Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1922-06-25 · Heft 1221 (25.6.1922) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1221 (25.6.1922)
Date
1922-06-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2980129-2980301--11505-2997964
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 1221 Wien, Sonntag - Auch das Aufglänzen der Augen bei Dessauer gesehen. Ich begeisterte jeden, mit dem ich über die Judensache spreche! 19. Oktober. Noch einmal mit Dessauer gesprochen. Er war indischen „flau" geworden. . Erledigt. 20. Oktober. . Heute war Benedikts „Börsenwoche" ausgezeichnet, gegen die großen Juden, die unternehmungsfaul und engherzig sind. Ganz in meinem Sinn. * Da war Plötzlich mein Entschluß fertig: Benedikt für die Sache zü gewinnen! Sofort fuhr ich zu'ihm, warf mich sofort medias in res. Er verstand mich gleich so gut, daß er ein unbehagliches Gesicht machte. Wir gingen sprechend bis nach Mauer — dreistündiger Fußmarsch über herbstliche Felder. Ich sagte, daß ich es am liebsten in und mit der „Neuen Freien Presse" machen möchte. Er: Sie stellen uns vor eine ungeheuer große Frage. Das ganze Blatt bekäme ein anderes Aussehen. Wir galten bisher als Judenblatt, haben das aber nie zugestanden. Jetzt sollen wir plötzlich alle Deckungen, hinter denen wir standen, aufgeben. Ich: Sie brauchen keine Deckung mehr. In dem Augenblick, wo meine Idee publiziert wird, ist die ganze Judenfrage ehrlich gelöst. Wo man sich unsere gute Staatsbürgerschaft und Anhänglichkeit an das Vaterland gefallen lassen will, können wir ja bleiben. Wo man uns nicht mag, ziehen wir ab. Wir sagen ja, daß wir Oesterreicher sein wollen. Die Mehrheit, nein, alle Staatsbürger, die nicht Juden sind, erklären bei der Wahl, daß sie uns nicht als Deutschösterericher (Russen, Preußen, Franzosen, Rumänen usw.) anerkennen. Gut, wir ziehen ab; wir werden aber drüben auch nur Oesterreicher (Russen usw.) sein. Wir geben unsere erworbenen Nationalitäten so wenig auf, wie unser erworbenes Vermögen. Er machte verschiedene mir schon bekannte Einwendungen, freilich in einer höheren Form als die Juden, mit denen ich bisher gesprochen. Ich hatte auf alles eine Antwort. Er behandelte die Sache durchaus als eine ernste, hielt mich gar nicht für verrückt, wie mein erster Zuhörer, mein arnler S..., in Paris. Er anerkannte was in meiner Idee alt, d. h. Allerweltsgedanke, und neu, d. h. siegverheißend ist. Er meint nur, die Regierungen würden sofort mit einem Ausfuhrverbot und Auswanderungserschwerungen antworten. Darum gründe ich ja eben die Society, die in der Lage sein wird, mit den Regierungen -zu verhandeln, Entschädigungen zu bieten usw. , Ich solle den Herausgebern einen Vorschlag machen, wie ich mir die Ausführung denke, sagte er. Ich: Es gibt zwei Formen. Entweder Sie gründen mir neben der „Neuen.Freien Presse" ein kleineres Blatt, Wiener MorgenzeUung<_ wo ich den Gedanken ausführe. Oder Sie geben mir eine Sonntagsnunnner, wo auf der ersten Seite „Die Lösung der Judenfrage, von Dr. Theodor Herzl" erscheint. Ich mache aus dem Entwurf einen Extrakt, der sechs oder neun Spalten füllt. Dann erscheinen die Details, Fragen und Antworten -— demr das ganze Judentum fordere ich zur Mitarbeit auf, und es wird Mitarbeiten — in einer neuen Rubrik „Die Judenfrage", die ich redigiere. Nie hat eine Zeitung etwas -Interessanteres enthalten. Ich allein trage die Verantwortung. Sie können vor meinen Entwurf eine ^Reservation der Zeitung hinstellen. Er: Nein, das wäre eine Feigheit. Wenn wir es bringen, sind wir mit Ihnen solidarisch. Ihr