Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 640 (5.11.1920)
- Date
- 1920-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis LL fl.SSO Cinzelprels LL L.2SE» Vranumerattonsprefte Bien: H*m MMn in tte S^rtttioN, L. Bezirk, tatm» Mje I biS H, »der in einer Berfldletßftevr «Lrasip: VterteliahrNch Mit Postveriand »ür SIm n«d CefterrfiA: WisnatUch .. Kronen rrv.— richrcho-tzlowaket: Monatlich .. ltronen »».— «ierteliitkirlich .. -ro.- d» tschrch».si»wattscherW>thm»ß Monatlich .. Kronen «terietiahrltch .. fUfcte nng«rifditr «Olnwi Anqeiiawirn: Monatlich .. Dm« <*«— »ierteliährltch » »8.- rener PrLa»merationoprris«r Nonittlich?^E§r«rt 3Q~» Vteoieijavrltch in volnischer 4 Drnischimxd; . MonaUich. . . Mart 1 _ Krankreichr ' vtonatttch . r ssrane» JtaUen: Monatlich .... Sire 9r Kedaktion n. Administration» Mt«n,S.Be»..Tadorstr.i—G D'elebdon« Tldminist.- 4-H»'H, «edaui-n 4»LIL a» 6 Uhr adendS Str. IV VI Vostspartestenionio KAM Nr. 640 Wien, Freitag, den 5. November 1920 2. Jahrgang Gemischte Wirtschaft. r —y. W le n, 5. November. Oesterreich soll eine neue Negierung bekommen. In den Verhandlungen, die seit dem Wahltage zwischen den führenden Politikern im Gang waren, hatten sich die großen Schwierigkeiten klar herausgestellt, die durch den Abgang der Sozialdemokraten von der Negierung entstanden waren. Die Christlichsozialen konnten . ihres Sieges nicht froh werden, da sie in der kritisch gewordenen Ernäbnmassituation und der neuen Teuerunaswelle eine böse Erbschaft trafen. Das Ausland begrüßte Len Wahlairsfall mit einer neuerlichen Senkung der Krone und bewies damit, daß man draußen die Vorgänge in Oesterreich doch nicht mit den Augen der Wiener Rechtsparteien ansiebt. Man zieht dort ins Kalkül, daß die Sozialdemokraten die zweitstärfsie Partei bleiben und daß ihnen die Herrschaft über Wien nicht entrissen werden konnte. Die Haltung der bürgerlichen Parteien in der Frage der Getreidebewirtschaftung wird gleichfalls vom Ausland, das ja auch Zeitungen zu Tcfcn versteht, schärfer beurteilt, als dies der Presse dieser Parteien genehm ist. Es nützt nichts, daß die Christlichsozialen in öffentlichen Versammlungen. die sie in Wien abhalten, den Bauern ins Gewissen reden und sie an 6hre Pflicht erinnern, das nunmehr wieder ..christlich" gewordene - Oesterreich-nicht verhungern zu lassen.. Tie Agrarier bleiben ungerührt uud -die Ablieferung des Getreides selbst'in dem vom Gesetz so gering bemessenen Ansmaß ist nur ein frommer Wunschfür<hie -Darbenden - Wdter>. .Auch' die Perhandlurmßn.MMusäMLüber,^jei. jetzt langsam Klarheit wird, konnten Len Karren nicht weiterbringen. Ungarn kann nichts liefern nnd es istein interessantes Spiel des Zufalls, daß am selben Tage, an dq-n Herr Wsiskrrchner ungarisches Getreide verspricht. von seinen Parteifreunden in der ungarischen Kammer jede Aussicht auf Hilfe rnndweg abgeleugnet wird. Das Angebot einer Grenzhericht'gung in Deutsch-, Westungarn hat die Vndapester Machthaber nicht umstimmen können,, denn sie wissen genau, daß ihnen da Oesterreich etwas verspricht, was es nicht halten kann. Das angebotene Gebiet ist