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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-07 · Heft 1669 (7.10.1923) · p. Seite 13

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1669 (7.10.1923)
Date
1923-10-07
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Sk, MS - - Men, S-Mtag Wiener Moraenzeitung. 7. ÖSkm 1923 «Me 18 Gestatten aus Palästina. j Von R. Ben-Shem. 4. Raschid (ein Beduine). Scharenweise zogen braune, kräftige Männer, mit Säbeln, krummen Messern und Gewehren bewaffnet, von den Horanbergen ins Jordantäl. Es waren Beduinen aus der . großen Stämmefamilie Chatil, die ausgezogen waren, den Tod ihres Stammesbruders Ahmed an dem kleinen, aber verwegenen Stamme, der in den Bergen bei Beth-Dschen hauste, zu rächen. In der Luft konnte mail Blut riechen. In der ganzen Umgebung herrschte eine Stimmung von Todesnähe. Gomb (Blutrache) spürte man ringsum. Die Sonne stand tief im Westen, unweit des Meeres, in dem sie abends ihr Haupt untcrtaucht. Die unruhigste Tageszeit, die Zeit der Ueberfälle und der Verstecke. Im Wadi Fidschas — eine tiefe Schlucht zwischen zwei hohen Felsenmauern — herrschte Stille, unheimliche Ruhe. Eine Seite war schon ganz in Dunkel gehüllt, die zweite glänzte noch hell mit ihrem nackten Gestein und den wilden, dichten Sidrijoth (Dorngestrüpp). Hinter einem Gestrüpp blitzten zwei glühende Augenpaare und warteten zwei Gewehre. Zwei Beduinen hatten sich hier versteckt, um die Rückkehr des tapferen Raschid — der im Aufträge seines Stammes auskundschaften gefahren war — zu erwarten. Lange warteteil sie schon, gespannt und lauernd. Plötzlich erbebten sie. Am Eingänge zur Schlucht erschien ein prachtvoller Rappe. , Auf seinem Rücken saß ein brauner, schwarzäugiger, stämmiger, breiter Mann. Sein Gesicht war edel, die Züge scharf. Seinen Kops deckte eine Kefija (Tuch), umwunden von zwei schwarzen Agalen (Zipfeln). In einer .Hand h^elt er die Zügel, in der zweiten . die Flinte. Je'e seiner Be reguilqen verriet Kraft, Mnt unl) wilde Männlichkeit. Prächtig glänzten Tier und Reiter in der uutergehruden Soma. Plötzlich wieherte das Pferd leise, spitzte die Ohren, hob hoch den Kops, wie wenn es stiueu. Herrn schützen wollte. Es ahnte die Gefahr. Ein Zucken durchzog seine feingebauten Glieder. Raschid hielt an und sprailg vom Pferde. Ec vernahm nichts. Er legte sein Ohr an die Erde. Nichts. Er sprang auf und schoß wie ein Pfeil davon. Aber gleich hob das Pferd den Kopf in die Höhe, schnaubte tief und fest. .Ein Abkömmling einer vollblütigen Nasse, dessen Ahnen .tausende Gefahren erlebt hatten, glühte es schon voll Un°> .. geduld der Gefahr entgegen. Jede Ader zitterte. Der sehnige ^,Ha1s, der edle Kopf, der vrachtvolle Rücken und die schlanken Beine waren, in fieberhafte: Spannung. Auch Raschids Be- . duineninstinkt erwachte. Er fühlte die Gefahr. Er überlegte. Nein, er durste nicht zurück, seine Brüder erwarten seine Botschaft. Er bückte sich zum Halse seines treuen Pferdes und schoß wie ein Blitz davon. Da zerrissen die Lust zwei andere, kleine, todbringende Blitze. Die Beduinen aus dem Versteck feuerten ab. Das Pferd berührte fast nicht mehr den Boden. Ta krachten noch zwei Schüsse. Eine Kugel stack im Ha'se des Twres. Raschid krampfte sich das Herz zusammen. Aber das Tie: schien es nicht zu achten. Es lief, es floh noch. Plöülich zuckte es, stieß ein Stöhnen aus und fiel auf die vorderen Beine. Raschid sprang herunter, das Roß stürzte. Die Beduinen, schrssen jetzt wuchtiger. Raschid versteckte sich hinter seinem Pferd und schoß. Aber er fehlte. ' Seine Hand versagte vor Schmerz. Jene zielten gut. Schon stacken zwei frische Kugeln im Leibe des zuckenden, geliebten