Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 304 (25.11.1919)
- Date
- 1919-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es ist . endlich nach fast v viermonatlichen Bemühungen der Entente und der Führer der ungarischen Gesellschaft gelungen, ein Kabinett zustande zu bringen, daS in gewissem Sinne eine Konsolidierung der politischen Verhältnisse verspricht und das nur den Auftrag hat, die Wahlen durchzuführen und die neue Nationalversammlung bis zudem Augenblick zu leiten, in welchem die Entscheidung über die künftige Staatsform Ungarns gefällt sein wird. Es wird versichert, daß diese Entscheidung mit großer Mehrheit dahingehen wird, daß Ungarn wieder nach kaum einjähriger Frist ein Königreich werden soll, das alle seine Angehörigm mit gleicher Liebe umfassen will. Die Negierung, die unter dem Druck der Entente zustande gekommen ist, ist inzwischen bekannt geworden. Sie steht unter dev Leitung deK Ministerpräsidenten Karl HuSzar, eines Journa-. listen, der den Redaktionen der verschiedenste katholischklerikalen Blätter angehört hat. Er ist keme besonders hervorragende Persönlichkeit, sondern verdankt seine Berufung zum Premier nur der Freundschaft Stephan Friedrichs, dex einzigen Individualität des neuen Kabinetts. Geht man die Liste dieses MinisterirunS durch, so muß mau über die politische Armut der ungarischen Gesellschaft erstaunen. Herr Peyer, der Minister für Volkswohlfahrt, der als, Renommiermitglied der Sozialdemokraten in der Liste figuriert, heißt in Ungarn „der Meine NöSke", weil er als Volkskommissar der Re- - emen $£«§$0»$ ^er Salgo-Taryanyi mit- Militärgewüw ünterdimM W Hie^ liberale Partei repräsentiert der Handelßminister Franz von Heinrich, ehemals Vizepräsident der Handels-' kammer, das Prototyp eines Spießbürgers. Das übrige Kabinett stellt nur eine Liste kleiner Beamter dar, die mit viel Schmerzen und mit.viel Angst die Aufgabe auf sich genommen haben, Ungarn einem neuen Leben entgegenzuführen. Bis auf die Vorgenannten bekonunt das. Kabinett einen ausgesprochen . antisemitischen Charakter, der jedoch niemand'größere Besorgnis einflößen kann: Denn die antisemitischen Größen .sind zu keiner. Zeit, ob sie nun in einer Regierung saßen oder nicht, besondere Kirchenlichter gewesen, es sei denn in den Räumen der ihrer Konfession geweihten Gebäu de. Der Kultus- und. Unterrichtsminister Haller war biSb^ antisemitischer Propagandaminister. Vom Krie^^lnister Friedrich, dem bisherigen Ministerpräsidenten, MM die Welt nur, daß er die Pogrome der weißen Garde mit seiner Autorität deckte. Die beiden Szabo, die dem Kabinett als Ernährungslsiinister und als Minister der kleinen Landlvirte angehören, verdanken ihre Ernennung nur einem Scherz des Herrn Friedrich. Herr Bcktczy, der neue Justizminister, war im Krieg Bürgermeister der Hauptstadt Budapest und er hat in dieser Stellung dasselbe geleistet wie Herr von Weiskirchner; er hat die Stadt in Schulden gestürzt. Don dem neuen Minister des Aenßern, Grafen Somssich, läßt sich nur sagen, daß er sein Dip^lomatenzeugnis in die hochgräfliche Wiege gelegt bekommen hat. Ansonsten ist er in keiner Weise bemerkbar geworden. Ungarn hat also eine Regierung, die die Aufgabe übernommen hat, die Neuwahlen zur Nationalversammlung auf Grund des allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Wahlrechtes, in das au^h die