Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1661 (29.9.1923)
- Date
- 1923-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980742--16267-3003165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einzeinnnnn er K100 0 Wien: Zum Abholen in der ExpeditioniH.tTaborstr.l-S, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts chech o-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon, Dinar40. Polen: Mon. Mk. 100.000. Deutschi.: Mon. ost.K 28000. F rank r., Baigien: Monatl. Frcs. 8 BMF* Nach_*al*J»»feo bei Preiserhohungren Vorbehalten lener wKmmmmammm Twh eetto -sioWa kei/ tschech. K 1. Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6Ührabds. 19-483,25-282 TeL-Adr.:,Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postspar* Icassen - Konto Nr. 150.693 Nr. 1661 Wien. Samstag. L8. September 1923 5. Jahrgang Set Anrnahmsznstand in Kraft. — Sie abgedrSngten Akenkrenzler. — Berlin, 23. Septernbe.r. (Tel. V. „Wr. Morgengeituug".) Der AusnalMszustäinid ist in allen seinen Punkten in Kraft getreten und wird auch von allen Stellen in einwandfreier Weise befolgt. v Der größte Teil der Militärbefchlshäber und Zivilkommissäre ist auf Grund der Verhängung des Ausnahme- Mstandes bereits ernannt. Der Bezirk Ost- und Westpreußen erhält als Militärbefehlshaber General Wassel, als Zrvilkonrmissär den Demokraten Dr. Siehr; Pommern, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Oldenburg erhalten General v. T s ch e s ch w i tz und den Landtagsabgeovdneten Hartwich von der Deutschen Volkspartei; Brandenburg, Schlesien und Grenzmark Posen den General v. H o r n und den Berliner sozialdemokmttschen Polizeipräsidenten R i cht e r; Sachsen und ein Teil Mitteldeutschlands General Müller; Hessen-Nassau, Thüringen und Süddeutschland ohne Bayern General Reinhardt, der Westen General L o ß b e r g und als Zivi lkmumissär G r o n o w s k i; Bayern General v. L o s s o w. Ko mpetenzkonslikte zwischen der Ne.ichsregie-. rung und einem der Staaten haben sich bisher nicht ergeben und auch der zwischen Berlin und München geführte Meirmngsaustausch wegen der Sondcrernenmring Kahrs zum bayrischen Staatskommissär nimmt einen befriedigenden Verlauf. Aus allen Teilen des > Reiches wird heute v-Monrrnene Ruhe gemeldet. Dies gilt auch für den Unruheherd Dt ü n ch e n. Der von Hitler ganz offen für heute angesagte Putsch mußt« unterbleiben, da dem Mussolini- Imitator selbst klar werden .mußte, daß bin Anhang, zumeist vnreise Fugend, wohl einen Radau machen, nicht aber Staatsgeschäste führen könne. Diese Erkenntnis erhielt Hitler besonders drastisch durch die Absage Ludendorfss, der zum militärischen Führer der hakeukrenzlerischen Kampfverbände ausersehen war, in letzter Stunde aber jede Beteiligung an einen: Putsche ablchnte, Wohl im Bewußtsein, daß keine Aussicht aus Erfolg bestehe. Und als schon der niederlagengewohnte Ludendorff absagte, da mußte auch ein Hitler abblasen. Auf einmal ging es natürlich nicht. Der Putsch wurde zlvar aufgeschoben, doch fein kriegerischer Mut ist noch nicht erkaltet. Hitler erklärte heute, daß er nach wie vor zum Zuge gegen Berlin rüste. Die neue Regierung werde es sich zu überlegen haben, ob sie auch ferner Nationalisten und Landesverräter auf gleiche Weise behandeln wolle. Es gäbe bloß eine Lösung des gegenwärtigen Zustandes:, die nationalistische Fahne über Berlin. Die Nationalsozialisten möchten jetzt ruhig bleiben, sich aber für die Stunde der Tat bereit halten. Aber auch dieses Wortge'dresche ist als bayrisch-großmäulig zu bezeichnen und demzufolge nicht ivciter ernst zu nehmen. Kahr gegen Hitler. Hitler scheint zuimchst in Herrn v. Kahr einen Bezwinger.gefunden zu haben, wenngleich sofort bemerkt werden muß, daß Kahr gegen Hitler nicht etwa 'aus dein Grunde auftritt, weil er die Absichten der Hakenkreuzler als für das Land schädlich erkannte, sondern bloß davmu, weil Kahrs eigene Pläne zunächst durch Hitler gefährdet wurden. Obwohl Hitler nach der Ernennung Kahrs zum Diktator seine Stellungnahme diesem gegenüber präzisieren wollte, wartete Kahr nicht darauf, sondern verbot Hitler einfach seine Versammlungen, ihm dadurch seine stärkste.Waffe