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Wiener Morgenzeitung · 1924-02-01 · Heft 1783 (1.2.1924) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1783 (1.2.1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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•gwarur Men, Freikrg irrrnri" i ■ •urmm— ilmruörik (E der ,zMr.WorgettzeUmrL" Erscheint jeden Areitag ' Arlette Marchal. In Arlette Marchal hat die ,LZita"-Filmindustrie nicht eine der schönsten Frauen von Paris gewonnen, sondern Erch eine der bedeutendsten Schauspielerinnen Frankreichs; 'außerdem bestimmt auch eine der liebenswürdigsten und gejst- .veichsten. Die Künstlerin fühlt sich in ihrem neuen Aufenthalts-- iort außerordentlich wohl, obzwar sie sich sehr schwer von Paris lrxennte und mit einer gewissen Voreingenommenheit hierher freiste, wo sie sich aber sehr angenehm enttäuscht sah. Wien und ^^Wmrer gefallen ihr sehr gut imd ehrlich begeistert ist sie vo« WMM v»-'" sä-/; der Staatsoper, die sie sehr häufig besucht. ObKvar sie von der Wiener Mohe sehr gut' spricht und deren diskreten Geschmack bei Berührung eines Modethemas nie zu rühmen vergißt, hat sie nicht weniger als 20 riesige Koffer mit nach Wien gebracht, die mit Erzeugnissen der berühmten Firma Poiret angefüllt find. T/iefen ungeheuren Aufwand benötigt sie. um den Anforderungen, die der.neue Vita-Film „L'imagc" an sie stellt, gerecht zu werden. An ihrem Berufe hängt sie trotz se'.ner Beschwerden und aufreibenden Unannehmlichkeiten mit großer Begeisterung und freut sich, hier unter Jacques Feh der «Ketten. zu können, den sie bereits von Paris her kennt. Wir dürfen wohl au ihr Wirken hier die angenehmsten Hoffnungen lüpfen. „Es brach eine Blüte." In einer düsteren und drückenden Sphäre, auf der ein feder Lebensfreude abgewendetes Schicksal lastet, spielt dieser Silin. Griffith. bei Regisseur dieses Werkes, hat es verstanden. durch eine meisterhafte Führung der Szenensolge die Handlung, die erst in epischer Form langsam ansteigt und dann durch immer schneller aufeinander folgenden Bilderwechsel sich jäh aufbäumend ein rasendes Tempo annimml, mit Spannung durchtränken und durch wundervoll abgestimmtc Szenen zu leben. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Figur eines armen, verprügelten Mädchens, kaum sechzehn Jahre alt. -der hie hohe Kunst Lölian G i s h' Leben gib:. Dean kann die Darstellungsgabe dieser Frön in dieser Rolle nicht genug bewundern. Trauer Md Schmerz werden durch den kindlich-naiven Ausdruck ihres vollendeten Spieler zu einem legendenhaften Martyrium. das gleichzeitig «ich an graziler Anmut ist. Ganz wulckervoll ist sie in der Szene, in der sie an sich entdeckt» daß das Lachen nicht eine auf Befehl hervorgerusene Grimasse, sondern die Spiegelung des Glücksgefühls, dem Herzen entspringend. ist. Man vergißt in diesem Moment, daß hier, wenn auch noch so künstlerisches Spiel am Werke «ist. eine Industrie einen augenfälligen Effekt geschaffen hat und glaubt hier wahres und wirkliches Leben vor sich zu sehen. Dieses Vergessen ist wohl das sicherste Merkmal, daß hier vollendetste DarstellungSkunst sich darbietet. Sehr gut ist Richard Barthelmeß in der Rolle dejMgen Chinesen, den Rassenunversöhnlichkeit und das Leben um seine Ideale geprellt haben. Sehr