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Wiener Morgenzeitung · 1920-06-06 · Heft 492 (6.6.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 492 (6.6.1920)
Date
1920-06-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang sssasassi .»" iiiiiig1 Tgarnfi»1 vra 7--H Wirr"".■' ■•■■' '■ .i 'i'i iiv.1 i -1 'i'i B.aapa.v«"v >-.-7-?!^..^-st liN'.T.-.-.M'-i'i'-'-ii-rr.r-MT'-Jv»».^> »i,,1 ■ ■;■ i»naTrg..ffiigtaaia^biaisaTwSfti- Zwischen den Mühlsteinen zweier Revolutionen. Lr. Wien. 6. Jmü. Der Werste Terror, der Ungarn seit dem Zusammenstruch beherrscht und in unausgesetztem Schrecken hält, war nicht länger wegzuleugnen. Zu groß ist bereits die Zahl der Opfer geworden, die das Treiben der Weißen Offiziere Stunde um Stunde in Ungarn gefordert hatte, als daß sie durch noch so solenne Erklärungen des Reichsverwesers Horthy hatten einfach nullifiziert werden können. Alle diese Dementis wurden durch das blutrünstige Haßgeschrei der Brachialoffiziöre und durch den Rache und Sühne fordernden Ruf der Opfer und ihrer Hinterbliebenen übertönt. Undf weil die Stimme der Letzteren echt and ungekünstelt, ist, veil das Geheul der Misten Bluthunde gleichfalls ehrlicher und kräftiger ist M das heisere Stammeln des ohnmächtigen, aber schuldgewußten Horthy und seiner Regierung, wurden das Geschrei der Verfolger und das Aechzen der Verfolgten im .Auslände gehört, während Man über die lügenhafte Feststellungen des Reichsvetwesers mit Verachtung zur Tagesordnung übergintz. Die Antwort, die das frei^. unabhängige ’ Ausland auf die Morde, Plünderungen, Entehrungen und sonstigen Quälereien. die sich ein,' arbeitsscheue Oligarchie im Lande der Magyaren seit Een- Monaten zuschulden kommen läßt, hat aufdie leMyden- Kreise des verstümmeltem Unterlandes n'ietz-rschM-tttzrnd gewirkt. Es wird ihm der Boykott aller arbeitenden- "Massen angedroht. Unganv Olll wie em^ - Aützsätzsger gemieö.ech seine Regierung soll aus dem Kreise jener ausgeschlosten bleiben,- mit denen ein Mensch von Ehre, ein Volk mit öffentlichem, gegen Verbrechen vvn Amts.wegen empfindsamem Gewissen überhaupt in Verkehr treten kann . , Die Generalstäbler des Meisten Terrors ficht .bar dieses ihrem Vaterland drohende neue Unglück durchaus NiM an. Sie bindet der Eid, Ungarn durch den ch '> kiMationalen Kurs zugrunde zu richten, und sie werden den Erd. halten trotz Apponyi und trotz aller Bemühung .'n befreundeter Mächte, der Vernunft in Ungarn die Bahn yu ebnen. - Unser Budapester Korrespondent hat vor zwei Tagen ocuf die Rüstungen der Weißen Garde für den Tag der Unterzeichnung des 'Friedensvertrages aufmerksam gemacht und auf die allgemeine Pogromfurcht im Lande hingewiesen. Voraussagungen müssen in fürchterlicher Weife in Erfüllung gegangen sein, wenn die Regierung sich endlich ausrafft, das Standrecht in Erinnerung .zu bringen und zu erklären, daß sie gewillt sei. Las Standrecht auch in Anwendung zu bringen. Kein Feinddes . gegenwärtigen Ungarn könnte gegen das Horfhy.-Regime eine schärfere und nGderschmetterndere Anklage'erheben, als es der ungarische Ministerpräsident mit sßjner Verordnung tut. Mit Entsetzen erfährt man aus dieser Kundmachung, daß in Ungarn seit längerer Zeit schon das Standrecht besteht, daß es aber bloß gegen kleine Verbrecher angewendet. gegen die jedermann bekannten Aufwiegler, Plünderer und Massenmörder aber niemals zur Geltung kam; Osztenburg. Hejjas. Pronay, Salm und ibre vielen Helfersbelfer und Henker mit adeligen Ramxn in OffizierSunisorm dursten bisher trotz des Standrechtes ibre Schandtaten ungestraft verüben, die erwachenden Ungarn konnten trotz der biefür vorgeschriebenen Todesstrafe friedliche Menschen überfallen und mißhandeln. Wer kann nach solch, verbrecherischer Vernachlässigung der Reaiernngspsticht den Versicherungen des Ministerpräsidenten Glauben schenken, daß von heute an das Standrecht nicht etwa gegen, den in Vollzug