Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 291 (11.11.1919)
- Date
- 1919-11-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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I Rt. 291 Men, Dienstag Wiener Morgenzettüng 11. November 1919 Seite 5 Gerichtssaal. Die Ptünderunnen ln der Levpoldstadt. In Erinnerung find noch die Szenen, die fich am Id. April in der Tabor st ratze abgespielt haben. Aach einer Heimkehrerversammlung vor dem Rathause war eme demonstrierende Menge zunächst vor das Staatsamt für Heerwesen, dann unter den Rufen: »Auf m die Leopoldstadt! Die Juden haben Geld!" in die Taborstrahe gezogen, wo das Kaffeehaus Buxbaum gestürmt, die Einrichtung zec- I trümmert und die Gäste auSgeplündert wurden. Juden j wurden bedroht, mit vorgehaltenen Revolvern und Messern beraubt. Zwei junge Leute, der 25jährige Metallarbeiter Karl Maherhofer und der 19jahrige Mechaniker Fridolin Fleury, wurden auf der Strotze abgefaht und dem Gerechte eüiaellefert. Fleuch trug einen Damenmantel und ein Paket, die beide vorher einer Dame geraubt worden waren. Mayerhofer wurde von dem Sollizitator Josef Aiczker beschuldigt, daß er ihm eine Zwanzigkronennote abgenommev habe. Mayerhofer und Fleuch waren heute vor dem Sckn-urfiericht (Vorsitz OLGR. Dr. Khitte!) der Verbrechen deS Raubes und Hausfriedensbruches angeklagt. Als Verteidiger fungierte $t. Hans Spitzer und Dr. Valentin Rosenfeld. Mayerhofer erklärte sich nichtschuldig. Heber sein Vorleben befragt, berichtet Maherhofer» daß er mit 19 Jahren Artist war und als Exzentrikkpmiker einer reisenden Truppe angehörte. Nach dem Kriege habe er als Dreher gearbeitet, hielt aber die Arbeit nicht aus und mutzte die Beschäftigung aufgeben. Vorsitzender: »Gehören Sie einer politischen Partei an?" — Angeklagter: »Nein, ich bin lediglich beim Metallarbeiterderband.— Vorsitzender: „Die Staatsanwaltschaft führt sehr belastende Beweismittel für Ihre Schuld attr — Angeklagter: »Ach kann das wirklich nicht begreifen. Damals bin ich zufällig in die Sache hineingeralen." Der zweite Angeklagte, Fleury, ist Schweizer Staatsangehöriger. Die ihm zur Last gelegten strafbaren Handlungen leugnet der Angeklagte, er habe sich weder an der Versammlung vor dem Rathause, noch an den Deinorrstrationen, geschweige penn an den Plünderungen beteiligt. DaS Urteil. Die Verhandlung gegen den M-chaniforgehilien .Karl Mayerhofer und Fridolin nleury wurde crü in spater Abendstunde <u Ende geführt. Den Geschworncn wurden 32 Schuldfragen vorgelegt, eine Rekvrdstsftr» die sich dadurch erklärt, datz der Gericht-.'- hrs für joden einzelnen Gegenstand, den die Beschuldigten sich angeeignet haben sollen, eine Schuldfrage stellte, außerdem Frage», ob der Raub wirklich vollbracht und rb ui dpx Aushebung des Damenmantels und des Sohlenleders our;h den Angeklagten Fridolin Fleuch das Faktum des Dicbstabls gegeben sei. Rach längerer Beratung verneinten die Geschwornen sämtlich« Schukpfragcn, worauf der Präsident den Frei- »vruch der Angeklagten verkündete. Schwere Folgen eines Aberglaubens. Als einen Beitrag zur modernen Bolksaufklärung bezeichnet« der Borfttzend« eines Berliner Gerichtshofes pen Nachverhalt, der einer Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung zugrunde lag. Angeklagt war die Hebamme Auguste G. Die Angeklagte war zur Hilfeleistung bei einer Frau, die Zwillingen das Leben gegeben hatte, tätig gewesen. Als sie, wie dies nach dem Jnstruttionsbnch fstr Hebammen ihre Pflicht ist, den beiden Neugebocnen einen Tropfen einer ganz schumchen Lösung falpetersauren Silbers in die Au^mitröp» .