Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1920-11-30 · Heft 664 (30.11.1920) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 664 (30.11.1920)
Date
1920-11-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2979076-2979416-2979742--05942-2991846
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 2 Wien Dienstag Politische^undschau. Der Bericht der Zweiten Internationale über die Anden in Polen. Der Bericht der Kommission, welche vom Bureau der Zweiten Internationale nach Polen entsendet wurde, um an Ort und Stelle die jüdische Frage zu studieren, ist beritS erschienen.' Ter Bericht, welcher van Rönaudel und Shaw gezeichnet ist. enthält tne Q”*. gebnisse der Untersuchung über die jüdische Lage in Lemberg. Krakau, Warschau, Pinsk, Minsk und Wilna. Er stellt fest, daß in den Jahren 1918 und 1919 Judenverfolgungen und Judenpogrome vorgekommcn sind, gegen die er vor der ganzen Welt protestiert/- Ferner wird festgestellt, daß feit fror Annahme des Beschlusses der Zweiten Internationale über die Nntersuchungskommission bis zum AbMutz ihres Berichtes keine Pogrome vorgekommen sind; doch wird der Ansicht Ausdruck gegeben, daß infolge des in Polen herrschenden Antisemitismus neue Exzes'e möglich sind, wenn nicht die polnische Negierung energische Maßnahmen gegen die Ausschreitungen des Militärs trifft, (Die späteren Er- ■ eignisse haben die Nichtigkeit dieser Ansicht leider bestätigt. Ned.) Die Kommission fordert, -otz alle Länder, welche ebenso wie Polen eine große Milche Bevölkerung haben, völlige Gle'chheit in bezug auf die b'iigersichen und politischen' Nchte' für die Inden einführen. Ferner fordert die Kommission einen internationalen Schutz für die Inden als nationale Minderheit gegen Verfolgungen und wirtschaftliche Repressalien. Sie fordert ferner Freiheit der Ein- und Auswanderung für die Inden. Die Kommission gibt schließlich der Ansicht Ausdruck,, daß' es notwendig sei, ein System a d m i n i st r a t i v e r Autonomie ansznarbeiten. welches den nationalen Minderheiten, die sich von der Bevölkernngsmajonität durch Abstammung. Sprache und Neligion unterscheiden, gestatte, in ihren Gemeinden ein eigenes kultules Leben zu führen. D'e Senaks*ra«»e in D^len. Aus Warschau wird uns berichtet: Tie Berfc^sungskommrssion des polnischen Sejm hat in ihrer letzten Sitzung, an welcher die den Linksparteien angehörigen Mitglieder te'.lnahmen, die in der letzten Zeit an den Sitzungen nicht teilgenommen hatten., beschloisen. den Artikel 33 des Verfassungsedikts, welcher die Zusammensetzung des Senats enthält, in der von den De. putierten K a t u l a und Pioiyows k ivorgeschlagenen Fassung dem Plenum des Sejm vorzulegen. Die gegenwärtige Fassung siel't die .^usammens^ung des Se n a t s durch direkte Wahl vor. Die höchsten kirchlichen und wissenschaftlichen. Behörden sollen jehoch Vertreter für den Senat ernennen. Tie vom Plenum des Senats an die Kommission gewiesenen Vorschläge über Auflösung des Parlaments, über Entscheidung der Senatsfrage, durch ein Neserendum und.über Verschiebung der Entscheidung über ein Ein- oder Zweikammersystem bis zur Konstituierung des kommenden Sejm wurden von der Komr ission abgefeimt, werden jedoch dem Plenum als Minoriiätsanträge vorgelegt werden. Ern Vo^rom in Wsloey'kr. . Lemberg. 