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Wiener Morgenzeitung · 1922-03-17 · Heft 1125 (17.3.1922) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1125 (17.3.1922)
Date
1922-03-17
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. H25 Wien, Freitag WIENER MORGENZEITUNG . 17.-März 1922 satr* k 1 1 Sporlblatt der Wiener Horsenzeituns 7>T< Kulturelle Arbeit. Zur Sondervorstellung der Freien jüdischen Volks: bühne. . Den jüdischen Sportvereinen wurde oft der Vorwurf gemacht, daß sie nur in sportlicher und turnerischer Beziehung ihrer Aufgabe gerecht werden und daß dabei die kulturellen Bestrebungen vollkommen außer acht gelassen werden. Diese Anklage ist begründet, doch muß man den Vereinen zugute halten, daß sie nicht in der Lage sind, beiden Aufgaben nachzukommen. Vor allem fehlt es. den jüdischen Turnvereinen und insbesondere den Sportklubs an einer größeren Zahl fähiger Führer. Die wenigen Männer, die sich in uneigennützigster Weise in den Dienst der Wiedergeburtbewegung stellen, sind von technischen Arbeiten derart in Anspruch genommen, daß sie der geistigen Erziehungsarbeit nicht genügen können. Ura diesem Uebelstand abzuhelfen, hat die Hakoah schon vor längerer Zeit den Beschluß gefaßt, ihre Mitglieder auf die verschiedenen zionistischen Bezirkssektionen aufzuteilen. Dieser Weg hat sich nicht als der richtige erwiesen, da Insbesondere die Sportleute durch die von ihnen gepflegte Leibesübung einseitig interessiert sind und den Bezirksaektionen nicht die nötige Aufmerksamkeit entgegenbrachten. Die leitenden Personen erkannten bald, daß die ausübenden Soortleute nur wieder durch Sportler für die kulturelle Betätigung erlaßt werden können. Dieser Erkenntnis verdankt d e Kreisleitung zum Hauptteil ihre Wiedergeburt. ,, Dieser Körperschaft obliegt nun die /Aufgabe, das Vorsäumte nächzuholen und den Sportlern und Turnern vor Augen zu führen, daß. sie mit dem Eintritt in einen jüdischen Verein eine Verpflichtung übernommen haben. Die Kreisleitung tritt nun am kommenden Montag zum ersten Male n it einer großen Veranstaltung vor d e Oeffentlichkeit, um letztere mit der UeberHeferung und. der Kultur des jüdischen Volkes näher vertraut zu machen. Der Kreis scheute keine Kosten und mietete die Freie jüdische Volksbühne für' eine Sondervorstellung, bei der „Der Fremde“ von Gordin aufgeführt wird. Die Freie jüdische Volksbühne hat die Anerkennung aller kunstverständigen Kreise gefunden und sämtliche Wiener Tageszeitungen haben ihr das schmeichelhafteste Lob gezollt. Den jüdischen Sportlern und Turnern, die zum Hauptteil aus dem Westen sind, bietet sich nun die Gelegenheit, jüdische Schauspielkunst zu sehen und würdigen zu lernen. Ein besonderer Genuß steht, dabei den Besuchern dadurch bevor, daß der berühmte Künstler Ben Zwi seine Mitwirkung zugesagt hat. Die Kreisleitung hofft, daß sämtliche ihr abgeschlossenen Vereine in den letzten Tagen vor der Vorstellung eine rege Agitation entfalten, damit die Aufführung Ihren Zweck erfüllt. Fußball. v — Das Ausländergesetz. Der prinzipielle Standpunkt. Die gesamte Wiener Tagespresse, soweit sie dazu Stellung genommen hat, ob die Teilnehmeranzahi von Ausländern an Meisterschaftsspielen beschränkt werden soll oder nicht, hat unseren Standpunkt gebilligt und gutgeheißen. Das „Extrablatt“ bringt in seiner gestrigen Nummer einen Satz des Inhalts* daß die Hakoah mit Rücksicht auf Ihre drei ungarischen Spieler Gutmann, Neufeld und Mo.'nar begreifliches Interesse hat, daß eine derartige einschränkende Bestimmung der Spielerlaubnis nicht