-ln wallt«, erho en die an re enden Fr men lebhaften Protest. Salpetersäures Silber führt im Boiksmunde den bekannte« Namen .Höllenstein", und abergläubische Menschen, die mit nichts, was mit d§r „Hölle" irgendwie zusammenhängt, zutun haben wollen, haben vor vielen Jahren das Ammenmärchen aufgebracht, diese „Höllensteinlösung vergifte das Kind von klein auf." Auf das Drängen der anwesenden „weisen" Frauen ließ sich die Angeklagte verleiten, von ihrer Instruktion abzuweichen. Die Folgen waren fürchterlich; bas eine Kind erblindete vollständig, das zweite auf einem Auge. Das Gericht nahm mit Rücksicht auf die bisherige einwandfreie Führung der Angellagten von einer Gefängnisstraf» Abstand und erkannte aus 300 Mark Geldstrafe. Der Volkswirt. Wirtschaftliche Nachrichten. Wie der Berliner Berichterstatter des »Prager Tagblattes" von maßgebende Seite erzählt. sind seitens der Hamburaer H ifenb-börden Berichte emg-l-mien, wonach durch das. MMder letzten Ententenote enthaltene Verlang»« der A u s l i e t e r mn g von insgesamt 700000 Tonne« sckw mmender Docks, Kräne. Schsivvern. Baogetn u»'w. es dem Deutschen Reiche unmöalich gemacht würde, seinen Bcrpst'chtlmg'n gegenüber der tschechoslowakischen Regierung m bezua ans die Beieitsiellrmg von Hakenanlagen in H a m b « r g nachmkvmnnn. Rach Abliese'ung der von d^r En'ente geforderten Hrisintinnckilmiq würde soaar kanm aenna übrig bleiben, um auch nur den derzeit so überaus bch'anoten Hati'nbetried m Hamburg im allgemeinen ansrechi m erkalti-n. Rach Berichten auS Roidböhmen ist in vielen Glashütten infolge Kohlenmangels der Betrieb eingestellt worden. — In der nächsten Woche düriten auch emiae dergrösttenTerttliabriken znm Stillstand kommen. — Aus Warschau wird berichtet: Der Chef d-r Avvrov'sikmstnmgsscki-on bei der Vnwaltnny der volnschcn Ostländer, Olgiecd Ko dz'alkowski. begibt stch ,n den nächsten Tagen nnch P^aa, um Maschen Bolen nnd der tschechischen Nmnlsiikd'rekte Hindelsbev''mgen anmwüpfen. In «"sterLmie bandelt eö stch nm Zucke riransvorte nach Bolen. Die Transaktion soll als K o m v e n s a t i o n s g e s ch Ü s t abgeschlossen werden, wo'-ei Palm stch mr L eienma von Hank vtivstichten w>rd. — Ans Brünn wird uns gemeldet: Der Cbei der ts-i'echo-ilowakischen F'vmnloni'vNf der F'nanrla«desd;rekt on m B"ü>m crlläite. dre tsch-cho-'lowak scheu Bebö'den hätten nicht die Abstckit, d'k ei«acaang''nkn Berkräae über Kolilm- und Zuckerl e^erunoen -u halten. Die Zuckolies^rung an Deutschösterreich sei übrigens seit 8. b. M. vollsiändia eingestellt, nnier anderem sei auch der Zuckerrasstn-ne Rohrbach eine derartige Weisung zngekommen. — „Snn^ benchtrt ans London, daß nach einer M'tte'luna Sw Georges P a i s h vom Schatzamt die en'vväi'chm Regrenmgen - innerhalb eines JäbreS Anleihen von acht Milliarden Dollars onwehiney mMn-n. wmn ste der P a v ' e rgeldausgabe st-nern wollt'». Trotz des E'senbabnerstre>k8 bat d e e n a l i k ch * Anssubr >m Monate Oktober e>ne Hohe von 79 Millionen Pwnd erik'cht, das sind um 13'5 Mlll onen m-br als im S^v?embrr nnd um über 86 M'll'pnen mehr als im Oktober 1918. Die Einsilhr ist aut 158 Millionen gestiegen, um 5 M ll'o'ien m'hr als »m Sevlrr der und last um 88 Millionen mehr als rm Oktober 19!8. Keine Valutaanleihe. H'lbimtl'ch w'b mtgrte'lt- Die brme von «Ner Korrewondern gebrachte R -chr ch^, daß der R-vuil'k Oesterreich von Se ien der Entente ein Kiedik vpn 3"0 b>S 500 Millionen Franks emgernnmt worden sei, ist u n r i ch t r g. Die Kriegsge>v'm«steuer in der Tschechoslowakei. PrckU, 10. November. <Pr,va»^ I« der letzten S'tzung der Nationalvrrsaimnl'mg erklärte der Finanzminisier. daß