gut ist auch die Darstellung des Boxers, einer viehisch-gemeinen, rein körperlichen Krastnatur. die Inkarnation brutaler Gemeinheit. Ausgezeichnet ist auch für amsrikanische Verhältnisse die Photographie, der eine außerordentliche Beleuchtungstechnik zur Seite steht. „Ein Kuß für alle Ewigkeit." Die Handlung für diesen Film ist scheinbar irgend einem englischen Roman entnommen und bietet nicht sonderlich viel noch Neues. Aber eine ganz ausgezeichnete Regie hat sich dieses Stoffes bemächtigt und mit einem sehr ansehnlichen Aufwand an Menschen und Ausstattung einen typisch amerikanischen Film geschaffen, der durch ausgezeichnetes Sprel und wundervoll belebte Bilder in geschickt ausgebauten Szenerien das nicht sonderlich hohe Niveau der Handlung fast vollkommen vergessen läßt. Dieses Werk stammt scheinbar aus der „Paramouni"- Sorie, für die eine orientalische Stadt gebaut wurde, denn gewisse vom Wind unbewegte Palmen grüßen einen als alte Bekannt« von früheren Wüsten- und Ovientfilmen her. Ganz ausgezeichnet, wie bereits erwähnt, ist hier die Regie, die dar Leben und Treiben des Orients in kräftigen und sicheren Schattierungen schildert. Ganz beson-ders hervorhebenswert sind die kolossalen MassenreitsMen, die einen Tempo und Spannung steigernden Zug m die HandlMg bringen. Zwei wirklich hübsche Frauen und ein äußerst sympathischer Mann tragen die Hauptrollen und bieten sehr schönes, sehr auSgeseiltes Zusammenspiel. DaL übrige Ensemble zeigt bis zur kleinsten Rolle sehr gnt ausgesuchte Typen mit lebensvollem Spiel. Auch in sämtlichen übrigen Belangen muß dieser Film als sehr gut angesprc^en werden. „Die Schule der Liebe." Lin verfilmtes typisches Buch für Backfische der romaidtischen Schule und Gleichgesinnte. Eine Handlung, als ob sie Eschtruth. Marlitt und Courths-Maler zusammen verfaßt hätten. Und der Film ist doch ausgezeichnet. Erstens spielt Constanze Talmad-ge die Hauptrolle, und sie kann noch so blöde Sachen spielen, so weiß sie doch immer wieder alles so reizend darzustellen, so unglaublich viel Charme zu entwickeln, daß derhanze Film nur ihren'Stempel trägt und man ihn nur nach ihr beurteilt — und sie ist immer sehr gut: daher eigentlich auch der ganze Film, den eine sehr geschickte Regie mit feinen Lustspielnuancen ausstattete. Weiters sind sämtliche übrigen mitspielenden Personen so sympathisch und von so ausgezeichneten Darstellern verkörpert, daß man über den manchmal recht kitschigen Gang der Handlung gerne binwcgsicht und sich nur über ihre so wirkungsvoll gebrachten Pointen freut. Wenn der .-BURGKINO, I. QPERNRING lg-, Ab heute bis 4. Februar Der grösste Schlager der SaisoM Pflicht u. Ehre lo deu Hauptrollen: Grit Haid, Annemarie Steineieck, Gisela Werbeörk, Josef Uridil, Otto Tressler, Hngo Werner-Kahle und das. übrige Schlagcrprogramm Beginn der Vorstellungen: 4, V86, 7, Va9 Uhr Sppyright lö-'3 bjr Nachdruck verboten, erreicht,'cher Verlag, Wien. io. Fousctzuug. Die HeiMllosW. Roman von Wilma v. Vukelich. Dieser Witz gefiel ihm noch besser, er zeigte seine sämtbchen Golvblomben und gluckste sein fettestes Lachen, wobei rr sich schallend aus den Schenkel klopfte. „An mir dürfen Sie sich ein Beispiel nehmen. So was gibt es heMe nicht mehr. Oder glauben Sie, daß das einer von euch feinen jungen Herren