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Wiener Morgenzeitung · 1923-11-11 · Heft 1704 (11.11.1923) · p. Seite 14

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1704 (11.11.1923)
Date
1923-11-11
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Wien, Sonntag Wiener Morger*zeitung. 11. November Nr. 1704 JUGEND zionistische Fugend und zionistische Partei in der Tschecho-Stowakei. Die allgemeine Krise, unter der hier der Zionismus in oen letzten Jahren cchlrtten hat, dokuurentiette sich unter anderem darin, daß die Jugend sich allem, was offiziell den Namen Zionismus trug, fernhielt. Diese Zeit ist vorbei. Der vorletzten Distriktsleitung unter Felix Resek gelang endlich, was fast alle zionistischen Behörden seit dom Umsturz versucht hatten, einen wiMchen Kontakt mit der Jugend herznstellen. Diese war unterdessen ihre eigenen Wege gegangen. Ter Blau-Weiß in Prag war im Jahre 1920 aufgelöst worden und führte von 'da ab ü'm Plast unterirdisches Dasein. Ms er wieder als Techeleth Lawan neu gegründet wurde, war sein neuer Wog vorgezeichnet, der im letzten Sommer auch den Fernstehenden deutlich wurde: Der Blau-Weiß in Prag, mit ihm der gau'e Blau- Weiß der Tschecho-Slowake-i geht den Weg der Chaluzrnt, des PalÄst-ina-ZentriÄnus. Es trafen diese zwei Strömungen zusammen: Die Jugend, die ein festes zionistisches Arbeits- Programm hat, mir dem Entschiluß, es du rchzu führen, unid die Bemühungen des Distriktskomitecs, mit dieser aktiven Jugend in letbond'gen KontM zu kommen. Das Refulltat war, daß Exponenten dieser Man-Weiß-Gruppe selbst Mt letzten Distriktstag vor .zwei Wochen, das Distriktskomitee übernommen haben. Nicht sie allein; es haben auch die alten „bürgerlichen" Zionisten ihre Vertreter darin. Aber deren Funktion ist unwesentlich neben dem aktiven Kern von Chaluzim, die ihr Dienstjahr vor ihrem Abgang nach Palästina in dieser Form erfüllen wollen. Programm des neuen Distriktskomitees: Intensivierung der Palästina-Artbeit durch Schaffung von Zentren für Weichgesinnte, durch einen lebendigen Kontakt mit Erez Israel, Pailäststna-Beilage der „SMstwchr", Arbeit für die jüdische Schule, Heranziehung neuer junger Menschen. Die Hoiffnunas- und vor allem Arbeitsfreude der neuen zionistischen Behörde färbte auch auf die ab, die teils rein zusehend, teils etwas mißtrauisch den Gang der Dinge beobachteten. Von dm Besten unter uns wurde sie mit großer Freude begrüßt. Es ist fetzt endlich, das Problem gelöst, dessen Diskussion noch auf dam letzten Distriktstag einen nicht unwesentlichen Raum einnahm: Inwieweit ist „Zionismus" identisch mit „Zionistische Partei" und inwieweit und worin differieren die beiden? (Wöben der Zionismus" die aktive Jugend für sich in Anspruch nahm nnd die „Partei" den „Bürgern" überließ.) Wir hoffen und erwarten, daß aus der nunmehrigen tatsächlichen Identifizierung dieser zwei eine Neubelebung beider resultieren wird, des ersteren in Quantität, der arideren in Qualität. Prag, 7. November. Ne—. 5. Joschko Karukin. Von R. Ben Shem. Es war eine weiche, süße Palästina-Nacht. Tiefblau war der Himmel. Die Sterne glitzerten bell und verträumt. Die Erde war von steten Regengüssen durchwühlt und weich. Die ganze Atmosphäre atmete leicht, freudig und frisch. Die Winterszeit, die mit ihren langen, strömenden Regen die Menschen kalt, faul und mißmutig stimmte, schuf jetzt zum Entgelt eine wonnevolle, erfrisckende Nacht. Ein leises Windchen brachte von Ferne den Dust der ersten Mandelblüten, der erwachenden Orangen- . bäume und das undefinierbare, harzige Aroma der Zypressen und Zedern. Die ganze Flur wachte. Hinter dem Gestrüpp der Kolonien sammelten sich die