Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1681 (19.10.1923)
- Date
- 1923-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Elazemnmmer KIOOO Wien: Zum Abholen in der ^^edition,' II«,Taborstr. 1 -3, uder in einer Verschleisstellf (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma Goldschmiedt, I. Bez., Wollzeüe 11. MitPostversänd für Wien u. Oeaterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. P ölen: Mon. Mk. 800.000, Deutschi.: Mon. ost.K 28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Fres. 8 »M* Nachsahlun;«n "ÄS bin Preiierhöhunffen Vorbehalt«» Sr. 1M1 lener Morgtiyejlung Tschecho-SlowaR« tschech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lir«v Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien. II.,Taborstrassei—'3 Telephone: 44-0*38,43*3*19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.- Adr.:„Morgenzeitung" Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Wien, Freitag, 19. Lüaber 1823 5. Jahrgang ZeuWaM innere Krankheit. Las rebellierende Sachsen. — Sie Lebensmitteüatastrodhe. — Mündervnae». ötraßennmuhev nnd Selagernngszvftand! Mische Wähler und Wählerinnen! Wählet am Sonntag nur die jüdische Liste! Die Wahl ist geheim! Vergesset nicht, ein amtliches Jdentitätsdokument zur Legitimierung vor der Wahlbehörde mitzunehmen! Ein jüdischer Wähler, der nicht jüdisch wählt oder sich der Stimmenabgabe enthält, unterstützt unsere Feinde und gefährdet unseren Sieg! Wenn jeder jüdische Wähler und jede jüdische Wählerin am Sonntag jüdisch wählen, ist unser Sieg sicher! Es kommt auf jede Stimme an! Alle jüdischen Wähler und Wählerinnen haben aber noch die Pflicht, alle ihre Angehörigen, Freunde nnd Bekannten aufzufuchen und sie zu verhalten, daß sie unterschiedslos und einheitlich zur Wahl gehen und ausnahmslos ihre Stimmen für die Jüdische Wahlgemeinschaft abgeben. 3m Orkan des Haffes. —y. Wien, 19. Oktober. Die Plakatwände reden eine sehr laute Sprache, auch zu dem ausländischen Beschauer, der hier aus Schrift und Zeichnung erfährt, wie sich die großen wahlwerbenden Volksparteien die Tätigkeit der am Sonntag zu bildenden Volksvertretung vorstellen. Der Fremde ist aus seiner Heimät gewohnt, daß die Parteien, die sich dem Urteil des.Volksgerichtes stellen, in bündigster und eindringlichster Darstellung ihr Programm entwickeln, ihre Auffassung vom Staat in einer kurzen, jedermann verständlichen Formel niederlegen. Wie geschieht dies in Oesterreich und seiner Metropole, der auf ihre alte Kultur und ihren Weltruhm so stolzen Hauptstadt Wien? An den Plakattaseln und den Litfaßsäulen ist dies zu erkennen und zu beurteilen. Da sind sie nebeneinander aufmarschiert: die Sozialdemokraten mit dem Bankjuden, die Christlichsozialen mit dem Gewerkschaftsjuden, die Großdeutschen mit dem Wucherjuden. Aas ist der Kern alles politischen Lebens in Oesterreich, die Selbstenthüllung der geistigen und kulturellen Jämmerlichkeit dieser Führer des Volkes. Nichts an Positivem, Aufbauendem, nichts, was an die Begeisterungsfähigkeit und Opferfreudigkeit des Bürgers appelliert, was zu seiner Phantasie spricht und sein Staatsbewußtsein adeln könnte. Nichts, was ihn mit dem Nachbar zu einer Gemeinschaft des Denkens und Fühlens verbindet, ihm Dank für die verflossenen trüben Tage und Mut für die noch trüberen Tage bringt, die noch koinmen werden. Es wird gar nicht versucht, im Feuer des Wahlkampfes ein österreichisches Volk zusammenzuschveißen, ihm zu sagen, daß es in der Sorge um den Aufbau des Staates alle schaffenden Kräfte ermutigen müsse, daß es zur höheren Einheit des Volksstaates gelangen müsse, in der über allen Parteiunterschieden doch das Gemeinsamkeitsonrpftnden steht. Nein. Die Parteien haben in ihrer geistigen Oede, in der schäbigen Langweiligkeit ihrer ausgeleierten Pvogrammühlen eine einzige Parole gefunden, die außerdem nicht neu ist, sondern von dem Schimmelpilz jahrtausendealter Demagogie überwuchert. Uitd diese Parole tragen sie in dreckiger