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Wiener Morgenzeitung · 1920-03-24 · Heft 421 (24.3.1920) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 421 (24.3.1920)
Date
1920-03-24
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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r Wvr, Mittwoch" 3Bie«et Movge«zettrmz 24. m&t*tm MM Die Cholera. Knählrrnsi vvn I. L. Perez. Au« hr« Jüdischen vyn Siegfried Schmitz.) <2. Fortsetzung.) . Dazu formen noch einige Vorfälle, die Sawitzkys -i'i^ztUche Autorität gänzlich untergruben. Einem Jungen, -er sich eine Erbse ins Ohr gesteckt hatte,' konnte W sie mit allen seinen Instrumenten nicht wieder Herallsüringen. Der Baber aber klopfte■ dem Kleinen -bloß auf den Rücken — und die Erbse war draußen... Ein Kranker wagtees einmal, ein Medikament von Sawitzky cmzuirehmen; eine'Woche später lag er auf der Bahre! Einmal äußerte sich der .gute Doktor >zu einem /Fieberkranken', Fieber sei gar Lerne Krankheit; sondern vielmehr ein Heilmittel, eine Art Waffe des -Körpers, um eine drohende Krankheit" zubesiegen! .Als das bekannt wurde, begegnete Sawitzkys ärztlicher Kunst nur mehr der Sport... Der Svvtt mehrte -sich, uls man ihn eines Tages zur Geburtshilfe berufen mußte. Di.- Hebamme war gerade im nächsten Dorf? und;o mu^te. sich die Wöchnerin in seine Hände geben. Da gab, es für die Leute, die sich als Zuschauer versammelt hatten, wunderliche Dm ge zu' sehen: Sawitzky ließ sich eine Schüssel Wasser und'ein Stück Seife bringen. Dann zog er ein Fläschchen ans der Tasche und goß daraus etwas in das Wasser: Die Leute, die dabei standen, .meinten, er habe auS Haß gegen den Apotheker das Medikament, das er an- 'wenden 'wolle, selbst bereitet. Doch da -geschah etlvas ilnerwartetes: Sawitzky schürzte die Aermel -auf und begaün s-eelenruhig sich zu waschen!. Dann zog. er ein kleines Messer hervor und reinigte die Nägel! Nach als dem Hokuspokus ging er ans Werk. Die Wöchnerin sagte wohl, er sei geschickter' als die Hebamme und seine Hand sei leicht. Doch die Zuschauer' ent- -schiedcn.' der ganze Krimskrams sei unnötig und lächerlich! Und — „wo bleibt einmal seine Kunst, wenn gerade .keine Seife im Hause ist? Da war gerade Waschtag. Aber sonst? ..." All das bewirkte, daß Sawitzkys Aussichten, sein Leben zu fristen, täglich geringer tvvrhsn. Es ging ihm — -mit einem Worte hundeelend und mach zwei Zähren sah er ein, daß er hier auf Ieinen grünen Zweig kommen werde. Schon wollte tcx das Städtchen verlassen; da nahte die Seuche! Jetzt fort? Keineswegs! Jetzt mußte .ja. die >,goldene Z^it" kommen!-Schon war eine vertrauliche Anfrage an den 'Kreishauptmann gelangt, ob es nicht notwendig sei, eine Cholerabaracke und. eine Desinfektionsabteilung zu errichten. Freilich hatte sichs die Judengemeinde ein schönes Stuck Geldkosten lassen; daß der Kreishauptmann schrieb, die Maßregel wäre noch verfrüht und würde eine Panik im Städtchen Hervorrufen. Aber das .Unglück nahte mit Riesenschritten und damit Jü’r Sawitzkys Hoffnungen das Glück. Jetzt —' sagte sich' Sawitzky — ist hier rechte Augenblick da: Die Regierung wird dem. Arzt Taggeld zahlen/' Die Kranken werden für die ärztliche Behandlung zahlen und s— die Gesunden werden zahlen, damit sie nicht als krank angesehen werden. Die Juden werden zahlen: für die Desinfektion und für das Unterlassen der Desinfektion,-für die Isolierung und für das Vermeiden der Isolierung, Schweige- und Sftebcgelb imb — am meisten „Begräbniskosten" für das Begraben ohne Obduktion! ' Sawitzky wußte, daß er nur jetzt sein Glück machen rönne. Sein Gesicht strahlte freudige Hoffnung. Wenn er durchdie Straßen ging, pfiff er ein lustiges Liedchen und schaute allen Leuten fröhlich lächelnd in die trüben Gesichter. Aufmerksam guckte er durch Türen und Fenster in alle Stuben. Den er wußte: die Juden verheimlichen gern solch ein Unglück! Aber bas sollte