Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1886 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980969--18968-3006077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
> -n@*r w vri,-lfS '> * 'jBV'fw«, r’;’f ■V •' ■•'■' ■!’i>' \ 5»artwr-.^—irn 16. m Tm i#i*>iiiiiMtiiTmni; daß in ■■■’*■ an FM und Kvu. i Tragödie einer Frau."? ” Autorin Rosa Wachtel verstand es. Ln diesem WeÄe in dessen Mittelpunkt abermals Raphael Sch ermann stcht, bedeutend besser als in ihrem ersten Film, das Such zu ebet geschlossenen Handlung zusammenzufassen die spannend genannt werden muß. Sie zeichnet hier nnt kräftigen Strichen den Lebenslauf einer Frau, der von der Höhe einer aeisMchaftlichen Position zu den treDen Mederungen des menschlichen Lebens führt, Vi8 schließlich Rettung rächt und das Geschehen in einem guten Ausgang verklingt. . Die Regie hat -die Handlung recht geschickt heraukaearibeitet und De^ö KerteSz zeigt einige schr schöne Ansätze. Wenn er auch in diesem Film an seinen Bruder nicht heran reicht so legt er hier doch unbedingt Zeugnis dafür alb, das ihm ein nicht zu unterschätzendes Talent steckt, das reich Originalität und gutem Geschmack ist. .' ■' Durchwegs sehr gut ist die Darstellung. In erster Linie muß hier Jda Koor lobend erwähnt werden, die in der Verkörperung ihrer schweren Rolle sehr diel Gefühl - und Seele zeigt. Sie sicht in manchen Szenen reizend aus, und ob sie «un die Dame der Gesellschaft oder das arme Weib spielt, immer weiß sie durch ihren Charme zu fesseln. Neben ihr sinden wir Erika Gläßner in der Rolle einer Kokotte. Jeder Mensch weiß heute, wie ausgezeichnet ihr dieses Genre liegt und was sie hier bietet ist das Beste, das wir -in dieser Art kennen. In oer größeren männlichen Hauptrolle finden wir Mar Landa, einen schon lange vermißten Darsteller. Sein Spiel zeigt neben viel Routine auch das volle Verständnis für seine Rolle deren Möglichkeiten er voll und ganz zu erfassen verstcht. FeindurchdachteS und elegantes Spiel gibt Oskar vere-gi. bei dem man seiner großen Fähigkeiten wegen daS kleine Ausmaß seiner Rolle bedauert. Raphael Schermann schließlich spielt sein SichseW mit der größten Natürlichkeit und erzielt dadurch diskrete und doch erfolgreiche Wirkungen. Ausstattung mtb Photographie sind vollkommen zufriedenstellend. ° „_ Waisenkind von Brooklyn." Selbst wenn man imstande ist, hinter die Kulissen Ueses Lerkes »u sehen, wenn man weiß, daß die Amerikaner Rübftnft des Publikums genau so gut auSzuwerten verstehen, wie Letrolenm und Kohle, kann mau sich der Wirksamkeit dipeS Mms nicht entziehen. Die Handlung bringt eine i«ter Geschichten, bei denen anfangs durch unglückliche Zufälle alles zu .mnniuc neuen Verwirrungen, führte bis-zum Schlüsse wieder der Zufall in günstiger Form für die Entwirrung d«S mehr oder minder kunstvoll geschürzten Knotens sorgt. Kurz: Es wimmelt hier von unglaubwürdigen GHchchnifsen. « . Aber die ausgezeichnete Regie verstcht es. Wer die Un- WiElichkeit hinwMutäuschen und verführt zum Glauben an die Möglichkeit der Handlung. Sie verstand es, jede kaum wahrnchmbare Möglichkeit, die sich für irgend einen Effekt bietet,. zu erfassen und aüSzunützen, wobei eine leichtfaßliche Symiboli-! sierung eine nicht geringe Rolle spielt. Ausgezeichnet ist oic Darstellung de§ um Bestie L o v e gruppierten Ensembles und auch