Frauen einbezogen sind, durchzuführen und die weiteren Schicksale des Landes einer Nationalversammlung zu überlassen, die die tränenvolle Mission zu erfüllen haben wird, den Friedensvertrag zu unterfertigen. Man kann sich nach den Verträgen von Versailles und Saint-Germain und nach dem Vertrag, der Bulgarien vorgeschrieben worden ist, leicht eine Vorstellung davon machen, was Ungarn erblüht. Der WafsenstillstandSvertrag, den Graf Karolyi in Belgrad unterfertigen mußte, hat Ungarn gedemütigt. Die Paar Wochen rumänischer Okkupation des Landes haben Ungarn fast zum Bettler gemacht. Die Lasten, die ihm «och bevorstehen, werden dem Lande nicht einmal mehr einen Schatten seiner früheren Größe belassen und elf unter dar Niveau der früher gerade von Ungarn so schwer beleidigten und gepeinigten Balkanstaaten herunter- -rücken. Die Geschichte ist brutal und grausam; aber gerecht. Es gibt kein Land und kein Volk auf der Welt, das nt Bezug auf die Schuld am Kriege so belastet voär« Me. gerade UngUn.. M. VM.n Der oberste WirtschastsraL Wer die Wirtschaftliche Krise Ln ErrroM. Italienische Hilfe Oesterreich. Wien, 24. November. Aus Rom wird gemeldet: Der Oberste Wirtschaftsrat, der schon seinerzeit in London tagte, hielt am 22. d. M. seine erste Sitzung in Rom in der königlichen Akademie Lincei ab. Es waren England, Italien, Frankreich, Belgien und das ständige Londoner Komitee de- Obersten Wirtschaft-, ratevertreten. Die Sitzung w«rde von-No ule nS eröffnet. Sein Vorschlag, den italienischen Handel-, minister Dante Ferraris zum Vorsitzenden z« ernennen, wurde einstimmig angenommen. Minister Dante Ferrarieröffnete die Arbeiten der Konferenz, indem er die schwere wirtschaftliche Lage Europas schilderte, die sich nicht bessern könne, so lange die Produktion sich nicht erhöhe. Der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas liege dem Obersten Wirtschaftsrat als Aufgabe vor und das Ziel sei nur durch ein ersprießliches Zusammenarbeiten zu erreichen. Der italienische Finanzminister S ch a n z e r wieS in einer Schilderung der italienischen und europäischen Finanzen auf die abnormale Lage der Wechselkurse und ans die Gründe dafür hin. Da aber heute die Interessen der Gläubiger mit jenen der Schuldner zusammentreffen, werde man baldigst die Mittel finden, um bessere Verhältnisse zn erzielen, besonderwaS die Wechselkurse und Kredite anlange. Die Vorschläge Schanzers wurden einstimmig angenommen. I» der zweiten Sitzung beschäftigte sich der Oberste Rat ylit der österreichischen Ernährungsfrage. Der^talienische Ernährungsmlnister Murialdi erklärte sich im Namen der italienischen Delegation bereit, Oesterreich sofort die nötige Hilfe zu gewähren, sobald BrreMnMnKii- MtrvKnM« werde«.' Der englische Delegierte Harmswcrth sprach zu diesem Vorschläge seine vollste Zustimmung aus. Der englische Delegierte Harmsworth sprach/zu hin, daß Italien trotz der eigenen schweren Ernährungs- und Transportverhältnisse schon seit den ersten Tagen des Waffenstillstandes Oesterreich Hilfe geleistet habe, und teilte mit, baff bie italienische Negierung Vorschläge,' einen Plan zur endgültigen Lösung der Ernährungsfrage Oesterreichs aufzustcllen. Das jetzige System der fallweisen Belieferung, welches für sämtliche hu,eleistenden Länder nachteilig sei, müsse durch diese Organisation ersetzt