gefaßt werde. Zu dieser Ansicht soll nun Stellung genommen werden, da sich uns die Gelegenheit gibt, unseren prinzipiellen Standpunkt zu präzisieren. Die Streitfrage erscheint uns nämlich nicht als eine private Angelegenheit der Hakoah, sondern sie .ist für uns von allgemein jüdischem Interesse. Der jüdische Sport wird von uns nicht aus dem Grunde propagiert, damit die Hakoah den Meistertitel von Oesterreich erlangt oder einzelne Spiejer an irgendwelchem Wettbewerb, aus sportlichen Gründen teilnehmen können. Die jüdischnationale Sportbewegung hat die Aufg De, die lugend unseres Volkes der Leibesübung zuzuführen, und da wir uns als ein Ganzes fühlen, ist es uns gleichgültig, ob der junge Jude, der zu uns kommt, aus Oesterreich, Ungarn, Tschecho-Siowakei, Rußland oder Amerika Stammt. Wir sehen selbstverständlich ein, daß die politischen Behörden Unterschiede, die sich aus der staatlichen Zugehörigkeit ergeben, machen müssen. Sie sind zu dieser Handlungsweise aus dem Grunde gezwungen, weil der österreichische Staatsbürger seine Rechte aus verschiedenen Verpflichtungen erwirbt Eine große Organisation, wie der Staat, der aut kaufmännischer Grundlage aufgebaut ist, muß die Ausgaben, die ihm aus der Zugehörigkeit seiner Bürger erwachsen, mit den von den letzteren geleisteten Abgaben in Einklang bringen. Eine Differenzierung unter Sportleuten ist aber durch nichts begründet. Da wir Juden uns als ein einziger Volkskörper fühlen, trachten wir, alles Trennende zwischen den einzelnen Gemeinschaften, die nur der Wohnsitz voneinander scheidet, aus der Welt zu schaffen. Uns ist ein Herr Müller oder ein Herr Löv/y ganz g'eichgültig. Wir protestieren gegen das Ausländergesetz im Sport aus kulturellen,. moralischen und prinzipiellen Gründen. Wir sind weit entfernt davon, trotz aller Einzelbestrebungen.der Vereine, das Pel, die körperliche Wiedergeburt des jüdischen Volkes, aus den Augen zu verlieren. Aus propagandistischen Gründen würden wir es begrüßen, wenn ein jüdischer Verein , oder ein jüdischer Sportsmann in irgendeinem Lande den Meistertitel erwirbt. Wir überschätzen aber diesen Erfolg keineswegs, denn für uns ist der Sport nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zur seelischen und körperlichen Erstarkung unseres durch jahrtausendelange Unterdrückung geschwächten Volkes. Fritz B a a r. Der mederösterreichische Cup. Zu den Spielen am kommenden Sonntag. Dieser Wettbewerb wurde im Spieljahre 1918/19 zum ersten Male ausgetragen. Damals gelangten Rapid und Sportklub in die Entscheidung, wobei es den Hütteldorfern gelang, mit einem Siege von 3:0 Toren den Cup zu gewinnen. Auch im nächsten fahre wiederholte der Sportklub Rapid das Kunststück, da er die Amateure auf dem Simmeringer-Platz 5:2 schlug und so wieder Cupsleger wurde. Das vergangene Spieljahr 1923/21 brachte den wertvollen Pokal nach'Ober-St.-Veit. Die Amateure hieben nämlich im Entscheidungsspiel gegen den Wiener Sportklub auf der Hohen Warte mit 2: l Toren siegreich. Heuer wird also der Cup zum vierten Male ausgetragen. Wie im Vorjahre, treffen gleich in der ersten Runde erstklassige Vereine aufeinander, so daß mehrere Klubs des Oberhauses unbedingt ausschciden müssen. Die Hakoah ist heuer stiefmütterlicher als im abgelaufenen Jahre bedacht worden, da sie damals im Prövinzverein Mödling, den sie 4:1 schlug, auf keinen allzu starken Gegner stieß. Aber schon in der zweiten Runde wurde, dem Weiterverbleiben des jüdischen Klubs in diesem Wettbewerb ein Riegel vorgeschoben, dpnn die Hakoah unterlag gegen Hertha auf dem W. A. C.