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Wiener Morgenzeitung · 1923-10-05 · Heft 1667 (5.10.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1667 (5.10.1923)
Date
1923-10-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jioni Zürn Abholen in der £*pedition , II,, Tab or str. 1 -3, «der fh einer Verschleisstelle fTrnÄk) mqnatl. K 28.000 MP<?*tversftpd fürWienn. Oesterr. monatl. K 28.000 Ti ehe eh or Slowakei: MpH. K17. Jufirpslpwien: Mop. Dinar4Q. Polen; Mon. Mk. 100,000. Deutschi.: mph. Bst.|Cd8000. Fr an kr., feleigtent Monatl. Frei. 8 iifih Nr. 1667 mm Z.ME1SSZ *sch«cho-flOW«H*l’ Itchech. K 1.- Italien: Monatl. 10Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frei. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abd«.19-483,25-202 Tel- Adr. s .Morgenzeitung" Wien U österreichische» Fo»tz>perkessen-Konto Nr. 150.693 s. 8ahrga«g Der Befehl zur AWKMgkeit. (Von imstvem Birdapester Berichierftatter.) Budapest, 8. Oktober. Es ist merkwürdig, wie redselig man in Budapest plötzlich geworden ist, und es fällt auf, daß die gedruckten und gesprochenen Worte der Regierungsmänner nnd ihrer Presse mit einem Male so vernünftig klingen- Alle Mummen reden wieder; Leute, die man in den letzten Jahren als der Reaktion unrettbar verfallen hielt, kriechen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und erklären, daß sie die ganze Zeit hindurch in ihrem tiefen Innern demokratisch und liberal fühlten und diesen Gefühlen nur deshalb keinen hörbaren oder sichtbaren Ausdruck gaben, weil man ihnen den -Mund mit Knebeln verstopfte, die Feder gewaltsam fesselte und sie für ihr Leben zittern mußten, wollten sie sich fo, geben, wie sie dachten. Der Minister des Innern Rakovszky, seit seinem Amtsantritt der bedenkenloseste Beschützer des extremsten Antisemitismus, der Sonderregierung der Erwachenden Ungarn und aller Untaten der sogenannten unverantwortlichen Elemente, führte letzten Sonntag im Wahlkreis eines Parteifreundes eine Sprache, wie sie selbst in der liberalsten Aera der ungarischen-Politik nicht geführt wurde, so oft der Antisemitismus die Gemüter zu beunruhigen begann. Jahre hindurch duldete Rakovszky die unerhörtesten Angriffe auf das Leben, die Ehre und die wirtschaftliche ExWuz der Juden, bis er, nicht aus dem Innern heraus, sondern gedrängt durch das Ausland, am Sonn-: tag in Simontornya sich zu der Feststellung ausrafste: :<pvc Antisemitismus will den ganzen wirtschaftlichen - Bau unseres Volkes, seinen Handel, seine Industrie, seine finanzielle Organisation über den Haufen werfen/ bloß. deshalb, weil in diesem Gebäude auch Juden yMHunft nrch Existenz gefunden haben. Ein solcher Pchrckchtungsfeldzug aber wuchs unser-ganzes..Wirt-: schaMeben lähmen und nicht nur einige Juden, sondern auch zahlreiche rechtschaffene Rassenungarn müßten dtttzch solchen Rassenschutz ihrer Arbeitsgelegenheit verlustig werden. Die Regierung wich niemals geneigt sein, das Volk durch unbegründete Judenverfolgungen zu betören und ihm den Glauben einzuflöffen, daß daraus dem Lande Vorteile erwachsen könnten." Er besprach dann das Pendant zu dieser rassenschützlerrschen Moral, das jüngste Panama der Friedrich und Konsorten, die sich gemeinsam um eine zu vergebende Zirkuskonzession bewarben, und meinte sarkastisch, daß es komisch klinge, wenn, diese führenden Poli- ' tiker erklären, daß sie sich um das Unternehmen bloß darum bewarben, um einen christlichnatiönalen Zirkus ins Leben zu rufen. So erheiternd dieser Fall wirken mag, sagte der Minister, so betrübend ist die Unmoral, die sich in ihm äußert. Zum Schlüsse erklärte'der ungarische Innenminister feierlichst, daß er imd die Regierung es nun nimmermehr dulden werden, daß in Ungarn Nebenregierungen, bewaffnete Formationen, werter bestehen; sie sei entschlossen — da zeigt sich abermals das Hintertürchen —, diese Gebilde stufenweise abzubauen. Daß klingt in der Tat wundermild und von einein ungarischen Minister bei der Zerfahrenheit der ungarischen Politik sogar heroisch. Aber wer kann die Echtheit solcher Gefühlsausbrüche glauben? Ist denn die Unmoral, die Juden aus den Kinos rechtswidrig zu vertreiben und die Lichtspieltheater in chrsstlichnatiönale Kinos umzuwandeln, weniger