die Rrv'erung ern^n Geletzentwurs vorlegen wollte, durch den die K r r e a § st e n t r.'bic mit dem Ge'etz vom 16. Februar 1918 nnd vom 17. Apwl 1918 Mh* höhere Gewinne von Gesellschaften und der E'liohung der Einnahmen bei e nzelnen Personen eingeiührl wu'dt. .a ü ch i ü r. -d.i r ß cjy n_n c..u n b E i nnahmen a u s d e m'F a b r e 1919 auSgedchnt' werde. An dem Entwurf >3 umsinareichen Ge'eees, daS eme die großen Brsttz*r selbstverständlich Höhe'' »n besteuernde Vermögenssteuer voistch», wird gearbeitet. Was d e Gewinne betrifft, dre durch die T b e s a u r l'e r u n g rn Vermögen übergangen sind, t'o b'ldet auch dere" starke Ersastung durch eine progressive Tare den Bestandteil der Vermögenssteuer. BnluteuKurse. Im gestrigen freien Verkehr wurden sremde AahlnngSmit'el w'e folgt gehandelt: L e r n o t r n 3 Sl. Marknoten 8 75. R u b e l n o t e n 2.40., Dollar 106.—, L l r e 9 85, S ck w e i z e r F r a n k § 19 25, F r a n r o s r s ch e Frankß Il.sy und Auszahlung Berlin 342. Die 8en!ie»lfParK«fle der Gemeind» Wien im Intzre Ivlst. Bszebürgermeister Emmerling benchiete in der letzren StadtratSsiyung über den Rechnungsabschluß der Zentralwarkaste für daS Jahr 1918. Der Reingewinn der Anstalt betrüg K 138.691 gegenüber K 2,867.(00 tttt Vorjahre. Schreib Leopold SteinharhWien, Biberstraße 9. m ö f d) i n nr Größte AuSwahll Billigste Preise! Der Minderertrag ist auf starke Abschreibungen vom Kurswerte ber Wertpapiere und aus erhöhte Zuweisungen an Fonds und Re'erven zurückzusuhren. Der Einlagcnstand ist im Berichtsjahre von 25) Millionen auf 304 Millionen Kronen gestiegen. Schäden des Grundbesitzes «ährend der Räteregierung in Ungarn. Im unganichen Amtsblatt vcröfsrntlkckt der Piäudcm der LiquidationSkommisslon folgenden Aufruf: »Die Kommisston zur Abwickelung der Angrlegenhchen der Ocgane der ins Gemeineigentum übernommenen Bcsitzuugcii fordert alle diejenigen auf, welche gegen irgend eines dieser Organe, und zwar gegen m Landeszentrale der durch d'e sogenannkeNäteregieiUngsorialtsterten Landivirtschafien. gegen b.e während der Prolelatierdiktatur errich'eren Komtarsbetriebsgenoifenschaftkn, gegen die Bezirkszenlralwirtschaft-Zlnspektivnen. gegen die Kreisimpeklionen, evevtuell gegen irgend andere mit amtlichem Charakter ausgcstattrteü Organe, welche d,e sozialistert gewcsrnen Besitzungen lewulschafteten, eine Forderung fabelt, diesen Umstand mit den den Anspruch beweisenden sämtlichen Dokumerilen bis 80; d. M. beim Präsidenten der LtqmdiernngSkommlssion m Budapest, V., Ors aghaz-ter 11. Ul. Stock, Tür 104, anznmelden. Die Schadcnsanmeldungen können durch Vermittlung ber ©diit^flelleför beutf ö ft er t c t eh t f d) c V r r m ö g e n uit Auslande, Wien, I., Srubenring 8, erfolgen. Ausgleich. Vom Wiener Handelsgericht wurde das über die Firma Otllerr.nmMr. Jniegral-Propelleiwerke. Gesellschaft m. b. H, XVI. Thaliastratze 12, eingrlritete Ausgleichsoerfahrrn infolge der nni 6. d. M. eingetretcnen Rechtskraft für beendet erklärt. Dre Glänbiger erhalten erneOuote von 28 Prozent, zahlbar bei Dr. Friednch Sckinepp, Rechtsanwalt in Wien, IX., Porzellangasie 2», innerhalb v-er Wochen nach Rechtskraftbcstät gung des Ausgleiches. Als Bürge und Zahler ist die Leesdorfer Maschinen-, Metall- und Holzwarenfabrik Gesellschaft m b. H. beigetrcten. Zwangsausglgich. Der zwischen den Gemeinschuldnern Karl. Franz. Ioief Lrebl. Inhaber der Firma Möbeletablissement »Me'kur* C. Liebl & Co., Wien, I., Hoher Markt 5, und seme» Gläubigern abgeschlossene Zwangsausglerch ellcngte die gesetzliche Dkaioriiät nnd wurde vom Konkurssenate des Wiener HandüSgerich'es bestätigt. Bon den 43 stimmberechligleu Gläubmer«'mit Foiderungen >m Betrage von K 579.458.