-Platz mit 4:2 Toren. Die Hakoah steht nun am kommenden Sonntag in Hertha derjenigen Mannschaft gegenüber, die ihr im Vorjahr den Garaus gemacht hat. Den Amateuren war ebenfalls das Glück nicht günstig gesinnt, da die Floridsdorfer für sie immer ein unangenehmer Widersacher waren. Wie. noch in Erinnerung sein dürfte, besiegten, die Ober-St.-Veiter in der ersten Runde des abgelaufenen Jahres den Sportklub Rapid 2 : 1. Die Admira spielt am kommenden Sonntag gegen Ostmark. Im Vorjahr stand sie in der ersten Runde den drittklassigen -Lagerhäusern gegenüber und erlitt eine überraschende Niederlage (l : 2), wodurch sie aus dem Wettbewerb ausschied. Mit großem Interesse sieht man der Begegnung zwischen Wacker und W. A. C. entgegen, da die II. Klasse im Praterklub anscheinend die stärkste Waffe besitzt. Die Cupspiele Vienna—Donaustadt, W. A. F.—Cricketer, Rapid— Red Star, Sportklub—S. S. V. werden wertvolle Aufschlüsse über das Kräfteverhältnis zwischen der I. und II. Klasse bringen. Den restlichen Treffen wird nur untergeordnete Bedeutung beigemessen, doch könnte so manches von ihnen durch den Sieg des Außenseiters eine große Ueberraschung bringen. . Ein schwerwiegender Protest. Zur Meisterschaft der zweiten Klasse. Slovan hat am vergangenen Sonntag gegen Sturm 1914 unentschieden gespielt und ist dadurch gegen den W. A. C. mit einem Funkt in den Rückstand geraten. Der tschechische Verein hat' nun in Erfahrung gebracht, daß der Torwächter von Sturm 1914, Grätzer, der früher dem Fünfhauser Sportklub angehörte, nicht spielberechtigt gewesen sein soll. Aus diesem Grunde protestierte der Sportklub Slovan und falls die Anschuldigung begründet ist, erhält er beide Punkte. , Die diesbezügliche Meisterschaftsbestimmung ist gerecht und unanfechtbar. Es ist aber zu berücksichtigen,1 «aß nicht nur der schuldtragende Verein durch den Punkte« Verlust bestraft wird, sondern auch alle übrigen Klubs durch den Punktegewinn Slovans einen Nachteil erleiden, Die Spitzenklubs ertahren ntzmiich eine Schwächung ihrer Steilung, ohne daß sie s ch ‘ein Vergehen haben zuschulden kommen lassen. Wir sind wohl nicht der Ansicht, daß dis diesbezügliche Meisterschaftsbestimmung umgestoßen werden soll, doch muß den unbeteiligten Klubs eintz /Genugtuung gegeben werden. Sollte die Untersuchung des Straf- und Meldeausschusses ein vorher bewußtes Ver« gehen von Sturm 1914 ergeben, dann muß dieser Klub ganz gehörig in Strafe genommen werden. Ein Exempel soll statuiert werden, das andere Vereine abschreckt, ähnliche Ueberschreitungen ins Auge zu fassen. Konfession und Sport. Die ^Mitteldeutsche Sportzeitung« schreibt in ihreC Nummer vom 22. Februar unter obigem Titel: »Noch nicht larnge ist es her, da ging die Nachricht von der Veranstaltungeiner konfessionellen — lies:] jüdischen — Olympiade durch die Presse. Ein Vereiij im Oesterreich lud seine Glaufoctnsgenös'en hiezu ein. So weit die Tatsache. Welche Folgen ergeben sich nun daraus? : Wie die Politftc* im Sport nichts zu suchen hat, sq ist dies auch mit der Konfession der Fall. Der Sports« 'mann tritt dem Sportsniaym gegenüber und nicht deck .Demokrat dem Kommunisten, der Christ dem Juden, ■Diese. Forderung bildet die Grundsäulen, die das stolzej Gebäude der deutschen Sportyerbäivde tragen. Der ge« ’ipgite Ruck — und zerstört liegt die harte Arbeit, diq /einzelne Pioniere Jahre- und jahrzehntelang geleistet haben, am Boden; Vernichtet ist das Lebensweg manches treuen Vorkämpfers, vernichtet ein Kultur« faktor, als der der Sport nun einmal anges-procheii .werden muß. Die