Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 422 (25.3.1920)
- Date
- 1920-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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März 1920 2. Jahrgang Das deutsche Chaos. 0:i' ,*-y. Wie «. 25. März. . In Deutschland ist äußerlich eine . leichte Ent» sjxmnung der Lage zu verzeichnen. Das Wirtschaftsleben ckommt langsam wieder in Gang, Berlin kehrt zur Ruhe jSttHicf, der Süden zeigt das Zurückfluten der politischen Ekregung und auch in dem von den Kommunisten beherrschten Ruhrrevier zeigt sich eine Besserung. Die Heldungen über die politische Einrenkung der aus den Fügen, gerissenen Entwicklung lauten allerdings widere sprechend. Während die einen von der Errichtung einer reinen Arbeiterregierung sprechen, halten die anderen daran fest, daß die Koalition aufrecht bleibt und daß Üäch wie vor Vertreter der Mehrheitssozialisten, des Zentrums und der Demokraten die Regierung bilden hftrden, weil sie die Mehrheit des. Volkes vertreten. Dies würde keine gute Lösung der großen Krise bedeuten. Das Koalitionssystem ist ja eben infolge der unklaren ünd zweideutigen Haltung der Regierung zusammen- Wrochen, aus welcher die Alldeutschen zu profitieren höfften. Daß ihr freches Attentat mißlungen ist, ist auf die unzulängliche Vorbereitung, dann aber auf den entschlossenen Widerstand der Arbeiter und Bürger zurückzuführen. An eine Fortdauer des bis zur Lächerlichkeit kompromittierten Systems hatten diese Verftiöiger der Republik und der Versassungsmäßigkeit sicherlich nicht gedacht und je rascher und gründlicher NÄH dieser Richtung hin Klarheit geschaffen wird, desto bester wäre dies für das Hartbetroffene Deutschland. Die erweiterte Mitwirkung der Gewerkschaften bei dem Dollizug He8 politischen und wiWHMiöhm PrözestrK würde fti lange UM das Bürgertum unzweideutig mit den Rechtspmckeien reinen Tisch gemacht hat, die den Handstreich her Kapp und Ludendorff je eher je lieber wiederholen Würden. Denn auch dieses Feuer glimmt noch unter der Asche und die Reaktionären sind wahnwitzig genug, ihr Experiment zu einem günstiger scheinenden Moment Iu wiederholen. Unterstützt werden ihre Plane durch die Kommunisten/ Das Auftreten der toll gewordenen Junker hat die Massen scharf nach links gedrängt und den stets auf her Lauer liegenden Agitatoren in die Hände gespielt, die die Zeit für gekommen erachten, allen Pritschversuchen von rechts durch den Putsch von links für immer das Wasser abzugraben. Diese Tendenzen wirken natürlich beim Bürgertum retardierend und' beschleunigen den Abtrennungsgedanken, der in Süddeutschland sich kräftig regt und sich in ein wirtschaftlich-soziales Mäntelchen hüllt. Die Bauernschaft südlich der Dona» will mit der Lebensmittelsperre den Generalstreik nach ihrer Weise ausübey, um die Zentralisierung des Ruches Iu verhindern und die preußische Führung von links ebenso entschieden znrückzuweisen, wie sie die von rechts bekämpft hat. .; Die Arbeiterschaft des Südens droht für den Fall Kes' Lebensmittelboykotts; mit der Einstellung der Kohlenversorgung. Wenn -also die Klärung in Berlin Nicht bald und eindeutig erfolgt, kann man sich auf furchtbare Kämpfe im Süden gefaßt machen, wohin sich der Mittelpunkt des Erdbebens jetzt zu verschieben anschickt. Sehr ins Gewicht fällt die Spaltung , des Zentrums, dessen linker Flügel durch die Ereignisse radikalisiert worden ist, während sich beim rechten Flügel eine Orientierung nach der deutschnationalen Richtung hin eingestellt hat. .Die Atempause, die jetzt in Deutschland eingetreten ist, kann nicht lange währen. Die Dinge stehen'auf der Schneide des Messers. Erfreulichist nur die Sorge um den Parlamentarismus, der allein imstande sein kann, eine Beruhigung herbeizuführen. Obwohl die politische Entwicklung allenthalben auf der Suche nach neuen Änsdrncksformen für die Verkörperung des Volkswillens über den Parlamentarismus hinansstrebt, so ist doch die politische Erziehung der Massen noch nicht so west gediehen. daß man der heutigen Art der