Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1927 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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GM 8 Wiener MürMMmrg. M. mt Wien, 87. Wirk im Die Sebifenlutfe. {Jiirldj, 26. Juni. (Devisenkurse von 12.10 Uhr. Don tat Schweizerischen Kreditanstalt mitgeteilte Mittelkurse.) Berlin pro Milliarde Holland 211.60 (211.40), Neto-Dork 668.76 (668.76), London 24.40 (24.37), Paris 29.80 (29.60), Mailand 24.85 (24.87), Brüssel 26.- (25.80), Kopenhagen 84.25 (65.50), Stockholm 149.50 (150.26), Christians« 76.25 (76.48), Madrid 75.76 (76.90), Buenos Aires 183.- (182.50), Prag 16.65 (16.67V,), Budapest 0.0069 (0.0072), Bukarest 2.45 (2.45), Belgrad 6.40 (6.55), Sofia 4.10 (4.10), Warschau -.-), Wien 0.007937 (0.07937). Berlin, 26. Juni. (Devisenkurse.) (In Goldmark für 100 Einheiten mit Ausnahme von Buenos,New-Dork, London,Japan und Rio für 1 Einheit, Wien und Budapest für 100.000 Einheiten.) Amsterdam 157.21 (157.21), Belgien 19.35 (19.15), Christians« 56.66 (56.46), Kopenhagen 69.62 (70.72), Stock- Holm 111.12 (111.12), Italien 18.16 (18.10). London 18.135 (18.160), New-Uork 4.19 (4.19), Paris 22.815 (22.99), Schweiz 74.16 (74.16), Spanien 56.26 (56.16), Wien 6.92 (5.91), Prag 12.295 (12.295-.Budapest5.09 (5.19), Sofia 3.015 (3.016), Belgrad 4.766 (4.84). Berlin, 26. Juni. (Notenkurse.) (Zn Goldmark für 100 Einheüen mit Ausnahme von Dollar und Pfund für 1 Einbeit, österreichische für 100.000 Einheiten und polnische für 100 Zloty.) - Noten: Dollar 4.19 (4.19), Pfund 18.10 (18.07), Italienische 18.10 (18.08). Oesterreichische 5.92 (5.91), Polnische 77.75 (77.60), Tschecho-flowakische 18.39 (12.87). Prag, 26. Juni. (Devisenkurse. — Mitgeteilt vom Bankamte des tschecho-slowakischen Finanzministeriums.) — Berlin*) 8.08V, (8.07»/,). Zürich 608.25 (603.25), Parts 181.76 (179.75), London 146.80 (146.80), New-York 84.- (34.-), Belgrad 39.12»/, (39.65). Bukarest 14.50 (14.65), Wien 4.72 (4.72), Warschaus-) 669.50 (669.50), Agram —.— (-.-), Budapest 4.02»/, (4.02»/,), Jugoslawische 89.85 (89.75), Oesterreichische gestempelte Krone 4.74»/, (4.74»/,), Polnisches-) 653.- (653.-), Ungarische 3.96 (3.92). *) per Billion, s-) für 100 polnische Gulden. Biröapeft» 26. Juni. (Kurse der Devisenzentrale.) — Amsterdam 30.940 bis 31,590, Bukarest 345.— bis 370.—, Kopeu- Hagenl3.780bts 14.080,Christiania 11.150 bis 11.400.London 356.900 bis 364.400, Berlin —bis —Italien 3660- bis 3650.-, Paris 4860.— bis 4460.—, Prag 2435.— bis 2490.—, Stockholm 21.870 bis 22.330, Zürich 14.630 bis 14.930, Wien 1.1615 bis 1,1856, Sofia 565.— bis 615.—, Agram 925.— bis 965.—, New-York 82.500 bis 84.200, Warschau —.— bis . Brüssel 3800.- biS 8890.—. Belgrad, 26. Juni. (Devisenkurse.) London 373»/,.— bis , Paris 463.-. bis New-York 8560.- bis Genf 1533.- bis , Saloniki bis , Mailand 873.75 bis —Prag 257.87»/, bis Berlin bis —Wien 0.1228»/, bis —, Bukarest 38.25 bis — Sofia —.— bis —, Budapest 0.1187»/, bis —, Brüssel 402.— m —, Amsterdam —bis —, Warschau —.— biS —.—. Agram, 26. Juni. (Devisen.) Wien 0.122889 bis — Berlin bis —Budapest 0.1150, Bukarest 38.50 bi» Italien 374.- bis —London 374.— bis New-York 86.75 bis —.—, Paris 462.25 bis , Prag 256.76 dis Sofia -.- bis —Schweiz 1540.- biS Brüssel —bis Warschau bis -.- Amsterdam 3265.