Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1678 (16.10.1923)
- Date
- 1923-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980759--16446-3003361- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ElnzBlnommerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,IUTaborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Strassenverkauf!n Wien dyreh die Kolporteure der Firma GoIdschmiedt,I,Bez., Wollxeile 11. Mit Postversand für Wien n. Gestern monatl. K 28.000 Tscheeh o-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk. 800.000. Deutschi.: Mon. ost.K 28000. F rank;., Belgien: Monatl. Fres. 8 QV Naefasahlusrefl *WI bei Preiierhöhunven Vorbehalte» Nt. 1678 teuer tsdiechoeSlewakai: tscheeh. K 1.- Italien: Monatl. lO Ure, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II„ Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ■ ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 T el- Adr.: „Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postspar6 kassen-Konto Nr. 150.693 Kien, Dienstag. 18. LVober 1923 S. gahrgang London, 15. Oktober. (Tel.-Komp.) „Daily Herald" teilt mit, daß nach einem in London kursierenden Gerücht die englische. Regierung die . Ausgabe, einer internationalen Anleihe zugunsten Deutschlands vorzuschlagen beabsichtige. Der Ertrag der Anleihe Vierde für die Bezahlung der Repa« rationen bestimmt,-aber nur unter der Bedingung, daß das Beschmrgsstatut im Ruhgebiet und im Rheinland bedeutend gemildert wüÄte. London, 15. Oktober..(Del.-Komp.) Man teilt mit, daß die Erörterung-der Reparations- und Ruhrfrage durch die Reichskonferenz, die ursprünglich am'heutigen Tage erfolgen sollte, auf ein noch nicht - bestimmtes Datum verschoben worden ist, da die Delegierten die Absicht geäußert haben, zunächst die Entwicklung der Dinge im besetzten Gebiet abzuiwarten. - Brüssel, 15. Oktober. (Tel.-Komp.) Die belgische Regierung hat. ihren Vertreter in der Reparationskommission Delacroix beauftragt, der Kommission unverzüglich die belgischen Monopolvorschläge zu unterbreiten. Diese Instruktion ist auf Grund der Zustimmung der'alliierten Regierungen zu einem in den letzten Tagen gemachten belgischen Vorschlag erfolgt. Ei« neuer Schritt Deutschlands in Paris. Paris, 15. Oktober. (Tol.-Komp.) Dem „Petit Journal" zufolge steht ein neuer Schritt des putschen Geschäftsträgers in Paris, der auf die deutschen.Sachleistungen Bezug hat, bevor.? , Schaffung eines engeren Kabinetts. Berlin, 15. Oktober. Wie die Expveßkorrespondenz mitteilt, beabsichtigt Reichskanzler Dr. Strosemann die Schaffung eines engeren Kabinetts, welchem der Reichsfinanzmmister.. der Reichswirtschaftsminister sowie der Reichsinnenm'inister angchören sollen. Ebert verzichtet auf seine halben Zulagen. . Berlin, 15. Oktober. (Tel.-Komp.) Wie die Blätter melden, hat der Reichspräsident in einer Zuschrift an den Reichskanzler mitgeterlt, -daß er im Hinblick auf die Finanzlage des Reiches und den Ernst der Zeit- Verhältnisse bis auf weiteres auf die Hälfte der ihm nach dem Reichshaushaltungsplan zuftehendeN Aufwandgclder verzichtet. Lebensmittelkrawalle in Berlin. Berlin, 15. Oktober. (Tel.-Komp.) .In mehreren Teilen der Stadt kam es heute nachmittags zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Erwerbslosen, die in.Lebensmittelgeschäfte eindrangen und u. a. Bäckerladen plünderten. In einzelnen Fällen wurde die Polizei angegriffen, so daß sie von der Schußwaffe Gebrauch machen müßte. Plünderungen in Neu-Kölln und Schöneberg. Berlin, 15. Oktober. (Wolff.). Heute Vor-. und Nachmittag ' wurden , in den Stadtteilen' N e u - K ö l l n und Sch öneb e rg mehrere Bä ck e rläden geplündert. Zusammenrottungen von Erwerbslosen 'wurden durch die Polizei auseinandergetrioben. In Schöneberg mußte eine.Akenge von etwa 5000 Personen, welche eine.außerordenMche EvwevbslvseMl.nterstutzu.ng verlangte und das M Rathanse plündern wollte, von der Schutzpolizei mit blanker Waffe zerstreut werden....... - Die kommunistischen Hundertschaften in V,,s Berlin, 15. Oktober., Wie die' Blätter hövm, betrachtet die Rsichsregierung das Verbot der proletarischen Hundertschaften in Sachsen durch 'den Oberbefehlshaber des Wehr-, kreiskommandos 4 als r e ch t s g ü l t i g. Die Reichsregieru!ng werde dafür