ihnen nicht gelingen. Er wollte wachen, daß ihm sein Glück nicht entgehe! Wenn es da ist, dann — dann heißt es, erraffen!, Und dann fort aus dem trostlosen Nest in die große Stadt und Hochzeit gemacht mit dem wohlverdienten Gelde! «. . m. , „Hochzeit machen" — das ist auch der Glückstraum Jossels,, des Jeschiwahbochers — und darum hofft auch er a'uf die Cholera. Er ist eine arme Waise. Und wenn es . gilt zur Abwehr der Seuche, zwei Waisen des Städtchens miteinander zu verheiraten, dann gibt es keinen geeigneten. Mann außer ihm im Städtchen. So erfüllt ihn die Seuche mit froher Hoffnung. Jossel ist zwanzig Jahve alt und sehnt sich' nach r . e- , f>et Hychzeit. SeinBaEtundf> in seinem Atter schon ''Kinder begraben :;-r *'ttttb'eif whchi/'/l den ganzen Dag inr Beth-Hamidrasch verhöhnt ob seinvtz . Ehelosigkeit. „Alter Junggeselle!" ^tönt es auf Schritt > und Tritt hinter ihm her. Bissige Wtzwortd stechejnt ihn wie Nadeln. Bei Nacht-aber!-ist W noch arger: Einsam liegt er im Beth-Hamidrasch auf der hartem Bank, und böse Träume verscheuchen seinen- Schlaf./ . . , Er bittet und fleht, man möge ihm um Gotteswillen ' Hochzeit -machen. Doch jeder gibt ihm hie gleiche Ant^ wort: „Freie die Körrigin von Saba-*) Sonst nimmt dich kein Weib; krätziger Kerl!"' Die. „Krätze" war eine -Uebertreibung. Doch Jossel war von der Natur mit' anderen Vorzügen gesegnet. Er war vier Jahre alt gewesen, als'-' yv.^nit? semeM Vater, einem Lastträger, auf der' DudWjstz.': inE-H Städtchen kam. Der Vater erkrankte /starb) / bald'darauf. Jossels Mutter war schon''bei feiner Geburt gestorben. ' ", Die Gemeinde niahm sich des Waisenkindes an..'. Jossel kam in den Cheder und schlief im Beth-HarM drasch. Er - aß Kosttage bei den wohlhabenden Juden/ des Städtchens. Ein halbes Jahr nach seiner Ankunft, erkrankte er an den Pocken und. seither war sein Gesicht / blatternarbig. Ein Jahr später' -traf ihn ein neues', Unglück: Im Beth-Hamidrasch stand ein alter zerttüm-' metiev Ofen. Jossel war gleich nach seiner -Ankunft) zum Heizer dieser Ruine bestellt toorden; Wärme, gabf ■' der unbrauchbare Kasten sehr wenig. Bei/ TM wa^ . es noch auszuhalten, aber bei Nacht fror Jvssel bitter-s lich. Denn der Ofen war kalt geworden ünd die alteir Lumpen, welche ihm - mitleidige -Leute geschenkt hatten, - - wärmten nicht. Die bittere Not der Kälte trieb ihn-nuw! dazu, den Schlüssel zur Hvlzkarnmer ' zu, stehlen unh. nachts zu. heizen. .Doch- Gottes Strafe, für/ den Dieb^- stahl — so sagten /'die. Leuch — blieb nicht/, ans:'. Der! Ofen' platzte, ein Stück fiel Jossel aufs rechte'. -SSeiic{ und brach es. Der Bader heilte,. de.rr/KruH. .kimstÄol-lp ' doch der rechte Fuß blieb irgendwie verkürzt und seither hinkte Jossel.? - *) Die Königin von Saba steht in der jüdisch«»!/ Legende etwa Lilith gleich. I (Fortsetzung svlgO . Theater L>kgtdeam. Skaf,. k. 'SrfcjHÄuwau: iet S3C6 Pygmalion. 5 vhr Crr.öe 3 Uhr Operntfteater. t*#k.n.i3#ea*#tt<r4: Lrr.L«r.«5 Tiefland. -Ssftfca V;6 Ute Ence 8 Uhr öoifcsopet. Carmen. 5,;6 Ntzr Cnst 8 Uhr •c«t$cDc$Uo!Ksil)«ter. Telephon: Nr. 31087 Nachmittag?: Iphigenie ans Tauris. Dezinn 3 Uhr Ende %i Uhr Abend? : Der Puppenspieler. — Der grüne Kakadu. Komtesse Mizzi. Beriao '/.« Uhr Snde L vlr Me»ek R-mmenpieie. V. Rotruturmstrap: SO. Exzellenz. *;|nsn e £<*« 6 äi}x 1«$eftfldfcr CHwfer. Der Schrei nach dem Kivd. 6 nU Snbe » Uhr lim mutier Liilme. IX,. Wasagaffe 58. Doktor Stieglitz. V.C Un bnde<? SLrn minier Stadttbeaur. Der Hkttenpefitzrr. «fa.nn •; ubr ‘-fxbt ß ar-.j Caiutheater. Der^lastelhinder. ff-cjij/ia Vt6 Uhr ’ixbe 8 U\,s I Wiener Komodlenbauf, K..?l«S>wtifT^ro%e 4—6. Gregor Bildstcik. Srgiriri V,6 Uhr S»de 8 Uhr RtRai$$jmce-Böbne. TU., sreudauzarZe SS. Komödie der Worte. Brginv l't$ Uhr Ende S Uhr lraiWund-cheater. ^üs>«r«TelephLn Nr. 85S0, 16604 Die Dollarprinzesfin. 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