Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1668 (6.10.1923)
- Date
- 1923-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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% BizehnmmerKMO Wien: Zum Abholen in der Expedition, IL, Tab orstr. 1-3, «der in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tsehecho-Slowakei: 4fton. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk. 100.000. Deutschi.: Mon. ost.K 28000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 lener WM" N «ehmhlun jen bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nk. 1668 Wien, Samstag. 6. Sktober 1628 Tsch8(h0*8le«Bk«l i fschech. Kl.— Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz and das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, - ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.* Adn: »Morgenzeitung“ Wien O österreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Fahrgang Sie Bürgerliche ArbettspaM. r. Wien, 6. Oktober. Ein jedesmal, wenn Wahlen in Oesterreich statt-, finden, etabliert sich immer unter wechselndem Namen eine Tischgesellschaft als wahlwerbende Partei: Fortschrittspartei heißt sie, seit dem das Wort „liberal" in Verruf gekommen ist, dann wieder einmal Bürgerlichdemokratische Partei und schließlich zur Abwechslung Bürgerliche Arbeitspartei. Es hält schwer, sich mit diesem Chamäleon auseinanderzusetzen. Ein Parteiprogramm existiert nicht. Die Versammlungsredner der bürgerlichen Demokraten ergehen sich in ganz allgemein gehaltenen Phrasen, stellen Forderungen auf, die man unterschreiben kann oder auch nicht, nirgends herrscht Klarheit über die Ziele, eine unfruchtbare Kritik an den bestehender Zuständen und ein an Raunzerei gemahnendes Kokettieren mit den Vorkriegszuständen sind so die hervorstechenden Merkmale. In Zeiten, da keine Wahlen stattfinden, ist von diesem qualligen Parteigebilde nichts zu merken. Keine Parteiorganisationen, keine Parteipresse wirkt für sie, und in Wahlzeiten muß sie sich in den Zeitungen, gegen Geld und gute Worte annoncieren. Der Mangel eines Parteiprogramms hat dieses Grüppchen das letztemal auf die schon etwas abgebrauchte Idee gebracht, einen prominenten Namen als. Aushängeschild zu benützen, und so kam man auf den. Grafen Czernin, den man wohl nur deshalb als Kandidaten engagierte, weil der Sinn politisch Unorrentierter aus der Kriegszeit noch die Jdeenverbindung Czernin und Brotfriede assortierte und vielleicht her demokratische Graf eine Attraktionsnummer von Seltenheitswert in dem bürgerlich-demokratischen Variete zu werden versprach. Mt dem Grafen Czernin -hat man schließlich die böse Enttäuschung erlebt, daß er sich a la suite der Christlichsozialen Partei stellte, und noch die wenigen Nichtjuden aus dem bürgerlich-demokratischen Lager ins Lager Dr. Seipels hinüberführte. Man muß sich nur fragen, warum denn diese Partei gerade Wien beglückt und warum in keinem einzigen Wahlkreis des Bundesgebietes von einer Kandidatur der Bürgerlichen Avbeitspartei die Rede ist. Schließlich sind Graz, Linz und Innsbruck auch schöne Städte, in denen der bürgerliche Freisinn gedeihen und das Bedürfnis haben könnte, auch im Nationalrai vertreten zu sein. Mit Ausnahme einer verunglückten Vereinsgründung in Graz wurde auch nicht einmal der Versuch gemacht, irgendwo im Bundesgebiet festen Fuß zu fassen. Da drängt sich doch unwillkürlich der Gedanke auf, daß die weise Beschränkung aller Agitation der bürgerlichen Arbeitsparteiler auf Wien einzig und allein von dem Bewußtsein beseelt ist, daß in der nichtjüdischen Bevölkerung für sie kein Platz ist, und daß es sich ihr nur Parum handelt, gewisse Unterströmungen im österreichischen Judentum zur Erlangung von Mandaten auszunützen. Das österreichische Judentum ist ziemlich konservativ und glaubt der altliberalen Partei für die Schaffung der interkonfessionellen Gesetze noch eine Dankbarkeit über ihr Grab hinaus zu schulden, während die nichtjüdische Bevölkerung längst sich dem Antiliberalismus in die Arme geworfen hat. Diese leider so unpraktische jüdische Gemütsverfassung haben die bürgerlichen Demokraten bisher für sich zu benützen verstanden. Prinzipienfestigkeit von der Bürgerlichen Arbeitspartei zu verlangen, wäre unbillig, da