mit der Gesinnung zustande bringt? Bor dreißig Jahren ein jüdisch Jüngel ohne ' Litern, das bei Salomon Singer die Kolonialwarenbranche rusge lernt hat. Wissen.Sie, was das heißt? Das heißt erfrorene Finger und Ohren. Das heißt einen knurrenden Magen und Fußtritte. Kisten und Säcke am Buckel heißt das, und Kreuzer zu Kreuzer, bis man den ersten Gulden hat. Und Gulden zu Gulden, bis man den ersten Zehner hat. Das heißt spekulieren mit dem ersten Zehner, bis er wächst und schließlich der Hunderter und der Tausender wird, mit dem man das Leben anfängt. .Hat man da.Zeit pl Gesinnung? Wenn man schließlich froh ist, es so west. zu bringen, daß man wie ein Mensch unter den anderen iNenschen herumgeht. Daß man ein Herr wird, wo man mchts -war als ein jüdisch Jüngel aus Galizien, und lesen Ernt und schreiben lernt und rechnen lernt und etwas wird, well man etwas werden will. Und mit was soll man etwas werden? Kann nran mit etwas anderem ein Mensch werden als mit Geldverdienst? Glauben Sie das? Und wenn man es schließlich zum Geschäft gebracht hat. dann ist einem das Geschäft wie ein Stück vom eigenen Blut' und Fleisch. man seinen Fleiß, seine junger: 'Jahre, seine Bequemlichkeit gibt, um etwas daraus zu machen. Man spart sich alles ab. Man gönnt sich nichts. Denn das Geschäft ist die.Hauptsache. Das Geschäft ist einem auch Weib und Kind. Denn aus dem Geschäft kommt ja alles: Geld. Ehre und Die elegante Frau und der fein gebildete Sohn." Er verschnaufte sich und wischte sich den Schtveiß von bet Stirne. Er war sehr rot und seine Lippen schmatzten. Die Bündler aber sahen unruhig auf ihren Plätzen. Sie waren mit einem Male merkwürdig aufgeregt und in- :eressrert. Sie spürten: ein Stück Leben, ein Stück Vergangenheit entrollt sich. Aber es war ihnen doch sehr peinlich. Das gehörte doch alles nicht zur Sache. So was vergißt man lieber. Frau Alarianne spielte aber mvvös mit dem Orchidee nstranß. den sie von: Kamine genommen. Sie ordnete Blüte um Blüte in -der feinen Kristallschale und sah rätselhaft und undurchdringlich aus. »Können Sie sich das alles ohne das Geschäft vorstellen? Diese seidenen Vorhänge. Die Bilder und die Teppiche. Und alle Ansprüche, die heute die Menschen haben und die befriedigt werden müssen. Woher soll man die befriedigen? Kann man die mit der Gesinnung beftiedigen. . . was glauben Sie, meine lieben jungen Herren?" Nun sprach er mit offenkundiger Geringschätzung und kniff die Lippen ein. »Merken Sie sich das! Verdienen muß man um jeden Preis . . . Sehr viel Geld verdienen. Sonst gibt es keine Toiletten, keinen Schmuck und auch keine Reisen in die Tatra. Sonst aibt es auch keinen Sohn, der es sich leisten kann, ein Künstler zu sein. Ich bitte Sie! Was kostet das meinen Sohn? Der geboren ist in seidenen Windeln, und seitdem er Ult die besten Lehrer gehabt hat, der sich um nichts zu.plagen braucht, nicht einmal zu bücken braucht er sich. Sein Vater hat'sich gebückt und sein Großvater hat sich gebückt, und nun wundert sich mein feiner .Herr Sohn, daß diese einen krummen Buckel haben, der seine aber gerade ist." - .Herr Görgei saß da in seiner gewöhnlichen Pose. Klein, feist, lächerlich. Mit feistem vorgewölbten Bauch und den .ewig schmatzenden Lippen. Nur daß in seiner Stimme etwas Besonderes war. . auch