— bis —, Stockholm bis —. Warschau, 26. Juni. (Devisen.) Berlin —bis —London 22.29 bis 22.71, New-York 6.16 bis 5.21, Prag 15.25 bis 15.39, Wien 7.27 bis 7.33. Film und Mo. Hollywood, eine Heimstädte des Elends. Wir brachten vor kurzem erst in einer Not« an dieser Stelle eine Warnung der Handelskammer der Vereinigten Staaten vor der Zuwanderung nach dieser Hauptstadt der Welt-Filmproduktion. Heute sind wir durch Briefe und Artikel verschiedener Fachschriften in der Lage, ein genaueres DM über die momentanen Zustande in Hollywood zu geben. Durch das schnelle Enuporblühen der amerikanischen Filmindustrie Äbte Hollywood auf die Bevölkerung des amerikanischen Ostens und selbst ans die Europas keine geringen Anziehungskraft aus alS seinerzeit die Goldfelder Elonkes. Jeder Tag brachte einen neuen Menschenstrom nach Kalifornien und zahllose junge Menschen suchten hier ihr Glück zu machen, was nach den großen Reklameberichten der Filmfirmen ihren Stars spielend leicht gelang. So kommt es, daß heute gegen zchntausend ausgesucht hübsche «junge Menschen in Hollywood und in der nächsten Umgebung bittere Entbehrungen leiden, weil ihnen das nötige Geld fehlt, um einen anderen Ort aufzusuchen, an dem sie eine andere Beschäftigung alS den Film finden könnten. Bor etwa einem Jahre setzte die große Stagnation in der Produktion ein. durch welche die Filmfirmen einen entsprechenden Druck auf die bis ins Riesenhafte gewachsenen Ansprüche ihrer Stars und anderen Angestellten ausuben wollten, was ihnen scheinbar nun auch gelegen ist So wurden die Stars und die künstlerischen und kunsttechnischen Arbeitskräfte zwar zur Nachgiebigkeit gezwungen, aber eine Unmasse kleinerer Darsteller und Statisten, die man drüben „Typen" nennt, dem direkten Elend preisgegeben. Und noch immer brachte jeder Eisenbahnzug neue Ankömmlinge nach Hollywood, weil der Bluff der amerikanischen Filmreklame darum noch lauge nicht aushörte. Biele der kleinen Darsteller und Typen wandten sich der mexikanischen Grenze zu und betätigen sich nun im Schmu Ml von Alkohol. Aber es Weben noch viel zu viel in Hollywood Druck. Daraus, resultiert natürlich der Umstand, daß nun die Filmsiirmen ihrer Statisterie die Höhe der Gagen ganz nach ihrem Belieben diktieren können. Es suchen sich zwar fortwährend Organisationen zu bilden, die den Produzenten ein Lohnmiwimum diktieren wollen, doch kaum haben diese einige tausend Anhänger gefunden, fo bildet sich sofort eine zweite, die die Forderungen der ersten unterbietet. Die Not überwindet hier jedes SolidaritätSgefiihl, das gerne für wenige Dollar geopfert wird. So hat der Besuch von Regisseuren und Hilfsregisseuren auf 'den diversen Börsen ganz aufgehört. Ein telephonischer Anruf am Vortage genügt vollkommen, um am nächsten Lage lange Reihen von Damen in GeseUchaftstoilette 'und Herren im Frack — alles schon geschminkt — Aufstellung nehmen zu lassen. Der Hilfsregisseur kommt heraus, sucht aus den Hunderten, die hier voll Spannung warten, die heraus, die ihm am meisten zufagen und'der größere Rest zieht traurig nach Hause, ohne für das stundenlange Warten die kleinste Entschädigung beanspruchen zu können. Auch eine bestimmte Arbeitszeit — der Dauer nach — gibt es für die Statisterie nicht mehr. Jeder Regisseur arbeitet im .„Wiener Morgenzeitung": breit Tage so viel Stunden, als er e!ben arbeiten kann, ohne daß i der Gedanke an Ueberstunden unter den Typen anfkommer «dürfte.