betriibend, weniger empörend als die Unmoral, der sich die an. solche Unmoralitäten gÄvöhnten Politiker durch die offene Bewerbung um eine Zirkuslizenz schuldig gemacht haben? Jene unmoralische Handlung, wie die- Massenvertrei- Lung* der Juden ans den Tabaktrafiken und anderen staatlich konzessionierten Gewerben uwd die Ueberleitung dieser Gewerbe in die Hände christlichnationaler Führer und Zutreiber, war viel empörender, weil sie die Form eines wirtschaftlichen Massenpogroms angenommen hallte und durch Minrsterialverordmmgen gedeckt war. Urck wie der Minister des Innern, so sprechen heute auch andere Politiker, die alle plötzlich entdecken, daß die Anfechtung der Juden den grundlegenden Bestimmun- MN der ungarischen Verfassung widersprechen. Selbst eine politische Persönlichkeit wie Prinz Karl Egon Hohenlohe-Waldenburg wagte sich in einem aufsehenerregenden Mittel zur Feststellung vor, daß'.sich noch ganz wenigen Wochen in Ungarn niemand traute, seiner wirklichen Überzeugung Ausdruck zu geben, aus Vorsicht oder Angst. JÄes Kind in Ungarn weiß, daß all diese schönen WM« ohne innere Rene und ohne die Kraft des ehr- Di »j i 11 Dr. EtressniMN mit der Wdung einer neuen Regierung betraut .. ParMentariMns oder Matur? Berlin, 4. Qkkober. '(Tel. der Mr.Morgenzeitung".) Die allgemeine Lage im Reiche macht heute einen sehr traurigen Eindruck. Me. demonstrative Demission des Reichskanzlers hat mit einem Schlage der gesamten Oeffentlichkert die ganz unhaltbar^ Situation, vor Augen geführt, und die Wied ich $ tz «PW-Ästox Stresemanns mit der KabisteftsbildMg zeigt um -so. deutlicher, daß.jy deyr g.egemwgrLigen Chaos keine neuen Männer, svichexp mw neue Methoden helfen können. Stresemann D,'hinterrücks von feinen e i g enen Leuten überfallw wordey, von Lepteu, die zur engsten Cliqu§ des Herrn Stinnes gehören. Man weiß, daß zwischeen Stresemann und Sturms eine heftige Gegnerschaft besieht und daß Stinnes, der schon einmal einen Samsr'Mg her deutschen Wirtsichast unternommenen SchrA dex Regierung, dre Goldanloihe, sabotiert hat, gqgen haK von Stresemann geplante. Ermächtigu-ngsgesetz Sturm lies, weil er von demselben- Eing r rf f e in sein eigenes MMchastssystem bafürchtete. Dazu kommt ferner, daß die Sozialhemokraten durch die -Ablehung des Ermächtigungsgesetzes die Arbeit des Herrn Äinnes wesentlich erleichtert haben. Stresemann ist, durch Reichspräsidenten und die bür-, gerliche« Parteien exMntert, nicht mürbe geworden, SemMKrift HödoMtMsr.. bloß einx. A tt ß-. fchiffung der von dyn PgiKiiW abhängigen Minister, um ein neues Kabinett bilden zu können, zu dem ep-sich WAMtor ohne-B^fxagen.der M-; teien vussuchen Will. Seme neue Regiemng soll ein ArSettSkabtNett darstellen, das nur aus einex kleinen Anzahl von Ministern zusaminerrgeseht fein soll. Mehrere Ministerien, das' Ans-; wärtige Amt und das Justizministerium sollen von Staatssekretären veviraltet,' andere, wie voraussichtlich die Ministevien für Wirtschaft, für Finanzen, stir Ernährung, das Eisenbahn- und Postministerinrn, znsamnrengelegt werden. - Der Reichskanzler hat mittags mit Besprechungen wegen der Bildung der neuen Regierung begonnen,' und zwar erstreckten sich diese Konferenzen-vielfach auf Persönlichkeiten, die durch keine Parteizugehörigkeit beschwert sind. Die "'■■■■ Haltung -er Parteien ist noch ungewiß. Me. aus ParlaMsttarischen^ Krisenverlautet, läßt sich die, Stellungnahme des Zentrums in seiner hsntsM FrakstonHsitzung dahin kennzeichnen, daß diese Partei ebenso wie hie D emokrate n nur die B i ldustgder Regierüvgaus irgend einer pariamentarischen Grundlage stir angebracht halbe, auch unter Mitwirkung der Sozialdemokraten, Wenn diese zum Rach geben bereit sind.. Für die Stolliungnahme der Sozialdemokraten ' wird cher Bezirksparteitag in BexW tzntscheiheich.sein, der am Sonntag fortgesetzt iverden soll) Eisten formellen. Beschluß hat das Zentrum nicht, gefaßt,' ..hoch wich der' Borsitzende dieser Fraktion mit dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler FWung nehmen. Die immer die ÄsuW der Wst ansgchen wird, das ome ist Mwih: W neue Regierung wich daß O rm ä cht i gnng.sges.etz haben müssest. Ka zu seiner parlamentarischen Annahme