politische und konfessionelle Neutra« lität muß also nath wie vor der oberste Grundsatz unserer Verbände'bleiben. Wie verträgt sich dieser nun mit der vorstehende!! Einladung? * Es kann und darf nicht Aufgabe der Verbände sein, den einzelnen Mitgliedern in ihre persönlichen An« ge’egenheiten hinein reden zu wollen. Und doch muh"* sich der einzelne Beschränkungengefallen lassen, so« weit er andernfalls gegen die Verbaridsbestininuing.eh verstoßen würde. In fast allen Verbänden haben sich in den letzten Jahren’ konfessionelle Vereine gebildet, Rein formell mag Man gegen diese nichts ein wenden können, solange im Verein nicht konfessionellen Zielen ■ nachgegangen wird, solange diese Vereine jedem Andersgläubigen Gelegenheit geben, zu ihnen zu kommen — wenn auch .andererseits der Effekt der ist, daß sie eben in der Tat völlig, unter sich sind. Eine konfessionelle Betätigung liegt aberzweifellos schon dann vor, wenm sich irgenein Verein oder dessen Mitglieder " zusa-mrrienfinden, um Sport zu treiben odef gair um eine Olympiade -auszütragen! Denn hier ist der springende Pu-nkt nicht der sportliche Wettkampf, sondern d e Voraussetzung und Grundbedingung ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glau'bemsart. Hier-, heißt es für die .Verbände unbedingt, ein wachsames Äuge zu haben. Das Schicksal der Vereine, die sich an einer derartigen Veranstaltung beteiligen würden, könnte nur eins .sein: Für sie ist kein Platz jjmeh-r in den Reihen der konfessionell neutralen Verbände. Und. mag es sich bei der obenerwähnten Zeitungsnotiz auch vorerst nur um einen Versuchsballon handeln, ganz g’eich; man soll an den. entsprechenden Stellen schon jetzt erfahren, wie sich die Oeffentlichkeit, die Mehrheit innerhalb der Verbände, im Ernstfall verhalten! würde. (Fortsetzung folgt.) , I. Fortsetzung. Eisiks Brille. Von Leopold Kompert. Daniel Kremsier war ein lebendiges Zeitungsbla'tt, nur mit dem Unterschied, d.ß Zeituingsblätter öfters lögen, der Gemeindesänger aber nie. Denn dafür hatte er, wie bereits gesagt, eine zu durstige Seele, umd eine solche spricht bekarnitlidh nur Wahrheit. Durch diesen Daniel Kremsieir' sind nun eine Menge von Aeußeriingen und Urteilen, wie sie Rebb Eisilk in den vertrauten Unterredungen mit seinem 2citungsblatt zum besten gab, bekannt geworden. Sie laufen zumeist auf die »Brille« hinaus, und man wird sogleich sehen, wie. sich die ganze Lebenssumme vom Erfahrungen, gesamte Ladung möchte ich sagen, die mein alter Eisik aus den Stürmen und Fluten seines Daseins ans Land gerettet hatte, in diesen wenigen Worten gesammelt hatte. Daniel Kremsier brachte einmal, nachdem er die Kehle sattsam angefeuchtet hatte, die Meldung, es sei von einer »Partie« in der Gasse die Rede, die «ach seiner Meinung nichts zu wünschen übrig lasse. Der Bräutigam« »habe« nichts und die Braut (habe noch weniger. Aber sie wären sich beide merk« würdig zugetan, und wenn man dem Bräutigam eine b’anke Million auf den Tisch aufzählen würde, so ließe er auch von dem Mädchen nicht ab. ' ' »Und das meint ihr im Ernst, Daniel?« fragte Rebb Eisik mit einem gewissen so!- elmisclie.it Lächeln, das dem alten Manne sehr wohl amstand. »Was heißt, Rebb Eisik?« beteuerte der Gern ei ndeshnger. »Ist denn das nicht eine Partie, wie es keine bessere gibt, wenn der eine nichts hat und der andere auuh nichts und keiner hat was zu verlieren 5« »Daniel Kremsier, mir scheint, ihr habt erst ein Glas getrunken,« sagte Eisilk mit vollem Ernstc( »schenkt euch ein und trinkt ein zweit’ Glas, damit es ein Bisscle heller wird in eurem Kopfe. Denn ihr habt eben eine große Narretei von euch gegeben.