Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-01-06 · Heft 1757 (6.1.1924) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1757 (6.1.1924)
Date
1924-01-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2980840--17334-3004328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 hits for “Palästina” · 2 entity mentions

&mt s Wvn, Sonntag_ kulturell-politische Hilfe nur dankbar fern können. Die Schulen der „Opera" seren nach anfänglichen Schwierigkarten von Sir Samuel anerkannt und persönlich besticht worden; Galbiati versichert, sie seien die besten unid am meisten besuchten Schulen in Palästina. Schüler sind fast ausschließlich Araberkinder, aber auch einige jüdische K i n d« r.. (?) Der Redner schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß Palästina bald unter eigener unabhängiger, von jeder englischen oder jüdischen Unterdrückung befreiten Regierung stehen wird. Rinric gegen Santo». Belgrad, 5. Jänner. (Tel. b. „Wiener Morgenzeitung") .Lie Rede des bulgarischen Ministerpräsidenten Zankow hat den Minister des Aeußern Dr. Nincie zu abermaligen Aercherunaen veranlaßt. Dr. Nincic erklärte heute Journalisten gegenüber unter anderem, Mazedonien war tn der Vergangenheit zwar ein Zankapfel zwischen Serbien und Bulgarien, jetzt aber ist diese Frage durch die Friedensvertrage endgültig geregelt. Es gibt kein Mazedonien mehr, sondern nur mehr ein Sirdserbien, der frühere Mittelpunkt unseres Landes. Die Ausführungen Zankows über die Anbahnungen freundschaftlicher Beziehungen zu Serbien sind unverständlich. Dieser unser Standpunkt ist in Bulgarien bekannt und es erübrigt sich, daß Ministerpräsident Zankow abermals von der Schaffung gutnachbarlicher Beziehungen spreche. Bulgarien muß den geschaffenen Zustand endlich anerkennen. Das Abkommen über die nationalen Minderheiten vom 19. Dezember 1919 erklärt ausdrücklich, daß man al§ nationale Minderheiten nur solche Minderheiten ansehen könne, die ethnographisch und der Sprache nach reinlich von jener Nation verschieden sind, mit der sie zusammen leben. Die Einwohnerschaft Mazedoniens ist nach serbischer Auffassung der Nation nach serbisch, nur dem Dialekt nach verschieden. Die mazedonischen Bürger haben dieselben Rechte vor dem Gesetz wie jeder Serbe, Kroate und Slovene, man kann also von ihnen nicht wie von einem fremden Element sprechen. Tie Belgrader Regierung hat, wie Ihr Korrespondent erfährt, heute an alle Verbündeten Mächte eine Zirkularnote abgesandt, die sich mit der Note des bulgarischen Ministerpräsidenten Zankow beschäftigt. fit strategische Bedeutung der Slowakei. Prag, 5. Jänner. Der Chef des tschechischen GeneralsvrbeS Mittelhauser bespricht in der ,Mow. Pol." tri* strategische Bedeutung der Slowakei. Für dentaktischen K o r p e r der kleinen Entente habe die Slowakei als Wag nach Rumänien und zur Donau, der Hauptverkehrsader der kleinen Entente, große Wichtigkeit. Die schleunige Errichtung einer Eisenbahnlinie aus Mähren über die Slowakei an die rumänische Grenze, die Evweitexung der Flußhäfen von Preß bürg und Komorn, der Bau oims Flugplatzes nördlich von Preßbuvg seien die drei wichtigsten Prcgrainmpunkte der nächsten Zukunft. Die. transkontmentale Lusiverkehrslinie werde von Prag nach Wien führen und Preßbuvg fcifeite lassen. Aber für den Luftverkehr der kleinen Entente sei Pveßburg sm unerläßlicher Knotenpunkt. Ter zu errichtende Lufthasen von Preßbuvg müsse dem Luftverkehr nach Prag, an die Adria, nach Beö grad und Bukarest gerecht werden. Mandl. Delhi, 4. Jänner. (Reuter.) Miglieder der gefetz^ebenden Versammlung haben an den Bizekönig R e a d i n g das Ersuchen gerichtet, den seinerzeit verhafteten Revolutionär Ghandi sofort in Freiheit zu setzen. (Bei den letzten Wahlen hat die Partei Ghandis, die der Autonomdstm» gesagt.)