— waren 26 Gläubiger anwesend, hiervon stimmten 22 Gläubiger mit Forderungen vor K 516 SS2.10 für den Lb°/».AuSgle,ch. Wiener Börse. Die «uy» Woche er öffnete mit Rücksicht aus den bei der Versorgung mm Vorscheine gelangten Stückeüberfluß zu wesentlich tieferen Kmsen, da m den führenden Kutisiewerten Entlastungsabgaben zur Aussühiungd gelangten. Rach Erledigung der ersten Verkäufe war das Geschäft wesentlich ruhiger und die Spekulativ« zurückhaltend., wozu die bwoistehcnden Feiertage den Anlaß gaben. Spätei hin trat auf fast sämtlichen Gebieten eine leichte Erholung zutage. Im Schranken dagegen lagen wieder größere Kauforders vor. denen gegenüber fast gar kerne Ware vorhanden war, io-Daß es am^ emzrlnen GÄncteuzu sprunghaften Sttigeiitngen kam. Adria stiegen um K 700.—, Nordbahn um K140.—, Nivigaz'rone um K 1300.—. Bon den Industriewertcü gewannen Wienerberger Ziegel K 88.—, Schneller Zucker K 100.—. Wesentlich höher waren Pelroleumwerle. Karpalhcn- Petrolenm gingen svlungkaft um K 210.—, Galrzia um K 490.— in die Höhe. Veckscher Magnesit wurden um ü 1000.— hmaufgesevt. Auch die Renten lagen fester, Kriegsanleihe war gefragte An der Nachbörse prostlierten StaaiSbahn bis L 2280.—. Im übisgen verweisen wir auf nachstehende Schlußkurse: Industrie-Unternehmungen. Allgemeine Daugesellfchast 800.— (4- 12.—\ Wiener Baugriellschaft 539.— — 9 50), Wienerberger Ziegel 2098.— (+ 88.—), Lrestngrt' Brauerei 800.- l— 20.—Sarajevo Aktien-Brauerei 1 '00.-7- (4* 80.—), Aussig Chem. 26'.0— l-l- 20.—), Brosche Spiritus 1605.—45—). Karborundum 1930.—' (-s- 30.—), Holzhandelsgesellschaft 1285.— 10.—), Siemens Schuckert 670.— '+ 19.75 \ A. E. G. Union Elektr. 910.— {-.—). Alpine 1915.— (— 15.—), Austria Email Meine erste Liebe. Ans dem^ebrä'schen von Motcheh Smilanskri. Wir besinnen heute mit der Erzählung ' „Sßdne erste Liebe" von Moscheh * r -ö * mm SiäiianSki. Der Beefaster war einer der ersten Kolonisten in Palästina und gehört zu den fruchtbarsten hebräischen Publi« zisten; er schildert mit besonderer Liebe daS Leben ver Arbeiter in den Kolonien, die Schönheit des Landes Israel, die Verjüngung des Volkes durch die Berührung mit dem Boden. Unsere Novelle, die bereitvor dem Aeiege in der Jaffaer hebräischen Monat», schrlft „Moledeth" erschienen ist, wurde für die „Wiener Morgenzritung" zum ersten Male auS dem Hebräische« ins Deutsche übersetzt. I. ES war vor zwanzig Jahren, Ich und meine zwei Freund» arbeiteten damals in der groß?« Kolonie San»». Ich war schon ein alter Praktikus; ein Jahr war verflossen, seitdem ich das erste Mal nach der Hacke gegriffen hatte, und seit drei M-o naben verstand ich auch mit dem Winrermesser umzugehen und fand Arbeit bei einem Landmann. Meine beidtzn Freund>e waren noch Neulinge; erst vor drei Monaten waren sie vom Schiffe in die Kolonie gekommen und arbeiteten im Betrieb der Verwaltung. Twtzdem beeinträchtigte dieser „SlanbeSunterschied" nicht unser gegenseitistLö Verhältnis. Freilich, in meinem Innern erhob ich mich ein wenig über meine Freunde, ab^r wir liebt-L:: einander un^> waren wie leibliche Brüder. Alle drei waren wir noch sehr jung. Der älteste war Salomo, und war 18; der Ängste, Jakob, war 16. Ich schämte mich ansirngs für meine 17 Jahre, doch die Spuren des Schnurrbartes, der mir zu sprossen begann, bereiteten mir eine gvosie .Genugtuung. Auf sie war ich nicht | weniger stolz als auf mein Winzermesser, welches ich bei j Nacht unter mein Kissen zu legen pflegte, damit es meine F.