« Hier diktiert «uneingeschränkt und drakonisch der Unter, nehmer. . Es ist zu hoffen, daß die nun wieder oinsetzende Aufnahmi der Arbeit im großen Stile die Not dieser Unglücklichen. die die -lügenhaften Biographien der einzelnen Stars hierherlockter Andern und zum größten Teile beenden wird. „Wie Billy vom Filmfieber geheilt wurde." Dieser Film ist immerhin ein Lichtpunkt unter den Neuerscheinungen dieses Sommers. Wenn auch die Produktion William,Fox schon bedeutend Besseres geboten hat, so weist dieser Film doch starke Wirkungen auf. In erster Lime ist e, ausgezeichnet auf den Bluff am Ende hingearbetirt, so dah dieser wirklich überraschend kommt, und dev Zahnarusessel. in dem der Held des Geschehens nach der Narkose auswacht, ist ein gutes Motiv der verschiedenen Unmöglichkeiten des Films. Die Raufszenen und Schießereien sind mit der Virtuos:« tät der Amerikaner in diesem Genre ourchgeführt. Ein er« freulicher und trockener Humor verfehlt nie seine Wirkung, ob nun die Pointe in dem sehr gut geleiteten Spiel oder in den ausgezeichnet redigierten Titeln liegt. Sehr gut ist die Darstellung. die von lauter durchaus lebenswahren Typen getragen wird, die das abgeschliffene und ziselierte Spiel der geübten Routiniers zeigt. Mit sehr viel sympathischer Liebenswürdigkeit und einer »netten JungenhaftiMit führt hier William Walsh seine dankbare Rolle als Billy durch. Dabei zeigt er auch sehr schöne sportliche Leistungen, die er mit hervorragender Eleganz heransarbeitet. Aber auch in allen anderen Teilen ist die von der immer auf Originalität ausgehenden Regie geleitete Darstellung ausgezeichnet. In technischer Hinsicht und in der Ausstattung bietet dieser Film ebenfalls durchwegs nur gutes. „Der Lord urvd die Tänzerin." Eine etwas kitschige Handlung, die vom Londoner Elends» viertel bis in das englische Hig life hinaufführt. Di« Heldin spielt Allan Nazimova, die von der kleinen Näherin, über Fabriksmädchen, Probiermamsell und schließlich Tänzerin bis zur Lady avanciert. Eine Geschichte, die direkt der Phantasie einer Kartenaufschlägerin entstammen könnte: Ein Unfall, unvermutete Zwischenfälle, eine Nebenbuhlerin und endlich glückliche Bereinigung mit dem Coeurbuben. Der bekannte amerikanische Meisterregisseur Griffith äußerte sich einmal: ,/Das Publikum besitzt die Mentalität eines neunjährigen Kindes und will und muß daher in der Auswahl des Buches eines Films dementsprechend behandelt werden." Nach diesem Rezept wurde schon eine Unmenge von Filmen erzeugt, mit denen wir jetzt überschwemmt wurden. Zu diesen gehört auch der vorliegende und er ist nicht schlechter, aber auch nicht besser als alle anderen. Der Gesamteindruck ist gut. wozu die fabelhafte Technik nicht das wenigste beiträgt. Goldin beginnt mit den Aufnahmen. Vorgestern ist die Dheatertruppe Maurice Schwarz in Wien eingetroffen. Gestern nachmittags begannen die Ausnahmen zu dem ersten Goldin-Film „Lebend begraben" im hiesigen Schönbrunner Atelier. Die Filme der Woche« „Landpomeranzen." — „Spartakus." — „Die Luft« schlösser einer Dollarprinzefsin." — „Schaue« fie nicht in de« Mond." STOFf£ WIIN.I.ADLCR4ASM U 762.6* Ccpyright Nachdruck verboten. SfiMfdjet «erlag, Berlin. 