_ Sem Andenken Paul Weisengräns. Ban Bernard Tag. Es möchte noch am ehesten im Geiste »des nur e&en von uns Abgeschiedenen sein, daß wir bei einem nachdenclichen Blick und Rückblick aus sein zu früh gebrochenes Leben, von dem bei ihm ausgehen, was ihm vielleicht das Liebste ge.ueien — sicherlich das ihm Vertrauteste und Wchcigfte: seine eigenste Domäne war das Theoretische die Theorie. Nicht gerade und nicht vor allem die Theorie, bie er selber hatte; vielmehr das Theoretische schlechtweg. In chm fühlte sich Weisengrün heimisch. Seine stärkste Arbeitskraft stellte er in den Dienst der sozialen Theorie' und des sozialen Grundproblems. Das Theorelische war das Element, in dem er sich mit Lust und Leichtigkeit b« vegte: aber chn lockte unb drängte es auch in öfsentlicher Be>Lr.igung, sei es im Sozialen, sei es im Nationalen, auch politisch Wurzel zu fassen. Temperament und rednerische Bebauung waren chm reichl-ch gegeben; nur fehlte seineg. Leidenschaft die Scet'.gieit, seinem Willen die ZähigkHl, die erst den Pclitiler macht. Und die Geduld fehlte ihm für die tägliche Kleinarbeit, für das politische Steineklopfen, womit sich der Politiker Schritt für Schritt den Weg bahnen und ebnen muß, wenn chm das Letzte zuteil werden soll, was er erstrebt und was der wohlverdiente Lohn ist seines AuSh'rrens: der Erfolg. Wie karg und mager dieser Lohn ist, mit wieviel Dornen und Stacheln er dem jüdischen Politiker verabreicht wird, das lehtt uns, in der Politik Unerfahrene, unsere noch jun^e Erfahrung innerhalb der jüdischen Bewegung. Das ol.e Judenvolk — politisch sind wir Kinder. De,- greinen uno raunzen und klagen an, statt zu handeln oder — da wir selber obnmächtig dazu sind — die handeln zu lassen, die es mit unserer Vollmacht vermöchten. Man kann sie frei sich an den Fingern abzähleu, diese Wenigen. Wiener MorgenzettunA. 6. Jänner 1984 Kr. IM Aus dem Staate der Mörder and Bombemerfer. Verhaftung des Cfongrader Bombenwerfers. Budapest, 5. Jänner. (Tel. der „Wr. Morgenzeitmrg".) Aus Csongrad wird gemeldet, daß heute früh m der Umgebung der Stadt Johann Sagy verbastet wurde. Er ist einer der Haupttäter, bei dem auch der Brief Hejjas' gefunden wurde. Er ist heute nach Szegedin überführt worden, wo er mit de« anderen verhafteten konfrontiert werden wird. Hejjas. der „Erwachende Idealist". Sei« „verhör" bei der Polizei. Budapest, 5. Jänner. Das Verhör, das Leute von der Polizei mit Ivan Hejjas durchgeführt haben, ist eine Farce jeder Untersuchung. Hejfas wurde wie ein Potentat von dem stellvertretenden Polizoichef Dr. Hetenyi empfangen. In einem Gespräch, das fast zwei Stunde« dauerte, erzählte Hejjas im Konversationston, was er wollte. H e j j a s gab sein ,Mren"tvovt, daß er von der Bombe naffa-re in Csongrad nichts w isse, mußte aber dann zu geben, daß er die Täter Szogi und Piroska kenne. Er habe zwar mit ihnen wenig gesprochen, desw mehr aber mit ihnen korrespondiert. Weiter mußte er zugeben, daß er seinerzeit unter den Bauern Waffen verteilt habe. Hejjas erklärte, er sei Idealist und man habe mit seiner Idee Mißbrauch (?) getrieben. Den „Erwachenden Idealisten" hättzm sich später berüchtigte Elemente angeschloffen, von denen er sich, speziell von Malfh, Adorian und dem Mörder Daniel, zurückgezogen habe. Mit großer Emphase sagte tarnt Hejjas:_ I III. Das Geheimnis, worin der eigentliche Reiz des neuen