wegen seines verfasinngsarrdsvnden Charakters eine Z weidrittelma jorität notwendig ist, kann nur 'dann mit seiner Erledigung gerechnet werden, wenn sich ein Teil der sozialdemokratischen Abgeordneten jvenigstevs per Abstimmung enthält. Andernfalls würde die Auflösung des Reichstages - die letzte Möglichkeit sein, die Krise zu beenden. -Dgs „Berliner Tageblatt" macht in der 'heutigen Abendausgabe zur Lösung der schwierige Regierungskrise den Vorschlag, den Ausweg einer Versassungsdiftatur zu beschreiten. Nach Artikel 48 der Reichsversassung soll der Reichspräsident einer von Dr. Stresemann gebildeten Minderheitsregiwung dieselben außerordentlichen Vollinachten übertragen, «die das CrmächtiMNgsgesetz dem Kabinett Stxesemann verschaffen" sollte. Eine Regierungsliste. Berlin,. 4. Oktober. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Spät nachts wird bekannt, daß sich das neue Kabinett Stresemann folgendermaßen zusammensetzen dürfte: 1 Aeußeres: Reichskanzler Dr. Stresemann; Reichswehr nnd Inneres: Dr. Geßler; Landwirtschaft und Ernährung: der Präsident der landwirtschaftlichen Kammer der Provinz Brandenburg v. Oppeln; Finanzen und Wirtschaft: hex bisherige Ernährungsminister Dr. Luther; Arb ei tsminister: Dr- Brauns; Mmster für die besetzten Gebiete: Dr. Fuchs. - Welche Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens äußerem noch in das neue Kabinett Eintreten, steht noch nicht fest, ebensowenig wie die Besetzung des Justizressorts. Das neue Kabinett soll sich schon morgen dem Reichstag vorstellen. Die Markentwertung. Berlin, 4. Oktober. Im Anschluß an die neuerliche Markentwertung hat , sich das Niveau der Großhandelspreise am 2. d. nach den Berechnungen des statistischen Reichsamtes aus das 84,5 Million anfache des Friedensstandes gehoben und ist gegenüber dem Stande vom 26. September um 183,2 Prozent gestiegen. Brot 37 Millionen! Berlin, 4. Oktober. Das markenfreie Brot kostet in Berlin ab 5. Oktober 37 Millionen Mark. (Erst gestern ivnrde das Brot von 24 ans 80 Millionen verteuert, Um nun, 12 Stunden später, um weitere 7 Millionen zu steigen.) Bayern gegen weitere SteueverWhungen. München, ■ 4. Oktober. Der bayrische Mimsterpräsidew Dr. v. K n illi uZ hat an den Reichskanzler Dr. Stres e m a n n folgendes Tclegramnr gerichtet: Die bayrische Stqats.wgierlmg ersucht dringend, wegen der außerordentlichen Gefahr sowohl für die Existenz der Betroffenen wie 'für die öffentliche Ruhe und Ordnung von weiteren Steuererhebungen nach dem letzten Multiplikator für Einkommen, Rhein-, Ruhr- und Landabgabe sowie von der Erhebung der Betribbssteuer bis zur Revision der Stenergefetzgelmng ab zu sehen. .«m*"WWmmmmmwwv*p«> lichen Bekenntnisses gsspxychen Und geschriebeir lverden. JedewUnn Miß», dah^ Wser Mahnxus.zur Vernunft und. 'PMWy..AnWMgM. dM; Grasen Be.thlenin Gens diktiert wuxde. JeW Wprf und jede Politisch? Handlung der^ ungarischen Regierung; stchM schon heute unter der schärfftew Kontrolle der großen und der kleinen Entente. Die Verhandlungen Mx.die große Ausländsanleihe an Ungarn — davon hat sich Graf. Bechlen end? gültig überzeügeu M^ü könfteft nur dann'.praktisch greifbare Formen snMmen^ wenn' die ungarische Reg-ievunsi vprher^ ans 'Hxem Lcmhe-' ''tatsächlich ' usten ReHtsördmUgsstaät 'macht. Da^Mskrtch verlangt Ppn dör- Regierung das Bekenntnis züx RechGgleichj^if nW «m der'-P^väse willen/ söstderw M'GnleftnM' KN Hanvluygen, 'die den- Rechtsstaat in der Kaf herbeisührew Ob es dieser ungarischen Regierung gelingen kann, das ungarische Bost ihre vergangenen Sünden' vergessen zu machen und an die künftige verminstigere Politik glauben zu lassen, müssen wir bezweifeln, so sehr wir es um des Friedens willen wünschten. Diese Regierung und ihre gleichgesinnten mmnttelbaren Vorgänger haben Mer die Oftobristen und die roten Kommunisten in wahren Blutgerichten stbgeurteilt. Dje Verlörechex des Mißen Terrors und des christlichnatioualen Kurses hahcsi -noch immer nicht ihre Strafe gefnudeu. Ohne diesen Akt der Gerechtig^it wird die Bethlen-Regiernng nach außen i;nd nach innen nur schwer die moralische Macht aufbringen. dem Aufträge des?l!lss-?nd'.s u; entsprechen^

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