27. Fortsetzung. tzawdoloh und Zapfenstreich. Von Sammy Gronemann. Die Lernstube wird nie leer. Tag und Nacht sieht man dort zwischen den mit Büchern bis zur Decke vollgesteckten Wänden auf den Holzbänken vor den eigentümlichen Lesepulten, den Standern oder um die breiten Tische herum, alte Juden sitzen, die über ihren Folianten unter heftigem, schnellem, fortwährendem Schaukeln des Oberkörpers in einem eigentümlichen Tonfall halblaut lesen und lernen. Es ist eine Art mulsikalifch-gymnastischen Studiums, nur sind die Quellen sowohl der eigenartigen Tonsolge wie der seltsamen Körperbewegung unbekannt. Für gewöhnlich lernt jeder für sich, nur kurz vor und nach den Gebetstunden und am Abend, wenn sich auch Leut« einfinden, die tagsüber sonst etwas anderes zu tun halben, rückt man an den Tischen zusammen und lernt gemynsam, indem einer den Vortrag übernimmt. Diese Vorträge sind ganz verschiedener Art. Da scharen sich etwa Leute, deren Bildungsgrad nicht ausreicht, um selbst in schwierige Materien einzudringen, um einen Kundigen, der nun in populärer Weise ihnen den Sinn irgend eines Satzes klar zu machen sucht. Andere aber, die weiter im Studium vorgedrungen sind, vereinigen sich zu einem kleinen Zirkel, um nun in ihren regelmäßigen Zusammenkünften langsam und methodisch einen Talmudabschnitt durchzust-udieren. Es geht nicht eben schnell mit solchem Indium; denn es handelt sich ja nicht darum, irgend einen praktischen Zweck zu erreichen, irgend ein bestimmtes Pensum in einer bestimmten Zeit zu absolvieren, sondern es «handelt sich darum, möglichst tief in die Materie einzudnngen. So habe ich beim Lernen etwa folgendes erlebt: Einem der Lernenden fällt auf, daß Raschi, die Krone aller Kommentatoren, an einer Stelle eine Fußnote macht, die ganz überflüssig erscheint. Nun weiß man aber, daß Raschi eher wortkarg als ausführlich ist. Er muß also mit dieser Anmerkung doch irgend einen verborgenen Sinn verbunden haben. ,Mozu?" so lauten die Fragen. ,Mozu sagt er es? Das hätte man sich doch auch ohnehin denken können!" Niemand findet eine zufriedenstellende Antwort und nun beginnt man alle möglichen Kommentatoren nachzuschlagen, di« seit den Kreuzzügen erschienen sind — zu jener Zeit lebte Raschin in WormS. Noch tagelangem Suchen wird endlich entdeckt, daß im vierzehnten Jahrhundert dieselbe Frage von einem Kommentator auch schon aufgeworfen ist, aber auch, ohne daß er eine Antwort zu finden wußte; immerhin führt er drei oder vier Parallelfälle an, in denen nach seiner Auffassung Raschi auch ein überflüssiges Wort gesagt haben solle. Und wieder erst ein Jahrhundert spater gelingt es dann einem Gelehrten, der sich die Klärung dieser Frage scheinbar zur Lebensaufgabe gemacht hat, durch Vergleiche aller dieser Stellen herauszufindrn, daß ein und dasselbe gemeinsame Motiv jenen scheinbar überflüssigen Bemerkungen zugrunde «liegt und er baut darauf ein überraschend neues System auf. Daraus nun hat sich eine Fülle von Kontroversen entwickelt und es dauert nun Wochen und Wochen, bis jener Studierzirkel den ganzen Komplex erschöpfend durchstudiert hat, und nun im Urtext um ein Wort weitergehen kann. Es ist für einen Fernstehenden schwer, sich vorzustellen, mit welch ungeheuerer Intensität in diesen Wochen alle Teilnehmer ständig dem Problem nachgegrübelt haben, diesem Problem, das so ganz und gar keine praktische Bedeutung hat und bei dieser Gelegenheit sind diese Forscher auf ganz entlegene Gebiete geführt. worden, hat sich ihnen eine solche Fülle neuer Gesichtspunkte eröffnet, sind so viel neue Fragen aufgetaucht, daß mehr als ein Menschenleben dazu gehörte, um auch hier nur einigermaßen zu einem Abschluß zu gelangen. Aber da's beunruhigt niemanden, mag der einzelne dahingehen, die Äernstube bleibt und das Studium, 'das vor zweitausend Jahren eingesetzt hat, wird in der alten Weise