Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1131 (23.3.1922)
- Date
- 1922-03-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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WTETTETJ WORGTmETTTmGr . A. März 1922 FIr.il 13T Wien, Donnerstag /8Me'7s" önd Infolge Aufzahlung mit Reserven von K 400,000.000 beginnt. — In den Verwaltungsrat wurden gewählt Kommerzialrat Artur B i t t n e r, Präsident der Bittner- Werke A.-G., Eduard Den es, Verwaltungsrat der Denes & Friedmann A.-G., Dr. Paul Frankl, leitender Verwaltungsrat und Direktor der A. Herrn. Frankl & Söhne A.-G., *. Berthold G o I d b e r g, Naplitha-lndustrleller, Julius von Gosztony-Abalehota, Kammerrat .Leopold Helm, Industrieller, Sarajewo, Generalkonsul Dimitrij R u b i n s t e i n, Friedrich Schmid-Dasatiel, Generalsekretär der Oesterreichisch-ungarischen Bank a. D., Komnferzier-at Dr. Reinhold Schultz, Vorstand der Süddeutschen Rückversicherungs-Gesellschaft, Konstanz, Ernst W e c h s l e r, . Gesellschafter der Firma Polacco & Co., Bernhard W e I s s, Mitchef, der Firma Wilhelm Löwy <£ B. Welss. — In der unmittelbar nach der konstituierenden Generalversammlung* abgehalterten Verwaltungsratssitzung wurden Herr Berthold Goldberg zum Präsidenten und die , Herren' Kommerzialrat Arthur D 1 i t n e r und Julius von Gosztony zu Vizepräsidenten gewählt. — Die Oesterreichische Kommerz- und Diskonto- Bank nimmt Ihren Geschäftsbetrieb ab 1. April 1922 In der Wipplingerstraße 24 bis 26 als Zentralstelle und den Wechselstuben, 1., Kärntnerring 15 und IL, Lllienbruimgasse 2, auf. Wien und die Lodzei* Textilindustrie. Aus Lodz wird uns berichtet: Seit einiger Zeit ist hier ein starkes Interesse Wiener Firmen für die Lodzer Textilindustrie zu bemerken. Vor Monaten hat eine große Wiener Manufakturfirma bedeutende Einkäufe in Baumwolle und Cheviot gemacht. Diese Probekäufe haben günstige Erfolge für die Lodzer Industrie gezeitigt, da dank diesen ■Käufen auf dem Wiener Markte ein besonderes Interesse ■für die Lodzer Industrie wachgerufen, wurde und seit •diesem Zeitpunkte bedeutende Wiener Firmen in Lodz Millionenkäufe in Cheviot und Baumwollwäre besorgen lassen. Die tschechische Kohle In Oesterreich. Aus Prag Wird uns gemeldet: Die „Narodni Llsty“ verweisen darauf, daß die tschecho-slowäkische Kohle in Oesterreich wieder konkurrenzfähig geworden ist und zwischen der deutschen, der tschechischen und der englischen Kohle In Oesterreich ein starker Konkurrenzkampf besteht, da nach Oesterreich außer der Kohle aus dem Ostrauer Revier auch oberschlesische, Kohle, Saarkohle und für das südliche ‘ Oesterreich auch, englische Kohle in Betracht kommt, die um 30°/o billiger als die Ostrauer Kohle ist. Wertpakete Im Postverkehr mit Polen. Die Handelskammer in Wien verständigt die Interessenten, daß das Bundesniinisterium für Verkehrswesen, Postsektion, dem von der Kammer gestellten Antrag auf Zulassung von Wertpaketen im Verkehr mit Polen Rechnung getragen und die Postämter angewiesen hat, Pakete nach Polen mit Wertangabe bis zum Betrage von 1000 Francs (K 400.000) anzunehmen. Anleihen für die rumänischen Eisenbahnen. Die Verhandlungen zwischen den Eisenbahnverwaltungen uhd den Großbanken habe’n zuni Abschlüsse einer Anleihe von 530 Millionen Lei geführt, die für den Ausbau der Werkstättenanlagen und zur Bezahlung der bestellten Lokomotiven bestimmt ist. Unabhängig von dieser Anleihe wird „das, Finanzministerium den Eisenbahnen einen außerordentlichen Kredit von 800 Millionen Lei zur Verfügung stellen. V Arbeitslosigkeit ln der tschecho-slowaldschen Republik im Februar 1922. Bis Mitte Februar 1922 wurden, nach einer Statistik des Ministeriums für soziale Fürsorge, in der Tscheclio-Slowakei insgesamt 31.300 arbeitslose Personen, und, zwar 26.000 Männer und . 