sie ja nicht einmal ihrem Führer eignet. Nationalrat Czernin redete zuerst einer Koalition der Christlichsozialen mit den Sozialdemokraten das Wort und suchte dann bald darauf eine Einheitsfront aller Nichtmarxisten zustandezubringen, die schließlich und endlich mir an der Weigerung der Großdeutschen, mit den verjudeten bürgerlichen Arbeitsparteilern zusammenzuarbeiten, gescheitert ist. In keiner der großen Fragen, die diesen Staat betreffen, haben die Leute um Czernin sich entscheiden können, da ihre Partei wurzellos ist. In Oesterreich reicht ihr materieller und geistiger Bezirk nicht iiber ein paar Stadtkasfeehäuser hinaus und in der ganzen Welt gibt es mch" ihresgleichen. D.e Christlichsozialen können im deutschen Zentrum ihre Bruderpartei erblicken, die Sozialdemokraten sind eine Art Allerweltspartei und die Großdentschen haben in den Deutschnationalen des deutschen Nachbarrciches ihre Gesinnungsverwandten. Wo aber in aller Welt haben die bürgerlichen Arbeitsparteiler Anlehnung? Darum wird man bei ihnen auch vergeblich eine vernünftige Einstellung zu allen wirklich großen europäischen und Menschheitsfragen suchen. Es ist für sie kein Raum in dem Staate, dessen Bürger Me deutsche Regierungskrise. Berlin, 5. Oktober. (Tel. der! ,,Wr„ MoMnzoijung".) In der innerpolitischen Lage.-scheint eine .Ueberrasch ung bevovzustehen.- In- Parlamentarischen Kreisen wird eine T eilung der DeutschenVolks Partei als tvahrscheinlich bezeichnet. Dieses Gerücht findet e.ine gewisse Bestätigung in .einem.. Artikel der ^^Schlesischen Volkszeitung", wonach die Abgeordneten S.jinnes, Maretzkh un d Quarz im Begriffe seien,eine neue „Partei zu gründen. In den Wandelgängen des Reichstages rechnetman ernstlich mit der GründungFner solchen Partei, dje aus denjenigen Mitgliedern der Deutschen Völlspattei bestehen würde, welche an der gegenwärtigen Krise schuld tragen. - ’ ' :i Damit, wäre auch der Neubildung der Regierung auf- Grnndlage der alten großen Koalition ' der Weg geebnet. Verhandlungen -über diese/NeubildungI sind bereits eilt ge leitet und werden von zahlreichen Parlamentariern so optimistisch beurteilt, daß die. Zusammenstellung des nfuen Kabinetts bereits für, morgen erwartet wird. . : Der Anstoß zu dieser neuen Entwicklung ging von einem Fraktionsbeschluß der Demokratischen Partei i aus, worin der Reichspräsident undder RÄchÄänzler dringend aufgefordert wurden, die Versuche zur W i eder-' Herstellung der großen Koalition zu wiederholen. Sollte dieser Versuch Mcht unternommen.werden, so sei die Fraktion n i ch t in kr Lage, einem sogenannten unpolitischen K ab inet t ihr Vertrauen auszusprechen. Das Zentrum ' schloß sich dieser Auffassung der Domokraten an und der sozialdemokratische Parteivorstand ermächtigte den Abgeordneten Hermann Müller in Anbetracht der Zugeständnisse des Zentrums und der Demokraten Verhandlungen über die Wiederherstellung der großen Koalition mit dem Reichskanzler einzuleiten. Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, habe die sozialdemokratische Fraktion beschlossen, sich zu einer alten Koalition. — eine neue Partei. neue Kabinett der großen Koalition aus Mitgliedern der alten Regierung zu bilden, das Finanz- und Wirtschaftsministerium jedoch de.m Generaldirektor der Darmstädter Bank, Schacht, zu übertragen. Schacht soll bereits seine Zusage gegeben -haben. . . Am Abend trat bereits der Ae kiesten rat des Reichstages zusammen, ottm die Frage zu prüfen, ob nute? den gegebenen Umständen morgen mittags eine Reichstagssitzung möglich sein wird. Stresemanrrs Verhandlungen mit den Parteiführern. Berlin, 5. Oktober. Aus parlamentarischen Kreisen wird mitgeteilt: Die Parte iführerbesprechung beim Reichskanzler hat zu dem Ergebnis geführt, daß auf Antrag der Demokratischen Partei noch am Abend die Führer und Sachverständigen der Parteien mit dem Arbeitsminister zusammentreten werden, um über die Modalitäten des Arbeitszeitgesetzes zu verhandeln. Die Demokraten sind der Meinung, daß sie die Verantwortung vor dem Volk nicht tragen könnten, wenn nicht auch der letzte Versuch gemacht worden wäre, den Konflikt' zu lösen. Um 9 Uhr abends treten die Parteiführer und je ein Mitglied des sozialen Ausschusses aus jeder Partei