Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1860 (19.4.1924)
- Date
- 1924-04-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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« , S&tte iö _ Mett, Samstag Film M- Wo. i w „Kaddisch." / Das Totengebet und seine B'Krchmrg zu Gottes unabäNderlickem Willen wird in dies-ern mit einer gewissen ruhigen Sachlichkeit inszenierten Film mit dem bekannten Motiv der Entstehung eines Ritualmordmärchens devtvo'öen. Ein Kind gcht verloren an dem Tage, da im Hause des Dorfi-uden Hochzeit gemacht wird. Auf dem vielfach in Wirklichkeit noch mehr als in Dichtung schon bekanntem Wege enfftcht das Gerücht» daß der Dorfjnde das Kind ermordet habe. Durch die Umsicht des Bürgermeisters wird Schlimmstes abgewendet. Mer das ausgchevte Dorf wird der jüdifLen Braut habhaft, als sie aus ihrem Versteck für ihr jüngstes Schwesterchen Milch holen geht- Das Mädchen stirbt in des Vaters Armen. Inzwischen ist daS Iverlorene Kind wied'rgefunden worden. Ein jüdischer Dater «aber hat fein Kind am Tage höchsten Glückes verloren und muß das Kaddischgebet sprechen. Doch er klagt nicht an. denn Gottes Wille ist unabänderlich. Diese Handlung wird mit einer »Reihe gutgefaßt-er Milieufqenen ausgeschmückt, vom Morgen- «gebet über die jüdischen Hochzeitsbräuche bis zum Totenxug, was bei derlei Filmenbekanntlich Rührung und Mitgefühl noch erhöht. Die Vorbemerkung für diesen Film versichert, daß »alle rituellen Bräuche genau der Wirklichkeit gemäß ausgenommen sind, und tatsächlich klrchpt bis auf einige Klein rgbetten sozusagen d r Mechanismus des Rituals vollständig. Was darüber hinausgeht, die Seril«. davon ist nicht allguviÄ zu merken. Freilich, für den jüdischen Vater steht in di^em Film , iweder Schildkraut noch Morewski zur VerKgung. Edgar Licho zieht sich diskret aus der Affäre. Eine vilNhast tschöne jüdische Braut, Lia Eibenschütz. Es lohnt sich jedoch schon deshalb diesen Film anguschrn, um Ilka Grüning -in einer meisterhaft gemimten größeren Episode zu bewundern. D?r Text zu diesen Bildern soll angeblich jüdisch sein. Es ist ^icht einmal ein GemauschÄ. Ein Vorschlag zur Güte: entweder Man mache, um auch im Text das Milieu zu wcchren, einen richtigen jüdischen Text oder einen deu-kschm. Worte wie „Secünde" sind noch nie im jüdischen VoVsidiom gesprochen lwordm. Davon abo-eschen, zähst der Film zu den besieren der Gattung jüdischer Filme. S. S. Der grosse Lotte Neumann-Film Der Mann ohneHerz erscheint! Vom 18. bis Heimat-Kino, IX. Elite-Kino, l. Rotenturm-Kino, I. Vom 22. bis Theater-Kino. XVII. Kalvarienberg-Kino, XVII. Busch-Kino. II. Vom 25. bis Schottenring-Kino, I. Margaretner Bürger-Kino, V. 21. April: Centralpalast-Kmo, VII. Abazzia-Ktao, XV. Raimund-Lichtspiele, XIV. 24. April: Arkaden-Kino. Vill. Schäffer-Kino, VL 28. April: Atlantis-Kino, V. Landstr. Bürger-Kino, nt Erdberger Lichtspiele, IIL | ENGEL & WALTER, WIEN, VN „Chu-Chin-Chou." Um manches rm Aufbau dieses Mms verstehen jp» Kimen,?uuß man wissen, daß es sich hrer um die Berfdmung einer Revue bandelt, die über ein Jahr en suite m London gegeben wurde. Es soll aber diese Tatsache nicht als Entschuldigung für das geifagl sein, was der Film an Mängeln und FMern auf. zuweisen hat. Es genügt nicht — wie die Aufnahme dieses Films beim Publikum zeigte —. wenn man einfach