5300 Frauen, mit 34.000 Haushaltsangehörigen, unterstützt. Hievon entfallen auf Böhmen 21.300, Mähren und Schlesien .7700, die Slowakei und Podkarpatska Rußka 2300. Außerdem wurden, durch Vermittlung der Betriebe, 20.000 teilweise arbeitslose Personen mit 8300 Haushaltsangehörigen unterstützt. Die Zahl der direkt-unterstützten arbeitslosen Personen ist im Vergleiche zuden vorangegangenen Monaten (Jänner 23.400) bedeutend gestiegen. Im Februar 1921 wurden 47.328 Personen direkt unlertützt. Börse für landwirtschaftliche Produkte. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Durch die fortgesetzten Schwankungen der ausländischen Valuten ist das Geschäft ungemein erschwert und iiisbesonders ist der Umfang des Transitgeschäftes dadurch betroffen. Auch das Lokogeschäft hält sieh in ruhigen Bahnen, der Konsum beschränkt sich auf Deckung dringendsten Bedarfes. Die folgenden Preise; sind als Tansaktionen zu werten; da in den einzelnen Artikeln nur sporatisch Abschlüsse erfolgten. Plata weizen holl, fl. 14*90 bis 15 cif Bremen schwimmend öder verladebereit. Inländischer We i z e n K 370, inländisches K or n K 310, inländischer H a I e r K 285 ab Station, ungarischer Hafer K 310 Wien transit, inländische Brau g e r s t e K 300. Futtergerste K 250 bis 260, rumänische Gersse 5S/, bis 6'/« Lei und Futtcrcerste 5 50 Lei. \V e i ß b o h n e n 11 bis N 50 Mark Wien, Hirse ung. K 30 Wien, H ä n f- - s a m e n K 450 und Cziroksamen K 1*90 Wien, Mais Mixed oder rumänischer K 305 Wien, Reis .Burma per Ankunft des nächsten Dampfers 14 Schilling, 6 Pence cif Hamburg, Mehl ungarisches griffiges ung. K 61 bis 62, dopneigriffiges ung. K 64 Wien, jugoslawisches jugosl. K 26 Wien, inländisches K 540 Wien, Weizenbrotmehl 6er und R o g g e n gleichmehl 75"/0ige Vermahlung K 380 Wien, ungarischer Weizengries K 610 Wien, burgenländisches Heu K 140 Wien und holländisches Stroh K 110 bis 115 Wien. Wiener Warenbörse. Ö'eff entliehe Verkäufe finden statt: Heute, den 23. d. M.,. 12 Uhr mittags, Hängeschlösser. Am 24. d. M.. 12 Uhr mittags, Knabenanzüge und um 7*1 Uhr Kondensmilch. . Wiener Holzbörse. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeltung“.) 1 Der Besuch an der gestrigen Holzbörse war zufriedenstellend «and auch genügendes Ausgebot konnte man beobachten,, allein durch die allgemein herrschende Stagnation war nur geringe Kauflust vorhanden und die erfolgten Abschlüsse konnten nur zu gedrückten Preisen getätigt werden. Ausgeboten wurden Brennholz, harte Buchenscheiter und Prügel, trocken, zu i< 235.000 ab Wien, frisches hartes Brennholz zu K 190.030 ab niederösterreichischer Station, frisches /welches Brennholz zu K 180.000 ab niederösterreichischer Station; von Laubholz- Schnlttmaterial inländische Buche, ungedämpft, zu K 42.000 ab oberösterreichischer Station, polnische Erle von 20 mm aufwärts zu K 98.000 Wien; von Laubholz Rundholz Eiche, 23 bis 62 cm zu K 30.000 ab nied.erösterreichischer Station, Pappel, Schwarzpappel zu K 30.000 Wien; von N a d e I h o 1 z-Schnittmaterial, 13-mm-Bretter von 12 ern aufwärts zu K 42.000 Wien. 20 mm zu!