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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-03 · Heft 1904 (3.6.1924) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1904 (3.6.1924)
Date
1924-06-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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iazelaammer K120 0 fien: Zum Abholen in der ixpedition, II^Taborstr.1-3, der in einer Versehleisstelle fraiffk) monatl. K 35.000 jtrassenverkauf in Wien urch die Kolporteure der 5rma Goldschtniedt, I.Bez., Wollzeile 11. Küt Postversand für Wien o. bestem monatl. K 35.000 ja c h e c h o-S 1 o wa k e i: Won. K18. Jugoslawien: Hon. DinarßO. Polen: Mon. |7, Zloty, Deutschland: non. Goldmark 4, Fr ankr., Belgien: Mon. Frcs. 12 W* Nachzahlungen «ei Preiserhöhungen Vorbehalten Nr. 1904 asten, Dienstag, 3, Sttni 1924 Po’enrpolTi.Mk.3tO.OOO Italien: Monatl. 12- Lire, , Rumänien Mon. 150 Lei. Bulgarien Mon. 80 Lewa. Sch w e i z und das übrige Ausland monatlich Frcs. 4 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—-3 Telephone: 44-0-38,43-3-19,: ab 6 Uhr abds. 21-102,25-282 IX. Uni versitätsstr. 6—8 (Druckerei Steinmann Oesterreichisches Postspar* kassen- Konto: Nr.; 150.693 0. Fahrgang Seidel. —St. W ien, 3. Juni. Der Schuß .gegen den österreichischen Bundeskanzler Hai. kerne Partei, kein System getroffen, nur den Menschen Seipel. Seipel ist Priester, aber er hat sich in seinem eirchlußreichen Amtenie <rls williger, WndivütigerEiferer im Dienste der streitbaren katholischen Kirche betätigt. Er hat keine' Hetzreden gehalten, hat Regner der Kirche nie rachsüchtig verfolgt, niemals bewußt und systematisch Leidenschaften ausgestachelt und sroinme Demagogie betrieben. Er hat sich aus das Festhalten an den Positionen seiner Kirche beschränkt. Er hat sich tiefgreisenden Reformen des Eherechtes und des Schulrechtes gegenüber ruhig ablehnend verhalten. Aber hat irgend wer von dem Manne etwas anderes erwartet, konnte und durste man etwas anderes er-, warten? Als typischen Kämpfer gegen die Regungen des freien Geistes und gegen die freie gesellschaftliche Entwicklung, als typischen Vertreter der katholischen Hierarchie, welcher sein Staatsamt in den Dienst der Weltherrschaft Rom stellt, hat er sich nie aufgespielt. Eitze sinnfällige Demonstration gegen die kacholifche Kirche urck ihre Machtbestrebungen war dieser Schuß gewiß nicht. Die Kugel traft nicht den Prälaten Seipel, sie was Len Bundeskanzler Seipel. Seipel ist . auch Mitglied der chrMichsozialen Partei, aber nicht ihr Mischer Vertreter. Sein Verhältnis zu dieser Organisation ist kein derartiges: gewesen, daß ihr ProgrcMm allen seinen HanWüngen das Gepräge verliehen^hatte. Das' christlichsoziale PvograaM ist radikal antisemitisch. Seipel hat nie Men die Juden gehetzt nnd'den aktiven Antifemiüsmus aibgÄchnt. Das christlichsoziale Pvograrmn ist zünftlevisch, mrchaus dem kleinen Manne cmgepaßt, gegen die.ftsie GewerbsWgkeit, gegen die großzügige Entwicklung derJndustrie und desHandels gerichtet. Seipel hat nie kleinkrämerisch, als starrer Gegner jeder wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung, als Scharfmacher und eingeschworener Zünftler gewirkt. Er arbeitet mit der chriMchsozialen Organisation und ihren Stimmen, aber ihr Programm ist nicht das Wesentliche, das Um urch Auf seiner politischen Weisheit. Er ist, wo es ihm erforderlich schien, über das Programm hrnausgegangen. Mcht der GhrMichsoziale Seipel ist getroffen worden. Seipel hat sich auf den Boden des Oefterreicherkums gestellt und mit äußerlich leidenschaftsloser, aber durchdringender Energie und Zähigkeit einem Ziele entgegengoaweitet: Der Erhaltung deS kleinen, verlachten, zu Tode bemitleideten Oesterreich. Er hat, soweit, sein Wissen und 'Können reichte, jede Gelegenheit benützt, um das Interesse der Umwelt auf Oesterreich zu konzentrieren und jede, für den Bestand Oesterreichs günstige Regung, wo und wie immer er sie Vorsand, ausgenützt. Eine Tätigkeit, welche bei Skeptikern ttttb