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Wiener Morgenzeitung · 1919-10-23 · Heft 273 (23.10.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 273 (23.10.1919)
Date
1919-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Als Präsident Wilson die Kriegsarena betrat und die amerikanischen Kräfte für den Kampf mobil machte, war es namentlich das von ihm proklamierte Programm des Völkerbundes, welches seine Autorität bei den Völkern ungeheuer stärkte. Die neuen Begriffe, die er als politisches Programm verkündete, die Idealität der von ihm verkündeten Anschauung und die Ersetzung des Machtgedankens, der bisher in allem politischen Tun vorgeherrscht hatte, durch die Idee der Gerechtigkeit, wob einen Zauber um die Person des Mannes, der wie ein neuer Weltrichter jenseits des Weltmeeres aufgetaucht war. Der Zusammenbruch der Mittelmachte stellte die Entente vor die reale Ausgabe, der Menschheit den Frieden zu geben und an die gewaltsam Zerstörte Welt die bauende Hand anzuletzen. Dadurch trat die Bölkerbundidee allmählich in den Hintergrund. Dies Konnte um so leichter geschehen, als Wilsons Plan bei den führenden Männern der Entente keineswegs eine ferade herzliche Ausnahme gesunden hatte. Solange ran Amerikas mililänsche HÜfe benötigte, konnte man nicht umhin, vor Wilsons Planest höfliche Verbeugungen zu machen, innerlich jedoch ftayd ihnen der während des Krieges erwachte Militarismus und Aünexionrsmus mißtrauisch und ablehnend gegenüber, und es ist nicht allzulange.her, daß^Clemeneeau mit Worten, deren Spitze deutlich gegen Wilson gerichtet war, Frankreichs Abneigung zum Ausdruck brachte, Nach so vielen Leiden sich noch auf etwas anderes als die Macht verlassen zu wollen. Die Friedensverhandlungen wurden, wie jedermann weiß, in einer Weise gesührt, die sich mit dem Gedanken des Völkerbundes nur schwer vereinbaren läßt, und dementsprechend ist auch ihr bisheriges Ergebnis geworden. Reale und machtpolitische Lrwä-, tztMgen erwiesen'sichstärkerÄs Mer ReformMst, und der Gedanke der Selbstbestimmung mußte so viele Kompromisse zugunsten einer neuen Allianzenpolitik eingehen, daß Wilson die Verhandlun-en von Versailles sozusagen als ein innerlich Besiegter verließ. Man war in Paris nicht imstande, die künftige Ordnung der Welt' nach einer alles beherrschenden einheitlichen Idee zu gestalten und so prallten die Interessengegensätze der Völker und Staaten,' die in diesem Kriege mehr oder weniger alle starke Einbußen an Nationalvermögen erlitten haben, hart aneinander und so mancher Konflikt harrt noch seiner $us« tragung. Aber gerade weil der Friede verschiedenen Völkern ein hartes Joch auferlegt und durch ihn die Welt von nationalen und sozialen Konfliktstoffen keineswegs gereinigt wurden ist, bleibt der Völkerbund der Menschheit letzte Hoffnung. Der Friedensschluß selbst ist betört abgescrßt, daß der Friede völlig wertlos würde, wenn der Gedanke des Völkerbundes endgültig Schiffbruch litte, einzelne Abmachungen der Verträge.'müßten ohne ihn in der Luft hängen bleiben, und. gerade Abmachungen, die als besonders odios 'empfunden werden, wie zum Beispiel das Saarabkommen oder die Frage von Danzig, in welchen Punkten der Völkerbund als letzte Instanz zu gelten hat. Wohl wird der Völkerbund nicht'das Dringen, was politische Idealisten von ihm noch vor Jahresfrist erwarten mochten, denn es werden vorläufitz dieselben Menschen nnd dieselben Interessen vorherrschen wie