< 33.000 Wien, Staffel von 7:7 aufwärts, mit Kern, zu K 38.000 Wien, Kantholz, geschnitten, 10.10 cm aufwärts zu K 37.000 Wien, Tischierware, Fichte, von 16 cm aufwärts zu K 38.000 Wien, Bauware, 20 bis 26 mm, 14 cm aufwärts zu K 34.000 Wien, Kürzungsware, 13 mm, 1 bis 3*/* mm zu K 22.000 Wien, Lärche, Bretter bis 16 min stark, von 10 cm aufwärts zu K 40.000 Wien, Kiefer (Föhre), Pfostetf von 15 cm aufwärts, 52 mm, zu K 38.200 ab niederösterreichischer Station. . Berliner Börse. Große Kurssteigerungen. Berlin, 22. März.'Die in die politische und'wirtschaft- Hche Selbständigkeit Deutschlands so tief einschneidenden Forderungen der Reparätionskommission, die während des Börsenverlaufes bekannt wurden, bewirkten auf dem Devisenmarkt neuerliche sprunghafte Preis- Steigerungen, wodurch der Dollarkurs wieder auf 308 stieg und die anderen hochwertigen ausländischen Devisenkurse auf’ ein entsprechend hohes Kurgniveau gebracht wurden. Die Effektenbörse behielt weiter ihre geschäftliche Zurückhaltung bei und nur auf dem Markte der Kaliwerte kam es zu lebhafteren Umsätzen bei wiederum nicht einheitlicher Kursbildung, die in 20 bis 40°/oigen Kursyeränderungen nach' oben und unten, welche sich ungefähr die Wage hielten, zum Ausdruck kam. Regere Abschlüsse' fanden auf die beschlossenen Preiserhöhungen in Montanwerten statt, von denen die im Großverkehr gehandelten Papiere 40 bis 100o/o und die im freien Verkehr gehandelten Werte, wie Adler-, Hallesche- und Hannover Maschinen-Aktien, unter Schwankungen um mehrere hundert Prozente stiegen, wobei in den ietzgeuannten Papieren die erneut wieder auflebenden Interessenkämpfe eine wesentliche Rolle gespielt haben sollen, infoge der Hausse der Devisenpreise nahmen Ütavi-Aktien bei einer 90%igen Kufserhöhun# ihre steigende Bewegung wieder auf und auch ausländische Renten mit valutarischem Einschlag, wie Mexikaner, Türken und Griechen, wurden neuerdings wesentlich höher bezahlt. Von heimischen Rentenpapieren tat« ' Antike und künstlerische llMvUNillliW MAÜISB & Co. - g Wien, t., Sellcrsltitte Nr. 3 (Palais Coburg) erhielt sich für Reichsanleihen die gute Meinung. In defi stillen und lustlosen Haltung der Börse trat auch weiterhin keine Aenderung von Belang ein. Budapester Börse. Budapest, 22. März. An der heutigen Börse führt* die unveränderte Züricher Kronennotierung und der Um* stand, daß in Wien kein* offizieller Börsenverkehr stattfand,1 dazu, daß sich das Geschäft in äußerst engen Grenzen bewegte. Bloß Staatsbahn-Aktien wurden reger gehandelte Nachfrage bestand auch nach Rima- und Britisch* Ungarischen Bank-Aktien, während Salgo-Aktien etwas schwächer lagen, da die Transaktionsgerüchte nicht be* stätigt würden. Der Valutenmarkt zeigte schon zu Beginn eine freundliche Veranlagung, die .bis zum Schlüsse anhielt. Fest lagen Dollar, die übrigen Westvaluten und die tschechische Krone. Die österreichische Krone war behauptet, die deutsche Mark dagegen schwächer gehalten« Gegen Schluß machte sich eine leichte Abschwächung geltend. Prager Börse. Prag, 22. März. Aus dem heutigen#lebhaften Geschäft zogen wieder nur einige Industriepapiere Nutzen, während Bank-Aktien* und An'.agewerte vernachlässigt waren* Von letzteren lagen Staatspapiere fest und die Prämienanleihe gewann 7»°/°. 'Bankwerte haben sich heute mit Ausnahme der Kroatischen Bank, fast durchwegs abgeschwächt. Auf dem Industriemarkt machte die Steigerung der Prageij Papier-Aktien weitere Fortschritte, wobei dieselben K 1<5 gewannen. Olleschauer Aktien stiegen um K 30. Stark anangeboten waren dagegen Bergmann-Aktien, welche einen' Kursrückgang um K 130 erfuhren. Begründet wurde diese .Abschwächung mit Gerüchten über eine bedeutende Herab* Setzung der Dividende. Auf dem Exotenmarkt überwogen die Besserungen. Der Schluß war unregelmäßig. Die westlichen Devisen haben sich leicht befestigt. Die Devisenkurse. Zürich, 22. März. (Devisenkurse. — Mftgeteflt vod der Schweizerischen Kreditanstalt.) Berlin 1.74 (1.76), Holland 194.20 (194.50), New Ybrft 514.