nämlich auf Betreiben der Tschechen, die dort ihren Korridor ziehen und die Durchzugsmöglichkekt sesshaften wollen, Oesterreich zugesprochen worden. Der Liebe Müh' war also umsonst. Die siegende Partei steht also vor der recht peinlichen Situation, aus eigener Krott keine Negierung bilden zn können, denn sie würde sich damit in eine sehr schwere Verantwortung begeben, da ibr die Wählerschaft dann noch mit viel mebr Recht all Me Versprechungen Zurufen würde, hi» im d-s Wohlkamvfes gemacht worden sind. Die Sozialdemokraten . wollen nicht in die Regierung eintreten. wenigstens jetzt picht, und freuen sich ihres verantwortuugsfrcien Daseins: die Grohdeutschen, dm mit sehr geknieten ^n^eTtt rm§ dem Wahlkampf zurückkehrten. zeigen ebenfalls kein. Interesse dafür, den Elirist^'chfoftaftn die Kastanien ans dem Feuer zu Hellen. Es ze'at. sich, wieder das Bild, wie unsachlich die Politik, in Oesterreich geworden ist. iN eberall gibt eS nur Parteiprogramme, und Varteigrundsäße. aber - kein freies Staatsbewußtsk-in. Das Wort des Dichters ist umgekehrt worden: Picht mitzulieken. mitzubasien sind alle da. Nnd so'bleibt die Klärung der Laae einem Kabinett, vorhelmlten. dos man in ^emseften Ia^ran. dem wir M Prapn^kaßinett verdanken, als gemischtes Wirtschaftskabinett be'-eich^t. Es soll ein Ministerium die Leitung des Staates übernehmen^ das aus ss^chmännern und Parlamentariern besteht. An seine Spitze soll als Staat.?*anzler der Pol'mivmsident von Wien Herr Schober treten. Damit wü'-de das- Ministerium tatsächlich Marke erhalten. ,<Vrr Schober ist ein Mann Von reich-r ^-fessnnng n"d einem oft bewährten volitischen Takt. Die Republik verdankt ibm ungemein viel Und es wäre vielleicht besser, wenn dieser Mann, der sich überall so großen Vertrauens erfreut, nicht fetzt in dem Getr'»^e d"r wurde. - Man ist hierzulande noch zn wenig damit vertraut, daß die Politik des Staat»? eiaentlich nicht hier gemacht wird. Die Entscheidi'"a über Oesterreichs ^ch'^sas li»at in Paris: von dem Ernst, mit dem dort die Interessen Oesterreichs und seiner P^-chha^s^ft "wogen werden, hängt die Zukunft des Sw^tes ob. Oesterreich ist viel .mehr ein 'wi^sch^ftlich-S als ein pgftii.'cheS Prahl»m Die Käwnfe um Republik oder Monarchie spielen sich nm an der Oberfläche ab. Und in dem groß»n Riua»n der Mlttvltemtz pM rechts und Links spielt Oesterreich eme Eriechrnlanü vsr einem MgerMg. Blutige Anruhen. — Kundgebungen für König Konstantin. Basel, 4. November, (Tel.-Komp.) Wie das ' Mond bildete sich eine Riesendemonftration, die von der griechisch-amerikanische Prcßbureau anS Athen meldet, hat Sichcrhritdwache angegriffen wurde. Die . Polizisten Venizclos die Diskussion über die Thronfolgesrage am schossen auf die Menge, wobei es mehrere Schwer» 1. November sreigegeben. i verwundete nnd einen Töten gab. Die meisten Zeitungen Athens sind heute znm ersten! Dir Demonstrationen zugunsten Königs Konstantin Male seit dreieinhalb Jahren wieder mit Bilderndes dauern fort. In gnu*. Griechenland ist die Lage alar, K ö n i g S K o n st « « i I n erschienen. Domonstrationsmiercnd. In vielen Provinzen, besonders im PMponneS. znge durchzogen die Stadt mit Bildern des Königs unter sind zwischen Polizei nnd D-monstranten Kümpfe vor-' Nnsen: „Nieder mit der Tyrannei!" „Nieder mit gekommen. Ueberall wird die neuerliche Verschievnns der VenizcloS!" „Hoch lebe König Konstantin!" Gegen Wahlen verlangt. Frankretch gegen dle Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Stockholm. 