'Eltern gedroht wird: „Na warte nur, wenn du erst in die Schule kommst, -dann wird es dir schlecht gehen", sondern.u-ntge- ■ kehrt werden die kleinen Kinder schon so begierig auf die Schule gemacht, daß sie mit Ungeduld den Tag erwarten, an dem sie endlich jene schicksalsschwere Pforte durchschreiten können. Natürlich sind .Kinder Kinder -und sie freuen sich ans freie Tage genant so wie die europäischen' Kinder. Wenn, etwa beim großen Frühlingsfest, dem Lag B'omer, das traditionelle Kinderfest sbattfindet, tollen die Kinder genau so übermütig wie ihre Altersgefährten in Berlin oder London. Dieses Fest des Frühlings, der Zukunft der Kinder, ist ein Fest der ganzen Stadt. In Warschau ziehendann den Nälewki hinunter Züge von vielen tausend Ki-ndern mit blau-weißen mit dem Davidstern geschmückten Fahnen, ztt allen Fenstern sind Girlanden und Teppiche hinausgehängt, während der OÄuPationsge-lt stellte an-diesem Tage' die'deutsche Eksenba-Hnve'rwaltnng einen Extrazug und bis in die Abendstunden vergnügte man sich ans den großen Wirsen -vor der Stadt. Aber die Kinder gehen auch gern zur Schule und es gibt für sie keinen größerett Kummer, als ivert-tt sie die Schule ver- . säumen müssen. Ich »Löchte hier znm Belege sine kleine Geschichte einfügen, -die mir Dr. Baeck erzählte, «der als Feldrabbiner im Osten tätig war, eine Geschichte, die nach mehr als einer Richtung typisch ist: Für jede Reise bildet die Mitnahme eines Mantels ein! unbedingte Notwendigkeit. Ob man mit der Eisenbahn odel mit Automobil der Großstadt zu entrinnen sucht, ein Reisv mantel muß mitgenommen werden, damit man sich die Uw alchängigkeit vom Charakter des Weiters sichert. Karrierte odet schottische Mantelstoffe sind besonders beliebt, die Pellerine ap Mantel ist für Reisezwecke empfehlenswert. Ott kleiner Filzhns bildet die Kopsbekleidung. Unter dem Mantel wird ein Kittel kleid oder ein glatter Rock mit englischer Bluse getragen! Mantel und Rock sollen nicht aus gleichem Stoff gearbeit« sein. Zum glatten Rock eignet sich auch eine Jumperbluß rder auch ein Jumper. Die englischen Brogue-Schühe mii flachem Absatz vervollstcntdigen vorteilhaft die Reiseausrüstung r. m. rURS CDamenhiite I, Mahlerstrasse 13 Ohk&stonsverkauf von eleganten Däniehfiüten K250.00( PERMANENTE AUSSTELLUNG Kunstgewerblicher Arbeiten aller Art Blusen / Handarbeiten / Hippes Feine Damenwäsche Handgemalte Kleider und Tücher Hausindustrie EXPORT Hanna Menzel & Cie* Kunstgewerbe - Wien, I. Burgpassage 106M cWe/tm^ieme3ierrenbekleidung \ Feinste Massarbeit! / Kulante Preise! j 8. BELENCSAK, II BEZIRK, AM TABOR 22 j Er mußte die Dienste eines Töpfers in Anspruch nehnten, und als er in ctivem kleinen Orte das Hänschen des Handwerkers betrat, sah er auf der Diele zwei Bänke stehen, auf jeder der Bänke saßen sieben Kinder. Erstaunt fragte er den Kann, ob das alles seine Kinder waren, und erhielt die Antwort: Nein, nur die Kinder auf der einen. Bank gehörten ihm, dem Hausherrn, die anderen wärett die Kinder seiner Schwester, deren» Mann eingezogen sei und die er Lei sich ausgenommen habe. Während nun der Mann seine Arbeit verrichtete, ließ der Rabbiner sich tu ein Gespräch mit den Kindern ein und sradte auch,, ob sie in die Schule gingen. Darauf erhob sich auf der eilten Bank lautes -Jammern und Weinen. Der Töpfer klärt' ihn dann auf. Er sagte ihm, daß er zu arm sei, itnt alle die Kutder in die Schule schicken zu können, da er natürlich für die '.hm anvertrauten Kinder zuerst sorgen müsse, hätte er ferne eigenen Kinder alle aus der Schule nehmet: nmjjeic Das gütige Geschick, das Dr. Baeck in das Haus, geführt hatte, befreite natürlich jetzt die Kinder des Töpfers von chrer .Not und alle konnten bald die Schule besuchet!. Bei jenem Schulbesuche gingert wir zuerst in eine Mustercheder, eine jener schon mit modernem Anstrich versehenen Schulen, wie sie vor allem durch das Verdienst .des Misrachiisten Farbstein iit Marschau in großer Zahl eingerichtet waren. In dem ersten Klassenzimmer, das wir betraten, lernten die neun- bis zehnjährigen 'Jungen gerade 'einen Abschnitt der Mischnah, der sich mit der Ehe 'befaßt, und es wurden höchst subtile Fragen erörtert, deren - Erörterung selbst vor einem erwachsenen Publikum, vermutlich boi manchen westlichen Sittlichkeit'saposteln die ' größten Bedenken erregt ihibai würde. Ahnungslos forderte unser Führer einsn der Schüler auf, uns die Stelle. ' die er gerade las, ins Deutsche zu übertragen. Das tat der Schüler auch und es war bemerkenswert, wie die Herren -der Gesellschaft sich gegenseitig betroffen und etwas verlegen ansaihen? Den Kindern entging -das nicht und mmt merkte es dem aufgerufenen Jungen an, wie er mit ciht-cnt gewissen ' Verständnis für -die Rückständigkeit der Besucher ihnen über die Verlegenheit hinwegzühelsen suchte. Als wir das Zimmer verlassen hatten, fand ein Meinungsaustausch statt; die Herren erklärten schließlich übereinstimmend, -daß sie einfach die Tatsache registri-eren muß len, daß die Kinder in voller Sachlichkeit, in vollem Verständnis' und in unberührter Reinheit das Thema behandelten, 'daß es aber einfach undenkbar sei, daß irgendwo, und sei -es an einer den vorgeschrittensten Prinzipien folgenden Schule Deutschlands. etwas AehnlicheS. d'eMiar sei. (Fortsetzung folgt.)