— (514.-), London 22.52 (22.48). Paris 46.40 (46.!0>. Mailand 26,15 (26.!0). Brüssel —(43.35), Kopenhagen .109.50 (109.—), Stockholm 134.50 (1345.0), Christiania 90,— (89.75). Madrid 79.75 (79.80), Buenos Aires 187.— (187.—), Prag 8.87 (8.95), Budapest —.64 (—.63), Agrprn 1.55 (1.60), Bukarest Warschau—.13 (—.13), Wien Geld — .07'/« (—.06*/,), Wien Ware (—.—), Oesterr. gest. Kronen Geld —.07 (—.07), Oesterr. gest. Kronen Ware Amsterdam, 22. März. (Devisenkurse.) London 11.58'/, (11.58), Berlin -.887«. f—.91PariH 23.85 (23.80), Schweiz 51.55 (51.55), Wien -.037* (-.03'/,).' Kopenhagen 56.25 (56.20), Stockholm 69.15 (69.15),Christiania 46.20 (46.35), New York 264.25 (265.—), Brüssel 22.40 (22.327*), Madrid 41.15 (41.05), , Italien 13.50 (13.45)* Budapest —(—.—). 1 Berlin, 22. März. (Kurse der Devisenzentrale.) Noten: Dollar 303.40 (287.-). Pfund 1338.50 (1258.50), ' Italienische 1553.25 (1463.50), Polnische 7.87 (6.977«), Tschechoslowakische 525.75 (489.50). Alte*österreichische (-.-), Oesterr. gestempelte 3.95 (4.—). Berlin, 22. März. (Devisenkurse.) Wien altes —(-—.—-), Wien abgestempelt 3.93 (3.98), Prag 524.45 ( 496.50), Budapest. 36.06 (35.56). Prag, 22. März. (Devisenkurse. — Mitgeteilt vom Bankamte des tschecho-slowakischen Finanzministeriums.) Berlin 19.30 (19.80), Zürich 1133.-(1128.-), Belgrad 69.50 (70.75), Bukarest —(-.-), Wien 0.677, (0.68), Warschau 1.30 (1.327,), Agram - (—.—), Budapest 6.75 (6.95), Jugoslawische Noten 69.50 (70.75), Oesterr* gestemp. Kronen 0.677* (0.68), Poln. Noten 1.30 (1.32'/,), Ungar. Noten 6.75 (6.95). Preissturz auch bei mirI lüf MAVPD Kleiderfabrikation, II..Glockengasse 24 - IL,Gr.Sperj-1 —---Messestand! Hofburg 533S-— 1 I isaS^i S3SS6 29 - MMMÄW I!..MM!«ü - lil.WÜ.Wh Eisiks Brille. Von Leopold Kompert. »Wart’ bis auf die Nacht,« sagte mein Vaiter tm ruhig umd versteckte das graue Puikcit;>in einem sicheren Orte. Ich weinte und jammerte, die Mutter aber tröstete mich. Als die Nacht gekommen war, ühnj-lte dej- Vater das Paikot am« dem Versteck herbe-’, Nachdem er sioh früher überzeugt hatte, daß aNe Türen und .Fenster , fest verschlossen waren. Dpir graue Umschlag ward hinweggenommem; e-s' waren fünf Bücher, die mir der Vater hinlegte. »Das ist ja ein .Chumesoh’* (die fünf Bücher Mosis), rief ich, beinahe enttäuscht. »Um Gottes willen schweig, wenn du niefht willst, daß ich dir die Bücher wegnehmen soll,« schreit mein Vater ganz ängstlich und ich haibe das auoh auf Zureden de? Mutter versprechen müssen, Amis diesem Chumesch hat sie mich myterrichtet. Erst lange Jahre darauf habe ich die Vorsicht und Angst meines Vaters begriffen. Wenn man jenes Chumosch bei uns angetroffen hätte, Gott der Lebendige weiß, was uns damals geschehen wäre! Es'war mit der deutschen UÜbersetzung von Moses Mendelssohn aus DessauI. Wie ich mein dreizehntes Ja.Hr erreicht, sollte ich in die Fremde, um da ein Geschäft zu lernen. Das war damals so der Brauch; nach der .Bar •Mizwah’ müßte ein Jüngel fort. Jetzt Soll mau.es anders damit halten; die heutige Welt möchte für dreizehnjährige Kinder noch gerne eipe Amme im Hause haben. Die gute Mutter hat lange nicht gewellt, endlich aber hat es der Vater durchgesetrt. Ich bin nach Prag zu dem großen Geschäftsmann Noa Liebermann gekommen, der zu jener Zeit ein Spezereigeschäft in der Meiselga-sse neben der Schul celiaht hat. Bei dem bin ich volle vier Jahre in der Lehre gewesen und bin während, dieser Zeit niemals zu meiner) Eltern auf Besuch’ gebommon. »Ich sollt’ mich entwöhnen,« sagte mein Vater. Gut! Ich hab’ mich entwöhnt, habe gelernt, was zu lernen war; aber wie die vier Jahre um waren und ich einmal einen Brief erhalte, daß ich nach Hause kommen sollt’, da hat!