Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 340 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EktzeteVempiar: KMs ZAV Krilrr Prannmvr<ttto«speelfs:. Si«»l i Zum ViSholc« in der SxpedMon. 2. -Bezirk. Lavortraße 1 bis 3, ober in einer LerschlcWrllc «Trafik»: Nouatlich . - Lroneu LS.- vierkeijmirlkch #*•— l»ktP,M>ersand für Wien und Oesterreich: «<vat«ch . - Krone» 1»- ' ■' Tichecho^Srowakei: »rmmtliih . . Kronen «.— stterteljäurlich „_*■»•— «tschecho-stowakischer Währung Pose» und Ungarn: Sronatlich/. Kronen 13.- « eÖMfomfintfcer Währung dcS 1 betreff«,den Landes^ teuer Arels ®Ö Heller Pranumerations» * Steife für Deutschland: Monatlich . . . Mark Frankreich: Monatlich . . - Frank- 3.- Ftalien: Monatlich . . . . Lire 3. - Monatlkch ranks Redaktion,t. Ndurirristratio« W ten.S. B ez.,Taborstr.1- S Telephone: Administration Redaktion 4331». ab S Uhr abends Nr. 16»01 Postsparkassenkonto l5v.SK 'k»iM»v>lvi»rsnU^>MDU>MWri uwroagfiJ iwwimm v'j*ivn*43*f, Nr. 340 Wien» Freitag» den 2. Jänner 1S2V 2. Jahrgang Der Bund der Menschen. > —y. W i e n, 2. Jänner. Der englische Jurist Jeremy Bentham, der Begrün. kt der Nützsichkeitsphilosophie, hat in seinen vor 130 Jahren geschriebenen „Prinzipien des internatioaalen Rechtes"-zum erstenmal die Idee des Völkerbundes »srtreterr. Er hat das Wort „international" geprägt, kr ist als der erste für die allgemeine Abrüstung, für die Aufstellung eines internationalen Schiedsgerichts- Hofes eingetreten nnd er hat die schärfsten Tadel gegen Kllianzverträge und gegen die Geheimdiplomatie^ erhoben. In seinem vorhin genannten Merk findet sich per Satz: „Unter, den Nationen gibt es keine Strafe, denn unter ihnen kann es kaum eine böse Absicht gebend vie unehrenhaft die Absichten ihrer Führer.fein mögen, die Untertanen sind immer ehrenhaft." Die Schiebermoral, nach der der 'Zweck die Mittel heiligt, hält sich aicht an dieses Fündamentgesetz dev Menschheit. Sie erklärt heute ebenso wie am Anfang des 18. Jahrhunderts die Absichten der Führer als Willen des Volkes. Sie fälscht -die Interessen privilegierter Schichten, oftmals sogar die Interessen'von Familien , in Forderungen von Nationen um, vergröbert durch die Macht -der. Negierungen und durch ihre auf jahrhundertelange. Kenntnis der Massenpsyche sich stützenden Süggestivmethoden. die Volksstimmung und bringt .es schließlich dazu, daß Menschen zu den Waffen greifenfiir Dinge sterben gehen, diesie gar nicht kennen,' daß sie morden,, rauben,^ sengen und brennen im Auftrag von ein paar Dutzend ' Leisten, die selbst wieder Handlanger für Kräfte sind, die-fich-nrrr-/nngernqns,-Lrcht. wägest:- \ Die schwedischen.Sammkmgen' für Oesterreich. SLoMholm, 31. Dezember. Dis GrlÄ^ammlm\$' für Men rr;rd das notleidende Osftsrreich hat in GLockholm beiM Msten Kreuz, beim SchwLdisch-öfterrsichischm Hilfskomitee rmd bei dem Vereine „Rektet die Kinder" bisher L,178.WS schwedische Kronen erbracht, abgesehen von. den 'geschenkten. LebLttsmiLLsLn«. Am 3..Jänner -geht .ertt-Extrazugmit wert-' vollen LsbensmirreLn und Merdsrn . Wekerle §e§m die/ SchlagWEpsMik. B u d ä Pest, 1. -Jänner. (Ung. Tel.-Korr'.