sorgen, >daß Ruhe und' Ordnung in Sachsen aufrecht erhalten bleiben. Nötigenfalls werde sie dies durch Verstärkung der Wehrmacht zu erreichen suchen. Jas faszistische Mordkomplott in Rumänien. Geplante Attentate und Sabotageatte in alle» größere» Stödten. Sie Lnegerei und Ihr Wider. m r. Wien. 16. Oktober. Nicht nur Bücher, sondern auch Parteien haben ihre Schicksale, das der Sozialdemokratie erfüllt sich nun in allen Staaten der Welt. Nachdem sie infolge des Umsturzes zur politischen Vormacht in den meisten Ländern Europas emporgestiegen war, hat sie sich, während ihre Vertreter in den Regierungen der verschiedenen Staaten saßen, rasch verbraucht. Sie hat den Gipfelpunkt ihrer Entwicklung längst überschritten und seit etwa zwei Jahren zeigen sich die Symptome eines rapiden Verfalles, der sich vornehmlich in einer MassenftuM der enttäuschten-Mitläufer zeigt. In der Tschecho-Slowakei haben vor wenigen Wochen die Gemeindewahlen die Größe dieses Verfallsprozesses ziffernmäßig erwiesen und im Deutschen Reich bewahrt nur noch die Unmöglichkeit, in den gegenwärtigen Wirren Wahlen durchzuführen, die Sozialdemokratie vor der sicheren Niederlage. Ganz anders in Oesterreich. Hier haben sich die Sozialdemokraten in dunkler Vorahnung der kommenden Wendung beizeiten aus der Regierung weggeschlichen und der drohenden Flucht der Anhänger durch eine hemmungslose Agitation vorzubengen gesucht, obwohl cs ihnen doch klar war, daß auch Oesterreich nicht die einzige rote Insel in Mitteleuropa bleiben kann. Da in den österreichischen Ländern jedoch, 'ungeachtet aller agitatorischen Anstrengungen, die Abkehr von der Sozialdemokratie rapide Fortschritte machte, so konzentrierte die Partei alle ihre Widerstandskraft auf Wien, das sie unter allen.Umständen hasten will. Mag man dies auch begreiflich fuiden, so ist die hierher in Anwendung gebrachte Methode unerträglich-geworden, geht sie doch darauf aus, alle Gruppen in. diesem Staate, die sich bisher noch gegenüber den großen Parteien ihre Selbständigkeit gewahrt haben, zur Kapitulation und zur bedingungslosen Gefolgschaft zrt zwingen. Mit Zuckerbrot und Peitsche, mit einer beispiellosen Demagogie und erstaunlicher Verdrehungskunst hat sich diese Partei vornehmlich an die Wiener Judenschäft und das freiheitliche Bürgertum hevangemacht. Und nun, da alle Verlockungen nicht verfangen, da die österreichische Judenschaft in der Sozialdemokratie nicht den Hort der Freiheit, die Beschützerin der Gleichberechtigung und die Zuflucht aller Bedrängten erblicken kann und darum ihr Haus durch jüdische Vertreter bestellen läßt, kommt der wahre Charakter der österreichischen Sozialdemokratie, dieser Kari-' katur auf den Sozialismus, erst zum Vorschein. Es ist das Schicksal der Sozialdemokraten in Oesterreich, daß sie, im Kampfe gegen Dr. Lueger groß geworden. nunmehr seine Bahnen wandeln müssen. Ihre Führer haben es Lueger abgcguckt, wie er räusperte und spuckte, wie er eine Bevölkerungsschichte gegen die andere ausspieltc, wie er die kleinen Politischen Gruppen brutalisierte, wie er das Wahlrecht si'ir die Gemeinde seinen Bedürfnissen anpaßte und wie er über Wien die Herrschaft einer Maffia aufrichtete, deren einzige Sorge und einziger Zweck cs war, sich an der Herrschaft zu halten. Das Werk Luegers wurde durch Dr. Geßmann vollendet, der die letzten Reste der Freiheitlichen. Wiens niedertrampelte. Und wenn heute in. die jüdischen Wählerversammlungen Abteilungen des Republikanischen Schutzbundes eindringen und das Argument des Knüppels anwendeli, so haben sie ihr Vorbild in den Viehtreihern von St. Marx und den Simmeringer GasaiLeitern, welche die Lnegerei einst, gegen alle freiheitlichen Versammlungen in Wien wüten ließ. Heute heben die sozialdemokratischen Führer das in den Kot gefallene Banner der Luegerei wieder ans.und suchen mit-, den Phrasen des „Volksmannes" wieder den engstirnigen Spießer zum Kampf gegen das Judentum aufzurnfen Kein Geringerer als Dr. Renner klagt in der. „Revue ' der österreichischen Sozialdemokratie",: „Der Kämpf gegen das mobile Kapital ist eingestellt, gerade das mobile Kapital ist Trinmpf und - der Giftbaum - der Börse gedeiht wie der heilige Oelbanm." Er singt dem früher von ihm so heftig bekämpfte^ Lueger folgendes