gebracht werden wird, der sich gegen die Ueberfglle bewaffneter, unfformil'rter „Patrioten" mit der Waffe wehrt, sondern, wie es das Recht, auch das Standrecht, forde^, gegen die Angreifer? Soll vielleicht die Budavester offiziöse Meldung, daß die erwähnten, energischen Maßnahmen.' von den Christlichnationalen beantragt, also mit Zustimmung der Urheber der heutigen Zustände in Ungarn, ongedrobt werden. Anlaß zn größerem Vertrauen in die Aufrichtigkeit des guten Willens bieten? Dieselben christlichnatianalen Blätter, die diese Mitteilung verbreiten, hören aber nickt aus/die Bevölkerung geäen die Arbeiter und gegen die Juden zu verhetzen. und ihre Mitarbeiter lassen durch ihre gesinnungsgenösiische Presse in Wien die Drohung in die Welt rufen, daß der von den internationalen Gewerkschaften beschlossene Boykott gegen Ungarn, als eine Washington, 5. Juni. (Reuter.) Der Senat hat die für die Zeit des Krieges getroffenen gesetzlichen Verfügungen widerrufen. * Dieser Beschluß ist von großer Wichtigkeit. Vor. allem bedeutet er einen Schlag gegen den Chauvinismus, der sich im Kriege in Amerika in unangenehmster Weise breitgemacht und gerade von den Kriegsaus- I nahmsgesetzen Nutzen gezogen hatte. Ferner wird damit eine Forderung der sozialistischen Arbeiterschaft erfüllt, welche unter dem Drucke der Ausnahmsgesetze schwer zu leiden hatte. BesondereBedeu t u n g aber hat die Aufhebung der Kriegsgesetze für die Einwanderungsfrage. Durch' die Ausnahmsgesetze war die Einwanderung gänzlich unterbunden; der Erfolg ist, daß Amerika heute vier Millionen industrielle Arbeitskräfte fehlen. Die Bewegung, welche die Einwanderung aus chauvinistischen Gründen auch weiterhin erschwerenwollte, hat durch den Beschluß des Senates eine Niederlage' erlitten; es verbreitet sich eben in ArneMU alleml Chauvinismus zum Trotz immer mehr die HMntnis,- daß das Land die Einwanderung braucht, ft /;t; Eine Vorkonferenz in Brüssel.! Paris, 5. Juni. (Havas.) Nach Meldungen ' aus Nom soll am 18. d. M. in B r ü s s e l eine Vorkonferenz für die Vorhand-! Lungen in Spa stattfinde«. Die VerhrmÄlrmrüerr KrassmÄ. Amsterdam, 5. Juni. Der „Times" zufolge wurde die für heute anberaumte Sitzung des ständigen Ausschusses - des O b er st r ri schMt Sr a te3 -wid'er^MwMM" biL Mntag? a u f g t sch v b e n, weil heute eine Kabinettssitzung'stattsinden soll. Das Blatt nimmt an, das; irgendein unvorhergesehenes Ereignis die Ursache der Verschiebung sei. London, 5. Juni. (Reuter.) Premierminister Lloyd G e o r g e ist nach einer Sitmng. des Ministerrotes auf das Land abgereist, ohne Krass in wiedergesehen zu haben. Er erklärte offiziös, daß die gegen-, wärtig in London ftnttsindenden handelspolitischen Verhandlungen des Obersten Wirtschattsrntes einzig und allem dem gegenseitigen Warenaustausch gelten: es sei keine Rede davon, daß die russische Regierung irgendeine Ware die von den bei den Verhandlungen in London vertretenen Verbündeten nach Rußland geschickt wird, mit Gold bezahle. Warschau, 5. Juni. (Havas.) Die polnischen Truppen haben die Offensive wieder ausgenommen, die feindlichen Linien zwischen der Düna und Borissow durchbrochen und sind etwa 30 Kilometer weit borge« rückt. Der Angriff einer feindlichen Armee in der Richtung von Bielaja Zerkow wurde zurückgewiesen. Tie ukrainischen Verbündeten sind auf der Linie des Flusses Klazanka vorgerückt. Warschau 5. Juni. Nachdem unsere T-uvpen sich in den be"eits seit einigen Tagen bes-'tzten Stellungen vlangem'ß s;n"S'rch'et hatten. giag"n sie am 2. Juni zu der beschlossenen G e g e n o f f e n s i v e an der Front zwischen der Düna und Borissow über. Als unsere Ärm"-2N den Widerstand d?s Feindes in seinen letzten befestigten Stellungen gebrochen hatten, erreichten wir in harten Kämpfen die Linie Ponica—Wil'a—Swerecz— Mordwa. Trotz schwierigen Geländes legte ützW fanterie in den ersten zwei Tagen der Gegenoffensive!' durchschnittlich 