Schakale und ihr iailggezogenes, Kindevstimmen ähnliches Gebell war eine nonvendige Ergänzung dieses bunten, eigenartigen, an die Wüste erinnernden Winterabends in Erez. Auf der Bank vor dem Hause des Kolonisten Joschna, in einem kleinen Garten, saßen mehrere kräftige, breite, dunkelhaarige Männer und zwei durch das Weiß ihrer Kleider abstechende Frauen. Es waren dies junge Kolonisten, die zum Plaudern hergekommen waren. Fast eine Woche schon ruhte die Arbeit im Felde des wilden Regens wegen. (!) Dieser Abend rief die Hoffnung auf Wiederbeginn wach. Sie sprachen ruhig und ungezwungen. Die Mandarmenbäume, die Pinien und ein paar Eukalypten, die den Garten bildeten, neigten sich still und rhythmisch zu ihnen hinab. Manchmal zerriß ein heiteres, aber nicht ausgelassenes Gelächter die Stimmung. In der Lust lag etwas Feier^"-" zu denen die Natur in der Gestalt der Arbeit, des Idealunfcr der Gefahren sprach i^u-eu |~i.n unt manchem ihrer Fingerzeige vertraut und gehorchten. Rechts und links beluden sich die zwei Elemente, die ihren Geist beschäftigten, ca sie die Quelle ihrer Hoffnung und Sorge, ihrer Freude nnd Schmerzen waren. Zur Rechten konnte, man das Rauschen des geschäftigen, ewigen Meeres von Jaffa hören, zur Linken ahnte man den greisen, schneegekrönten Hermon, die Ostgrenze des Landes. Bon einer Seite Europa, das nieiewoir von Menschen und lebensfpendenden Ideen, von der zweiten die gelbe Wüste, die Wohnung des Bruderstammes, denen ftemde Volker die Waffe gegen die eigenen Brüder in die Hand drücken wollten. Lange sprachen sie crfreut über die Kraft des ewigen Volkes, gedrückt von der Gegenwart der eigenen Brüder. Da lenkte Jecheskiel, der von der Ferne den Schomer I erblickte, ihre Gedanken in engere Bahnen. Er wollte wiffen, ob er morgen ackern können wird. Das orientalische Tempo und das jüdische Bewußtsein erwachte in jedem einzelnen. | Alle rieten, sprachen, bewiesen, bestritten. Alle behaupteten etwas und alle wußten cs zu beweisen. „Joschko", sagte der ernste, schon ältere Ben-Dur zu einem abseits sitzenden, überaus kräftigen Manne. Er fiel j durch seine härtere .Haut, helleres Haar und Augen auf. ' Alles schaute ihn an. „Joschko! Du weißt es doch besser als wir. Wird man morgen zur Arbeit gehen können?" Auch die Frauen, die teils den Männern zustimmten oder widersprachen, teils mit einander Plauderten, schauten ihn an. „Man kann nicht wffsen. Man sieht nicht den Hermon, man kann nicht wissen", antwortete er. In der Früh erwachte der Tag unsicher und wankelmütig. Wolken zogen hin und her. Winde tvaren unstet. ( Grau lvar noch der Horizont, verschlafen. Ein Paar Pferde \ verließ schon die Kolonie, einen Pflug ziehend. Joschko Karukin zog zur Arbeit hinaus. Die anderen schwankten. noch und überlegten, auch jene, die gestern für das Ackern gewesen waren. Joschko zog aus. Der angeborene, vererbte Natuvinstinkt des russischen Bauern, ' der in Joschkos Blut stoß, ließ ihn zuerst das Nichtige empfinden. Die anderen wollten, bemühten sich, dachten, aber sie fühlten den Puls der Natur noch nicht ganz. Er kannte ihn gut. Joschko, der Ger (Proselyl). der die weiten Steppen Rußlands, das krumme Kreuz in der russischen Muttererde gegen das gefahrvolle jüdische Palästina vertauscht hatte. Die Welt war kalt, das Wetter schlecht, der Regen stark. Schon den dritten Tag strömt« der Himmel unaufhörliche. stürmende Griffe herab. Nässe drang in die Glieder, raubte ihnen de'Lust, den Trieb der Seele, die Freude. Alles. Himmel. Erde, Wasser, Hain, Felder, ja, die Tiere und Menschen schienen teilnahmslos, fremd. Ich irrte außerhalb der Kolonie hemm. Als ich ganz dirrchnäßt war, kehrte ich