arro- ' ganten Besserwissern Kritik auslösen, äußersten Falles politischen Widerstand Hervorrufen kann. Aber erbitterte, blutgierige Feindschaft, welche schließlich einem Verzweifelten die Mordwaffe reicht und die Beseitigung Seipels zur befreienden Tat stempelt? Weder die Person noch die Tätigkeit Seipels steht in irgend einem Verhältnis zur TaÜ Seipel hat viele Gegner, muß viele Gegner haben, ^denn er hat taufende urd tausende Eitelkeiten verletzt, ^ein Glaube, an das kleine Oesterreich, seine Arbeit ' dessen Erhaltung und seine großen Erfolge auf diesem Gebiete brennen wir Salz in den Wunden des verletzten Selbstgefühls einiger Schock österreichischer Kapazitäten. Es' hat nach dem Umsturz wenige Politiker, Zeitungsleute und finanzielle „Autoritäten" gegeben, die nicht den Untergang Oesterreichs als eine Angelegenheit der nächsten Monate Eingestellt und diesen Untergang mit Hochweiser Miene besiegelt und beschworen hätten. Sie haben ihre politische Ehre und ihren politischen Verstand dafür verpfändet. Und trotz dieser kostbaren-Pfänder lebt Oesterreich noch und es erkühnt, sich ein Mann, dieser Seipel, an der Erhaltung des hon den hochmögenden Herren totgeplappertm Oesterreichs zu. arbeiten. Anschluß an Deutschland,'Aüfgchen in der sozialistischen Weltrepublik, Wiederaufvichtung Großöster- Dar Befinden sehr besriedigend. Las AbendbMettn. Abendbefund 10 Uhv 16 Minuten: Temperatur 37,5, Herztätigkeit kräftig, regelmäßig, Puls 120, Respiration 28. Allgemeinvefund sehr befriedigend, Nahrungsaufnahme vollkommen befriedigen-, Patient subjektiv und objektiv frischer, zeigt reges Interesse für alle Vorgänge. Gez.: R. Bauer, Eiselsberg, Ortner, Schnitzler, Singer, SLernberg, Steige^ Das Attentat.gegen den Bundeskanzler hat in den ersten Stunden für die politische Welt geradezu betäubend gewirkt. In der Hand des Kanzlers laufen die wichtigsten außen- und innenpolitisches Fäden zusammen, er leitet alle irgendwie bedeutenden Verhandlungen und ist jederzeit bemüht, einen sicheren UeberMck zu behalten. Darum muß seine Ausschaltung aus der Aktivität im ersten AugsMick automatisch den gesamten Apparat zum Stillstand bringen. Es dauerte auch gestern geraume Zeit, ehe man sich soweit fassen konnte, daß man an die nächsten Stunden dachte. In dem kleinen Krankenzimmer, des Wicöner Spitals traf 7 ' ' der Patient selbst die ersten Dispositionen. Cr" empsinigden Präsidenten des Nationalrates M ikla s, den. Minister des Aeußern G r ü nberger und den Leiter des Pressedienstes Gesandten Ludwig. /' Spater erschienen der Obmann -der chrMichsozialen Fraktion Abg. Fink und abends der Vizekanzler Frank, der einstweilen die Vertretung.Dr. Seipels übernimmt. Am Vormittag traten die Minister zu einer Besprechung zusammen, die' am Wand wiederholt wurde. Vor dem Wiedener Kvankenhause üft seit vorgestern eine große Menschenmenge, zumeist Frauen, angesammelt. Ein starkes Wacheam-fgebot hält die Zugänge frei, alle Türen sind bewacht. In der Kanzlei des Spitals ist ein PeLmanenzdienst eingerichtet. Hohe Funktionäre des Kanzleramtes empstmgen die vielen Persönlichkeiten, die über das Befinden ' des Patienten sich erkundigen und Hm ihre Teilnahme ausdrücken: die Gesandten der srencken Staaten, die fHreriden Mitglieder des Wiener politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens' Am Nachmittag fanden sich zur gleichen Zeit idas PräsMum der Kultusgonreinde, bestchend aus dem Präsidenten Dr. Pick und dem Vizepräsidenten Dr. Desider Friedmrnn und der. englische Gesandte Sir Acker-Douglas in der Kanzlei ein. In de« Mttagstunden waren bereits vier große Bogen - mit den Unterschriften der Besucher gestillt. Im Lause der ersten Nachmittagstunden wurde Doktor Seipel aus den: Krankensaal in die an die Kapelle des Krankenhauses anschließenden- Wohnräumedes; K«raten überführt, wo ihm ein Zimmer. zur: Vevsägung gestellt wurde. Der Zustand war nachmittags unverändert obwohl die Temperatur um ein Minimum gestiegen ist. ■ Im Nationalrat verfügte Präsident