entreißend. Kahr beugt sich also nicht vor Hitler und dies hat den Hakenkreuzführer brtter^Äfe gestimmt. Hitler gegen Kahr. Das Organ Hitlers, der „Völkische Beobachter", meint heute, daß Kahr sich mit seinem Verbot der nationalsozialistischen Versamml'ttingen in einen Gegensatz zum deutschen Kampfbund gestellt habe. Das Blatt behauptet weiter, daß Kahr in verschiedenen Gesprächen der letzten Tage erklärt stab«' ivas/ er tue, tue er mit Billigung dr s Königs und betrachte sich als dessen Statthalter. J.n seinem Kommentar hierzu bemerkt das Blatt, jetzt mit Einsetzung einer Monarchie spielen oder sich als monarchistischen Beauftragten ausgeben, bedeute heute ein Verbrechen am Vaterlands überhaupt. Noch vor wenigen Wochen habe Kronprinz Rupprecht im Nationalverband deutscher Offizier« öffentlich erklärt, es handle sich heute nicht um Dynastien, sondern um die Rettung des deutschen Vaterlandes. Die Worte Kahrs besagen, daß er über kurz oder lang, vielleicht schon sehr bald, die Ausrufung der Monarchie zulassen werde, denn nur so könnten seine Worte gedeutet werden. Die Erklärung einer Monarchie würde den Verfall Deutschlands, die vollkommene Sklaverei unter französischen Konmriffären und ein Verbrechen bedeuten. Wozu in später Abendstunde, offenbar auf Weisung Kahrs, die offiziöse Korrespondenz Hoffmann mitteilt, daß Kahrs persönliche Stellung zur Monarchie allgemein bekannt sei, daß er aber im übrigen keine Zeit habe, sich mit Pressebemerkungen zu befassen, die mit seinen Ausgaben als Generalstaatskomwissär nichts zu tun hätten. Verbot des bayrischen Betriebsrätekongresses. München, 28. September. Der geplante bayrische Betriebsrätekongrrß wurde der b o t e n, ebenso die für Sonn-' tag vom republikanischen Reichsbund angekündigte Morgenfeier. ‘ ' . ' ' \ Erlaubnis zur Abhaltung des „Deutschen Tages" in Baireuth. München, 28 September. Die Abhaltung des von den vaterländischen Verbänden für Sonntag einbemfenen „Deutschen Tages" in Bayern, der stets als Ausmarschtag der nationalsozialistischen Sturmabteilung gedacht ist, wurde freigegeben. An diesem Tag soll Hitler eine große Rede halten. Die deutsche Goldanleihe. Berlin, 28. September. Nach einer Mitteilung der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" sind auf die Goldanleihe im ganzen 35 Millionen D o l l a r oder. 147 Million e n G old Ul a r k gezeichnet worden. BMonen-Fuflatio«. Berlin, 28. September. Nach dem Ausweis der Reichsbank, ist der B a n k u o t e n n m lauf in der letzten Woche um 2,002 Billionen erhöht worden. Rach der Anstellung des Widerstandes. Reue Verhandlungen? Die Auffassung in Paris. Paris, 28. September. Die amtliche Mitteilung von der Beendigung des passiven Widerstandes ist hier eingetroffen. Bis jetzt sind bloß fünf ungesetzliche Verordnungen zurückgezogen worden. Die Wiederaufnahme der Verhandlungen bleibt jedoch von der endgültigen Aufhebung aller Verordnung?:: sowie von der Wiederherstellung des normalen Regimes im Ruhrgebiet und im Rheinland und von. der vollständigen Wiederanfnahme der Leistungen abhängig. Au Berliner Kommentar. Berlin, 28.’ September. Die „B. Z. am Mittag" meldet: Mit der Aufhebung der aus Anlaß des Ruhreinbruches ergangenen Reichsverordnungen ist der pa ssi ve W ide rstand soweit abgebrochen, als dies von feiten der Regierung überhaupt geschehen konnte. Damit dürften die Schritte erledigt fein, die nach a u ß e n h i n von der Reichsregierung zu unternehmen waren, um mit der Gegenseite zu Verhandlungen zu gelangen. Trotzdem ist von solchen Verhandlungen bisher noch keineswegs die Rede, und es wäre auch durchaus verfehlt, etwa die erneuten Besprechungen mit den Ententedjplomaten; deren Beziehungen zur Regierung ja niemals abgebrochen waren, als den Beginn solcher Verhandlunaeu anzufoheu. Mer und Kahr. P. W i e n. 29. September. Der angesagte Putsch des Hakenkreuzlerhäuptlingß Hitler ist abgesagt oder verschoben worden. Die bayrische Regierung, welche mit dem bloßen Abbruch des passiven Widerstandes nicht zufrieden war und gleichzeitig damit 'eine Reichserkläruna gefordert hatte, das; nunmehr der Versailler Vertrag nicht mehr zu Recht bestehe, . hat plötzlich, und ohne sich