27. November. (Privat.) Das „Lemberger Tagblatt" berichtet aus Podwoloczyska: Am 21. d. M. kamen Abteilungen ukrainischen Militärs, das von den Nüssen an den Zbrucz gedrückt worden war, nach der ukrainisch-galizischen Grenzstation Woloczysk. Unter ihnen befand sich auch .eine russische Abteilung, die aus ehemaligen Denekin-Söldnern besteht. Ten ganzen Tag wurde die Stadt von dielen Banden geplündert, die Inden wurden.in grausamster Weise mißhandelt, neun bis zehn Juden, darunter zwei Frauen, erschlagen. Die Hilferufe der Gemärter, ten waren bis nach Podwoloczyska zu hören. Hunderte von Juden flüchteten zur Brücke, die nach Podwoloczyska führt, und baten um Einlaß in die galizische Grenzstadt. Tie polnische Garnison von Podwoloczyska wendete sich über Intervention des dortigen Bürgermeisters und des Ortspfarrers an das Oberkommando, um die Erlaubnis zur Aufnahme der Flüchtlinge. Die jüdische Bevölkerung von Woloczysk ist ruiniert, die Leute flüchteten unter Zurücklassung ihrer Habseligkeiten, vielfach halbnackt, und versuchten unter großen Gefahren die Grenze zu überschreiten, um der Hölle zu entgehen. Am Abend des 21. d. zogen die bolschewikischen Truppen in Woloczyska ein. welche auch eine Anzahl von ukrainischen Pogrombanditen gefangen nahmen. Truppen in Woloczysk ein, welche auch eine Anzahl von ukrainischen Pogrombanditen gefangennahmen. Die Ved'mgun en des neuen polnischen Finanzminister?. Warschau, 29 November. („Polnische Stimmen".) Der neuernannte FinanzmiMster Dr. Steczkowsli machte die Annähme des Fi nanzportefeuilleS von einer Reihe von Bedingungen abhängig, barunter befinden sich n. a.: Die Sistierung der Durchführung der ZwangLanteihe und die Konzeyionierung des auswärtigen Kapitals Wiener Morgenzeitrmg 80. November 19Ä Nr. 664 Oesterreichs Brot- und MelOmorgung. Mehlvor'chüsie aus der Schweiz und aus Deutschland. Die Bauern liefern weniger als im Vorjahre. — Getreide aus dem Welten. — Erhöhung der Brotpreife. Der Bundesminister für Volksernährung Doktor G rünb er g e r hatte für gestern die Vertreter der Wiener Blätter zü einer Besprechung über die Ernährnngslage Oesterreichs eingeladen. Einleitend teilte Doktor Grünberger mit, daß seitends des Ernährungs- Ministeriums bei der Schweiz und bei Deutschland um einen Mehlvoyschuß argesucht wurde und daß gestern nunmehr die offiziellen Zusagen der' Schweiz ' itnd Deutschlands eingelaufen sind. Die Schweiz wird uns 3000, Deutschland 6000 Tonnen Edelmehl leihweise .zur Verfügung stellen. Wegen des Abtransports sind bereits die Verhandlungen im Zuge. - Dagegen find die mit Ungarn bereits seit längerer Zeit geführten Verhandlungen bis heute noch zu keinem Abschluß gekommen (und dürften angesichts der durchaus ungünstigen Ernäürungslage Ungarns wohl auch zu keinem StcTuItat führen. Die Red.). Die Getteideanfbringung im Inland bleibt beträchtlich hinter der des Vorjahres zurück obwohl in letzter Zeit eine Besserung bk Ablieferung festznstellen ist. Das schwierigste Problem bot und bietet die Lösung der Transportfrage. Der Transport auf der Donau ist infolge des niedrigen Wasserstandes heute bereits ausgeschlossen. Da das Ernährungsamt derzeit 4Q.000 Tonnen Nahrungsmittel aus der Donau schwimmen, hat, wurde de Umladung des Transportes in Budapest auf die Hahn veranlaßt und es wird mit eiycr Zufuhr von 210 Waggons wöchentlich gerechnet. Aus diesem Grunde wurden auch zwecks Antransports von 1500 Waggons jugoslawischen Edelmehls Hunderte leerer Plenersitmia der Dorrou-Komm^Aon in Wien 29. N.'Vernier. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der V:rsttz'N',e der Internationalen Donan-Kommission Alm'ral Troubridge ist h u'.e früh n. ch Wien abgere'.st. um an der am 1. Dezember dort stattf'ndenden Pie äAi)ung dpr Jnteru?.tinlenDonau- Kcmm'ssi.n triizunchmen. Telegramme. Weißer Arb etterblock in Ungarn. V n d n p e ft. 28. November. (Unq Tel -Korr.« 3',ur.) V rsckiedenr rrack dem Sturz der Prokeiariardiktatur gebiwete Arbeiterver» elnrauugen hab^n beschlossen, sich zu einem V ock zu vereinigen. Die ungarländische Ar eiteryartei wurd^ aufgesordert, ln den Block, e'n'.«treten. Nachdem d7r Präsident, dieser Parier, Csiznradia, sich hiezu bereit erklärt batte, hielt die Leitung der Partei cm 27. November eine Besprechung <b, in welcher C r midia erlrläete» datz er r creits feit längerer Zeit mit drr interrratioria'en sozialve r.okratisch n ^arlei gebrochen habe und au? «atonaler Grundlage stehe. Er trete daher mit seiner Partei in den B ock 1er naLionalen Arbettervereinigungcn ein. Ans der tzv^t^y-D r'amcklnng. Budapest, 29. November. (Nng. Tel.-Korr^-Bur.) Han» delsmimster R u b r ne k legt eine EesetzcSvorlage über die Jngenieurpragmatck, Vvlkswo'hlfahrtsminister Benard eine Vorlage über die' Krankenkafsenreform, Firranzminister K oranyi eine Gesetzeövorlage, betreffend eine GeldinstitutSzentoale, vor. Der- Referent des JustizauSschusseS Abgeoro» neter Bernola! stellt einen DringllchkertKwntrag, betreffryd die Verhandlung der Vorlage über den wirksamen Schutz der staatlichen und' gesellschaftlichen Ordn u n g. Ueber Antrag des! Abgeordneten S z i l a g h i wird jedoch die Verhandlung dieses Gesetzentwurfes um einige Tage verschoben. . . . Abgeordneter Smrecsanyi bringteine dringliche Interpellation in Angelegenheit des Vereines der Erwachenden Ungarn ein. In der Begründung derselben erklärt er jedoch, datz er die konkreten Verfügungen der Regierung zur Kenntnis nehme nutz.datz er keinen Grund hake, zu interpellieren. . Abgrorbneter Rafay interpelllrtt Über gewisse durch die Presse verbreitete Behauptungen, wonach die Nationalversammmug nich't vollständig so uverän wäre. Redner fordert die ,.hteunige Dur.hsÜhru.ig der Äerfassungs-- res.-rm, von drr dir aujjenpoütischr Stellung abhänge. Er berührt auch die KöuigSfrage und meint, es ward eut Gebot der inneren Zkonsolidierung sowie auch der austenp^.'i'.isch.'n T!?lti,ng U '.znnis, datz in dieser Frage ehestens ein Uattö. Büd geichalien werde- Waggons nach Jugoslawien geschickt, wovon ein kleiner Teil bereits eingetroffen ist. Was die B r o t g u a l i t ä t betrifft, so mußte man, um die Nationen nicht kürzen zu müssen, nehmen, was eben zu haben war. Unter Anwendung der äußersten. Mittel ist es gelungen, die 50prozentigö Mäisbe'nne^' gung auf 30 Prozent zu rediizieren. Neuerdings wurde der Kauf von 60.000 Tonnen Edelgetreide aus dem Westen eingeleitet. Aus dem Westen deshalb, weil bloß bei Antransport via Triest der Transport halbwegs gesichert ist. Die Fracht wird dabei seitens der britischen Negierung kreditiert, was den Abschluß solcher Kaufverträge, die sonst über unsere finanzielle Kraft gehen würden, erst ermöglicht. . Die neuen Getreidepreise bedeuten in.