Millas zu Mittag, daß die für gestern angesetzte Sitzung des ' Hauptausschusses sowie eine Beratung , der parlamentarischen Kommission für das Bankenhastulttgs-gesetz; abgesagt werden. Im Parlament war gestern schon zu früher Stunde eine Reche von : führenden Abgeordneten eingetroffen. Präsident MMas hat die im Hanse weilenden Wgeordneten zu einer Konferenz eingeladen, in der Maßnahmen ewriert werden sollen, die aus innerpolitischem Gebiete zu treffen sein werden. Im Parlament trat die Auffassung zutage, in. den nächsten Tagen vorerst keine meritorischen parlamentarischen Beratungen äbzichalten,-bis sich die Erlegung gelegt habe,' wOl aMrerseits Mit. Rücksicht darauf, daß ^der- Attentäter höchstwahrscheinlich em Anhänger der sozialdemickratischen .Partei sei,'.erregte Szenen int Hause ' urch . unlisbsame Zwischenfälle eintreten könnten, .; v" ■; ':'V: '' An den Reischispositionen der KMnettsmitglieder für die Genfer. IuNitagung ist vorläufig keine A e n d er u n g vorgenommen worden. ' Minister des Aeußern Doktor Gründerger' und FinanMinister Dr. Kienbö/ reisen Samstag nach Genf ab. Frnanzministe'r Dr. Kienböck besuchte gestern vormittags den Generalkommissär Dr. Zimmerman im Augarten- Palais, wo er mit chm eine lange dauernde Konferenz hatte. Der Nationalrat wurde für heute, 12 Uhr mittags, zu einer Sitzung einberufem Da die Abgeordneten erst Mitte dieser Woche nach Wien gekommen wären, um an der für Dömrerstag den 5. d. anberaumten Plenarsitzung teilzunehmen, wurden sie gestern telegraphisch zur heutigen Sitzung einberufen. Zu Beginn der Sitzung wird Präsident Miklas.namens des Präsidiums des Nationalrates der tiefsten Entrüstung aller Parteien des Hauses.über den Mordanschlag gegen Dr. Seipel.Ausdruck geben und die Erwartung aussprechen, daß der' Bundeskanzler bald wieder die Leitung der Regierungsgeschäfte übernehmen wird. Vizekanzler Dr. Frank wird dann für.die Bundesregierung die Erklärung abgeben, daß die Regierungsgeschäfte in den von Dr. Seipel vorgezeichneten Richtlinien während seiner, -Erkrankung. s o r: g e f ü h r t werden. Nach» mittags wird die normale varlame.nr,irische Arbeit wieder ausgenommen wevden.. Zunächst trrtt der. Finanzausschuß zusammen, «m die K ö r p e r fch a f t s st e u e r n o v e l l e zu beraten, tue noch rur Laufe dieser Woche vom Parlanrent verabschiedet werden soll. Die Kundgebung des Nationätvates wird, für das ganze Haus gelten. Um diesen Charakter zu wahren, wurde im Laufe reichs oder Untergang, das waren die Schlagworte, denesn alles nachUes. Politiker und Fmanzlüute aus, allen Lagern vereinigten sich um den Grundsatz, daß Oesterreich ein Unfinn ist, nicht leben kann und darf. Die Tätigkeit Seipels hat ihre Autorität untergraben und das Noch immer und nicht allzu schlecht leberÄe Oesterreich macht aus dm Propheten seichte Schwätzer. Daß aus diesem Grunde dem Bundeskangler. Sechel Unfreundlichkeit entgegengebracht wurde, daß ein großer Teil der österreichischen Presse rm Nörgeln und Sticheln unerwMich war, wird keinen wundernchmen, welcher weiß, wie viel Mtelkeit und - wiewenig. Sachlichkeit hinter dem stecktwas sich in Oesterreich pM-sche Führung und öftentliche Meinung nennt. Aber. zwischen diesen Nörgeleien und Sticheleien und der Erkenntnis, daß Seipel der Urgrund alles Uebels ist und vertilgt iverden nmß, klafft eine Distanz, welche nur eilt krankes .Gehirn überspringen konnte. ' Seipel lebt und wird hoffentlich dein Dienste des ÄsterreicbMeu Staates erhalten bleiben. Oesterreich braucht Seipel. Kein- Parteiunterschied und kein Unterschiel in der Weltanschauung verrnag diese Erkenntnis zu unterdrücken. Wer die Entwicklung Oesterreichs will und für ehrliche, ausopferungsvolle, . sachliche Arbeij Verständnis hat, muß die Erhaltung dieses Mannes erwünschen. englische Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen, Teppiche, Vorhänge etc. VF* billigst im Taborsträße 48 Teteuhön 47-1-79 En geres En detai> äs»

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