-Bür.) Me russische Sphinx. Nach pem Ausscheiden Amerikas tritt die russische Frage wieder mit erneuter Betonung in den Vordergrund. Frankreich und England haben ein dringendes, Interesse daran, mit Rußland endlich zu einer Verständigung zu gelangen. Aber die Sowietregierung sitzt noch fest im Sattel und es istnicht äözusehen, wann eine Aenderung eintreten kann. Von den. drei Gruppen, welche mit Unterstützung der Entente gegen die Bolschewiken vormarschieren sollten, ist die Gruppe I ft d e n i t f ch bereits ausgeschieden. Ueber Kalt sch a k und D e n i k i n aber liegt nur sehr spärliches Material'■ "bür. Während beide hier als reaktionär durch und durch geschildert wurden/beginnt allmählich anscheinend ein Umschwung -in der öffentlichen Meinung einzutreten. So veröffentlicht das'/,Berliner Tageblatt" einex Gericht von Hans V o r^t, der sich als guter Kenner der russischenLüerhältnisie erwiesenhat, nna Der frühere MmisterpräsitzenL Do. Wekerle teilt, in / der es nun unternimmt, sowohl Koltschak wie Denikin-gegen M vor/ der? 'bMl'esten' OeffentRchkert, vor Vätern und Müttern, vor Bürgern uW Arbeitern über ihr Tun . üüh Lassen, .rückhaltslos und/ voraüssetzungZloZ zur Mde.. gesMt werden können. Sie tun die sorgenden Fragen des Hinz/ und. Kunz, mit vk/rächtljchem Achselzucken ab/ reden vonRücksichten /auf internationale .Abmachungen^ und behändelir das Volk als' einen lästigen Neugierigen., der sich gor der weisen Künstler Mgierung'-zu neigen nnd im übrigen bescheiden abzüwarteu hat, was man für gut befindet, ihm Äus dem . Schatz'- diplomatischer.. Archive zu erzählen. Aber wenn.durch ihre Unfähigkeit" öder Gewissenlosigkeit dieser Hinz und Kunz in den Krieg-,ziehen, muß, dann wird in' den geschwollensten und hochfahrensten' Phrasen von, der Not des Vater- ' lmröes gesprochen,- das ein ruchloser Feind Werfällen habe.' May weiß ja Heute, wie es gemacht wird, wie man.durch feile ZeityugeN, durch' Straßenredner' die Masse betört, .sortreitzt und sie .schließlich dazu bringt,, an die -Märchesn» zu.glauben und für die Sicherheit der eigenen Existenz auf einen anderen armen Teufel zu schießen, den die gleichgestaltete.Lüge auf seinen Posten getrieben'hat./ . . ' / /- - Die Göheimdiplomatie ist-nur. eines jener Organe, mit denen eine; verrottete Stagtsäuffassung arbeitet. Aber in ihr hallt, sich alles, das zusammen, was - das Volk nach den Erfahrungen deh/Mrieges am meisten zu sürchien hat.- Die verschiedenen, buntfarbigen Bücher, in denen die Kriegsmächte an dssr'HaW gefälschter, entstellter und .umredigierter Akten, einander die Schuld zUzuschiebenbeftrebt sind,, zeigendie entsetzliche Gefahr, in der sich eigentlich jedes Volk. Mrnterbrochen befindet, weil'es erst von dem Unglück erfährt, wenn es . schon unabwendbar gewordest ist.. Das Volk wird niemals lückenlos über . die - auswärtigen, Beziehungen unterrichtet. weil es diese Aufklärung nicht selbst hartnäckig Hrdert und weilseine gewählten Vertreter in ihrer Mehrheit dank einer totalunzulänglichen Schulaus- -bildimg ganz im Machtbereich einer Ideologie ver- . Herren, die sich mit Geheimnissen umgibt, weil' sie. eben dos nüchterne Licht des Tages nicht verträgt. So setzen sich ist den einfach und geradlinig denkenden Menschen Schuldvarftellungen -fest, die fast'unausrottbar sind. So sind die Lügen von der Erbfeindschäft -zwischen Völkern entstanden und erwachsen. So ist die Wirtschaftliche .Konkurrenz, das Um und Auf-der historisch gewordenen gesellschaftlichen Organisation, ins Politische - umgedeutet viord'en und'-so ist in den deutschen Schulen der Haß gegen Frankreich und der Uebermut gegen alles Nichtdeutsche, in den französischen Schulen der Haß gegen alles Deutsche in Kinderherzen gelegt worden. Man lehrte „ .Kinder nicht «fcte französischen oder deritschen ^sttüsirrngsinbllstrieVen hassen, sondern -den Franzosen oder Deutschen sch!echt)aeg. Und so ist aus diesem Hatz der Gistbaunr des Krieges eniporgewachsey, eine einem Schreiben an die Wähler des-Bichapester Jnnerstädter Wahlbezirkes» dieihn für die Nätionalvcrsämm-! lung^ kandidieren, die Grundlinien, seines Programmes! Mzi/ 'Er/.tvrrh' Lu./sMer am 11. Jänntr zu haltenden! Programmrede Uachzuweisen suchen, daß die heute so oft betonte ch r iI l i ch na t i b u a4 c P o 11 t i k stets .! .pie /IrsWotzeN,' Richtüng^ .der ungarischen Politik gr-./l wesen sei.