zusammen.. Um 11 Uhr wird eine Besprechung der Parteiführer beim Reichskanzler stattfmden. Die Reichsschuld. Berlin, 5. Oktober. Der Ausweis der Reichshauptkasse für die Dekade vom 21. September bis 30. September weist, wie die Blätter melden, eine Einnahme von 640 Billionen Mark und eine Ausgabe von 40.065 Billionen Mark auf. Auf 63 Papiermark Ausgabe entfällt also ungefähr eine Mark Einnahme. Infolge der ungeheuren Ansorderungen an die Reichskasse vermehrte sich die schwebende Schuld, die am 20. September noch 7342 Billionen betragen hatte, auf 46.716 Billionen Mark. Die Z i n s e n für die schwebende Schuld betrugen in der Berichtszeit allein 5471 Billionen Mark. Die wirtschaftliche Rot. Einigung über den Achtstundentag oitf der Grnndlage der Formel bereit zu erklären, welche in der Note des Kabinetts Wirth vom 14. November 1922 festgelegt ist. Darin ist ein grundsätzliches Bekenntnis zum Achtstundentag enthalten, aber zugelassen. daß behufs Steigerung der Produktion durch tarifliche Vereinbarungen und b e h ö r d l i ch e Maß u.a h m e n in bestimmten Betrieben Ausnahmen gemacht werden. Wie weiters mitgeteilt wird, haben die Sozialdemokratien -den Wunsch ausgesprochen, >demr Reichsarbe i ts mi ni sier einen sozialdemokratischen Staatssekretär beiztvgeben, damit sie bei der Regelung sozialpolitischer Fragen im Ministerium vertreten seien. Alles konrntt jetzt auf die Haltung der Deutschen Volkspartei an. Man zweifelt aber in Abgeordnejenkreisen nicht daran, daß es S t r c sc ma n n gel i n g e n werde, auch die. Z ust i m m u n g sein er Partei oder wenigstens des größten Te' l»> s derselben zur Fortführung der großen Koalition zu erhalten. Der sozialdemokratische Parlawentt'diewst berichtet übrigens, Stresemann beabsichtig c, das Infolge der neuerlichen enormen Steigerung der ausländischen Zahlungsmittel hat aus allen Gebieten eine unerhörte Preisbewegung nach oben eingesetzt. Das m a r k e n s r e i e B r o t kostet ab morgen 44 Millionen. Für ein Ei zahlte man schon heute 15 M i l l i o e n und schon darüber. Ein Zentner Briketts stellte sich ans 245,670.000, ein Zentner Gaskoks auf 616,640.000 Mark. Auch die Postgebühren werden wieder gesteigert, so daß eine Postkarte mit einer Million und ein F e r n b r i e f mit fünf Millionen bezahlt werden muß. Für ein Paar mindere Stiefel müssen ab heute drei Milliarden bezahlt werden. Die putschlustigen Hohenzollern. Brüssel, 6. Oktober. Das „Echo de Soir" erhält aus Antwerpen ein Telegramm des Inhalts, daß der frwhelre deutsche Kronprinz gestern abends in Doorn eintraf, wo eine Konferenz mit mehreren aus München augekomme wen Persönlichkeiten staltsand. Man nannte unter anderen die Namen Loeb und Karl Diel. Die Konferenz fei von beim frühere^n Kaiser geleitet worden. Es wird berichtet, daß der Kronprinz, durch ,das Treiben Rupprechts von Bayern beunruhigt, mit seinem Vater ein Abenteuer pla ne. ranssss»rang«»aragr'»»iiriia'Bi iiimii iiniiinii iiiiiiiiuumanüsmaasgamca^awa wohl schon so weit politisch reif geworden sind, daß sie sich, wenn auch mcht durchwegs parteipolitisch, so doch nach Weltanschauungen gruppieren. Was schließlich in Wahlzeiten als Parteigänger der Bürgerlichen Arbeitspartei auftaucht, sind politische. Marodeure und eine immer kleiner werdende Zahl von Unbelehrbaren, die die Zeit nicht mehr verstehen. Es ist eine , arge Zumutung an die jüdische Wählerschaft, daß sie einer solchen Partei ihre Stimmen zuwenden soll, die namentlich in jüdischen Fragen immer und immer versagt hat, der Kandidatenliste noch bei den letzten Wahlen einen Professor Hofmeister von der Hochschule für Bodenkultur enthielt, und die den jetzt grvßdeutsclen Annsemücn Dr. Hampel bei den Wahlen für die konstituierende Nationalversammlung ihren fast durchwegs jüdischen Nachläufern als Wahlwerber präsentierte. Wenn sich vielleicht unter der nichtjüdischen Bevölkerung Wiens Leute finden sollten, die Geschmack an der Bürgerlichen Arbeitspartei finden, so mögen sic sie ruhig wählen, für die jüdische Wählerschaft aber ist es ein Gebot der Selbstachtung, des politischen Taktes und schließlich auch des politischen Verstandes, von dieser Gesellschaft abzurücken und für die. Jüdische Wuhlgemeinschast zu stimmen