itt den rein techmschen Belangen bietet dieser Ftlm durchwegs das Beste.. " „Arabische Liebe." " Hier wirb eine nicht sonderlich neue oder originelle Handlung von der Regie nnt allen bewährten Mitteln des.AlbentenreraenreS verarbeitet, wobei die ununterbrochene Spannung aufrechterhalten wird. Ausgezeichnete Reitaufnahmen wechseln mit Uebersällen ab, die sich im flotten Tempo anemauderveihen und den Gvsamteindvuck ergebe den man in den arMschen Filmen amerikanischer Provenienz gewohnt ist. Die Hauptrolle spielt in dieser ziemlich wilden Arvrelegeiche.it John Gilbert, Fox-Star,- dessen Rolle mit der Hm gebührenden Zuvorkommenheit in den Vordergrund gestellt ist. Seine sportlichen Leistungen.sind ausgezeichnet und sein Spiel durchaus natürlich und sympathisch. Das übrige Ensemble bietet ebenfalls durchwegs schr schöne Leistungen, 'besonders die beiden Frauenrollen sind sehr-gut besetzt. In der Ausstattung und m der Photographie bietet dieser Film lmrchiwsgs Mr das Beste. Sidney GoV»yn wieder in Wien. Dieser durch fein großes Wer? „Ost und West" bei uns so gut bekannte mnerUanische Rsgissour ist wieder hier und wird Mitte Juni mit der Produktion-dielser Saison beginnen. Er wird zunächst zwei, große Filme drehen, die abermals' im jüdischen Milien spielen, und zwar den Worischen Film ,-Lebendig begraben" von Säckler und ,-Gebrochene Herzen" von Äi bin. Die Darstellung wird hauptsächlich durch die Mitglieder der jüdischen Dheatergesellschwft Maurice Schwarz getragen werden, deren Stammsitz N-rw-Aork ist und die anfangs Juni hier^intreffen werden. Ämter ihnen befindet sich auch Paul Bar a 1 off (Ben Zlwi). Die weibliche Hauptrolle wird durch Betty Gärtner verkörpert «"rr ‘me 9\ ——-:--4 wövden, die-eine Wienerin Üst." Für die Aiffnahmeleitung wurde der hiesige Regisseur I. W. Beier verpisUchtet, dessen letzter Film .Zwischen Ehe und Flirt" -derzeit in den Wiener KLNoS lauft..— Wir dürfen wohl an daS Wirken GoldhnS, der setzt ein halbes Jahr m Amerika mit dem StMum der neuesten Errungenschaften des Films verbrachte, bei uns die angenehcksten Hoffnungen kiülpsen. - ' Ein Gvuß von Tom Mix. Eine eigentümliche Aufmerksamkeit wurde unS von .dem Fox-Star Tom M ix zuteil, der seinen Hut mit einer daraufgetschrrebeneu Widmung an seine hiesigen Freunde und Verehrer an die Wiener Vertretung der Fox- Eovporation -sandte. Diese hat ihn in einem Schaufenster von Gerngroß auf der Mariahilserstraße ausgestellt, wo diese Merkwürdigkeit von zahlreichem Publikum alltäglich bestaunt wird. J2 Die Filme dev Woche. „Kentucky Derby". — „Die drei Waisen". — „Eine Nacht auf dem Nordpol". — „Gehetztes WM'. — „Klippen in Sicht". — „Die Welt des BcisaW," — „Die Benesizvorstellung der vier Teufel." — „Die Dragödke einer Frau." Lesen Sie DIE FILMWELT lllusfrierte Kinorevue Film-Faeltblätt und -Publikums-Wochenschrift REDAKTION UND VERWALTUNG: Wien, VII. Harmaitngassa Nr. 5 Telephon Nr. 36-8 88 ROTENTURM-KINO WIEN; L, FLEISGBMARKT 1 Ab heute bis 19. Mal Das Abenteuer von Saiossa Schauspiel in 6 Akten and das übrige S chiagerpr o gramm Beginn der Vorstellungen: 4. >/,8, 1/48 und */49 Uhr Begleitmusik einer erstklassigen Ktinstlerkapelle Der zweite Schermann-Film! Dar zweite Scherinana-Film! Tragödie einer Frau ERIKA GLÄSSNER, IDA KOOR, OSKAR BER1GI, MAX LANDA Ab heute bis Montag den 19. Mais KÄRNTNER-KINO, I, Johannesgasse 