Wettspieles liegt, ist nicht leicht zu ergründen. Ist er die Spannung der Jägers, die Präzision des Schütze»/ die Aufregung de- Fußballspielers, die Geschicklichkeit des B.llardspielerS, die Gewandtheit, die man beim Tennis bewundert? Aus all diesen Kampf- und Sportfteuden bildet das Goal-Game einen Extrakt, und eS kann nicht wundernehmen, wenn sich Damen und Herren nicht mehr vom Ti'che erheben können, sobald sich der Spielteufel des Goal-Game ihrer bemächtigt hat. Wenn Sie er kennen zu lernen wünschen, sendet Ihnen die Hofbillardfabrik Seifert, Wien,V.,dieSpielregeln und Abbildnngen ohne Entgelt. „Ich bin kein Mörder und habe nie einen Mord begangen. (?) Alltz was gegen das Gesetz geschehen iist, geschah «ri« 90t ft ( brauch meines Namens." Er gab dann dem PolizeiLeamte« sein Ehrenwort, ( werde nach Kecskemet fahren und Daten mribving« auf Grund deveu die ' Untersuchung fortgesetzt werden Lonne. Die Aussagen Hofjas wurde« pvotoLolliie« Bon einer Verhaftung Hejjas ist nichti bekannt. Alle diesbezüglichen Gerüchte sind unwahr Hejjas ging von der Polizei wog in der Uoborzeugung, e hatte sich genügend gerechtfertigt. Der Moud an den soziaLdemokratischen Redakteuren. Was die Meneinsicht ergibt. Budapest, 5. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen zeitung") Die liberalen Abgeordneten haben au Grund einer Zusage des LcmdesvertsidiguugSministe^ E i n s i ch t in die Men genommen, die den ssÄwrzoitiger Mord an den Redakteuren S o m o g y i und Barefo hü treffen. Die Akten liegen bei der Militär staats anwaltschaft und sind so umfangreich, daß derer Sdudmm, Wie die Abgeordneten Mitteilen, einial Wochen in Anspruch nehmen wi-rd. Aus den Akten gH hervor, daß der Mord in der Nacht vom 17. FÄmar v. I. geschah. Der Abschluß der Untersuchung erfolgte auf Gmiü eines Befehles der militarrschen Staatsanwaltschaft am 30. April. Die Einstellung der Untersuchung wurde danrit begründet, daß ein weiteres Bovgchen wegen Mangels an Beweisen keinen Erfolg verspreche. Die Unterfuchmrg stellte fest, daß die Mördergruppe, welche Somogyi und B a r c s o ermordeten, beide mit einem Automobil weggeführt hat, welches dem Bataillonskommand cr n i e n von Stuhlweißenburg, Hauptmann Julius OsztenVmg-Movüvee, gehörte. Das Automobil wurde angeblich von dem Chauffeur des Osztenburg an dem betreffenden Abend einer Gruppe von Privatpersonen überlaffen, dis sich mit Mitgliedskarten des Landesschutzvereines legitimierten. Es wurde sestgestellt, daß dasselbe Automobil später zwei Chauffeure, der Unterleutnant Megay MÄ der Oberleutnant K o v a e s, benützten. An dem Orte, wo die zwei Redakteure in dir Donau geworfen wurden, fand man eine Hose mit dem Monogramm D.". Kovacs erkannte die Hose als sein Eigentum, gab jedoch an, daß er diese Hose' gewöhnlich im Automobil ließ und daß sie wahrscheinlich von den Tätern absichtlich am Schauplatz der Tat znrück^laffen wurde. Die Angelegenheit kam heute im Parlament zur Sprache. Abg. Fabian eMärts, die Hose sei eia corpus delicti gewesen, auf Grund dessen man bv Täter hatte entdecken können. Das jüdische Problem — und die jüdische Bewegung: irre ich nicht, so ward Weisengrün von dieser ergriffen, bevor er sich jenes noch recht bewußt geworden war. Man denke nur esr wenig an die Zeiten zurück, an die besondr'cen Treffpunkte jüdischer Gruppen, Kreise im damaligen Wien. Die Schalen um die Parteien, Organisationen waren noch nicht recht hart geworden, oder zerbrachen bei der ersten Berührung jüdischer Menschen mit — jüdischen Menschen. Mochten Gärung und Gegensätze noch so scharf werden unter diesen bunt durcheinander Geschichteten: . Intellektuellen. Arbeitern, Bürgern — es war doch zum ersten Mal, baß man dem Gefühl beS Jüdischen — dem Gefühl vor aller Idee — gemeinsam, ungehemmt Ausdruck geben konnte. Natürlich hatte man seine Oprwsitionen: Zionisten und B.