Loblied: „Wie tatkräftig hat Dr. Lueger sein Wien vor dem Fremdkapital beschützt, mit welcher Leidenschaft, hat er die englische Gasgesellschaft aus Wien hinausgeworseu." Und nun wirst er den Christlichsozialen vor, daß sie dem fremden Kapital möglichst große. Stücke des Volksgutes, w selbst der Privatunternehmungen pfeisgeben, jÄ>e neue Verschuldung an. die Fremden werde triumphierend gefeiert als ein Akt. der Rettung. „Wer aber sind diese Fremden, die Heihbringer und Wundertäter?" fragt Dr. Renner und anttpoxtet selbst: „Es'ist Bukarest, 15. Oktober. (TeL der „Wr. Movgenztg") Die vom General N i c o l e a u u geleitete Untersuchung in der Affäre der faszistischen Verschwörung bestätigt, daß sich das Komplott nicht nur gegen die Mitglieder des. Käbincttes richtete, sondern über das ganze Land verzweigt war. In zahlreichen Städten, unter anderen in Jassy, Cluj (Klausenbnrg), P l o c st i, wurden V e r- Haftungen vorgenommm. In Cluj war die E r m o rdung einiger Universitätsprofessoren, und Führer der Minoritäten geplant. Mehr-.'re Verschwörer haben sich in Automobilen geflüchtet. Die Untersuchung führte auch zur Entdeckung einer terroristischen Sektion Siebenbürgens. . Ebenso wurde in - Czernowitz ein t e r r o r ist ischer Hand st reich geplant. In allen größeren. Provinzstadten . hätten gleichzeitig Attentate durchgeführt werden sollen. Den Putsch hat die über ganz Rumänien verzweigte faszistisch-antisemitische, meist aus Studenten gebildete „Liga erestina" vorbereitet. Das Attentat a u f d i e Kabinettsm i t g l i e d e x hätte in der Weise durchgeführt werden - sollen, daß sich eine Deputation der Liga mit dem ver- | hafteten C odreanu an der Spitze im Mnisterpräsidium I anmelden lassen wollte, ■ um den ' Ministerpräsidenten' Bratia n n ein Ges uch zu überreichen.- Bei dieser' Gelegenheit hätten Brätianu und sechs Mitglieder der Regie- -!rung erschossen werden sollen. Mit Revolvern oedasselbe mobile jüdische Großkapital, das zu bekämpfen' ■ der kindischen Vorgänger Lebensberuf gewesen war." Der erste Staatskanzler der Republik resümiert sein Urteil über Dr. Seipel: „Es ist der Judenliberglo in der Soulaue, der die Christlichsoziale Partei führt." , Wenn iu dieser Art von de nt Führer der Sozial' demokraten der Ton angegeben wich, dann kann es nicht wurtdernehmen,. wenn die kleineren Agitatoren auch restlos sich des Jargons und der Methoden der Luegerei bedienen, wenn die Sever " und Müller eseinem waffnete Studenten hätten unterdessen die Türen des Konferenzsaales bewacht. Diese Mordtat sollte auch das Signal zur Ermordung einiger Bukarester jüdischen Bankdirektoren und Journalisten sein. Unter den Verhafteten befindet sich auch der Vater des Studenten Codreanu, ein Universitätsprofessor in Jassy. Bei dem bekannten Professor Cu za wurde eine Hausdurchsuchung vorgenommen und' belastendesAktenmäterial konfisziert, b e l a st e n d e s Aktenmaterial konfisz i,e r t. . Der Ministervat beschloß die strengsten Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe. Anläßlich der Eröffnung des Parlaments wurde ein besonderer Ueberw achungsdienst eingefithrt. Der'Eintritt in die Kammer ist für das Publikum gesperrt und nur besonders legitimierten Personen gestattet. König Ferdinand ließ sich über das Ergebnisder Untersuchung eingehend Bericht erstatten. Ekrasitfunde. Der „Di-mineatza" zufolge, wurden in Bukarest große Mengen,E k r a s i t gefundett und beschlagnahmt, die voll beit Attentätern zu Sprengungen v o r b cr'e itet waren.. Die rumänische Faszistenörganisation und die Frontkämpfervereinigung leugnen jeden Zusamttn'enhang mit pem. Komplott. Die Regierung fahndet nach den m o r a l i s ch e n' U r h e her n der Verschwörung. Ein bekannter Bukarester Rechtsanwalt, wurde verhaftet. Mechaniker Schneider gleich zu tun trachten und wenn überall dort, wo den Sozialdemokraten die jüdischen Kandidatnren unangenehm sind, die Taktik der Vielitreiber von St. Nkarx zur Anwendung, kommt. An die 25 Jahre hat die schwarze Lnegerei in Wien ihr Unwesen getrieben, jetzt ist sie durch die rote Lnegerei abgelöst worden. Dem jüdischen Wähler wird darum die Entscheidung nicht schwer fallen, er wird weder' rot noch schwarz wählen, sondern fiir die Jüdische Wahlgemeln-' schaft stimmen