die verschiedenen TÄkorationen der Revue teils in ein Atelier und teils MS Freie hinbaut, dann das bewährte Ensemble hineinstellt und die Operette zu einem Mimodräm umarberdet. Es kann allerdings nickt geleuMet werden, daß dieser Weg der Umarbeitung eines Bühnenstückes in einen Film der bequemste ist. Daß er aber nicht der richtige ist, zeigte die Aufnahme, die dieser Film beim Wiener Moraenzettrmg. PuLlÄum fand. Es wäre hier nicht einmal so schwer gewesen, die richtige Umarbeitung zu liefern, man hatte nur bedenken müssen, daß Leute, die diese Revue niemals gesehen haben, sich nicht mit erzählenden Titeln abspeisen lasten, sondern den Gang der Handlung unbedingt s-chen und nicht lesen wollen. Wen« eine Gefangen« befreit wird, so ist dies unbedingt eine Sache, die man schon -viele hundert« Male gesehen hat, und doch darf man hier nicht mit einem Titel meiden: „Jetzt stt sie wieder frei," sondern muß dies unbedingt— und wäre es auch noch jo kurz — zeigen. Weiters will das Publikum 4m Film das Wirkliche sehen. Wennalso in etwa dreißig Krüge, m denen Räuber sitzen, siedendes Qel gegossen wird, so stt es vielleicht nicht unbedingt nötig, den TodeAampf jedes einzelnen Räubers zu zeigen, aber wenigstens an einem Krug die Wirkung. Weiters stt es auch -nötig, daß in einem Film die Schauspieler sichbemühen, die Figuren, die sie verkörpern sollen, lebenswahr hinzustellen. Araber dürfen nicht mit schneeweißer Haut -und Bartkoteletten aus die Leinwand gebracht werden. Betty Blyihe spielt ihre Rolle mit der Routine viner schönen Frau, die es gewohnt stt, sich fast ganz entblößt ihrem Publikum zu zeigen. Wo ihre Persönlichkeit als solche nicht wirkt, hilft sie mit ihren Bloßen nach. Nur ist man leider so unbescheiden, hier und da von einer Schauspielerin zu verlangen, sie möge außer dem Körper auch gutes Spiel zeigen. Sehr gut stt die Ausstattung und sehr gut Beleuchtung und Photographie dieses soistt minderwertigen FAmS. H „Der Mann ohne Herz." Nach langer Zeit wieder ein Filbm mit Lotte Neumann! Es war wiMch bedauerlich, daß wir bist« vorzügliche Schauspielerin so lange vermissen muhten. Sie versteht, auch in dem Momente, wo sie gwtzen Schmerz auSzudMcken hat, dort, wo dramatische Wucht am ehesten Zu Uebertreibungen reizt. Maß zu halten, und auf die denkbar diskreteste und doch chfÄivolle Weste zu wirken. Ihre Darstellung ist immer von Kultur und SÄistibcherrfchung durchdrungen, ohne dabei Temperament vermissen zu lasten. Der Handlung liegt ein Roman zu Grunde, der sich in seiner flotten und schmistigen Art sehr gut für den Film eignete. Er ist ein Aventeurervoman wie viele andere, ver- Mt aber über wirkliches Tempo. Die Regie verstand es, das Tempo einzuhalten, und der raschen Fol^e geschickt inszenierter Bilder viel Spannung zu geben, dre bis zum Schluß unvermindert anhäst und wirklich imstande stt, das Publikum zu fesseln. Außerdem versteht eS der Regisseur Koebner, in der Art der Amerikaner durch Kleinmalerei und Detaillierung eine Menge von wirkungsvollen Effekten zu schaffen, die sehr belebend wirken. Lotte Neumann ist in ihrer Rolle als abenteuernde Prinzestin ausgezeichnet. Sehr gut ist auch ausnahmslos das übrige Ensemble und technstch vollkommen die Photographie, die sehr hübsche Bilder von Prag, Karlsbad uno Heringsdorf bringt. Lesen Sie l-. ■ DIE FILMWELT