Gedanke ist eine fürchterliche Mitrailleuse, die aber auch nach hinten losgehen kann. Ich: Furchtsam darf man nicht sein. Jeder wird sich übrigens seinen Platz wählen können: ob vor oder hinter der Mitrailleuse. — Wir redeten und gingen uns müde. Benedikt wird Bacher in die Sache einweihen. Dünn werde ich beiden in der nächsten Woche meine Rede an die Rothschilds vorlesen. Benedikt möchte, daß die Sache irgendwie von außen in die „Neue Freie Presse" gebrächt werde — etwa durch fiktive Gründung eines Vereins, in dem ich diese Rede halten könne. Ich bin dagegen. Ich brauche dazu von vornherein eine Zeitung — nämlich, wenn ich die Sache nicht durch ein Rothschildsches Syndikat „aristokratisch" machen kann. In Vereins-Salbadereien lasse ich mich nicht ein. Dieser Spaziergang nach Mauer,— ich sagte es Benedikt, als wir zurückfuhren — war ein historischer. . Ich kann mir nicht verhehlen, daß auch für mich selbst eine entscheidende Wendung damit eingetreten ist. Ich habe mich selbst in Bewegung gesetzt. Alles Bisherige war Träumerei und Gerede. Die Tat begonnen, weil ich entweder die „Neue Freiö Presse" mit nur oder gegen mich habe. Ich werde der Parnell der Juden sein. 27. Oktober. ' Heute war Dr. Glogau bei mir und brachte eine Stunde später Herrn v. Kozmian, den Vertrauensmann des Grafen Badeni, zu mir. Sie machten mir den formellen Antrag, die Chefredaktion des neuen großen Regierungsblattes zu übernehmen. Im Hinblick auf meine Judensache kann ich nicht, wie ich es früher — vor der Idee! — sicher getan hätte, diesen Antrag einfach zurückweisen. Eine unerhofft, unerhört günstige Chance für die Ausführung meiner Idee eröffnet sich. Einmal in der Nähe des Grafen Badeni, kann ich ihm meine Idee vertraulich Entwickeln. Sie ist ja ebenso christenals judenfreundlich, für den konservierten und konservativen Staat ebenso fruchtbringend wie für den 25. Juni 1922 . Seite 3 neu zu gründenden. Ich kann den: Grafen Badern dir „idee maitresse" seiner Regierungszeit bringen! Schon scheint Badeni eine gute Meinung von mir zu haben, wie ich aus den Andeutungen Kozmiansder ein feiner älter Mann ist, herausfühle. Badeni, sagt mir Kozmian, will durchaus nicht gegen die Liberalen regieren, wenn er nicht gezwungen ist (ich verstehe: wenn sie sich ihm fügen), aber man kann nicht wissen. „Jl ne s'en ira Pas!" sagte Kozmian schließlich. Ich antwortete: „Ich könnte ja . mit - dem Grafen gehen, solange es mit meinen Ueberzeugungen verträglich - ist — et Puis je m'en irais." Wir kamen überein, daß ich den Antrag den Herausgebern Bacher und Benedikt noch heute — tecto: et ficto nomine — bekanntgebe. Denn ich will schicklicherweise nicht mit dem fait accompli vor sie hintreten. Doch erklärte ich meinen beiden Antragstellern, daß ich diese Verständigung nicht vornehme, um für mich kompensatorische Geldvorteile herauszuschlagen. Glogau verstand nicht recht, was ich ihnen dann eigentlich daran mitteile. Meine Anzeige habe doch nur einen Sinn, wenn ich Abstandsvorteile erzielen wolle. — Kozmian aber begriff oder sagte, er begreife: daß ich moralische Rücksichten nehme. Tatsächlich ist dies ja mein einer Grund, hinter dem freilich noch eine größere moralische Rücksicht: die ans meine Idee verborgen ist. Und so liegt diese delikate Gewissensfrage für mich: Ich beweise den Herausgebern der „Neuen Freien Presse" meine Dankbarkeit dadurch, daß ich nicht ohne weiteres mit dem (mir äußerst sympathischen) Grafen Badeni gehe, um mit seiner Hilfe die Judenidee zu verwirklichen. Ich biete sie zuerst ihnen an, wodurch ich ihnen