- folge des Sinkens des Kronenkürses eine ungeheure B e l a st u n g d e s S t a a t e s. Da der Staat diese Lasten allein nicht tragen kann, wird er wohl oder Übel zu einer Erhöhung der N r o t p r e i s e für die bemittelten Schichten greifen müssen. Ob und wann die Brotpreiserhöhung kommt, läßt sich heute noch nicht sagen. Nach Besprechung der Versorgung mit Fleisch. Fett, Eiern, Milch, Kartoffeln und Zucker betonte Doktor Guiinberger, daß Oesterreich sich niemals selbst werde ernähren können. Alles, was erreichbar sei, bestehe da.rin« daß wir in gewissen Artikeln vom Ausland unabhängig werden. Und dahin ziele auch ein Projekt der Nevarationskommission, welche alles dardnsetzt, um uns statt Konsnmtionsendlich Produktionskredite zu verschaffen, die untere Versorgung vom Ausland unabhängiger machen würden. Ministerpräsident Gras TeleN erklärt bezüglich her Thronsrage, die N:gi^rung fet im Degrsif, die VeriassimgS-- r-:s:rm vorzubrrüten. Die Negierung w:rde ihren Stand-, Punkt s-rinerz^t der NaUonaterrsammlung klarlegen. Frankreich rüstet zu einer neuen Expedition qe^en Svwietrutzlan'd'? He5s'n)fo-s. 29. Nw.'mber. (Tel.-Komp.) Dem in N!ga erich inenden Biath- „Sowodnja" zufolge soll Pyäflbrnt Mille ranb beabsichtigen, eine K)nftrrnz. van Vertretern aller antibolsch wikischen Parteien nach Paris etelguberu'en, um die Frage der Schaffung einer Basis für e'.nen neuen Kampf gegen die Bolschewiken zu besprechen. Die Konferenz soll anfangs Dezember stattf'nden. In französischen diplomatischen Kreisen rechnet man damit, daß Frankreich die Organisierung eines gut ansgerüst'ten antibolschewi- - kischen Hceres übernehmen werbeweiches aus antibolschewikischcn Russen in Rumänien, der Tscheche- Slowakei und Polen rekrutiert werden soll. Das Verhältnis zwischen Polen und Rntzlanö. Warschau, 29. Novem-tee. (Funkspruch.) Der Außen-. minister hat Vertreter der Presse empfangen und ihnen über das Verhältnis zwischen Polen und Rußland erklärt: Polens I sehnlicher Wunsch, einen endgültigen Frieden zu schließen, ist von der festen Ueberzeugung begleitet, datz wir, gezwungen, einen neuen Krieg zu führen, ihn führen könnten und gewinnen würden. Der Minister gab aber seiner festen lieber, zeugung Ausdruck, datz auch die Bolschewiken nicht den Wunsch hoben, den Kcreg wieder zu beaiunen. Obwohl er überzeugt sei, datz Polen weder jetzt noch im Frühjahr ein Krieg mit Rußland drohe, müsse die Republik dennoch auf der Hut sein. Dle gegenrevolutionäre Verschwörung in SowZetrrrtzland. Hrlsiu^sorS, 29. November. (Wolff.) Nach einer russ'schcn Meldung wurde die letzte gegenreiolutionärr Verschwörung gegen die Sowjetregierung in Moskau durch eins Tänzerin verraten, die in die Verschwörung eing7weiht war. Die Tänzerin wurde später erwürgt. Von den beteiligben Personen wurden sechzig erschossen. Bermchtunq der Dalachowrez-Armee. Moskau, 28. N-wcmber. (Funkspruch.) Frontbericht vom 28. d. M.: Durch einen kühnen Angriff haben wir die R-ste der Balachowicz-Armee in die Sümpfe tt o rd w eftlich v o n M o s y r gedrängt. Einer Abteilung von nur 60Q Mann, ist es gelungen, sich in der R'chiung der Station Schidkowit,chi zu retten. Die Verfolgung dauert ununterbrochen fort. Lloyd George über die Wttnaer Frage. London, 28. November. (Privat.) In seiner Antwort auf eine Interpellation des Deputierten Mackenzie erklärte Lloyd George: Laut den letzten Nachrichten führt General Zieligowski noch immer seine Angriff« gegen Litauen, obwohl sich die polnische Negierung öffentlich gegen diese Altion Zieligolvskis ausgesprochen hat. Dein Völkerbund ist etz bisher, nicht gelungen, eitlen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.