schaukelte er nicht mehr und hätte die Zigarre weggelegt. Dir Augen kniff er zusammen und die Vtuskeln seiner feisten Backen bebten auf eine son- MM'Mi'f i#&i LWidwoMW £ Februar lSB ' ' Rri lTSS Uaiiljmtc Satz: „Was man inacht, ist egal, die Hauptsache tft, wie man es macht." einer Bestätigung bedürfte, so gäbe |» dieser Film in der besten Form. Die Filme der Woche. „Pflicht und Ehre." — „Der Kaufmann von Venedig." Minder der Wildnis." *- „Der Blinde von St. Martin". ~ „Das Lied der Liebe." — „Der Geheimagent." ,Vita-FiBmindustrie - A.a. : Wien, VII. Bezirk, Neubaugasse Nr. 1; Fabrik Rosenhügel * S ln Vorbereitung: S L IMAGE j (Das Bildnis); ■ Regie; Jacques Feyder; ■ » ■ Hatrptdarstellerf ■ ■ •* ■Frau Arlette Marchal; » Herr Malcolm Tod : II.Taborstrasse Nr. 8 Direktion J. Schulz? rCENTRAL-KINO Ab heute bis 4. Februar Die da sterben wenn sie Eieben Drama und das übrige Schlagerprogramm Beginn: */4ö, Vs7, 7.9 Uhr WWW —L0WEN-KINO TÄ-n Ab beute bis 4. Februar Der grösste Schlager der Saison Pflicht u. Ehre In deu Hauptrollen: Grit Haid. Annemarie Stemsieck, Gisela Werbe2irk, Josef Uridil, Otto Tressler, Hogo Werner Kahle und das übrige Schlagerprogramm Beginn der Vorstellungen: %5, V37, 7«9 Uhr Kino-Orchester unter l.ellung des Kapellmeisters Rümeih ROTENTURM-KINO WIEN, l, FLEISCÜMAUKT1 ^SF“ Ab heute bis 4. Februar und daa übrige Scblagerprogramin Beginn der Vorstellungen: 4. Vjö» V48 und %9 Uhr Begloitmusik einer erstklassigen Künstlerkapelle T^mnww»MiMnmrrm>iiimiriwwrmTwrTTTmr~Trnr~TT7r*,T-“**~*‘,~~"~~ Ungewisse. Und als er schwieg, sprach keiner. Nur das leis» Rauschen der Donau tönte bis herauf. Dieses Schweigen ivar sehr peinlich für Frau Alarianne. Es irritierte sie. Mas wollte ihr Ga^e? Was siel ihm ein. sich zun: rührenden Mittelpunkt der üttgeuteivten Aufmerksamkeit zu machen? Lächerlich! Geschmacklos! Daß dieser Alaun auch nicht die Spur von Takt oder SiilgesiM hatte! Und mm zwirscherte sie um so lebhafter und animiertet daraus los. War mit einem Male wieder ganz die alte. Angeregt, interessiert. Warf Thema um Thema hin. Und die Bündler griffen die Stichworte dankbar aus, denn auch sie waren peinlich berührt und froh, sich dem Eindruck zu entziehen, der sich lähmend auf sie gelegt und sie i» Zweifel gebracht hatte. Und es war so gut, nicht zu zwei- .sein. Dem schönen und schillernden Eindruck zu glauben. Und wieder empfanden sie, haß Alfreds Mutter schön unp überaus auftegend war. das AUlieu verfeinert und voller Kultur, und daß Frau Marianne an sie glaubte und ihnen liebevoll die Illusion gab, Männer zu sein. Alfred aber lehnte am Fenster und schwieg. De>r>^lv mel wölbte sich hoch und klar über der Stadt. Unten aber lag Nebel über dem Fluß. Stieg höher und höher und machte den Atem schwer. Auch war es kühl und Alsrr4 ftöstelte heftig. Ja, er würde weiter lügen. Wetter verachten. Und weiter leben wie ein Fürst. Das wußte er. wußte nur eines nicht, warurn er so litt, sich so sehnte, wenn doch alles nur Lüge war... . Dann schloß er das Fenster mit einer müden und ltostlosen Gebärde und hörte seiner Mutter zu.. die in einem käsigen Winkel — ganz Anmut und geistreiche Pose -~ gÄvagte Paradoxa, zu neuen Lebenswahrheiten nmprägt''- '-Fortsetzung folgt.) :

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