Selbstverständlichkeit wie eine Standarte vor sich her: Jud! Jud! Jud! Da sind sie nebeneinander aufmarschiert. Die Sozialdemokraten, die Partei des internationalen Empfindens, das den Nationalismus überwinden soll, die Partei, die die Geistigkeit gepachtet hat. Gibt sie, so wie es Marx und Engels und Lassalle sie gelehrt hoben, dem müden und in der Tretmühle der eisernen Teufel stumpf gewordenen Volk die befreiende Hoffnung auf die übermächtige, jeden Widerstand zermalmende Vereinigung aller Bedrückten und Gefolterten? Nein. Nieder mit den Juden! Die stellt sie genau so dar, wie sich eben der kleine Franzl oder Seppl die Juden vorstellen: feistes Gesicht, dicken Bauch und redende Hände; oder ein RaÜbinerornat; oder mit Hängelocken, Kaftan und wehmütig gebogenen Füßen. Die hohläugigen und hohlwangigen, vom Hunger ausgemevgelten Gestalten derjüdischen Studenten, die der völkische Haßgesang des Numerus clausus aus den Lehrstätten' treibt — die zeichnet der Parteikünstler nicht. Damit das Proletariat mchts.Von ihnen exfahre. Die Auffassung in Berlin. * Berlin, 18. Oktober. (Tel. d. „Wr. Morgeuzeituug".) Die Blätter besprechen sehr ausführlich die in Sachsen entstandene Spannung und fordern übereinstimmend, das; s ch n ell e t wäs g cs ch eh e, damit keine Gefahrfürdas Reich entstehe. Aus der Tatsache, daß General Müller keine eigenen Schritte unternehmen, sondern von Berlin Weisungen erbitten will, schöpft man die Hoffnung, daß es möglich sein werde, auf den Weg von Verhandlungen zu gelangen, mn zu erreichen, was, wie die Rassische Zeitung" meint, erreicht werden muß: die unbedingte Sicherung der .Rechts- und Staatsordnung in Sachsen und die G e w ä h r s ü r die Unterordnung auch der Kommuniste n unter die Pflicht, die sie mit der Uebernvhme eines Amtes innerhalb der deutschen Republik aus sich genommen haben. Der sächsische Konflikt wird dem Reichswehrminister vorgelegt. Dresden, 18. Oktober. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) General Müller hat dem sächsischen Ministerpräsidenten Dr. Zei g ner, der es abIehnte, auf. das Ult:--- matum des Generäls 'zu ^ant'dorten, Heute' mittags ein S ch r e i b e n übersandt, worin er erklärt, daß er die Angelegenheit zur weiteren Erledigung dem Reichs wehrmini st er - unterbreitet habe. Ein sozialdemokratischer Zivilkommissär für Sachsen. Berlin, 18. Oktober. Wie die Blätter von zuständiger Seite erfahren, ist der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Richard Meier (Zwickau) zum Zivilkommissär für den Wehrkreis 4 ernannt worden. Ein Konflikt zwischen Bayern und Sachsen. München, 18. Oktober. Auf die Mitteilung der sächsischen Regierung über eine geplante Neubesetzung der sächsischen Gesandtschaft in Mnchen hat das bayrische Staatsministerium des Aeußern dom sächsischen Ministerium für Aeußeres geantwortet, die bayrische Regierung sei, solange die Kommunistische Parie.i in der sächsischen Regierung vertreten sei, nicht in der Lage, einen neuen sächsischen Gesandten oder Geschäftsträger zu empfangen. Zu gleicher Zeit hat die bayrische. Regierung ihren Gesandten bei der sächsischen Regierung abberufen. Chaotische Lebensmittelpreise. Berlin, 18. Oktober. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Der neue Sturz der Mark hat die stürmische Aufwärtsbewegung der Preise noch mehr gesteigert. Heute morgens befanden sich die Lebensmittel preise in den Markthallen und Warenhäusern in einem geradezu chaotischen Zustande. Eine einheitliche Parole, um wieviel die Preise zu erhöhen ft'en, -mar nicht zu bemerken. Die Preise für die wichtigsten'Lebensmittel erfuhren vielfach eine Verdopplung. Für ein Ei wurden 170 Millionen Mark bezahlt. Neben ihnen die Christlichsozialen. Die Bekenner der Religion der Liebe, die nimmer aufhöret. Auch sie Bekenner einer Internationale, die die Sündhaftigkeit der Menschen durch den Glauben an das Gntk überwinden will. Zwei Monate lang hat diese Partei, die mit ihrer Ehre dem Auslande verpfändet ist, unter