IHustriurtu Kinorevua Mfm-Fachblatt und -Publikums-Wochenschrift REO AKTION UNO VERWALTUNG: Wien, VN. Karmannsu*« Nr* 6 Telephon Ur« 36-8-85 19. April 1924 Nr. 1 Die Filme der Woche. V „Die Braut aus Australien." — „Der Mann ohne Herz." „Hinterlistiges Gesinde!" — „Vampire der Renubü^t." —> »Verth. das Zirürskind." — „Freiheit der Frau." — .Platte», haste Frauen." — Der Matrose Perugiuo." „DaS efrofte«* _mSdchen." rBUR<3-KINO, I. OPERNRING lg-, Ab heute bis 21. April Der Wefttlauff mit dem Express Sensationsdrama aus der amerikanischen Gesellschaft und das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: 4. '/„ö. 7. V,9 Uhr fEMTDAB A II.Taborstrasse Nr. 8 "LEW B KiilrRllSl V Direktion J. Schulz" Ab heute bis 21. April Hotel Potemkin Abenteurerdrama in 6 Akten mit EUGEN NBUFSLD und das übrige Schlagerprogramm Beginn: »/t6, */,7, Uhr r-—L0WEN-KINO — Ab heute bis 21. April Sensationsdrama aus der amerikanischen Gesellschaft und das übrige Sehlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: */45, lU7, Uhr Kino-Orchester unter Leitung des KaoeHmeisters Rfimeth -ROTENTURM-KINO —, WIEN, l, FLEISCBMARKT1 Ab heute bis 21. April Per Man ohne Kerz mit LOTTE NEUMANN and das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: 4. V-8, 7«8 and #/49 Uhr Beeleitm isik einer erstklassigen Künstlerkapelle DI E FO X -FI LM E DER FOX-GROSS-FILM m in Mili 6 spannende Akte ans dem amerikanischen Sport- und Gesellschaftsleben mit Charles Johnes In der Hauptrolle!!! El Mtffla A Mc-Em I! DIESER WOCHE Die liebreizende Shirley Meson in der Hauptrolle! Ein Film aus dem Artistenleben in 5 Akten mit atemraubenden Sensationen! Der Kampf mit einem Löwen! AB 19. APRIL IN DEN WIENER KINOS iwiifffsiiiwmiiiiüiimii Copyrigth by 15*3 Nachdruck verboten. 2euW»Öei1erreickiEcher Verlag, Wien. 78. Fortietzung. Ae Heimatlosen. Von Wilma Vukelich. „Ja", schrie da die Menge. „Er hat es selber gesagt! Die Vernichtung Ungarns. Wir haben es selber von seinen eigenen Appen gehört!" Und die Stimmen verschlangen sich und wurden ein Chaos. Ein wüster Höllenlärm. Die vorderen Reihen duckten sich, das halb ungläubige, halb überlegene Lächeln in -den bleichen Gesichtern, denn schon 'begonnen sich dir Fäuste zu -ballen, Stöcke wurden geschwungen. ,^Fuden hinaus!" brüllte es aus dem Chaos. Aber die Türen waren verrammelt, und rohe Fäuste drängten von -den Türen weg, zurück in den Saal, über Bänke und Tische, über stolpernde Gestallten hinweg, die am Boden lagen, hie sich krümmten unter den Fußtritten der Hinwegstürmenden. Lajos erstarrte. 1 Was war das? Wem galten diese Stimmen? Westen Lachen war dieses rohe Lachen, das sich belustigte an der Todesangst gequälter Frauen? Westen. Heldentum war dieses Heldentum, das sich Lust machte in wüstem Geschrei, -in stnnlosen Beschimpfungen und Verhöhnungen Wehrloser? Wo war die UeiberKeugung geblieben, die dieses Volk, sein Volk, an ihn festeste? Au ihn. den. Führer! Und an die Idee! Ja das ihn mit der Idee identWerte, da sie von ihm die Freiiheit im Zeichen der Idee erwartete! Und nun war der erste wortgewandte und gewiegte Magier imstande gewesen, dieses Volk von ihm zu lösen, weil er ihm vin neues Schlagwort gab. Einen neuen Haß und ein -neues Spielzeug. Und da ließ ihn fein Volk im Stiche, und kehrte sich gegen ifctt, Lajos bebte. Er schrie. Flammende Worte