bei den Friedensverhandlungen auch, aber seine bloße Existenz wird von einer nicht zu unterschätzenden erzieherischen Bedeutung für die Völker sein und den Gedanken der. internationalen Menschenverbrüderung, der über allen nationalistischen Egoismen steht, stützen und stärken. / - Vorläufig laßt sich an Clemenceaus Standpunkt gegenüber dem Völkerbunde eine deutliche Wandlung beobachten. Er, der große Hasier, hat vor Wochen an Oberst House ein kürzlich offiziell veröffentlichtes Schreiben gerichtet, in dem er ihn bittet, die erste Versammlung des Völkerbundes eiligst nach Washington einzuberufen. Die Veröffentlichung des Briefes erfolgte im Anschluß an einen Antrag in der französischen Kammer, der eine baldige Zusammenkunft des Völkerbundes verlangte, um die allmähliche Abröstung in die Wege zu leiten. Llemenceau spricht in seinem Schreiben ay den ameriksnischen Oberst von den Hoffnungen auf die Lösung verschiedener internationaler Probleme, welche der Völkerbund geweckt habe und erklärt, es scheine ihm von besonderer Mehligkeit, daß durch diese Wie Kaiser Wilhelm den Frieden sabotierte. Das vereitelte Wilsonsche Friedensangebot. Berlin, 22. Oktober. Der heutigen Verhandlung des zweiten Unterausschusses des 'parlamentarischen Untersuchungsausschusses wohnte nebst Grafen Dernftorff und Helf.serich auch der ehemalige Staatssekretär des Auswärtigen, Zimmermann, als Zeugen bei. Die Vernehmung des Grafen Bcrnstorfs wird fortgesetzt. Er erklärt, das; während'des ganzen Krieges die belgische Frage die Amerikaner am meisten interessiert habe und gerade wegen Belgien sei die öffentliche Meinung rn Amerika in erster Linie gegen Deutschland aufgebracht gewesen. Bernflorffzweifle nicht, daß mau bei der Friedensvermittlung unter allen.Umständen die volle Wiederherstellung Belgiens verlangt hätte. Auf eine diesbezügliche F a^e des Vorsitzenden erklärt Vernstorsf: Wenn wir erklärt hätten, daß wir Belgien nicht annektieren, wollten, würde das Wilson für den Beginn seiner, FrichensverhaMungen als genügend-befrachtet, haben. - ' ' Der Vorsitzende, Warmuth, - erklärt sodann, es werde nunmehr die Periode verhandelt, die mit dem MnerrLmiMörr FriederrsLirzeVot beginnt. Graf Bernstorff führt aus: Wilson hielt trotz unseres Frieden ran^ekoter an der FriedenSvermittlung fest. Das Wilsonsche Angebot erregte gerade7deshalb so großes Aufsehen in Amerika, weil es direkt ans unser Angebot folgte, so^baß der Anschein erweckt wurde, als sei Wilson dadurch ermuntert worden. Jrssolgedessen hat Wils»» in seine Note ausgenommen, daß sein Angebot nichts mit dem deutschen Angebot zu tun HM, daß es vselnvehr schon vor längerer Zeit -eabflrhtißtgeWeseÄ"M7' Die ' Meinung in' Amerika hat den Schritt MlsvnS absolut ulk prodeutsch angesehen. Nach «eineL jetzigen Kenntnis von den Dingen bin ich tzer Auffassung, daß ein Widerspruch herrschte zwischen der deutschen Antwort auf Wilsons Note "urjd meinen Auslassungen. Ich habe damals angenommen, daß die deutsche Antwort sagen sollte, baß wir eine Friebensvernritriung "insoweit wünschten, daß eine Konferenz zustande käme, aus der. verhandelt werden solltet Ich iait aber nicht aNILnommeu, daß damit die Milsonsche F?iedcnsverr«ittlung beendet werden sollte. Jetzt muß ich allerdings annehmen, daß unsere Antwort vom 26. Dez-ember die.Absicht verfolgte, die Wilsonsche Friedensverniittlung völlig ab.zuschneiden. Zu «einer jetzigen Auffassung bin ich vor allem gekommen