werden. frssfgiSi&sifiixciKXKfaszF&xw’i&zxtrßszpissKSissrGBB&KKt&B&atmsexKiva&aLaaamiicggBtBSBa und unter Nation wollen wir hier, um keine Mißverständnisse zu erwecken, nur die Führer, die Oligarchie, verstehen"— hat seit den Tagen des Deakschen Ausgleiches stets vor den Türen der anderen, dem ungarischen Staat unterworfenen Nationen, Halt gemacht. Oesterreich hat in den Jahrzehnten deparlamentarischen Systems doch wenigstens das innere Leben der Völker geschont und es nur in' ihren Beziehungen zum Staat einer unverständigen Vureaukmtie überliefert, deren Glieoer es aus allen Völkern holte und deren Renegatentum und Lakaiensinn jedes herzliche Verhältnis der Völker zum Staat wie unter einer schweren Decke erstickte. Die ungarische Bureaukratie ist ein bewußter Mörder der Völker gewesen^ und sie hat nie etwas anderes angestrebt, als -die Suprematie der magyarischen Nationalität aufrecht zu halten und zu festigen. Der'ungarische Bauer und der ungarische Arbeiter habeth sicherlich kein Teil an diesen Verbrechen. Sie haben dazu geschwiegen; aber sie konnten garnicht/dazu sprechen,^ weil ihnen infolge eines Wahlsystems, das hinter dem preußischen noch weit zurückblieb, der Mund, geschlossen war. Man erinnerte sich noch an die Versuche' des Ministers Kristoffy, ein allgemeines und gleiches Wahlrecht zu schaffen. Versuche, die won der ungarischen Oligarchie zertreten wurden. Aller Welt ist in Zeitungen und Theaterstücken die politische Reife des ungarischen „Herrenvolkes" vorgesührt worden, das sich in tausend Jahren unangetastet aus feinem, Besitz erhalten hat. Aber nran braucht nur die. Romane der ungarischen Schriftsteller, .man braucht uur die Werke .Jokaiä zu lesen, um zu erkennen, welcher Schwindel da getrieben wurde und wie wenig politische Einsicht das magyarische Volk bewiesen hat, das ununterbrochen unter der Suggestion seiner Adeligen ^tand .und nicht einmal für'seine eigenen in den Fabriken arbeitenden Blutsgenossen daS Wahlrecht erreichen konnte. Immerhin: Ungarn hat eine Regiernng, die sich die Kraft zutraut, die Wahlen durchzuführen und die auch die Unterschrift unter den FriedenSvertrag setzen will. Daß dies- Regißrunü rmtsr die republikanische Aerg. einen Schlußstrich ziehen und wieder zur Monarchie zu> rückleiten will, ist eine Angelegenheit, die sicherlich auch auf die angrenzenden Staaten zurückwirken wird. E^. wird eine Situation geschaffen, die auf Wien, auf Prag und auf Warschau drücken muß. Die Nationalstaaten^ die aus dem zusammengebrochenen Oesterreich-Ungarn erwachsen sind, werden mit der Wendung der Dinge in Ungarn zu rechnen haben. Aber sie stehen vor erneü Mauer. Denn wie sich die magyarische Nation in ihremE eigenen Hause einrichtet, ist ihre ureigenste Sache und! es fehlt jede Handhabe, hier einzugreifen und dem Un-< heil, das kommen muß, einen unüberschreitbaren Graben zu ziehen. Die österreichische Republik ist dieser Situa« tion gegenüber wieder wehrlos. Sie hat kein eigenes! politisches Bestimmungsrecht und mutz «sich damit ab^ finden, was unter dem Protektorat der Entente jenseits! der Leitha geschieht. Aber ihr entsteht die Aufgabe, aus! der nun einmal gegebenen Sachlage die nötigen Schlüsse zu ziehen. Sie muß sich zu deu System, das sich Ungarn selbst und aus eigenem Willen gibt, möglichst freundlich stellen. Sie muß überprüfen, welche Vorteile ihr daraus erwachsen und welche Nachteile