Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 395 (27.2.1920)
- Date
- 1920-02-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gebe » 5551m, Frektag Jggfetie» MorgenzemmF Meuachem Mendel. Ern Brrefwechsel. , . Hrraüdvescbm von Schvlem-Alejchem. lln" ".-v Iftdischen übertragen von Siegfried Schlitz. Das dritte Bündel Briefe. „Millionen." Hiiridler. Makler und Spekulanten.) (33. Fortsetzung.) 24. Brief. Sch 'itt -Sch lridLl aus Aasrilwke mr ihre» Gatts» Meuachem Mendel in Jehupez. Dem Hochg7cl)rten edlen und mächtigen Herrn, ixm weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb DUnadjem- Mendel ehrfürchtigen Gruß. Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott 'i Danl, beim besten Wohlsein sind, gebe Gatt uni, oas Gleiche von Dir zu Höven fürderhin und nichts Z io e t i. e n * ,teile ich Dir mit: Was habe ich trr gcfagr. Du ausgewachsener Narr? Küssen-solltest jriciii; ^ri:-fe; wie sagt die Mutter: „Küß' die ilttw ' d e Dich schlägt . .. Nun hast Du schon alle kein: vVcpf.e dort zu Ende gebracht und so, daß'ich kiyc vier davon habe, und hast dort. Kameradschaft gelchlosseu mir einer netten Gesllschaft von Lumpen, mit ^endaren, Lastträgern, Schreibern, Liedersängern, Parten säugern, — wer lacht nicht, wenn er das hört? kazu muß man in Fehupez im Gasthöf. sitzen und »as Geld zum Fenster hinauswerfen! Mich freut nur, »aß Du zn Verstand gekommen'bist:' es ist Dir offen- .5cu, wie Du sagst, nicht bestimmt, dort emporzukommen artb Millionär zu werden. Hast Du noch welche Zweifel Rendel? Ich schreie schon lange. Du mögest Dir diese »errückten Gedanken aus dem Kopfe schlagen. Ich möchte io sicher sein vor allem Bösen und möchte, daß Du sicher bist vor Deiner eigenen Narrheit, wie Du sicher »ist vor Millionen! Vergiß die Millionen, Mendels »ergiß, daß es irgendwo auf der Welt einen Brodzki jibt, dann wird Dir wvhler sein im Kopf und Herzen! »Schau nicht auf das, was höher ist als Du, sonderin utf das, was niedriger ist als Du" — so steht -es, klaube ich, in den heiligen Büchern geschrieben. Und »eneide nicht die feinen Leute in Jehupez, welche aus^ chießen. Laß sie ausschießen, erschossen mögen sie werden <nd Hände und Füße brechen, wie Dir wünscht heute r«d immerdar Deine wahrhaft, treue Frau Scheine Scheindel. Sag' einmal, mein teurer Mendel: was ist Dir ruf einmal eingefallen, Dich nach unserem Kasriliwke -u erkundigen? Und wieso bin ich Dir auf einmal so teuer geworden, daß Du um meine Gesundheit so besorgt bist? Du hast Dich auch sonst so sehr nach, uns gesehnt?!. . . Wie sagt die Mutter: „Laß das Kalb nur laufen; wenn es hungrig ist, wird es selbst in-den Stall zurü^ . ., Ich warte, auf eine Depesche von Dir, daß Du. schon auf der Reise bist. Es ist Zeit. Die höchste Zeit — Gott gebe, daß das' mein letzter Brief ist.. . . Ende des dritten 35‘udjeg. ' Das Mrte Bündel Briefe. . Giu vornehmer Beruf. (Mruachenö Mendel als Schriftsteller.) ' 1. Brief. - Meuachem Meicher. aus Jehupez,«« stlue Fra« Sche!«e«SMindel in Kasriliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und! klugen Ehefrau ' Scheine-Scheindel meinen Gruß! Rimt e rst e n sei Dir kund ge tan, haß ich — dank Seinem lieben Namen! — gesund bin ünd mein Lebe« das kes Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfe», daß eines vom anderen nur . Gutes Höre rn guter Botschaft zu, Trost .und, HeilAmen. ' Zum zweiten wisse: . Ich habe alle Geschäfte Mm Douftl gejagt- — aus und zu Ende! Es gibt kein« Börse, keinen Semendenin, keine Maklerei mehr — alles ist purer Schwindel, .Bauernfängerei, bringt Schmach und Schande und Mott weiß was! Ich habe jetzt einen neuen Beruf/ , einen; funkelnagelneuen Beruf, einen. schönen und angesehenen Beruf — ich bin zu Gutem, Schriftsteller. Ich schreibe! Du wirst natürlich fragen, wie