Volksvertretung ganz entraten könnte. Die Beseitigung der National- Versammlung als Institution würde unter den heutigen Verhältnissen ein Einschreiten des feindlichen Auslandes zur Folge haben, zumindest in der Art, daß die vor dem Husarenstreich Kapps bereits zugesagte Kredithilfe verweigert würde. Es ist nicht außer acht zu lassen, daß-sich in England unter Führung Lloyd Georges der Zusammenschluß aller bürgerlichen Elemente — und das englische Bürgertum ist freisinniger als das deutsche — gegen die bolschewistische Propaganda vollzieht und daß sich auch in Amerika eine starke Strömung, gegen den radikalen Sozialismus ankündigt. Eine Schwenkung Deutschlands von der reiUeft Demokratie zum Rätesystem und die dadurch bedingte Aufhebung des parlamentarischen Systems würde also Deutschland von denen abschneiden, die ihm helfen wollen — und das sind die Völker Englands und Amerikas — und wieder vor die gefahren des französischen Rnnexionismus führen, Das Ehaös in Deutschland scheint fast unentwirrbar; aber die Gefahren einer weiteren Andaster dieses Zustandes sind. zu groß, als daß. man sich nicht der Notwendigkeit bewußt werden müßte, bald' wieder zur Ordnung zu gelangen, die nur in der Rückkehr zür parlamentarischen Arbeit liegen kann. Leider sind aber vorder noch die Stürme der Neuwahlen zu übernnndeiu Deutschland zwischen Scylla und EhariböiS! ./ Uor der".. * der Roten flriee int Ruhrsebiei? Berlin, 24. März. (Privat.) Spät nachts find hier Gerüchte Verbreitet, die besagen, daß nach langwierigen Anterhandlnngen Mit den Reichstruppe« die kommunistische Rote Armee im Ruhrgebiet kapituliert habe. Die amtliche Bestätigung dieser Meldung steht zur Stünde noch aus. Dis AmM-urrg des Kabinetts. Berlin, 24. März. Seit heute früh tagen -im Reichstagsgebäuibe die MehrheiLsparteien, um in der Frage der Umbildung des Kabinetts-schlüssig zu werden. Wie die. Blätter melden, Mache sich: in der, demokratischen^ Fraktion ein starker.. M^erstand gegen. die En- Hloe-Annahme dex-^GeWrkfchaN^ordMW^n; Ielteno. DK-Hür.MeErZeMsM^MmSH^tz^Aid' Mr!/-MnOnmsft/ ftaftivn -seiman geneigt, , GchveMchafiÄerein-l barungen zuzustimmen. .Es. sei jedoch . anzun?ehmen,daß sch ließ lich.al^e dve i Mehrhftftparteftn .ihre Geneh'migumg erteilen werden. \J:&; ■ /;;; -./;■,; . Bezüglich - der Neübi^ung.,Hes... -Kabinetts: sollen die Dingederart liegen,, daß die Demokraten kund' die Sozialdemokraten'.. - der - .Unsicht - Men, /täs^/ gesamte Kabinett müsse, zurücktreten,., während das Zentrum sich nur damit einverstanden erkläre, daß einige' .Minister- Posten -neu -besetzt werden. 'T.' . / ' : Auch heute. kursieren itt. politischen Kreisen die Namen zahlreicher,Kandidaten für die Minifterpost-en.. Als Reichssinanzminisier werde,-wie bereits gestern gemeldet, seilens des. Zentrums,, Generalsirektor Cuno von. der „Hapag" vorgeschtagep... Die Gesetzüng - des . Reich:wehrrnin'steriums dürfte. hie',grötz-brn'..Sch'wi6rig^ leiten verursachen. , Wels, dem.-voy den? Sozialdemokraten . das Portef-eütlle angeboten. worden sei, - lehne ab. Es scheine, daß man diesen Posten der.demokratischen Fraktion zu überlassen gedenke, seitens, welcher/für diese Stelle. Dr. 5 Petersen, Dr. Geßler oder Nuschke vorgeschlagen werden. Waffenft'kÜstand im Gebiet ÄerLiPpe. Ha-an.^ 24. März. (Wolfs.) Nach schweren Kämpfen, die. sich zw Wen Arbeitertrup pen' und der Reichswehr im Gebiet der: Lippe unter Anweisung' voyschwerer Artillerie aus? beiden Seiten abgespielt' hatten,'haben heüöe'BerhaMüngxn/. in Bielefeld , begonnen, die. in Hagen fyrtgesetzt wurden..Es wurde ein'Waffen für 24. Stunden abgeschlossen. - Man 'hofft auf eine endgültige Berstärrdignng und; die Beilegung der Kämpfe. ' " 'Sieg 'btr'MMvunKstxuvpeü.. > B> rli«, 24. März. - (Korr.