ihr entstehen, wenn sie ihre natürliche Antipathie gegen ^den , Monarchismus den politischen Realitäten entgegenstellt. Es nützt Wien nichts, den Kops in den Saztd zu stecken und sich in die natürliche und menschlich verständlich^ Abneigung gegen den Staat zu verstricken, dessen Befehl die Piavefrout zerbrochen hat. Es nützt Deutschosterreich nichts, von den Papierbestimmungen des Friedensver^ träges zu redender Deutsch-Westungarn vom ungarischen Stammland abtrennt, wenn es nicht die Mittel hatdiesen Bestimmungen aus eigener Kraft Respekt zu verschaffen. Es liegt auch im Interesse Ungarns, mit Oesters reich 'Gutfreund zu sein, denn. Oesterreich ist in Zukunft . ein Absatzgebiet- Ungarns. ,Die österreichische Republik muß sich mit Ungarn auf guten Fuß stellen, weil sie nur durch Ungarn den Weg nach dem Balkan finden kann. Es ist allerdings von seiten unserer wie. von seiten der neuen ungarischen Negierung sehr viel Freundschaft nötig, um die Schwierigkeiten des Augenblicks zu über-" winden und zu einem guten nachbarlichen Verhältnis zu gelangen, das von beiden Seiten Opfer verlangt, abev' beiden Teilen die zu ihrer Entwicklung nötige Ruhe garantiert.?_ "Klofae über die tschechische Armee. - Prag, 23. November. (Privat.) In der gestrige« Sitzung der Nationalversammlung erstattete der Landes^ Verteidigungsminister K l 0 f a e ein längeres Expos^ über die Armee. .Er rechtfertigte die Langsame Entz-! Lassung der Z2- bis 28jährigen, die jedoch bereitss vollendet ist. Die Armee leidet Mangel an Offizieren^ Mit dem O f f i z ie r s k 0 r J>§, sagte er, haben wrv in. Oesterreich tatsächlich s ch lechte Erfahr nngevj gemacht. ' j Dr. Krousky: General M'atuska, der dientz Chotek hat hinrichten lassen, verlangt Aufnahme inj die tschecho-slowalische Armee! Das. wäre direkt eh,' Justizmord! Minister 'Klofac '(fortfahrend): AuS diesem Grunde haben wir besondere Personal- und Beschwerde^ kommissionen eingerichtet, welche die Anmeldung eines jeden Offiziers der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee ohne Unterschied der Nationalität zu prüfen! haben. Die Kommissionen prüfen die moralische und? politische Unbescholtenheit eines jeden Petenten, wobei man unter politischer Unbescholtenheit versteht, da^ sich der Petent im Äufe des Krieges keine grobem Vergehen gegen die 'tschechische Nation oder einen/ihrer Angehörigen zuschulden hat kommen lassen. Nach best Ergebnissen dieser Personal- und Beschtverdekommissio^ nen wird jeder Offizier entweder ausgenommen oder abgelehnt. Bei den Reserveoffizieren liege die, Sachi^ im Falle der Ablehnung sehr einfach. Sie hören auf^ Offiziere zu sein und müßten im Falle der Mobilisier rung als Mannschaften einrücken. Weit komplizierter liegt der Fall der Ablehnung, wenn es sich um efttcnj Berufsoffizier handelt. Nach den. Bestimmungen! de- FriedcnSvertrageS ist die tschecho-slowakische Republik verpflichtet, alle Wagisten der ehemaligen österreichisch ungarischen Armee zu übernehmen, soweit sie im tschecho-sloirakiichen Staat heimatüerechtigt sind. Bisher wird die Sache so praktiziert, daß die milttürische^ BerufSgagisten. die sich durch ihr Betragen in der Zeiß des Kriegeschwer gegen die tschechische Nation unl^ deren Angehörige vergangen habe«, bloß al» Mitttä»' Pensionisten aus Grundlage des Gesetzes vom Jahre; Atz7S übernoumml MrdLn. DiG. tMt «M M tzgt