4. November. (Wolsf.) Wie Leon Bourgeois dem Pariser Vertreter der Nordist Preß, centralen erklärt, steht die Frage noch offen, ob die Gene, ralversammlnng des Völkerbundes in Genf sich mit der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund beschäftigen werde. In französischen Völkerbund kreisen wünsche man, dM dirste Frage Zcht'AW. behandelt werde, da sie er. "Mrbe^'^iemaÄb denke daran, Deutschland endgültig außerhalb des VölkerbundeS zn halten. Jetzt aber, da die WredergntmachnngS. frage noch nicht gelöst sei, würde die öffentliche Meinung Frankreichs nnd Belgiens sich einmütig weigern, Deutsch laud in *»« V^l"crl'nnd -nzulasien. Ein Antrag ans Auf-- nahnie Deutschlands würde in Gens ernste Reibungen Hervorrufen, wodurch der Bestand des Völkerbundes aufs Spiel gesetzt werden könnte. Der polnische Landtag fordert die Einverleibung Wilnas. W a r s ch a u, 4. November. (Poln. Tel.-Ag.) In der Sitzung des auswärtigen Ansschnsses des L a n d t a g e S. in der die Anträge, betreffend die Lösung der Frage von Wilna angenommen wurden, wurde auch folgende Ent. schliestnng gefasst: Die Versuche, auf dem Wilnaer Territorium rin besonderes StaatSwcsen zn gründen, überschreiten die Bedürfnisse der zeitweiligen Verwaltung. Sie fuhren nicht zu einer Vereinigung dieses Gebietes mit Polen, hingegen drohen sie internatiokale Komplikationen hervorzurufen nnd erschüttern die durch, den Vertrag von Riga festgclegten polnischen Grenzen. Der Sejm fordert die Negierung ans, alle derartigen Versuche hintanznhalten nnd in den Gebieten, die im Sinne des Rigaer Vertrages zu Polen gehören oder dir durch das polnische Militär besetzt sind, sofort die normale polnische Staatsverwaltung cinzuführen. Hardkngs Wahl. N e w - D o r k, 4. November. (Tel.-Komp.) Als End. crgcbnis der Präsidentenwahl wird bekannt, daß 397 Wahlmänner für Harding und 139 für Eox gestimmt haben. Besonders eindrucksvoll ist der Sieg Hardings in Kalifornien, wo gleichzeitig das gegen Japan ge. richtete Neberfremdungsgesctz 'mitabgestimmt wurde. Die deutschen nnd irischen Stimmen haben sich restlos ans .^"»rdtug vereinigt. In pol't'schen Kreisen wwd die Bedeutung des Sieges Hardings dahin charakterisiert, daß er ein«- offenkundige Spitze gegen Europaunddca Völkerbund tragt. Die amen. kanischr Oessentlichkcit erwärkrt von Harding de« so. svrtigen F r i e d e n S s ch l n tz m i t D e u t s ch I a n b und' Beseitigung aller Hindernisse, des Handelsverkehts mit Europa, einschließlich Nusstand. ' i Aus New-Pork wird berichtet: Infolge des Ergebn'ises der Präsidentenwahl wurde zum Gouverneur^ von New-York an Stelle des jetzigen-demokratische« Gouverneurs ein republikanischer ldandidat gewählt. , Nach einer Meldung der „Chigaco Tribüne" 'wurde Harding mit 6,587.000 Stimmen gewählt..;Ineinem Telegramm beglücktvünschw Cox den neuen-Prä-, sibenten zu seiner Wahl- und erklärt, .d.aK-M/sMf'.