30 Kilometer in der ancheftihlenen^ Richtung-zurück. Der Feind leistete -insbesondM slanß^- der Düna in starken, noch aus dem. europäische PrisgO ' stammenden betonierten - Stellungen r hartnäckig- Widerstand. In harten Kämpfen bei Danilewicze -. schlüget; wir am 3. Juni zwei Brigaden.der. 12. terirdivisiyn. - ZwischenBorissow und Bs'brui3k r kognoszierungen. In der -Ukraine bliebdie chewaffnets^ Ak ton des Feindes ohrw Erfolg. Bar hem Brückenkopf. Kiew wsrnlchteMl: 'Unsere Abteilungen'' hlirchft' - --übevtft - raschendsn: Angriff auf WarynkywMrmMst'sWsiB-Pä^^ tionierte öalschewitrsche Truppen, machten 'ZühkreichL« Gefangene und erbeuteten einige -MaschinengtzwÄbre sowie zwei Geschütze. Nördlich des D'njestr rückten diel verbündeten ukrainischen Truppen bis zur Linie Gli-»- zarckra—Olszanda vor. Die ErttenLeflotte verlsßt Odessa und . Sebaftapol. Amsterdam. 3. Juni. (Tel. der „Wiener Morgen-' zeitung".) „Times" meldet: Die Rote Armee Hat' Neu-Odessa besetzt. Die Ententeftotte hat die Häfen' von Odessa und S s ba st o p o l verlassen. ~ Die Behandlung der Kriegsgervinne in England. ' London, 5. Juni. (Reuter.) Die Regierkng hat die Absicht einer Abgabe auf die im Kriege erworbenen großen Vermögen endg ü l t i g a «f g e g e b e n. Kämpfe der Franzosen mit Arabern. Fez, 8. Juni. (Havas.) Die französischen Truppen haben den von den aufständischen Benr-Uar-Arn stark besetzten Col Malmelon durch einen Ueberfall-genommen. Die Aufständischen erlitten ernste, die Franzosen nur leichte Verluste. Dis Franzosen bauen di« Stellung aus. j Von der Nordfront wird eine gewisse Gärrrng gemeldet. Es wurden dorthin französische Truppen.entsendet. ' , jüdische Mache, an den Juden, die als lebendige Pfänder bezeichnet werden, gerochen werden würde. Die ungarischen Machthaber hätten wirklich allen Grund, endlich in sich zn gehen und einzufehen, daß das Land nur durch einen gründlichen Svsiemwechsel gerettet werden könnte. Denn trotz der feierlichen Komödie, mit der die rmgarische Nationalversammlung die Möglichkeit eines Militärputsches und selbst die Absicht eines solchen in Abrede gestellt bat. weiß jedermann in Ungarn, daß die Militärpartei mächtiger ist als die. Regierung und daß diese entschlossen ist, eine Miltürdiktatur. mit oder gegen Horthy durchzusetzen. . v Auf der anderen Seite lauert die Bauernschaft au» die erste Gelegenheit, eine Nevolntion in Szene zu setzen, die^ grausamer und in ihren Folgen vielleicht ffrrchtbarer sein wird, als alle bisherigen Revolutionen auf ungarischem Boden waren. Auch hierüber wird in Ungarn ganz offen gesprochen. Der Vertreter der kleinen Landwirte. Gaston Gaal, hat in der Sitzung der Nationalversamm« lung vorn 1. Juni ganz offen erklärt, daß die Bauerii nicht gewillt seien, die Kosten der Valutaverbesserung zu tragen und Requisitionen zu dulden. Die Bauern snen nicht dazu da, die hungernde Stadtbevölkerung zu er*' halten. Diese soll, wenn sie essen will, in die Dörfer gehen und .arbeiten. Und als der Redner auf. die Frag« ' eines Zwischeurufers. ob denn die kleinen Landwirte ernneue Revolution machen wollen, antwortete, daß, wenn die Bauern an Stelle der Plutokraten zur Tragung, de« Lasten herarrgezogen werden, eben die Revolution kommen. werde/ da stieß der ehemalige Ministerpräsident Karl Hnszar den Stoßseufzer ans: „Das Unglück-ist,, daß wir wieder zwischen die Mühlsteine zweier Revolutionen geraten! . ." Das ist die einzig richtige Diagnose des Zustandes, in dem sich Ungarn heute aus dem alleinigen Verschulden selbstsüchtiger Magnaten befindet, die geglaickt haben, daß durch Anrufen des Christentums, des Haffes ihre alte Herrschaft wieder s)ergestellt werden könnte. Sie baden das Land zwischen die Mühlsteine zweier neuer Revolutionen getrieben. Die Entscheidnng in diesen? Kampfe kann nicht mehr lange auf sich warten lasten.

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