- Ünter dem-Schlagwort der christlrchnationalen Politik, besonders, aber unter 'dem Worte christlichüational könne man heute nichts anderes verstehen, als die Geltendmachung der christlichen Moral, die sich die ganze Kulturwelt zu eigen gemach.^ habe. Der . Begriff der chrMich»attoüälen"OpliEser nicht fs / weit' gefaßt, daß in ihm'der ÄntrsemitiK/mUs und die Klass eno)i er Standesu^^nte.rschie.de Platz . fizchen .könnten.- Wekerlechyche bestrW s fern,^ - nachzu-,, 'können./^'"' .. Allgemerve/Rrchtlmie»-. w'smsche-.-erim Sinne der Ge w i s s e n s f, r-e i h e i t -de r e ch t/q n De m ok r n>t i e, der Individuellen Rechte und der öffentlichen FreiheiLen zu bezeichnen. Er sei ein entschiedenev Gegner aller KläfsenLestrebungen und. erkenne nur solche politische Waffen an, die. jedermann gleichmäßig /zur Ber-/ fügung-stehen. ' ' ' - mm ' / Paris,' 1. Jänner:?' Wie „Echs Le Pavis" .meldsL, Wird' Des - englische/ BvLschäMv''in/ WashingLön .Lord- Grstz, morgen' die-'HeiM-/ reife antreten, 'ohne d'ntz er Während /seines dreimonatigen AusenthMes in Ämevikn von' W i l f o n e M p f a n g e n worden wäre nnd ohne daß es ihm aogLückL wäre, sein Amt offiziell' nnMLrsLe'n» Tlrrgeh!ich/ erwarten zehn andere Missionschefs die MstgLichkeiL, ihre ^VeglanHignngsschreWen zu überreichen.. Man weiß noch nicht, oL Zord Gretz nach Washington zurttckkehren wird. furchtbare Saat von Drachenzähnen.ausgestreut worden, aus der Lehre vom Blut ist Blut entständen.' Aber "die politische OrgaPsätiow der Volker hat aus diesem / Krieg nichts gelernt. Die. Staaten, die gesiegt haben, die Staats, die neü entstanden sind, und die Staaten, die zu Boden geschlagen würden, richten sich wieder nach dem-alten Syswm der Gleichgewichtsinteressen, der Bündnisse und der Geheimdiplomatie ein. Wissen wir in dem Oesterreich von heute wirklich um alles, was zwischen dem Staat und/ seinen Nachbarn borgest? Im Vorjahr haben wir eines Tages erfahren, daß dre tschechische Republik die diplomatischen Beziehungen mit Oesterreich abbrechen wollte. Weshalb? Bis heute ist darauf weder in. Prag noch in Wien, eine offene Aufklärung erteilt worden. Und bei der Entente hört man plötzlich von der Vorbereitung eines Geheim? vertvages zur Sicherung des Friedens. /Ja wird denn der Friede nicht besser durch die Menschen gesichert, die die Leiden'des Krieges durch fünf Jahre getragen und auf ein/weiteres Meyschenalter noch zu tragen haben? I Jedes'Geheimnis im Völkerleben birgt ein. Verbrechen! und die Abschaffung der Geheimdiplomatie ist deshalb öie erste Voraussetzung für die Herstellung offener freundschaftlicher Beziehungen zwischen allen Menschen, die arbeiten, und dje Früchte ihrer Arbeit in Ruhe genießen wollen, die den Bund der Völker wünschen, .Weiler der Bund der Menschen sein wirdk der jedes Bü'.Bnib überflüssig machen wird. diese Vorwürfe zu verteidigen. Er schreibt: , Heute liegt mir aus Sibirien das unverdächtige, Zeugnis eines 'Professors. -d"er Universität, ^komsk "vor, eines der/Parteizugehörigkeit nach rechtsstehenden Sozialdemokraten (Menschewiken), Anhängers der sogenannten Plechanöw-Gruppe. Aus dem ausführlichen Prrvatbrief, der nach -langer Reise in diesen' Tagen hier eingeiroffen ist, sei die-entscheidende Stelle hier in wörtlicher Ueberso^:mg wiedergegebeu:. - ' - . / > - „Die Regierung KöltschakL hat Ungeheure Verdienste um Rußland, was auch die Syzialrebolütionären. und ihr. Chor über sie. sagen mögen. Die Regierung KoltschakS hatte, unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen zu 'arbeiten,.bei / gänzlichem Mangel än- Gell»' und an Persönlichkeiten.. Sie hat. nicht wenig Fehler gemacht, Schwenkungen mach rechts , begangen, hat häufig -eine, gewisse Schwache gezeigt,' hgt-. ^UÜM .