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Wiener Morgenzeitung · 1922-03-31 · Heft 1138 (31.3.1922) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1138 (31.3.1922)
Date
1922-03-31
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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^»fenr En, tomnzz Ttt'SüfciTzzrtrcfRQ. 3LM&Z 102:1/ Nr. 1138 ■‘fe.Por^c^tiag* Der Min. Von Leopold Kompert -- p;.f Von jener katsenartigen Stille im Airftreteni; djie; man der, »Mins« besonders nachtrug, müssen wir nM etwas erzählen. Es War wirklich .merkwürdig,, wie laut- 3os, gleichsam in geölten Türangeln,' sich ilir ganzes' Tun und Treiben bewegte. .Man konnte mit Bestimmtheit Voraussagen, wenn Wcdf" einen nejJeh'Rock anzqg,- oder wenn sein Weib, die fast, noch stillere >Rerl«;Tn ekier neuen Haube erschien'. Es geschah dies hur am, «rsien Tage, des Osterfestes, sonst nie. Da verschwand;, vafber. dieser ungewöhnliche Glanz in dem von alljsm. amderetr in der Gasse zur Schau ausgestellten» er verhetzte niemanden und tat niemandem wehe.; Diese Seihst’! Verleugnung erstreckte sich auch sonst auf jeden Tritt und Schritt. Bei Gemeindewahlen nahm .Wolf »M-in«- jene Stellung ein, die man in dem neuesten Hochdeutsch' das > Zentrum« oder in der Sprache des Ghettos; -— >den Mine nennt; \ er hielt sich weder: zur Rechten «noch cur Linken, und am liebsten war jes Thm, wenn; er gar nicht mitzustimmen. brauchte. ^Trotzde^p ereignete sich einmal etwas, was-m, dem Andenken der t>Gasse< noch lange leben wird. Man sagt, daß es Koppel Friedmann gewesen, eben derjenige, dessen wildes' »Davidk jetzt Major in Amerika am Ohio ist, «der im geheimen eine so ungeheure Tätigkeit entwickelte, daß bei eitior Gemewvdewahl sich die Mehrheit der Stimmen für Wölf »Min« aussprach. Mit; einein' Male sah sich das balkengezimmerte''Haus hinter den, djei NuSbaumen von einem Glanze umflossen,, von dem LS nie geträumt. Was Koppel Friedmann bewirkt, war freilich nur zum »Spaß« geschehen, er wollte nämlich das Experiment versuchen, wie sich so ein »Min« in dem neuen Wirkungskreise ausnehmen würde — aber das machte die Wahl nicht rückgängig. , An demselben Tage soll aus dem Hause der »Mins«- ein langgezogenes schmerzliches Weinen erklungen seih, wie man es von dort nie vernommen. Wer aufmerksamer hinter die NuSbäume sah, konnte sogar den Schatten der sonst so stillen Perl in heftiger Bewegung die Stube auf- und niederwandelnd sehen, die Hände gerungen, hie und da auch heftig weinen hören Dazwischen konnte man die fast bittend klagende Stimme Wolfs vernehmen, de* diesen Jarnnier zu beschwichtigen schien. Es war.das erste Mal,-daß das Haas der »Mins« in eine so traurige Bedeutsamkeit trat; es war allen, als tönte Pcrls Weinen durch die ganze Gasse. Alles fragte sich: »Perl, Wolfs Frau, kann also auch weinen? So ist er also doch nicht der. Min, für den man ihn gehalten hatte?« Andere sagten wieder: »Hätt* man nicht darauf geschworen, in Wolf .Mins' Hause gshPs wie bei Gott im Himmel zu, vor lauter ITerzfreud und .Händedrücken? Jetzt' sieht5 mäh, wie es bei* ihnen zugeht.« Nur wenige ahnten den richtigen Zusammenhang zwischen Perls Tränen und — der Gemein de wähl. lAbeir am anderen Tage ließ Wolf erklären, er köhn$ die auf rhn gefallene Würde nicht annehmen, er. bedanke sieh d^für, und lieber bezahle er, die ihm auferlegte Strafe, als daß er sich eine Last aüferlege, für die ieine Kräfte; nicht gewachsen seien. , »Der Min«* hieß es nun, »der Min!« . . > n 'Jemand, der dieser Geschichte und noch anderem aus der »Gasse«, sehr nahesteht, war zugegen, als am Abend desselben Tages nach »Sühul« das Wilde »Davidl« ’ einen ziemlich .blöde aussehenden Jungen fragte: »Kobi! Warum hat deinn dein Vater die yGabbe’- steHe (Kassierer j der Gemeinde) nicht angenommen?« »Es wäre ihm eine zu große Last gewesen,« sagte der Knabe ’ mit merkwürdigem' Ätigens^iel,; »Warum soll er sich für nichts und wieder nichts'eine Lastauf- * legen?; Er hsit ,sc»' genug zu tragen.« v,.. > Diese‘Antwort machte offenbar das5 wilde David! verblüfftdoch erholte er: sich bald und sagte; lachend: »Soll ich dir sagen,' warum er sie nicht angenommen hat?-* Weil dein Vater ein »Min« ist, weil deine Mutter eine Min ist,’und du bist auch einer!