Tieres. Raschid gingen die Kugeln aus. Er erhob sich. „Selemin" (Männer, Ritter), schrie er. Sie hielten im Schießen inne. Er warf sein Gewehr zu Boden. „Ich bin jetzt unbewaffnet. Ihr werdet doch keinen Wehrlosen töten." Du hast noch dein Seif" (damaszenisches Schwert). „Komm'!" Wie eine Furie stürzte Raschid auf einen der Beduinen, der ihm entgegenlies. Der Dritte blieb stehen. Es ist nicht Art der echten Beduinen, zwei auf einen zu gehen. Tapferkeit soll den Sieg davontragen, aber nicht die Menge. Raschid schaute sich nach seinem noch zitterden Pferde um .und hieb wild. Kein Fühlen, kein Denken. Schon war die Hand seines Gegners abgehaut. Bevor jener den Säbel in die zweite Hand nahm, durchstach ihm Raschid das Herz. Und der blutig untergehenden Source gesellten sich zwei blutende Wesen, das röchelnde Tier und der sterbende Mensch. Und bitter war der Schinerz der harten Männer, des einen um den Freund, des zweiten um sein Tier, feinen Gesellen. * Zwischen Bergen, in kleinen, schmalen Tälern, die km winziges Wadi durchfurcht, hatte seine Zelte aus kamel- und ziegenhaarigem Stoff ein kleiner Bedninenstamrn. Ter Wind bließ und bewegte stark die flatternden Decken der offenen Zelte. Die grauen, scharfzähnigen Hunde hielten Wacht und verwehrten jeden Zutritt. Aus einem breiten, bettartigen Gestell lehnte Raschid und rauchte eine Nargileh (Wasserpfeife). Sein junges Weib kam eben von den Bergen, wo sie Dornen und etwas wildwachsendes Gemüse gesammelt hatte. Sie hatte draußen ein Feuer gemacht, um die Kräuter zu kochen. Sie trat ins Zelt... Ihr Blick ruhte ans ihm voll Äebe und Zärtlich^. Er ließ sich Hände und Füsse waschen, ohne sie anzuschauen, hart und kalt. Aber Raschids Herz war weich und edel. Nur galt die Zärtlichkeit nicht seinem Weibe Rachimah. Die glühäugige, schlanke Dschemeilah, die Tochter des Scheichs, hat es ihm angetan. Nur kann sie nicht sein werden. Ihr Vater hat sie schon dem Scheichsohn Salem, einem Verwandten Kamll Efendis, versprochen. „Raschid", sagte ich ihm einmal, „geh' weit von hier, geh' in die Dörfer, Städte, arbeite, verdiene Geld und werde reich, da wird der gierige, alte Scheich dir vielleicht seine Gunst nicht versagen." Raschied erhob sich. Sein Auge, das manchmal Freundschaft, Achtung für mich hatte, drückte jetzt unsägliche Verachtung aus. „Ich soll zu den Arabern, zu den Fellachin (Bauern) gehen. Ich, der Sohn Dauds ibn Said ibn Ahmed Attawili, der ewig frei und wild, reif nur zu Mord und Rache, dem offen stehen Berge, Wüsten, Wälder, soll hingehen zu den Sklaven ihres Ortes und ihrer Wohnung. Die immer an ihren Platz gebunden sind, dort sterben, wo sie leben. Ich will ein Schater (Held) werden, wie Said, mein Großvater, und dann soll sie mein sein. Anders wäre sie mir wie Feuer im Regen, wie ein Goldklumpen einem in der Wüste Irrenden, wie ein Edelpferd einem Weibe." Ueber das Lerne«. Wer etwas lernen will, der muß dazu drei Gaben, Von oben her, aus sich und auch von außen haben. Die F ä h i g k e i t, die L u st und die Gelegenheit, Die drei, wo fehlen, kommt im Lernen der nicht weit. Zum Lernen Fähigkeit muß Gott dir selbst verleiben, Weil int fruchtbaren Grund Fruchtlorner nur gedeihen. Die Fähigkeit ist tot, wo sie nicht wird zum Triebe. Zum Lernen treiben nmß dich eigne Lust und Liebe, Dann muß Gelegenheit von außen zum Besuch Dir kommen in Gestalt von Lehrer oder Buch. Fehlt «n der Nähe die Gelegenheit, zu lernen, Der Trieb, zu lernen, wird dich treiben in die Fernen. Und jode Fähigkeit ist selbst ihr eigner Trieb, - Und also sind sie eins, die ich als drei beschrieb.. ♦ ♦ ♦ .Die., stand put, deyr^Dystor Per Arzt sah . die juuge .Frau,an. Ihre Augen.; waren-gerötet