zuriick. Ich mußte mich erwärmen. Das erste Hans an der Grenze des Dorfes gehört dem Farmler Karukin. Aeuße.rlich war es den anderen in Bau und Stil gleich; ein ebenerdiges, weißes Gebäude mit Ziegeldach, von drei Seiten mit Gärten, von der Hofseite mit einer Mauer umgaben. In den Gärten pflanzte der an Rußlands Wälder gewöhnte Joschko nicht Zedern und Pinien; schlechte Akazien waren des Hauses Schmuck. Ich trat ein. Drinnen herrschte Wärme und Sanftmut. Alle waren von echt russischer Seelenverfaffung und von echtem jüdischen Fühlen und Denken. Man fühlte sich sofort zu Hause, zwischen Freunden und Brüdern. Auf dem Tische dampfte ein großer Samowar, siedend und summend. In einem sonderbaren Gemisch von Russisch und Hebräisch ging die Unterhaltung vor sich. Nur die Kinder sprachen ein reines Hebräisch. Mit der dem russischen Wesen eigenen Berehrungsbedürftigkeit erzählte Joschko von manchen Vorfällen und Zuständen des Landes. Mit mütterlicher Sorgfalt 'behandelte seine Frau meine durchnäßten Kleider. Ich vergaß Regen und Welt, die Stimmung draußen. Da herrscht Liebe, Freundschaft, Seele. Joschko, erzählte mir, wie viel Sinn sein dreijähriges Mädchen für Arbeit und Frucht hat. Es halbe eine gewisse arabische Bäckerei, „Ehalauije" genannt, welche ich immer aus der Stadt, aus Tiberias, mitbringe, sehr gern«; um es öfter genießen zu können, grub das Kind eine Grube, legte einen Teil der ihr letztens mitgebrachten Bäckerei hinein, schüttete sie zu, und begoß nun unaufhörlich mit der Gießkanne die Grube, von per sie viele „Ehalauijes" erwartete. So stelle sich die kleine Karukin die Möglichkeit des Erwerbes durch Avbeit und Fleiß vor. Das Herz wuchs, das Volksbewußtfein hob sich bei Joschko und serenen Angehörigen, zuversichtliche und stolze Reden über Juden und Palästina. Joschko, der „Ger", war der beste Bauer im Do-rfe, der stolzeste Jude und der Besitzer des edelsten „Chajals" (Vollblutpferdes) in der Gegend. Vom Bidellesen. Was man mit dem Buch nicht alles getrieben hat! Sein Inhalt wurde mißdeutet und mißverstanden, einzelne Sätze wurden ausgeschnitten, verstümmelt, zur Stützung verschiedenartigster Lehren herangezogen; es wurde zum .Tummelplatz mystischer Spekulationen und nicht immer wurde es unbefangen betrachtet. Nur die großen Geiste o verstanden seine primitive Naivität und Aufrichtigkeit,' nur sie ergründeten die Tiefe seiner Gedanken nnd Aussprüche, die vielfach zur Grundlage großer Schöpfungen wurden» Uns aber wurde das Buch, sein Geist, fremd und immer fremder. Kein Wunder: Welch entgegengesetzte Lswei Welten! Gäluch und Freiheit, Freinde und Heimat, Herr und Sklave. Auch jetzt noch, in der Epoche unserer Renaissance, steht die Sache nicht viel besser. Die Bibel wird als Lehrbuch der hebräischen Sprache gebraucht. Dies wäre noch zu verzeihen, ist doch die Bibelsprache eine klassische Sprache, die ihresgleichen nicht hat; es ist auch insofern« zu ver-i zeihen, als die Kinder ein viel größeres Verständnis für. die Bibel haben als wir; es wäre auch zu verzeihen, wenn; die erworbenen Kenntnisse zur „Ergründung" der Bibel —; wie ich sie meine — verwendet würden. Aber man lehrtz die Bibel „verstehen", die einzelnen Worte, schwierigen Sätze, Kapitel. Man analysiert, oder richtiger, zerbricht das große Gemälde, von dein uns dann die kleinsten Scherben in den Händen bleiben. Später kommt — wenn sie kommt! — die wissenschaftliche „Bearbeitung": Die historische Einleitung, Kalkulationen über die Zeit des Entstehens; einzelne, schwerverständlichc Stellen werden nach verschiedenen Gelehrtcnmeinungen gedeutet. Aber nach all dem ist und bleibt man der Bibel erst recht fremd! Aber nicht so