um Berlin zu kümmern, einen Diktator in der Person des als Reaktionär wittelsbachischer Richtung bekannten Herrn v. Kahr ernannt und damit der die antiseparatistische, auf das gesamte Reich gerichtete nationale Diktatur anstrebenden Hitlerei ein Gegengewicht geboten. Herr v. Kahr ist nicht nur als rücksichtsloser Mann der starken Hand bekannt, er bekennt sich seit je offen zum Programm eines wittelsbachischen Bayern, das er unter Einbeziehung der österreichischen Alpenländer zu einem katholischen Donaustaat ausgestaltet sehen möchte. Der bayrische Separatismus ist damit von der bayrischen Regierung sozusagen als Regierungsprogramm deklariert worden, indem sein hervorstechendster Exponent mit außerordentlichen Machtmitteln ausgestattet wurde. Zwischen den Hitler-Leuten, die mit Ludendorff unter einer Decke stecken, und den bayrischen Separatisten besteht ein Gegensatz, der in der letzten Zeit an Schärfe zugenommen hat; aber es wird in linksgerichteten deutschen Kreisen die Befürchtung geäußert, daß eszu einer Kooperation der beiden reaktionären Lager kommen könnte, um sich dann Mit geeinten Kräften auf die deutsche Republik zu stürzen. Herr Hitler hat seinen Unmut über das ihm diktierte Bersammlungsverbot nicht verhehlt, aber er versichert seinen Mannen, daß aufgeschoben nicht aufgehoben sei und die Möglichkeit ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß bei sich ergebender Gelegenheit die beiden Lager, die getrennt marschieren, sich zu vereintem Schlagen zusammenfinden könnten. Die „Armee" Hitlers, von welcher der tolle Bramarbas beständig faselt, ist, wie sich herausgestellt hat, freilich keineswegs imponierend und kaum in. der Lage, etwas Ernstes unternehmen zu können, wenn die Verhältnisse geordnet bleiben; aber man darf nicht vergessen, daß ganz Bayern von allerlei Verbänden unterwühlt ist, die reaktionäre Tendenz das ganze Land beherrscht, und in dieser Hinsicht ist die Begrüßung Kahrs durch die vaterländischen Verbände, welche in ihm den Zertrümmerer des Berliner Parlamentarismus sehen, besonders charakteristisch. Für Deutschland kommt es nun darauf an, mit allen Mitteln die Ruhe im Innern aufrecht zu erhalten und einem Ausbruch größerer Unruhen vorznbeugen. Es ist abzuwarten, ob die Rückkehr zu normalen Verhältnissen im Ruhrgebiet, wo der Kommunismus ungeheuer an Ausdehnung gewonnen hat, reibungslos erfolgen wird und ob die immer wieder aufflammenden Hungerunruhen auch weiterhin auf ihren lokalen Charakter beschränkt bleiben. Eine Stabilisierung der Lage wird nur erfolgen können, wenn diese Voraussetzungen zutreffen, wenn Deutschland in die Lage kommt, die ungeheuren Geldlieferungen ins besetzte Gebiet raschest einzustellen, und wenn man sich bald an den Verhandlungstisch setzen kann. Deutschland muß alle Kräfte anstrengen, um das unsinnige Abenteuer einer unfähigen Politik restlos zu beenden und den Weg in die europäische Völkergemeinschaft zu sinden. Der deutsche Reichskanzler hat die Aufhebung der Verfügungen bezüglich des passiven Widerstandes den Botschaftern der Ententemächte persönlich notisiziert. Aber in Paris macht man noch keine Miene, die bisherige Haltung zu ändern. Poincare betrachtet den Aufruf an das deutsche Volk, welcher dieses von der Notwendigkeit der Aufgabe der passiven Resistenz zu überzeugen sucht, als eine innerdeutsche Angelegenheit, er unterstreicht sein Mißtrauen Worten gegenüber und will Taten sehen. Das Mißtrauen Frankreichs, dem an sich der Zerfall der deutschen Reichseinheit nicht unwillkommen wäre und das, wie man in Berlin behauptet, darauf hinzuarbeiten scheint, ist angesichts der letzten Ereignisse nicht unberechtigt. Herr Kahr als Diktator Bayerns mag dem französischen Imperialismus willkommen sein, aber wenn es möglich ist, daß ein eitler Narr wie Hitler zum erklärten Abgott des gesamtdeutschen Putschismus und der deutschen Jugend wird, soferne sie nicht im sozialistischen oder kommunistischen Lager steht, so erscheint dieses Mißtrauen nicht ganz unbegründet. Was jetzt nottut ist ein entschiedener Ruck der deutschen Politik nach der Seite der wirklichen Demokratie, die Abkebr von der Hitlerei die in hundert Formen im Reiche