3 HAYDN-KINO, VI. Mariahiiferstrasse 57/59 Ab 20. bis 22. Mai: ROTENTURM-KINO,!. Fleischmarkt Nr. 1 LÖWEN-KINO, III. Löwengasse 33 IFA-PALAST, II. Taborstrasse 1 FLIEGER-KINO, IX. Liechtensteinstrasse 37 TERMINUS-FILM, WIEN VII. Copyright by 1918 Nachdruck verboten. DeW-Lesterreichischer Verlag, Men. 88. Fortsetzung. Die Heimatlosen. Bon Wilma Vukelich.. - Auch war wie neugeboren. Seitdem die Uniform seine Langen, schlottrigen Wieder deckte, war ein neuer Mensch in ihn gefahren. Gr Deckte sich. Sein Auge blickte freier. Er «war Soldat. Freiwillig hatte er sich gemeldet. Hatte seit der ersten Mobiliisierungsnachricht alle AssenÄommissionen beistürmt, alle Behöben in Bewegung gesetzt, denn man war bei der t n. 1 Archer wenig darauf erpicht gewesen, diesen ^riegshekden ins Schlchptau zu nehmen, der so lwenig nach Gloria und Siegertum ausfah. Er höbe ajstigmatische Augen, fanden die Herren Rvgimenisärzte, als er vor ihnen in jenem Kostüm stand, das Gott ihm am Lage der Geburt beigegeben. Ein Keiner He^fehler wurde konstatiert, da die astigmatischen Augen vielleicht doch nicht genügt hätten, um den Helden für immer und ewig ins gefahrlose Hinterland zu verbannen. Man nahm eS ja bei der 1 u. L Armee sonst nicht so übertrieben genau, aber Tibor sah in feiner mckten Leib- LichM wie der Bazillus der Feigheit in eigemr Person aus. ,Me stecken uns ein ganzes Armeekorps an mit ihrem verhungerten Korpus!" meinte der Herr Regimentsarzt witzig. ' Da aber entdeckte auch Tibor feine Zunge. Gr beschwor. Er reckte sich. Er wies seine respektable Muskeln. Schließlich meinte er flehend: „So lassen Sie mich doch! Auf einen mehr oder weniger kann es Ihnen ja nicht ankommen. Und wenn meine Äugen zum Zielen zu schlecht sind und meine Beine zum Laufen nicht taugen sollten: fallen kann ich wie jeder andere, und anstatt meiner bleibt dann einer übrig, der's notwendiger Hai." „Auch ein Lebenszweck!" sagte der Regimentsarzt. „Sie sind ja der geborene Held!" -' Und Tibor bekam seinen Willen. Doch am selben Tage heckte die graue Uniform seine Heldenbrusi. Und dann gab es noch zwei, drei. Tage voller Wchied Md WWiM Ah «ttfo ftfe ttittb fateSe Tagt und Trost. Alles wurde klein, verschtvand. Seine Liebe I schruntpfte zusammen vor der GÄvalt des Uebergroßen. | J-olcin war nett. Begehrenswert. Aber eine kleine Schauspielerin. Ein lustiges kleines Ding, das jedermann gehörte. Seine Schmach und Selbsterniedrigung waren Zustände seiner deprimierten Nerven. Er würde, sie abwaschen, diese Schmach. Mit jenem großen Sprung ins Ungewisse und Unbekannte würde Tibor alles von sich tün, was ihn bisher an ein erbärmliches Leben voller Erniedrigungen gebunden. Er würde über allen jenen stehen, die ihn bisher demütigen durften. Und er begriff selbst nicht, warum der bloße Gedanke, sich mit jedem Gefühl, mit seinem verlöschenden Denken, den zuckenden Nerven und Pulsen hineinzustürzen in jenen letzten Taumel, in jenen letzten Wahn- . sinn, 'dessen Wellen himmelhoch hinaus gingen über seinen eigenen Wahnsinn —- er begriff rricht, warum dieser Ge- -danke schon Erlösung war und er es -nicht erwarten konnte, bis der Schlund der Hölle mit feurigen Wellen, mit Sturzbächen aus Mut, Strömen vergossener Tränen über ihm zufammenschlagen und ihn begraben würde. Er, der zart, fein und friedliebend geiwesen war, dessen