-iWmer/die7-Mtsta^^ von. der- Wiedexbe^ ...stellimg -dO>'Mten^.trämnt/^m, gehorsam -gehallen-A^. ..im allgemeinen.chat.steifest dcrr Kurs einer dernokrätischen' Regierung gesteüert, die Rußland zu einigen, eine MeckM-. ordnung aufzurichten , und die SolschewMsche - Tyrannei, zu . .überwinden strebt. Alles. Gerede über Ine* .reaktionäre.' •’ . Haltung der/Regierung Kostschaks -ist Lüge und . Verleum- ,/ düng. /Koltschak.ist vollkommen loyal und seine Regierung ./sieht ihre hauptsächliche Aufgabe in der Einigung'Ruß- -lands . und "der Einberufung-- der konstituierenden. Versammlung." ,Z .* . . .Soviel über Sibirien. In Südrußland, der Domchre Denikins, sind die Dinge, anscheinend noch, nicht so weit äus- - gereift wie in Sibirien, indessen dürsten sie auch' dort, nach . Ansicht des. Berichterstatters, sich in zufriedenstellender Rich°- tung entwickeln. Vorst fährt dann' fort: /' «Und nun.die Judenfra,ge, die als ein.Maßstab für das - wahre Gesicht. der Regierung betrachtet werden kann, denn Reaktion und Antisemitismus sind in Rußland unzertrennlich.' Was.Sibirien betrifft, so ist dort eine Judenfrage kaum vorhanden, wie auch Koltschak unlängst ./ in einem Interview mit einem amerikanischen Korresponden/ten betont , hat, wobei er unzweideutig gegen den Antisemitismus Stellung nahm. Dementsprechend ist auch von ^Judenverfolgungen aus Sibirien nichts gekannt geworden. Anders, in Südrußland. Man weiß,/taß dort das Volk . vom Antisemitismus schon in ruhigen 'Friedenszeiten vergiftet war, und daß die Schmach der Judenhetzen etwa im Podol, dem tresgelegenen Stadtteil von Kiew,, ein /häufiges Festverguügen des Pöbels bildete. Es würde hier zu weit führen, darauf einzugehen, wie in Nnßlaüd der . Antisemitismus durch den Krieg und die Revolution noch werter gesteigert worden ist. Jedenfalls hat er infolge dep mangelnden Ordnung und Disziplin auch.unter der..Aerd DcnikinS noch zahlreiche Opfer gefordert und auch Freiwilligentruppen haben solche Ausschreitungen begangen. Aber ebenso ist es eine TatsacheMaß die Negierung Äenikins/ diese Roheiten mit Entschiedenheit bekämpft. Vor nur lie^l ein authensischer telegraphischer Befehl Denikins.^an-den Kommandanten ' von Kiew (veröffentlicht in der .«Times"),/ in dem djesem vorgeschrieben wiLd/mit drastischen. Maßregeln und den strengsten. Strafen , gegen .die/Judenverfolgungen einzuschreiten'. Und das Ergebnis?. Mn-jüdischer. RechtSanivalt, der soeben aus Kiew hier' eingetroffen ist, , erklärt mir, daß chie Zustände in ' dieser Hinsicht sich seit, der. Herrschaft 'Demkins wesentlich gebessert hqben und keinen Vergleich mehr zulassen Mit. der blutigen Pogromwelle, die während der Zeit Petljuras das Land überflutets/ . ' Alles, in allem ergibt sich ckus den vorliegenden Zeugnissen und Materialien für Süd ruß land ein ähnliches Urteil, wie es der Tomsker Gelehrte für Sibirien formuliert: Noch viele Fehler, Schwächen und Mängel, aber ein entschiedener Wille zum Besseren und offenbare Fort- , schrjtte auf diesem Wege. Die innere Ordnung kann natüp-