/ ich mich ,doch außerordentlich gefreut. Denn mit mir war indessen eine große Veränderung vorgegaaigon. Als ein kleiner ,Kruipp’ hatte ich die Heimat, verlassen, in die Höhe geschossen wie eine Hopfenstange kehrte ich zurück. »Was werden die Leute in der .Gasse’ zu dir sagen?« fiel mir jeden Augenblick ein. Nun weiß ich nicht, wie es gekommen ist. Einem Tag vor meiner Abreise gehe ich durch die Zelt-nergasse; ich wollte mir die Stadt noch einmal ansehe-n. Da bleibe ich, obre daß ich eigentlich an etwas Bestimmtes dachte, vor dem Gewölbe eines Brillenmache-rs stchem. Wie ich mir so eine Weile die verschiedeben Dünge in dem Au-slagsikaston betrachte, kommt mir plötzlich der Gedanke: »Wie wär’s, wenn ich,mit einer Brille r.uf den Augen vor meine Ekern hintretem möcht’l. Mit so einer Brille sieht inan wenigstens um etliche Jahre älter aus. Die Leute werden-dich dann gar nicht erkennen.« Ohne weitere Ueberlegutng -trete ich äl$o in den Laden ein und kaufe mir die erste beste Brille! So lange als ich noch in Prag mich befand, hnbe ich sie nicht aufzusctze-n gewagt; da haben mich die Leute ja gekannt. Aber kaum bin ich im Wagen, habe ich sie in einem fort versucht. Die Ungewohntheit, so etwas anf meiner Nase und vor meinen Augen zu tragen, hat gemacht, daß ich die Brille in den ersten Stunden gern hundertmal auf die' Straße hinausgeworfen hätte. Immer hat mich aber der Gedanke zurückge-ha’iten: Die Leute zu Hause werden dich nicht' ertkcnnc.n und du siclut damit viel ältc-r aus! Und immer hab’ ich aufs neue die Brille aus dem Futterale licirausgeuanuuen und aufgesetzt. Merkwürdig, was der Mcnsdh rer« mag, wenn er tiui: will! Wie ich noch zwei Stunden von meiner Heimat war, da habe, ich die Brille gajtf nicht mehr gespürt, sie war mir auf der Nase wie angewachsen. Das hat mich mehr gefreut, ahs wem« ich eine Million mit nach Hause gebracht hätte!» Wie ich an dem .guten Ort’ vor überfahre, der, wie: Sie wissen, an der Prager Straße liegt, wer kommt mir da entgegen? Napbtali Krcmsier, der Vater; unseres früheren Gemeindesängers Daniel, der mit Ha,senhäutchen 'hausieren gegangen ist. Der sicht' in den Wagen hinein, in welchem ich langsam an! ihm vorüberfaUre. und ruft gleich; 's G'Uüt’s will'kiuinim, Eisölk! Bist diu anacfli ©ehe« zurück 1« lcili g’fcr'be,: kn ersten AiugenlbHiefk trifft: midi sehen vor Schrecken der blasse Tod! Gleich det erste Mensch, 4er mir -begegnet, erkennt mich! Eitt anderer hätte nun die.Brille vom der Nase gerissen und sie in tausend Stücke zerbroahon, loh aber ich habe sie bebaken! , »Sie sollen mich doch nicht erkennen,« ha(hf ich in meitnem Ingrimm gerufen. Niemals werde ich nun vergessen, wie idb meiner guten Mutter aiufgonommen wurde. N-odi jetzt fühle ich die heißen Tränen, wie sie über meide Wangen . heruntertröpfelten, indem sie mach' minutenlang gar nicht aus den AVmen lassen wollte! Ich alter Junge spür’s noch, es geht mir wie eilt Messerstich durch das Herz, wenn ich an dies« Stunde denke. Denn wissen Sie, was für ein G«* danke mir unter den Tränen meiner Mutter, untoy ihrem Lachen und Weinen gekommen ist? Es ha€ mich geärgert, daß mich meine Eltern so gar leicht enkaimnt batten, daß sie :k-e,i<n Wont über mein Aus» sehen, kurz ül>cr meine Brille sr.gtcn! Ist das nicht , etwas.,um noch jetzt darüber sieb reuig an die Brust zu schlafen? (Fortsetzung tolet.)