den Augen dieses Auslandes sich zurückgehalten und das Maul gehalten. Heute, wenige Stunden vor der Wahl, holt sie die Fahne des Rinnsteins hervor, klebt sie den Juden mit dem Geldbeutel an die Straßenecken. Heute kriegen mit einem Schlage alle Barrierestöcke des Herrn Seipel die Sprache wieder; die reichen Juden haben Geld gegeben und so darf man wieder den großen Pogrom freudig und salbungsvoll besingen. Und in den Chorus stimmen die Nebbich-Gwßdeutschen ein, deren zeichnerische Phantasie übergeschnappt ist: Vox Poincare Trotz der Erregung in der Bevölkerung über die hohen Lebeusmitlelpreise kam es heute zu keinen größeren De- ■ Monstraüonen. Allerdings nähmen die Plünderungen von B ä ck e r l ä d e n ihren Fortgang. Infolge des Steigms der Mchlpveise wurde der B r o t p r e i s auf 660 M i l l i o n e n hinaufg esetzt. Neue Plünderungen. Berlin, 18. Oktober. Wie das berliner Tageblatt" aus Plauen meldet, ist es am Mittwoch neuerlich zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Dein onstranten gekommen. Lebens- und Genußmittelhandlungen wurden von de.r Masse gezwungen, ihre Maren unentgeltlich abzugeben. Die Plaüener Bäcker ließen das Polize-iamt wissen, daß sie gezwungen sein würden, die Herstellung von Backwaren e in zu st e l l e n, falls ihnen nicht größerer polizeilicher Schutz gewährt würde. Auch in Berlin nahmen die Plünderungen von Bäckerläden ihren Fortgang. So sind gestern äbends in Köpenick, Steglitz .und Lichterfeld Bäckerläden ausgeraubt worden. Auch hier droht die Gefahr einer Einstellung der Brotversovgnng. Berlin, 18. Oktober. Heute kam es irn Norden und Osten v on Berl in erneut zu Ausschreitun-g en. Trupps von halbwüchsigen Burschen verlangten in LebtznSmMMMM »k- Von Waren. Einige von ihnen konnten festgenommen werden. Bor einigen anderen Läden traf die Polizei ein, ehe es zu Plünderungen kommen konnte. Eine Gruppe von etwa 100 demonstrierenden Frauen und eine Ansammlung von Fürsorgeempfängern, die Brot verlangten, wurden von der Polizei mühelos zerstreut. Ausnahrnszustand über Mannheim. Mannheim, 18. Oktober. Infolge der Unruhen der letzten Tage hat der badische Innenminister über Mannheim den Ausnahmszustand verhängt. Erhebliche Telle der Arbeiterschaft haben die Aufforderung einer Betriebsräteversamnllung zu einem 24 st ü ndigen Generalstreik befolgt. Gestern kam es im verschiedenen Stadtteilen zu Zusammenstößen mit der Polizei, deren Eingreifen zwar nicht Sachbeschädigungen, aber Plünderungen verhütete. Bei der S ä u b e r u n g der Straßen wurden zahlreiche Personen verwundet. Die Unruhen haben auch eine Reihe von Todesopfern gefordert. Reichskredite von englischen Banken. London, 18. Oktober. Wie „Evening Standard" meldet, habe die Reichsregierung Lei Londoner Banken langfristige Kredite von mehrere« tausend Pfund Sterling znm Ankauf von Kohle erhalten. Stinnes verhandelt weiter mit Degoutte. Berlin, 18. Oktober. Wie die Blätter melden, nehmen die Verhandlungen in Düsseldorf zwischen Hugo Stinnes und den Ruhriudustriellen mit General D eg o n t t e ihren Fortgang. Nach Blättermeldungen besteht bei den Ruhvindustriellen die Absicht, ihre Arbeiter wegen Geldmangels auszuspxrren, falls ihnen nicht von seiten Frankreichs ein Entgegenkommen gezeigt werde. und den Senegalnegern tanzen jüdische Milliardenwucherer. Ach, nein, es tanzt der Stinnes und der Voegeler und der Otto Wolfs und der gesamte Heerbann vom Hakenkreuz. In diesem Trommelfeuer der Gemeinheit stehen die zweimalhunderttansend jüdischen Menschen Wiens, steht ihre Wahlgemeinschaft, dis sie alle, alle an die Urne ruft. Wir haben keine andere Wehr gegen die Orgie des Hasses, die gegen uns tobt, wir haben keinen Revolver, keinen- Gnmmiknüttel, keine Drcchtschlmge. Wir Huben den tausendfachen Schimpf erduldet, ihn nicht mit Schimpf beantwortet. Wir haben nichts als den Stimmzettel. Indische Männer und Frauen! Auch der Stimmzettel ist eine Waffe, und sogar eine sehr Wehrt euch! Wählet übermorgen jüdisch!