Ruhm und Reichtum bringe — nach meiner Ansicht — und selbst auf die große Gefahr hin, daß ich meine Jdtc langsanrer oder gar nicht realisiere. Verstehen sie mich nicht, dann bin ich frei, ja verpflichtet, mich von ihnen zu befreien. Ich kaut mit Kozmian und Glogau überein, daß ich innerhalb 24 Stunden meitw Entscheidung bekanntgebe. Sofort fuhr ich zu Benedikt, der nicht zu Hause Iuct, und erbat mir von Bacher brieflich eine Unterredung für d< n Abend. Nachmittags ging ich zu Benedikt mrd setzte ihm die Sache, deren Vorbedingung — die Judensache — er Ja schon kennt, auseinander. Er fand die Situation schwer, kompliziert, die'Entscheidung auch für die „N:uc Freie Presse" ungeheuer ernst. Ich hatte vorausgeschickt und betonte wiederholt auf das nachdrücklichste, daß ich für mich keinerlei persönliche Vorteile wollen daß ich, selbst wenn man sie mir jetzt anbötc, eine Geldkompensation — Gehaltsaufbesserung oycr dergleichen — entschieden ablehnte. Ich führe die Juden srche vollkommen unpersönlich. Die „Neue Freie Presse" hat sich zu. entscheiden, ob sie mir Regenmäntel bocftengl. Stoffe, Herren- und Damenwäsche, Leinen- und Strickwaren, alles erstklassig und billigst bei iSchiffmann II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-70 En gras En Bei den Perlenfischern. Von Franz Virter. Auf der Terrasse unseres Holzpalais in Keh-Weft sprach eines Abends mein Freund Hoopes folgendermaßen zu mir: „Morgen früh machen wir einen Ausflug nach den Sandbänken.von Old-Clisss. Ich werde dir die Perlensischerei in ihrer uralten Art zeigen." Zeitlich morgens, um fünf Uhr früh, das Bett zu verlassen, wenn man erst nach Mitternacht hinein kommt! Ich glaubte, mein Freund treibe nur Scherz mit mir. Und er ließ mich dennoch wecken. Irgend ein einem Fischer ähnlich sehender Mann warf mit dem Sande des Gartens an mein Fenster und das leise Geräusch weckte mich aus meinem tiefsten Schlaf., Im Osten dämmerte es gerade und wie eine blutige Reflexion schien durch die Lücken des Vorhanges die Morgendämmerung in mein Zimmer. Staunet'rd schallte ich um mich; dann vernahm ich Hoopes' Stimme, wie er durch sein Fenster dem Fischer zurief: „All right, Juarez!" Eine halbe Stunde später befanden wir uns schon reisefertig im Garten. Es war ein kühler, fast kalter Morgen. Tiefe Ruhe bedeckte noch die Straßen der Stadt, in deren Stille nur das vom Winde . des Ozeans bewegte dichte Laub der Gartenbäume leise, geheimnisvoll flüsterte. Auf die links von uns in weiter Ferne verschwindende Häuserreihe strahlte gerade jetzt der erste Gruß der aufgegangenen Sorme. der uns betäubte und aufmunterte und der.uns itr einem Augenblick den letzten Taumel des Halbschfummers aus den Angelt trieb. Vom Ufer her zeigte uns ein langer scharfer Pfiff den Anfentüaltsort unseres Kahnes an. Fütlf: Minuten später saßen wir schon in diesem und der in die blaue Segelleinwand sich legende Wind trieb u qs hinaus In-Meer. Die in der Bucht verankert liegenden Schiffe derfrfyrtubcu alsbald otnier uns. lene mäckitiaen schwarren Körper, die riesigen Ungeheuern gleich auf dem Wasser lrcgen, gekettet auf dem'Sand des Grundes. Eine herrliche Stille herrschte ringsumher: die kirchliche Ruhe der unendlichen Stimmung der Meeresfläche. Die weit zurückgelassene Stadt, die Gebäude des Kais, die Hüttelt und Türme erschienen alsbald nur als winzige Spielzerlge hinter uns, innnandcrfließend mit dem Laube der Palnlen und Zypressen. Weit draußen auf der Fläche des Ozeans tauchte wie irgend ein selbständig kleiner Weltteil die von den Sandbänken umgebene Inselwelt