« »Wie heißt, Rebb Eisik?« fragte der Gemcinde'- sänger-, sich verwunde^ stellend, ließ sich aber die Mahnung seines Potentaten nicht zweimal wiederholen. »Wie heißt?« äffte ihm Eisiik nach. »Das heißt: jetzt hat der Bräutigam noch die Brill’ auf und sieht alles doppelt. Die Nase seiner Braut erscheint ihm doppelt so schön, als sie vielleicht in der Wirklichkeit ist, und wenn sie etwas redet, meint er viel-, . leicht, Gott selbst in seinem siebenten Himmel kann nid t so fein reden. Laßj aber ein Jahr oder zwei vergehen. Daniel 1 Laß sie Mann und Weib sein, Kinder um sie herumschreien und dergleichen, dann seht zu, Daniel Kremsier, ob; er noch die Brille . auf hat.« Der Gemeindesänger war als Zeitungsbtott viel zu diplomatisch, als daß er durch Widerspruah seine Existenz in Gefahr gebrächt hätte. Er begnügte sich alist, durch ein lautes Gelachter der Meinung Rebb Eisiks seinen Beifall zu schenken und bei dieser Gelegenheit sein Glas zum dririen Male zu füllen. Kluge Leute mögen aber entscheiden, ob mein alter Rebb Eisik.mit seiner Brille recht hatte oder unrecht. Die Geschichte jener »Gasse«, in der sich jener Bräutigam befand, will nämlich wissen, daß er schon nach Jahr und Tag mit allen zehn Fingern nach der Million gegriffen hätte, die er damals verschmäht — wenn sie ihm nu,r jemand auf den Tisch gezählt hätte. Kurze Zeit darauf starb der alte, nahe neunzigjährige Rabbiner der Gemeijide. Solange er am Leben war, hatte man sich gehütet, aus Elirkirc t ’*or dem Greise, der die meisten aus der »Gasse« als Kinder gekannt halte, irgend welche Verbesserungen oder, wie es hoch deutsch heißt, »Reformen« in Gottesdienst und Scluile anzubringen. Der Tod des alten.Rabbi war das Zeichen zu einem erbitterten Kampfe der Parteien; unentschieden wogte dieser lange hin und her, bis am Ende der Sieg den jüngeren Gemeindemitgliedern zufiel. Die Jüngeren hatten einem »Prediger* durebgesetzt und mit diesem einen »geregelten« Gottesdienst. Am meisten von diesen tiefeinsohneidendon Veränderungen war Daniel Kremsier, der Gemeindesänger, bei troffen, denn sie gingen ihm fast ans Leben. Eck sollte nicht mehr die. schöne Kunst seiner gesungenen Schnörkel üben, nicht mehr die wild aufschrcicmden Melodien einer uralten Zeit vor defl .Olren Her Leute, die feiner geworden waren, anbringen! Eine andere Zeit war gekommen, und mit ihr ein musikalischer »Kantor«, der im Clvprede* trefflichen^Sulzer im Wien gebildet worden war, Daniel Kremsier ward mit vollem »Gehalt« verabschiedet; er war das Opfer eines Kampfes geworden, den man In unserer wortreichen Zeit »Ueber« gangsphase« zu nennen pflegt. Dieses schVecklich« VVesein fuhr wie ein schweres Wagenrad über den Leib des armen Gemeindesängers l Traurig und tiefbekümmert kam eines abancfi Daniel Kremsier zu seinem alten Freunde. »Was ist mit euch vorgegangen, Daniel?« rief ihm dieser erschrocken entgegen. »Ihr seht ja aus, als haltet ihr aebtundvierzig Stunden hintereinander gefastet?« »Sieht man tnir’s also an?» meinte der Ge« nicindesünger wehmütig und beschaute mit einer, Art von Lust sÄnen ohnehin spindeldürren Leib. »Ist es denn ein Wunder, wenn ich so aussehe5 Ich? frag' Sie, Rebb Eisik: muß es einem nicht das Her* ab stoßen, wenn man dreißig Jahre vor Gott und den Menschen gesunken -hat, und jetzt kommt so eia Hergelaufener, der nicht einmal »Hebräisch« recht lesen kann, und s-chnaippt einem das Brot weg?« (Fortsetzung folnÜ

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