vom Weinen. „Mut, liebe, gnädige, Fraultz Hagte-en-Di« Augen aber sprachen anders. Sie hörte einige Worte, und ihr Ja war die Antwort auf etwas, was sie nicht verstanden hätte. Wie ein Schleier lag cs über ihrem Inneren. Trotzdem beobachtete sie genau. Sie sah seine Miene, die die gegenteilige Meinung der gesprochenen Worte ausdrückte. Ein wenig letzte Abendsonne lag in dem kleinen Raum. Der Mann nahm seinen Hut und Mantel vom Haken. Er küßte ihr die Hand: „Leben Sie wohl, gnädige Frau. Nur Mut!" Seine Augen hatten bis zuletzt seine Rede verneint. Er war noch zu jung, um sich schon so gut verstellen zu köunen. Ein dünnes Stimmlein aus dem Nebenranm ries: „Mama!" „Gleich, Bubi", gab-sie zur Antwort. Sic fuhr mit der Hand über Augen und Stirne, als wollte sie die Gedanken wegwischen. Ja, wenn die dort säßen! Die hatten sich tief im Gehirn festgebissen und ließen sich nicht verscheuchen. Das focht sie nichts an. Bubi brauchte ja eine lächelnde Miene- Bubi, der noch immer an seine Genesung glaubte. Sie hatte anfgehört zu hoffen. Man brauchte ja bloß den Körs.>er des Kleinen zu sehen. Wie war der vom Fieber geschwächt! Was aber ins Herz schnitt, waren die Augen. Die brannten und wußten zu erzählen vom nahen Tode. Wenn ein Kind stirbt, flüchtet sich die ganze Lebensschnsucht in die Augen, als ob die noch die Kraft hätten, die Welt, die ganze, große, bunte Gotteswelt mit ihren Lichtern und Schatten zu schauen und zu erleben. Das ist die Tragik des Kindersterbens, daß die Augen zehnfach, hundertfach leben und sehen wollen. Sie ging ins Zimmer. Auch hier waren die letzten Sonnenstrahlen, aber mehr goldener und sehnsüchtiger. Es war, als ob sie ihren Glanz den Augen des Buben abgeguckt hätten. Der Kranke richtete sich halb auf: „Mamy, gelt, der Doktor hat gesagt, daß ich wieder gesund werde?" Die Antwort tat ihr weh. „Ja, Bubi, in ein paar Tagen bist du wieder gesund." Der Bub sinnierte eine Weile. Dann sagte er: „Mämy, dann lauf' ich den ganzen Tag auf der Gasse herum." Etwas in ihrem Inneren brannte. Sie fühlte den Schmerz der kindlichen Rede fast körperlich. Sie mußte sich aber zu einer bejahenden Antwort zwingen. Allein, bevor sie dazu kam, plapperte das Kind weiter. Schnell sprach es, als ob die Worte noch gerodet werden müßten, bevor es zu spät sei, bevor er nicht mehr sprechen könne, daß es Menschen verstehen. „Den ganzen Tag lauf' ich auf der Gasse herum, Mutter. Dann trag ich aber nicht mehr den dummen Matrosenanzug, auf den ich so achtgcben muß." Die Anrede traf sie wie ein Peitschenhieb. Mutter cv gcia.-si. Zinn ersten und viell-icht zum l-tzten Male Mutter. Dar sie ihm denn eine gewesen? Streng gab |v sich Rechenschaft, und die Antwort war ein Nein. Ein höhnisches, kaltes Nein. Eine Mama hatte sie Hm abgegeben, eine Mama, der es nicht bewußt worden war, welches unendliche Glück ein Kind bedeutet. Eine bittere Reue zog in ihre Seele. Das Kind verlangt mehr! Es will die Mutter! » Sie sah in die Stäubchen, die im Glanze der Sonne flirrten und spielten. Eine Mutter . . . Sie beugte sich! hinab und küßte den Buben. Der sah sie verwundert an: „Was ist denn, Mutti?" Diesmal tat ihr das Wort unsäglich wohl. Sie tat einen tiefen Atemzug, wie wenn sie plötzlich von einer schweren Last befreit worden wäre. Doch das Gefühl der Be-« sreiung dauerte nicht lange. Drückend kam es ihr zum Bewußtsein, daß ja ihr Kind krank sei, schwer, vielleicht — die innere Stimme sagte es wenigstens — tätlich. Ihr ward Angst. Sie meinte den kalten Hauch des Todesengels zu spüren, der an ihr vorüberschritt, stumm, nur mit einem! Blick der Verachtung. Sie fror. Die Sonnenstäubchen beruhigten sie ein wenig. Es war, als ob von ihnen