^lkspaille'lrr; 'Anhänger Her^ls und Anhänger Birnbaums; Botksmänner wie PlaMes Vater; Rrogrammat"er wie Hermann Mb auch einen mvstiftben Neutöner, der sich dock? so bell, so klar im Unrnittelbaren zu geben wußte wie Martin Buber. Da man auf neutralem Boden zusammen traf, anch mit Christen zusnmmeutraf, d''e noch nicht gerade Philozionisien le'n mußten, um nicht Antisemiten zu sein, und die Oppositionen hier in die nächsten Nähen rücken konnten, so ging es zwar heutig und h-tzig zu. aber Feindschaft oder auch nur Fremdschaft l'eß man nicht gelten. So war ein Stück vom soziologischen Rahmen der Wiener jüdischen Juaend beschaffen und der jüdischen Beweaung, in der Weisengrün eine bald oft gesehene, öfters noch bekämpf,'« problematische Figur mackte. bei der man sich manchmal fragte, „wo man sie hingeüe'-" sollte. Heute in leicht durchsichtigem Rückblick w'rd man, derlle ich. sagen können: We'^ngrüns Weg zum Jüdischen — sein Eintritt in die Jüdische Volkspartei, sein Uebertritt ins Lager der Zionisten war, um einmal emen seiner Lieblmgsausdrücke zu gebrauchen, sozusagen „die Verlangerungslinie" deZ mehr mit dem Affekt von ihm ergriffenen als ideologisch erfaßten Judentums — so paradox sich! das vom Theoretiker, der er war, anhören mag. Was chn der jüdischen Bewegmrg zugeführt, war — von den mitbestimmenden „Imponderabilien" abzusehen — weder eine sentimentale noch eine besonders romantische „Idee" vom Judentum; eine uaw sprüngliche, fast naive AnschlirßbÄürftigkett an jüdische Menschen brachte ihn in unsere Kreise. An ckhnen ward ihm die „Idee" des Judentums lebendig. So konnte er dann die Parole einer jüdischen Renaissance mit gutem -Gewissehr und gutem Glauben mitvertreten und mitverkünden, ohne an der besonderen Problematik starken, auch nur theoretisch aktiven Anteil M haben. Es wiar seinerseits mehr eine en bloc-Bejahung nationaler Gemeinschaft, ihm selbst genügsam begründet und genügsam gerechtfertigt aus seinem Affett und W'llen zum Judentum. Aber die Theorien, die andere vom Judentum hatten, die gingen ihm nahe, noch näher freilich die Theoretiker selber. Man weiß, 'wFch starke Wirkung zu Zeiten vom einzelnen auf ihn ausgehen konnte. Aber die Selbständigkeit, Selbstsicherheit seiner Natur setzte auch jener Wirkung ihre Grenzen. Die Linie seines nationalen Anteils führte ihn mehr und mehr 'vom Persönlichen zum Sachlichen. Das s'ollte ihm am (krischen Grabe noch mit besonderem Worte nachgesagt werden: wie <er, einer von denen, die mit stärksten Aspirationen von Jugend lier durchs Leben stürmten, in einer Welt, in der nicht bloß die Dinge „sich hart im Raume stoßen", in philo!- sovhischer Selbstbescheidung das Tempo seines Lcbensschrittes immer mehr mäßigte; wie er unbeschadet zseinckr persönlichen Sympathien und persönlichen Gegnerschaften, jenseits von Ehrgeiz, Erfolg und Enttäuschung rein 'fachlich der iüdischen Sache eraeben, ihr aus freiem'Willen tributär tootre: er diente ihr, wenn er genkfan ward; er gab, irenn er anfgefordert wurde. Und waS er empfing, war dennoch nicht wenig, wenn es auch nur Augenblicke waren stärker erfühlten Lebens in. unserer jüdischen Gemeinschaft. Denn mehr als Augeirblicke von dem was köstlich ist, hat dieses Lebe« nicht zu verschen'kerc — ^auch wenn ihm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.