-eunde, die mehr als gebührlich darauf zu schauen liebten, nicht verderben. s . Wir drei wohnten in einem Zimmer, dieses Zimmer und auch seine Möbel zeichneten sich — die Wahrheit zu sagen — nicht gerade durch besondere S.lön'eit aus. De: stiimrn-' Fusboden war voll Löcher und Risse, und in diesen sammele sich das Wasser, das am Mo'gen, tvenn wir uns wuschen, verschüttet wurde, und blieb dorr stehen, bis die Sonne es austrocki.eie. Un ere wich.igften Möbelstücke waren drei Schlafstellen aus Holz. Und jede von ihnen gab in den Nächten einen besonderen Gesangston, wenn wir auf unser Lager stiegen. Ich besaß ein Kissen und eine Decke. Salomo nur ein Kissen und Jakob nur eine Decke. Darum schlossen sie in kalten Nächten eine Gemein- I schaft und sch kiesen auf einrm Bett, einmal auf diesem ' und einmal auf dem andern, damit volle Gleichberechtigung gelte. Und trotz alledem waren wir alle beglückt von unserem Los, Die ganzen Tage jauchzte Freude durch unser H-?rz, oft sogar bei Nacht. Und wegen des letzteren Umstandes grollten uns auch die Beamten der Zdolonie; un,er nächtliches Singen störte ihnen den Schlaf. Salomo kannte ein Sölda'.en ied und sang es mit viel Begeisterung; seine Begeisterung steckte auch uns an und unser Geschrei erfüllte den ganzen Raum der schlafenden Kolonie. Und noch aus einem anderen Grunde liebten uns die Beamten nicht. Am Sabbat, wenn wir un'.Lr der ganzen Gemeinde im Garten der Kolonie späteren gingen, grüßten wir ste nicht zuerst, wie.es alle Bewohner -der Kolonie, vom kleinsten bis ziim ältesten,, taten, nnd zogen nicht den Hut. Und auch oie Landlcute pflegten mit argwöhni'chen Blicken zu betrachten: wegen d.r ntichtlicheN Gesä ige und wegen - der übrigen Frechheit. Ader der zornige Blick der Beamten und der mißtrauische Blick der Landleute ' waren uns gleichgültig. .Wirt waren alle Zeit fröhlich und guter Dinge. Und doch gab es Stunden, wo das Herz plötzlich anfing, in Sehnsucht zu schlagen, und wir wußten nicht wonach und warum. II. Was war es boch> das uns . fehlte?... Zuerst wußten wir es selbst nicht. In denStuiwen der Arbeit fehlte uns gar ni,chts. Die.Morgenglockeweckte uns, tvenn die ersten Sonnenstrahlen in unser Zimmer drangen. Und die Ordnung des Tages war schon festgesetzt: Um 4 Uhr mußten Salomo- und Jakob im großen Stall der Verwaltung sein, um ihre Hacken ent* gegenzunehmen, und wenn sie nicht zur bestimmten Zeit kamen, fanden sie die Tür verschlossen. Und auch mein Herr Machte eine unwillige Miene, wenn ich hie. und da zu spät zur Arbeit kam. Und darum machten wir uns in bewundernswerter Schnelligkeit fertig: angekleidet, waren wir in einer Minute, gewaschen in einer halben, gefrühstückt hatten wir in einer halbere und dann eilten wir wie der Wind jeder seines Weges. Die erste Hälfte des Tages verging uns rasch. Und nur die letzten Minuten vor dem Erklingen der Mittagsglocke schien die Zeit sich zu dehnen, der Geist war abgespannt, der Magen war leer und verlangte sein Recht und das Messer wurde schwer .. . Und ich erinnere mich noch heute an eine Sünde: einmal traf mich der Glockenschlag, gerade als ich mitten im Beschneiden eines Weinstockes war; noch eine Minute, und ich hätte ihn beendet gehabt; aber ich ließ ihir stehen und lief zur Kolonie -7das wird ein echter Arbeiter niemals tun. Noch einige Tage darnach schänite ich mich, dem WeinbergSbesitzer ins Gesicht zu schauen, der nicht, weit von mir geschnittcn und meineSchmach mitangesehen hatte. Die zweite Hälfte des Tages war immer sehrhart. Das Messer ist schlver, der gebeugte^ Körper schmerzt, die Hände sind qoschivollen. Aber die letzte Stunde ist gm, (Fottjetzung folgt.)