Lie^be die gastz zarten Schönheitsgebilde, die ganz verblaßten DämMerfarben der alten Gobelins und Bilder und das schwebende und hinschwindende Tremolo vergehender Läute gewesen waren, er, der das Leben erlebt hatte wie ein Panneau, von einem altfranzösischen Meister , voll Grazie und SeHstbeschränkung hingepinselt für -den Salon einer vornehmen, geistreichen Frau, und den das Leben aus seinem Traum erweckt hatte, indem es seine Farben besudelte, die Linien ins Groteske verzerrte, die Formen zerschlug: er wälzte nun Bilder von einem lärmenden, primitiven, die Nerven bannenden Heldentum durch seine Seele. Er berauschte sich an diesen Bildern. Sie blendeten ihn; denn ihre Farben üborschrien alle anderen Farben. Und wo'sie waren, verschwand alles. ' Auch Jolan verschwand. Und das war es, worauf es , ankam.' Die Eltern kamen am letzten Tage. Papa Schwarz, ganz kleinlaut und'zerknirscht. Krieg? Das 'hatte er nicht gewollt! Ma's war das .wieder für ein Einfall? Wer hieß Tibor gehen? Brauchte mm i» beit ftticp m scherz, solange man einen Vater hatte wie Schwarz Samuel, der beim Komitat nicht ohne Einfluß und der auch bereit war, in die Tasche zu greifen? Tief in die Tasche! War Tibor nicht sein einziger Sohn, sein Erbe, sein Nachfolger in der Firma? Trotz allen: und allem. Für iven hatte er, gerackert und gespart? Wen hatte er erziehen lassen, mit allen Mitteln und Opfern? Und wie hatte Tibor ihm alle Opfer gelohnt? Aber Schwarz Samuel war es in diesem schicksalsschweren Augenblick gar nicht um Vorwürfe zu tun. Im Gegenteil! Er machte sich selbst Vorwürfe; denn er war weich wie Butter, wenn es um Leben und Sterben ging. Und diese ganze^ Kriegsgeschichte war doch nur ein schlechter Witz! Konnte es sich ausgerechnet um seinen Ti'bör handeln, bei so einer Kviegsangelegenheit? Das sollten die Großen und Mächtigen gefälligst Mieveinander abmachen. Ein jüdischer Vater plagt sich nicht, damit sein Fleisch und Mut schließlich als gemeines Kanonenfutter verdirbt . . .! Aber je eifriger Papa Schwarz diese Ansichten entwickelte, um so unbegrenzter wuchs der Heldenmut seines Tibor. Wer hatte das je gedacht? Wer auch nur geahnt, daß das in dem Jungen steckte? Und Tibor e'tM^ de!. Triumph, daß sein Vater — einmal, einmal! — die Augen vor ihm uiederschlug. Ja, daß trotz alles Jammerns und Unverständnisses etwas wie Vaterstolz in ihm e mpo r schwoll. Und wenn er sagte: ,Mein Tibor, der Freilwillige!" daun leuchtete sein Gesicht in einem sonderbaren Glanz und die Augen füllten sich mit Wasser, und Herr Schwarz griff tief, .sehr tief in den Beutel und staffierte seinen Tibor'ans) als wäre er der Fürst Eßtevhazy. Und hätte ihm einen Gaul gekauft, wenn er bei der Kavallerie gedient hätte, was eigentlich to'iel standesgemäßer gewesen wäre — und auch sicherer, wie sich Herr Schwarz häuderingenid erngestand, viel sicherer; denn da's kann sich doch jeder vorftellen, aus solch einem flinken Renner ist man eins, zwei draußen und außer Seh- und Hörweite aller gefährlich 'bellenden Kauonen.. . während die Füße von seinem Tiborka . . . ua, ein schneidiger Renner war der Iun^e ja nie g^vesen, das nmßte Herr Schwarz sich selber eingestehen, trotzdem er geneigt 'war, in der gerührten Stimmung dieser Abschiedsstunden Vergangenheit und Zukunft in einem, anderen Lichte gu betrachten. (Fortsetzung folgt.)