sollt ihr die Bibel lesen. Ihr müßt euch hineinfühlen, hineindenken, euch in diese Welt hinein versetzen. Beginnet vom Leichteren: Betrachtet Natur und Land. Wie unsere Ahnen dort gelebt haben, was sie zu Hause, imt Feld, in der Stadt taten; wie sie wohnten, sich kleideten, aßen und tranken, kurz: ihre Sitten und Bräuche. Dann gehet zu Schwererem über: Beachtet ihre Charaktereigelnschäften, ihr Gemütsleben, ihre Freude und Trauer, Liebe und Haß. Freundschaft und Feindschaft. Die einzelnen Typen, Gestalten und Helden. Dringet in ihre Gedanken^ welt ein, um schließlich die großen Juden und Menschenauf die höchsten Stufen der Ethik, Prophetie nnd Weisheit! zu begleiten. Und dann die ästhetische Seite, die Sprache, die Poesie der Bibel. Die zarte Liebesglut des „Schir Haschirim", die Wucht des Deborahliebes, Davids Schmerzensausbruch nach Jonathans Tod; Jeremias Zorn nnd Tränen, Jesaia^ ethische Visionen, des zweiten Jesaia väterliche Freude und Zuversicht, Jecheskiels Phantasie. Die Schönheit der partriarchalischeu Erzählung, der Schwung und die Kürze der. Schilderungen der Wüstenwanderung und Landeseroberung, der Heroismus der Richter, usw. — wer könnte das alles nur aufzählen, nur oberflächlich schildern? Dann wird dieses Buch aufhören, ein Buch zu sei«/ das man mit Gclehrtenbrillc und Seziermefser „studiert"«., Ihr werdet es lesen wie ein großes, ewiges Gedicht, das immer schöner zu sein scheint, je mehr wir uns darin ver-< tiefen. Sein Inhalt wird euch nahekommen, die Gestalten, verwandt erscheinen, die Ideen vertraut. Ihr werdet vielleicht manch glücklichen Augenblick erleben, da diese Gestalten wie lebendig vor euren Augen stchen werden, zu euch sprechen wie Mensch zu Mensch, und ihr werdet sie verstehen; ihre Leiden werden die euren sein, ihre Gedanken die euren, ihre Seele die eure . . . Dann wird die Phrasy vom Makkabäerblut, das in unseren Adern fließt, aufhören Phrase zu sein. Der Einzug der Bibel irr eure jungen Herzen und in euren Geist wird ein großes Fest feilt,, eine RüKehr zun Jugend, Freiheit und Würde; eine Rückkehr zum reinen Judentum. Und das ist das Ziel! Der Weg zu ihm ist' nicht weit, auch nicht schwer für alle — die wollen. _ „SmmaitueH." Weisheit des Morgenlandes. Wenn dein Geheimnis der Nil hört, wird eS auch dic Wüste hören. * O. mein Sohn, wenn ein Engel dich ins Eden treiben wollte mit einem flammenden Schwert in der Hand: Du würdest noch bei der Eingangspforte zu entfliehen suchen. * Wenn der Dieb vom Bambus sprechen hört, reibt er sich den Rücken. * Wenn der Tiger zur Fußdecke geworden ist, fürchtet in keiner. * Dar Wolfsfell wird am meisten dort geschätzt» wo das Panlherfell fehlt. * Gin geschenkter Zobel gilt für zwei versprochene Hermeline. ft Der Frosch schnappt wohl nach dem Kamel, aber er Muckt es nicht. » Wenn man aus goldenen Schuhen geht, kann man bis ans Ende der Welt gelangen. * Warne dein Kind vor den süßen Früchten, die bitteren warnen vor sich selbst. ft Wenn du ein DattMaum bist, o Mer, daun ertrag' es, daß du von jedem Narren mit Steinen beworfen wirst. *' Wenn das ganze Dorf deinen Aisten einen Löwen nennt, dann neune auch du ihn so. * Wenn es dü'me Bestimmung ist, eine Nuß zu sein, dann wird es wohl auch dein Los sein, Mischen Avei Steine zu kommen. -i- Besser ist des Löwen Zorn als der Hyäne Freundschaft. * Wenn der Reis nicht wäre, der die Gefangenen '«..vf , entkäme mancher seiner Ges-angenschast. Briefkasten. Das eignet sich nicht zum Abdruck! E. Halt« recnt» tiofa. 'Adressieren Sie an die Zionistische Organisation in Berlin W.. Sächsische Straße 8. für Blau-Weitz-Berlin. 95

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