weitergeführt werden — auch wenn andere Männer sich dort über den Folianten schaukeln! Hier im Lehrhause kommt das Gwigkeitsgefühl, das Gefühl absoluter Freiheit und Unabhängigkeit von äußeren Umständen zum mo«numentalen Ausdruck! Ob die Kreuzfahrer Judenhasser waren, ob die Landsknechte plünderten, ob Tillhs Scharen raubend und plündernd durch die Lande fuhren, oder, ob der Weltkrieg alles, was sonst festgefügt schien, über den Haufen wirft — die Bücher, die Lehre, das Lernen bleiben unberührt, unabhängig von Ort un«d Zeit. Und hier im Lehrhaüs sieht man die Juden eigentlich wie sie sind. Ich bin so oft abends von Lernstube zu Lernstube gegangen und habe mir immer wieder staunend di» Leute betrachtet, die ich dort fand. Das waren dieselben Menschen, die ich tagsüber hinter dem Ladentisch, an der Drehbank, aus dem Kutschbock, in der Wechselstube oder wo immer gesehen habe. Hier ist die Maske und das Kostüm ihres Berufes von ihnen gefallen, hier leben sie ihrer echten, wirklichen Neigung! Jude im eigentlichen Sinne fein, ist ein vollkommen ausfüllender Beruf, nicht irut deshalb, weil eine strenge Erfüllung aller Vorschriften beinahe nicht Zeit läßt, noch etwas anderes zu tun, sondern weil diese Leute mit ihrer Erwerb'stätigkeit langst nicht so innerlich verknüpft sind wie mit dieser freiwilligen, angestrengten geistigen Tätigkeit. Wenn diese Leute in ihrem Geschäft tüchtig und fleißig sind, fo nehmen sie die Kraft dazu nur dom Sabbat und vom Lehrhaus mit. Max Brod hat in seinem wundervollen Buch Heidentum, Christentum, Judentum" ausgezeichnetes darüber gesagt. Ich schrieb oben, daß Tag und Mcht im Lehrhaüs gelernt wird. Das muß ich insofern einfchränken, als während «des Krieges es ja Zivilpersonen verboten war, nach 10 Uhr ihre Häuser zu verlassen; aber in 'einem Falle ist es in Bialystök Hermann Struck gelungen, für einen solchen Zirkel fleißiger alter Talmudisten die Erlaubnis zu erlangen, auch die ganze Nacht im Lehrhan's zubringen zu dürfen. Man kann sich vielleicht vorstellen, daß bei vielen dieses Lernen zu einer Leidenschaft 'wird, die nicht nur alle anderen Interessen zurücktreten läßt, sondern« den betreffenden bis zur Vernachlässigung aller Pflichten treibt. Schon im ^Zeitalter des Talmud existierte die Vorschrift, daß jeder Jude einen Bemf, und zwar mög«lichst einen Handwerkerberuf, ausüben sollte. So ist es denn auch überliefert welche Beruf« die einzelnen Rabbiner ausgeübt haben. Wer ich habe doch Fälle erlebt, «in denen der Talmudrausch die davon Befallenen so vollkommen alles andere vergessen ließ, «wie nu«r die Spielwut oder «der Alkohol das im Westen vermögen. Ich muß sagen, daß ich diese Leidenschaft des Lernens wohl verstehe, aber.doch ist die Intensität, mit der sich diese unendlich ’ vielen Menschen der schwersten geistigen Arbeit hingeben, in ihrem vollen Ausmaße für einen Europäer «nahezu unverständlich. Wir kennen im Westen wohl Fälle von einzelnen Gelehrten und Forschern, die vollkomnren in ihren Büchern aufgehen, über man kann sich nicht vorftellen, .daß hier Tausende und wieder Tausende in nichts und für nichts leben, als für dieses unaufhörliche, rastlose Forschen. Ganz anders betrachtet man, wenn «man das kennen gelernt hat, «die so fremd durch's Leben gehenden Gestalten und man fragt sich scheu, mit welchen schweren geistigen Problemen, der seltsame Wanderer augenblicklich sich beschäftigt, während er feiner Tagesarbeit nachgeht. (Fortsetzung folgt.)