ich zur Schriftstellerei komme? Das ist ein Werk des Himmels. * \ Du erinnerst Dich doch noch meines letzten Briefes: dort habe ich Direrzählt, daß ich in dem Gasthof, tvo ich wohne, mit einem' Schriftsteller Bekanntschaft geschlossen hab^, der in Zeitungen schreibt. Davon lebt er.. Du fragst, wieder das anstellt? Ganz einfach — er setzt sich hin/ schreibt etwas, sendet es ab und es wird abgedruckt; wennes gedruckt wird, kriegt er bezahlt für jede Zeile.. Eine Kopeke für' eine Zeile. Wie. viel Zeilen, so viel Kopeken! Da Hab' ich mir' so., gedacht: Um Himmelswillen, bin ich den weniger wert als er? Zu dem Geschäft muß man sehr gelehrt fein! Schließlich habe ich auch in einem Cheder gelernt und meine Handschrift ist schöner als seine; wenn ich es nun Probiere, einmal in einer jüdischen Zeitung zu schreiben, was kann das schaden? Den Kopf wird es sicher nicht kosten! Und meiner Seel', auf ja und nein .-— ich setze mich hin und schreibe der Redaktion einen Brief: so und so steht die Sache und ich erzähle ihnen gleich meine ganze „Beigvafte"; wie ich einmal auf der Börse einen Namen hatte, in Odessa und in fei. Februar 1920 Jehupez, wie ich' dort meine Lehrjahre -«gebracht habe, Händler und Makler mit ^London", mit ^Papieren" und mit Gütern mV allem Gute» bis in die Millionen gewesen, wie ich siebenundsiebzig Mal schon ^Millionär und gleich wieder ein Schnorrer, schon ein großer Herr und gleich wieder ei» Niemand ge-< worden bin. Kurz und gut, ich habe keine Mühe gespart ' und ihnen alles genau geschrieben, auf beinahe zehn - Seiten. Und.ich habe sie gebeten, mir zu antworten', wenn ihnen mein Schreiben gefällt; da. will ich Ihnen schreiben und schreiben, so viel es nur geht. Und nun stell' Dir vor: wirklich bekomme ich nach anderthalb- . Monaten Antwort von der Redaktion! Sie schreibe» mir, daß ihnen mein Schreibe» wirklich sehr gut gefällt und schlagen mir vor. ihnen alle mein« Beschreib bigungen einzelweis' zu schreiben; und wenn meine Beschreibignngen gut beschriebe« sei» werden, dann werden sie meine Beschreibigungen mit Vergnügen in ihrer. Zeitung abdrucken und yrir für jede Zeile, zahle«, . eine Kopeke für die Zeile; verstehst Du? Wie vieL Zeilen, so viel Kopeken. Ich habe mir das ftftrt «Sgerechnet: Me viel kann ich zum Beispiel da t> schreiben? Zum wenigsten, so rechne, ich, kann Ich an einem langen-Sommerlag gut tausend Zeiten schreibe». Und das macht eine« Zehner im Dag! Das . heißt, eß ergibt einen Verdienst von dveihündert Rubel im Monat. Gar nicht zu verachten, meinst Du nicht auch? Ich habe nicht erst lange überlegt, sondern habe mir eine Flasche Tinte gekauft und ein RieS Papier, und' . mich zur Arbeit gesetzt. Da ich nun gerade im beste« Schreiben bin, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir in den nächst:n Briefen alles genau berichte».! Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder, sie. sollen leben, und Schwiegervater «ndi Schwiegermutter, jeden extra sehr herzlich, von Dein Gemahl Meuachem Mendel Richtig, das Wichtigste: Wenn der Hart im Himmel mir hilft und ich meche Beschreibigun^ fertig habe (vor allem nämlich den Titel für die Beschreibigung, denn ich habe bisher »och keine« Titey, dann schicke ich sie sofort der Redaktion und ersuche,! daß man Dir auf Deinem Namen nach Kasriliwke ein paar Rubel schickt für meine Rechnung. Ich möchte, daß Du, teure Gattin, auch Freude hast an meinem jetzigen Beruf. Alles ist da viel feiner als bei dem. Maklergeschäft: den Verdienst , nennen sie bei der Maklerei „Courtage", bei der Schriftstellerei heißt er „Honorar"... Ein prächtiger Verdienst, so ei« Honorar, leicht und vornehm• . Der Obige. (Fortsetzung folgt.) «HgBBUMonBaMHtaBnnMi Theater. BirgtDeatcr. l,rk.« n. 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