« Der künftige Mayor in-Amerika hatte recht. Von dem jungen »Min« wollen wir eben erzählen. Das war ein schöner brauner Bursche mit schwarzen Haaren, kühngeschwungenen Augenbrauen, eher groß als klein, dabei1 Von gedrungener, fester Gestalt, die ar aber durch lange Gewohnheit etwas »heraus«, das heißt gebückt trug, so daß man iilin für klein gelten ließ. ' Aber dafür galt »Kobi« nur auf der Gasse und unter . den Leuten; wenn er aber über die Schwelle i'uwMHiMiiirojMinii seines Hauses brat, reichte er fast bis zur B!ätterkron<5 e’nes der Nußbätiirie hinauf. Ueberhaupt hielt man nicht viel von ihm; den, meisten erschien er blöde und. nichtsheitiend. Ein schDh xbemältes Stück Fleisch, sagtte plan yqn ihm,;^äber was iia’hintersteckt, ist nicht viel ^.wert. im-ther jedoch gibt es Leute, die mit. schärferen; vsrsehen sind als, die anderen, und so kapp es uns nicht befremdsn, wenn der Vater des wilden »David!.«, Koppel Friedmann, schon frühzeitig das Urteil, über »Kobi« , fälte: »Ihr ..werdet sehen,, das JJüjigeLwirdii sich ganz auf Wolf ,Min’ hinauswachsen; heißt mich eipen , Lügner, wenn der nicht; ein noch ein größerem t»Mfe* .wird. als sie alle, zusammen sind.«;• «. * Esist merkwürd^ wie solch ein Ausspruch, iw'etift: er halbwegs ein Recht zum Leben hat, sich an dieses' Leben klammert und immer höher und hoh^r schwillt.; Als »Köhl« vieruhdzwanzig. Jähire alt geWorden vwäiÄi stppd ,däa Urteil der scharfsichtigen »Gasse« fest;, er > lautete -gefade so, wie bei' Koppel Friedmann. . -; Nur; zwei, -Personen gab es. In' der; Welt, die;'wie* sich Vqn selbst versteht, in' dieser Hinsicht'{ anderer' lifeinuitg , war>n. .Es , vyiaren dies Kobis Eltern.'selbst^ iKiifen war der Sohn in einem ganzen Wesen eben recht; 4 ‘leuchtete ihnen doch ihr eigenes daraus entgegen. Was die Leute bespöttelten und verlachten, das war ihnen ja selbst eigen, das besaßen'sie selbst. Kobi war dazu im »Geschäft« wohl erfahren; ging nicht müßig, und was .er ins Haus schaffte, das hätte,'»Hand ünd Fuß«. Dennoch Vliehen auch hier die Meinungsverschiedenheiten* nicht aus, selbst Wolf »Min« : fand seinen Kob! zu ' still-; * er hatte ihm dicht genüg, ^»r' wär ihm nicht -»Bainjin« genug,'wie jene selb'ständigeü,! auf sich; und/ihren Kopf «angewiesenen Naturen des Ghettos ‘ heißen; - die eine, Welt erobern könnten wenn sie nichtjeberi der »Gasse« 'angeboren würden!' - »Hast du schön von ihm einmal gehört,« hieß'esv in manch traulicher Stunde zu Perl, seiner. Frau, »daß er aui etwas Größeres denkt? Hast du von ihm schoi» gehört, daß er auf die .Beschau’ gehen will? So ein schöner Jung’ . . . gewachsen wie ein Baum und schon1 vierundzwatizig Jahre alt, und läßt jüngere Leute, fast Kinder gegen ihn, sich vorangehen?«; (Fortsetzung folgt.) Theater von heute Aafeng Burgtheater: Die K&über llt7 Staatsoper: Der Troubadour 7 Volksoper: Siegfried 9/«6 DetrtsehesVofltsfheater: Die Opferung 7 Mene Wiener Bühne: General Goldschein 7 Wr. Kammerspiele? Reigen 7 —. Das. Fräulein ans gutem Hause 10 Josefstäöter Theater: Halbwelt 7 Wr. Stadttheater: Am Vorabend 7 Renaissance-Bühne s Der Mann, der nicht „Nein* sagen kann 7 Raimund-Theater: Der. Graf, —, Der Ernst des Lebens — Lebensgefährten 7 Carl-Theater: Die Bajadere %7 Theater an der Wien: Der letzte Walzer 7 Jöhanh-Straäß-The'ateK'Das Sonntagskind 7 Wiener Bürgertheater: Die Scheidungsreise 7 Wr. Komödienhaas: Die fromme Helene 7 Lustspieltheater: Zu spät V«8 Spitzer ft Markus II HoflandstraBel 38s fiitüä KMrMMü I «II ( Ne« erßffnetl Heu eröffnet3 Farkas J. it 1 IL Bezirk» Taborstraße Nr. Sa Original ungarische Spezialitäten WWWÜeMMM An jedem M i 11 w o c h Origfna!- Szekler-Abend ' Emailgeschirre, Stahl-und Eisenwaren, Werkzeuge, Hängeschlösser, Lampenwaren lü 1. MM Sr.! «öS Messestand: SMi, Mlal Inrae 17, M MIU unter persönHche? Leitung des KapellmeiSters Josef Karl Richter Treffpunkt der Gourmaads Wiens Ifßl lllir naekts gtSlfnetl 8Sä J ECHT PROFESSOR 1AEGER RElB®OUEHE 7RIKOT¥äSOiE ia Sommer* o. Wiflter- OinllBt für Ffheoma* u, (akhQesldentfe stets lagernd bsi ÄLBERT MfiTZHER, WIEN,Rohimesserg. 8 R WscifsSisUvilzliiilei GeöSnet von Donnerstag bis Sonntag mittags Wannenbäder GeöHnet von-Mittwoch bis Sonntag mittags fflä iss. an sililHl-eaillsfin Mb, £ uUsslia liünu. RdRtUI lilWIi SPElliHMll : L. 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