der Old Key-West Cliffs vor uns auf. Durchs Fernglas sind nur winzige bunte Flecken zu sehen. „Dies ist der Auflnthaltsort der Perlen- und Schwammfischer," sagte Hoopes. „In einer Stunde sind wir dort." Wie ein isoliertes, verstecktes Nest, weit verbannt vom Lärm der Welt — so ist dieser winzige Boden, dieses Stückchen des eigentümlichen Reiches der atlantischen Fischer. Fünfzehn bis zwanzig kleine Jnselchen. Nicht eine davon ist größer als ein Hausgrnndstück. Auf jeder Insel stcht nur eine Hütte und in jeder Hütte ist nur flir eine Familie Raum. Jede Familie ist ein separates kleines Königreich; gemeinsam haben sie nur einen zum Richter, zum Gott: den Ozean. Nachts ist die Gegend, als ob sie ein menschlicher Fuß noch nie betreten hätte. Stumm, still; selbst Lichter brennen nirgends, nicht in einer einzigen Hütte. Nur an den beiden Spitzen brennt je eine grüne und eine rote Lampe als Signal für die dort fahrenden Schiffe, den Sandbänken auszuweichen. Bei Tag herrscht aber ein lautes geschäftiges Leben dort: fünfzehn bis zwanzig barkenähnliche Kähne schaukeln sich zwischen den Felsen auf dem Wasser. In entern Kahn sitzen zwei Menschen: der Ruderer und der Master. Der Ruderer hält mit seinem Ruder den Kahn, damit,diesen nicht die Welle gegen das Ufer stoße; der Master klamntert sich aber an das Ende eines Strickes und späht in die Tiefe des Mettes, wo sich das andere Ende seines Seiles befindet: um den Leib eines Menschen LLbund-r».1 . ' Wenn sich der Strick in der Tiefe befindet, wachen jene zwei Menschen oben im Kahn mit gespannter Erwartung / über das, was in der Tiefe vorgeht. Der Marter starrt mit weit aufgerissenen Augen in das Meer. Die grüne, blaffe Welt desselben kann nur sein Blick durchdringen und ausspähen. Ein anderer, gewöhnlicher Mensch wüßte gar nicht, was er da unten suchen soll. Er würde gar nicht ahnen, daß dort unten in dem wirbelnden Graus eine menschliche Hand gerade jetzt die Schätze des Meeres raubt: der Perlenfischer. Nur eine Minute lang währt die Stille des Wartens — eine kurze Ewigkeit. Dann bewegt sich der Strick in des - Masters Hand. „Haho, up! ..." Zwei Ruck ... ein, zwei Augenblicke . . . Dann . taucht aus der Tiefe ein halb gefüllter Sack und der an diesen angebundene nackte Mensch aus. Seine mit Wasser gefüllten Augen scheu für einige Augenblicke gar nichts. Mit seinem weit offenem Munde atmet er aber gierig die Luft ein. Jetzt ruht er fünf, zehn Mittuten, dann taucht er wieder in die Tiefe. Drattßen am Ufer, in der Tür der Hütte, ängstigt sich untcrbeffcn zitternd das Weib. Seit Jahren sieht sie es, von Tag zu Tag; etwas kann aber in ihr nie zur Ruhe kommen; das Fieber der Angst. Der Mann sinkt unter und taucht wieder auf, hundertmal, tausendmal; und auch jener Mensch erzittert manchmal, für . einen Augenblick wendet er sich gegen den Hintmel mit stummem Blick, und bevor er seinen Körper ins Wasser wirft, späht er einige Minuten in die Tiefe . . . Wenn der Fischer um den Schatz ins Wasser steigt, nimmt er außer seinem Sammelsack zwei Dinge als Begleiter mit sich. Das eine ist sein Messer, ein scharfes Stück Stahl, mit welchent er die Muschel von ihrem Felsenbett abtrennt; dieses hält er zwischen den Zähnen und während der Arbeit fest in seiner rechten Hand. Das andere ist ein Stück Holz, ein zwei Finger dickes, eine Spanne langes, hartes Stück Holz; dieses nimm er in der Mtte mit seiner linken Hand. Und bevor er in die Tiefe hinuntersinkt, wird es in dem Kalme für einiae Minuten still. Der Rudererriebt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.