üm^ "Enischluß der Mehrheit beuge.arnd dle allen Umstanden unterstützen werde. ...;1. Der Sekretär Wils o ns sagte, der- Ausfall der? Wahlen rufe ihm die Worte Wilsons ins Gedächtnis: Ich erleide lieber eine Niederlage für eine Sache/, die einstmals triumphieren wird, als daß ich siege in einer Sache, dir einstmals verloren sein wird.' Aus Orlanda (Florida) wird gemeldet, daß dw Neger, die zur Wahl nicht zugelässLn worden' sind,s da sie die Steuern nicht bezahlt hatten, einen Auf«! lauf verc.n'aßten, wobei zweiFrauen getötct und' mehrere verwundet wurden. Die Menge henkte einen Neger und verbrannte fünf andere, die an den Zusammenstößen teilgenommen hatten. Die Häuser^ in die sich die'Neger geslüchdet hatten, wurden a n-s gezündet. Die Senatswahlen bringen den Republikanern eines Mehrheit von 18 Stimmen. Im früheren Senate hatten die Republikaner nur eine Mehrheit von 2 Stimmen^ Nach den letzten Meldungen habe Harding ein^ Mehrheit von 5.000.000 Stimmen errufen, dh* wähnenswert erscheine, daß Harding nicht nur ftn? eigenen, bisher demokratisch g.'sinntcn Wahldistrikt siegte^' srn^ern daß auch in Dayton, dem Wohnsitz Cor', fornee in Hydepark im Staate New-York, dem Wohnsitz Roose-z Veits, und in Princeton. dem Wahlkreis Wilsons, diq Mehrheit sich für Harding aussprach. Cox verlor seinen eigen'« Wahlkreis Ohio. Die MlKerliga nnd die Minoritäten. Brüssel, 1. November. (Iewish Corr. Dur.) Ist einer öffentlichen Sitzung des Völkerbundrates berich» tote Tittoni über die vom Völkerbunde zu leistenbr Garantie bezüglich der Minoritätenklaüseln der verschiedenen Verträge. Jedes Mitglied des Mates. ist mit dem Recht ausgestattet, jeden Bruch oder di<' Gefahr eines Bruches der ans den Verträgen sich gebenden Verpflichtungen, dem Rät zur Kenntnis z«' bringen, der hierauf die erforderlichen Maßnahmen er^ greifen wird. Die Minoritäten selbst und sogar die im Völkerbundrat nicht vertretenen Staaten haben daä i Recht, den Völkerbund auf besondere Fälle eines Der« gebens gegen die Minoritätenverträge aufmerksam zu1 machen. sehr untergeordnete Rolle. Der Krieg bat Oesterreich so mitgenommen, daß . 3 nicht einmal mehr als Ezperimentierfeld in Frage kommt. Es muß cmsgeba"t werden. D'eS ist nur möglick). wenn ' ' Äugend Vertrauen foßt wenn durch ei'wn V^rgfrieden d"r Parteien die Möglichkeit geschaffen wird, .den materiellen rmd politischen Kredit im Ausland zu beben. Die Koalition. d'»e Anteilnahme aller Klagen an der Regierung bat sich im großen ganzen beivährt, weil, ihr der gesunde Gedanke der lleberwindnng der Partei eg oismen zugrunde sag Sie ist gekündigt worden, weil die Eifersüchteleien bei Parteiführer die schwere Probe des Wahlkampfes nich mehr ertragen konnten. Aber der heutige Zustanl j zeigt genau, daß der Weg wieder zur Koalition zurü<k führt, freilich nur in dem Sinne, daß die Partei« i nicht nur nominell, sondern tatsächlich die solidarisch« Haftung für die Tätigkeit der Regierung übernehme«