des HasteS und der Verachtung schrie er iu die Menge. Doch das Lachen übertondr bk einsam ringende Stimme, und keiner achtete seiner. „Brüder!" flehte er,,Müder! .. und brach ab, denn keiner hörte ihn. Und das Chaos rang tveiter. Geballte Fäuste fausten Eder, und wie «ine Heche brachen die Gepeinigten in die Knie. Feig, wchvlos, gelähmt und ausgelieftrt. Me «kn Häuflein Glend sanken sie in die Kirie zusammen: die Dandys und die Snobs. Die Kathödevantise- >miten und dir prinzipiellen AstimLlanten. Und die ganze dritte (teembum, die sich in ihrer Degeneriertheit zu sonnen Liebte. Und erlebten die Aussöhnung der Rasten nun aus ihre Art und Weise. Und sie hätten noch andere Dinge erlebt, wenn nicht Plötzlich die elektrischen Lichter erloschen wären, und in dem wüsten Dmcheinainder der Stimmen und der Leiber, di« sich im Dunkeln flohen und verflochten, ging die Angst der Verfolgten auf die Verfolger Wer, und alles tappte und tastete schreiend nach den Ausgängen, umklammerte jsich weinend und stürzte ödere inaudor . ., Und als es licht wurde, war die PoliIsi zur Stelle. Gin paar Fvdedensstover wurden ausgeschrieben, ein paar Judenbengä gleich verhaftet, weÄ sie sich das Maul zerrissen und da's große Wort führten, nachdem die Polizei da war. Mt LajoS aber wiwde ein Protokoll ausgenommen. Denn es wurde behauptet, der Redner halbe hochverräterische Aeuherungen getan und von der Vernichtung Ungarns gesprochen, und eS fand sich gleich «in Dutzend Zeugen, .bk bereit Ivaren, das §u beschwören. Und am nächsten Tage > zeterten die Zeitungen, denn es war ein gefundenes . K-eW jp* S& WÄ es Wen sich ZeMei-Ws dgWbKL^ schreiben, ja sogar Leitartikel. Denn der Stoff konnte sowohl politisch als auch psychologisch behandelt werden, und jeder-' mann in jedem Lager war bereit, sich gebührend zu «ari« rüsten; denn das sind immer die dankbarsten Stoffe. Der Morgen" eröffnet« sogar eine ganze Kampagne, sim Stimmeneuquete, bei der sich alle $jren ließen, die im' Lande Geltung hatten. Di« Iudenifvage wurde angöschniitten von allen Sviten, selbst der Klerus redete zur Sache und stellte fest, daß es auch «hriiche Juden gäbe —> sicher — nur sei es unangebracht, die Gastsreunds-chaft des Landes zu fchmäWchen AAtatiouen zu mißbrauchen, Ideen zu pvo-- pagieren, di« ein« Auflösung alles BostehM>«n - ibetzwecken, vor allem die Vernichtung Ungarns, des ge>bivHn Vaterlandes. Und auch die Inden sprachen zur Sach« und lbe» kannten sich als Ungarn bis in die Knochen und wollten nichts zu tun haben mit den aufrührerischen Dheovien mternationa5er Ideologen und verkappter Zionisten. Lajos aber evhielt von der Partsiloitung einen fai&t treten Wink, sich ein wenig im HintevgMnde zu hätten^ Denn schließlich müsse er selber zugsstehen, daß er von' einer Vernichtung des Ungartmns gesprochen habe, und es tat nichts zur Sache, ob er es so oder so gsmeint hätte. Der Ungar bleibe Ungar auch als SozialdemoEvat. Und -wer an diese letzten Heiligtümer der Menschen rühre,, sri ein Mistetäter, und wer an den schlummernden Judenhaß rühre, sei ein Esel: so oder so. Lajos habe seine Lehre empsangm und hätte Zeit, über diese nachzudenken, da er schließlich vierzehn Tage Arrest bekommen >hatte wegen ösisentlicher Rui^störung. Er möge sich erst die Hörner Mausen, danT' werde man wetteir sehen... |; ' (Fortsetzung folgte