eine: Kraft ausginge, die die Angst vernichte. Und der Bub redete ja noch! „Weißt, dann tu' ichi auf Bäume klettem! Jede Fichte besteig ich und hole mir Zapfen!" Sie lächelte. Diese rührende Zuversicht. Ein wenig wehe war das' Lächeln freilich. Sie wußte es ja besser. Fichtenholz . .. Ja, das würde ihn umgeben, so, wie es seinen Vater umgeben hatte. Sechs Bretter ... Des Kindes Blick ließ sie auffahren. Der war so starr, so bohrend. Halb hatte es sich vom Bette erhoben. „Mutter, wenn ich stürbe . . ", kam es angstvoll von seinen Lippen. Sie beugte sich über ihn. „Kind", rief sie in ihrer Herzensangst. Der kleine Körper bäumte sich. Die junge Lebenskraft wollte nicht so schirell weichen. „Ich will nicht sterben! Ich möchte leben!" sprachen die Lippen des kleinen Dulders. „Leben", brachte er kaum mehr heraus. Am Wtte ihres toten Kindes weinte eine Mutter. Die letzten Strahlen der Abendsonne glitten über ihren Scheitel. Th. (17 I hre.) Mensch und Welt. Nie werden wir sagen, daß dem Menschen die Welt nicht genügen kann, weil er zu groß ist. Unruhe d«S Geistes ist kein Zeichen von Größe. Mangel an Harmonie zwischen chem Wesen' und den Dingen, zwischen dem Leben und seinen Gesetzen ist auch bei Großen nicht ihrer Stärke Muschreiben, sondern ihrer Schwäche. Warum versuchen, diese Schwäche zu verbergen? Ist der Schwache weniger wert, geliebt zu werden? — Mehr Liebe verdient er, weil er ihrer mehr bedarf.-Es gibt nur ein Heldentum auf der Welt: Die Welt zu sehen, wie sie ist — und sie zu lieben. (Romain Rolland im Vorwort zu seinem „Michelangelo") Zuversicht. Es wird auch diese Zeit ihre Sonnenwende finden. Das Menschenherz verstäubt, aber nie sein Ziel. Wie nach den Natuvkündigern ein ganzes Pflanzen- und Tierreich Niederschlagen mußte als Blumenerde und Unterlage für das Menschenreich, so ist die Asche der schlimmern Zeiten das Düngesalz der besseren. Jeder verbessere und revolutioniere nur vor allen Dingen statt der Zeit sein Ich; dann gibt sich alles, weil die Zeit aus Jchs besteht. Er arbeite und grabe still, mit seiner Lampe an der Stirn, in seinem dunklen Bezirke und Schachte fort, unbekümmert um das Auf- und A!brauschen der Wasserwerke; und falls die Flammen, worein di« Grubenlichter die Bergschwaden setzen, ihn ergriffen: so war« doch für die künftigen Knappen die Luft gesäubert. Jean Paul. Wer i/t ein ZusenWhrer? Ich gestatte mir, Ihnen die Antworten mlf meine Frage, wer der beste Jugendführer sei, zu übermittelu, die ich vor kurzem in einer Jugendgruppe erhielt. 1. Derjenige, den die Jugendlichen nicht als Führer Wien 2. Der einen eisernen Willen besitzt und seine Ueberlegen heit die Jugend nicht fiihlen läßt. 3. Der durch sein Leben und Wirken daS beste Beispiel gibt. 4. Der nicht viel redet und um so mehr schafft. 5. Der körperlich kräftig, im Sport allen überlegen und trotzdem auch geistig führend zu bleiben versteht. 6. Der mehr hält als er verspricht. 7. Der niemals seine Geduld verliert. 8. Der zu loben und zu strafen versteht. 9. Der die Jugend in die Natur zur Natürlichkeit führt und sie von jeder Politik sernhält. 10. Der die Jugend alles Schöne und Erhabene achten lehrt und Bescheidenheit mit dem nötigen Maß von Selbstbewußtsem zu vereinen versteht. H i l l e l M o r. Brieftasten. A. D. Im 2. Dez. Sie haben selbstredend recht, wir können aber in Angelegenheit der Religionslehrer nichts unternehmen. Es ist traurig genug, wenn es Menschen gibt, die ehrliche Erziehungsarbeit nur mit der roten Parteibrille sehen. — ». L. in Atzgersdvrl. Die Jngendgruppe Mödling hat 50 .Mitglieder. — «?. K«, 3, Bez. Eltcrnverein im 3, Bezirk ist bereits in > 8979

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