-Bur.). In Leipzig würde die Besetzung des Stadtgebietes durchs Truppm erweitert. In Jena haben die Regierungstrüppen die Oberhand gewönnen. — In Köburg-Gotha' ist der Generalstreik aufgehoben. Die Acheiterschäft befindet sich noch im Besitze der Waffen. Die Stadt selbst ist hrute sr.'i'.villrg von der Roten Armee geräumt worden. Kleine. Trupps von.,B. wassneten fotlen sW noch'in beit umliegenden Wäldern aushalten. ' - y r . Wer ^Abdruck:des Strebs.' / Berlin,f24/ März. Die Ärbeft wurde. Gute'auch in jenen Tetrteben, welche gestern den' .Generalstreik nicht abgebrochenhaben, wieder ausgenommen./ Doch.' dürste die Gas- und Eleklriz-tütsversorgUng/erst in' den nächsien.: Daücn: den/norinalen Stand' erreichen. Die Siraßeu.'ven Groscherli» irerden auch heute ahends noch unbeleuchtet blechen. Die Wafserveriorauna dürfte heute bereits hi vollem' Umfange .tzurchgeführr werden 'können. - */ . . - Die Vorlesungens.an der Universiität sollen morgenwiederausgenommen/-werden.'.. In den Theatern' -wird' heute'.äbrnds'wtede^', gespMti , - //'-.- / / -'' Die -Lage Kphte«revLere»^, ft ftird von mnÄ reich ftftr 'M^tDtgeteiftt MMstfaleN .Wirb voll.gearbeftet. Es werden täglich üngesähr16.00Ü' Eisenbahnwagen ^eMft.^'Jii,/OW-chles-ien wird,.ebenfalls . voll tzeärhetM / -pch'/.gepAttet/ die BLrkehrslÄjK^ nicht.' Äe'ge'order-te Mengft aus 'deck Revier heraus-- zufchaffen. Im/ rhetnischm 'BtaunHohlLnrevi-er, das '' im besetzten..Gebietliegt, 'hat 'die /Arbett während der kritischen'Tage'nie gestockt.' Dagegen wird im mftftldeu/fchew K/Hlenrevier fast ftar sticht gearbeitet. EbÄA wird in Sachsen zu einem großen Dell noch gestreikt L/ttwitz wollte die Neichsregierung verhoftem lasferu BcMn- 24.' März. (Tel.-Komp.) Wie das '„8- Uhr- Abendblatt^ erfährt, hat General L ü t t w i tz' svssrö Nach der Errichtung der. sogenannten -Kapp-RegierunN einen Haftbefehl '-ur Verhaftung der 'gesamten -Reichs-> r-egierung. nach Dresden gesandt. Dieser HaftheMsi war schön dort ein-.etrofsen, als die ReichSregterüW von Berlin nach Tteesden kam: General Merker erklärte der Negierung, er könne'sich auf die Dauer-fstr^ den Schutz der-Minister nicht verbürgen, worauf sichs/ die Minister'nach-Stuttgart begaben.' v‘ Der Krei^arbeiterrat Wiens. J An, fas Proletariat Deutschlands. - Der . Kreisarbeiterrat Wiens hat einen. Aufruf an-baSf Proletariat Deutschlands beschlossen, in dem -es heißt-: - "Im Bewußtsein der . ganzen' Schwere der historischen Situation halt es. der Kreisarbeiterrat Wien für seine proletarische Pflicht, den klassenbewußten Arbeitern Deutschlands ^uzEen: Schließt die Reihen!, Wir geben uns nicht der utopistischen Idee.hin, daß es möglich wäre, unter den gegenwärtigen Bedingungen nach allein, was während des'Krieges und nach oem . Kriege geschehen ist, nun eine , einheitliche Parteides klassenbewußtcn Proletariats in Deutschland herzustellen. Der Arbeiterrat, wie wir ihn in Deutschösterreich haben,- - gibt die Möglichkeit, die Gegensätze innerhalb de» Proletariats in Erscheinung treten zu lassen, die/Kräfte inner», halb, des Proletariats sich einander messen zu lassen, ohne die' Äktionskraft der Arbeiterklasse in brudermördervchenr Kämpft zu verbrauchen. Schafft einen Ärbeiterra't, schafft ein. Jnstru-' ment, das alle proletarischen K» äste und nur die Kr/'fte des Proletariats zum Ausdrück bro-.gtl Nur daun.seid'ihr ge-' rüstet-gegen die..Gefahren der Konterrevolution, nur dann seid ihr gerüstet für den Kan-pf um das Endziel des So?ialrs-' , mus! Mit Bangen und Trauer haben wrr rmn er wieder ge- : sehen, wie in Deutschland d-i. oewafsnete Gewalt m dm; konterrevolutionären/Ofslzlere, an. die Kneu.te der Reaktion, auSgeliefcrt würde. Auch in l, cfcr Richtung g'airb.'r: wir , ebne Ueberhebnug sagen zu dürfen- Schaftt eine W-lr, lvre .> itiir/'.sie' :'in' 'Oesterreich' beüi'cn/. em^ Wehr.' die als. 'ßnstrus ukentdxr- Neaktivnyph^auchv'r - it! ,C :-r?ij unfc»*»; Schicksal, llnd' sö hoffcn wir, daß die Zeit nicht mehr so fern" Sin wird, wo sich vollziehen wird der Geschichte ehernes kutz, der Anschluß des Peolö-ariars DeutschöstcrrcnhS an das revolutionäre^ an daS sozi.üii-istk r.Dcutscb-and.'' Dieser Ausruf war eia Ncstiulsousmitrag Doktor Friedrich, Ad.lerS, übetdcn,cim längere, iullcuwcise bewegte Debatte abüetübrt wurde./in der. '-Dr Ltto. Ütaitejt- 2928