durch ein Telegramm des Kaisers an das Auswärtige Amt, worin gefragt wird» warum ich noch von Friedensverrnittlungen Wilsons Tagung der Welt bewiesen werde, daß der Völkerbund bestehe und sich bemühe, moralische Kraft zu erlangen. Man weiß im Augenblick nicht, welche Absichten Clemenceau in diesem Falle leiteten. Der alte Clemenceau empfindet den Sieg über Deutschland, der das Werk seines Lebens krönt, viel zu sehr als Triumph, um auf feine -.alten Tage ein Apostel der Völkerversöhnung werden zu können. In seinen Jahren lernt man nicht mehr um und Clemenceaus politisches Denkensehört allzusehr der vergangenen Epoche an, als daß er sich für eine Politik des völkeroerföhnenden Pazifismus begeistern ' könnte. Seine letzte Rede, die er vor einigen Tagen im französischen Senat hielt und deren allgemeine Affichierung beschlossen wurde, enthält neben Worten, aus denen das Mißtrauen gegen Deutschland, das übrigens bei Clemenceau keineswegs unbegründet ist, deutlich heroortritt, auch Aeußerungen, die beinahe auf eine gewisse Sinnesänderung bei ihm ' schließen lasten. Er bekennt offen, daß er kein Anhänger der deutschen Einheit sei, er weist-jedoch das Ansinnen von sich, daß man die Menschenschlächterei hätte fortsctzcn sollen unter dem Vorwand die deutsche Einheit zu zerstören. Er anerkennt, das; es sich bei den Deutschen um ein intelligentes, ordnungsliebende» und methodisch»» Volk handle und sagt es geradezu heraus, .daß man mit dem Haste nichts löse. Und wenige Tage vor Clemenceau hat Briand, den man . als möglichen Nachfolger. Clemenceaus ansiebt, es sich zur Ehxe ungerechnet, daß spräche, während eine solche Vermittlung doch garuicht - mehr bestände. Vorsitzender Warmuth: Wilson legte auf. die. Mitteilung der Friedensbedingungen als) wirren aus-:' schlaggebenden Wert, so daß die deutsche Verweigerung solcher Bedingungen kein Hindernis für den Frieden bedeuten konnte?;* Graf Bern stör ff: Aber Wilson hat natürklöH geglaubt, daß wir schließlich unsere Bedingungen znit-' teilen würden. <" Abgeordneter Sintzhei irre r: Gegenüber dem Ab»? geordneten Warmuth stelle ich fest, baß das Kernstück der Note Wilsons vom 18. Dezember die Bitte am alle Kriegführenden ist, konkrete Friedensbedingunger^' mitzuteilen.. In der deutschen Note, die als Antworö auf dieses Ersuchen abgeschickt worden ist, wird aber:, . die Bitte Wilsons um Bekanntgabe der Friedensbedm^ gungen überhaupt nicht erwähnt. Daraufhin tele-!' graphierte Graf Bernstorff, daß Lansrng ihn nunmehrgebe ten habe, ihm wenigstens vertraulichunser« Friedeusbedingungen mitzuteilen. (Graf Bernstorff^ Das ist richtig!) Auf die Uebermittlung dieser Bittes LanfingS antworte Staatssekretär Zimmermann^ am 1. Jänner, also zwei Tage vor dem U-Bootkrieg^ Graf Bernstorff möge diese Frage dila torisch be-s handeln.; Graf B ern störff: Aus diesem Worte habe ich: gerade geschlossen, daß alles so bleiben solle wie bisher^ Abgeordneter S in tz h e i m e r: Sie' sprachen vorhin von emem TkliW»mnN das Kaisers. ' Otefrö Telegramm ist vom 16. Jänner 181? datiert und an den StaatLsekretär- Aimmermanu gerichMs Darin' heißt M. wörtlich: . .< j Ge. mmt lass« m$t G«eNr«r Oe die AM' -mkst danke«. Gs. Majestät bemerkt, daß MkerhSchft tziefelvr gas Vek»rn Wert auf Wilsons NriÄrrrKangM. Kot legs«. Falls tz« Bruch «tt Amerika lich war«, fftz o-s «icht zn ändern.' SS wird vorga»: gangen. (Bewegung.) Auf Murch diefts Telegramms und jetziger' Veröffentlichungen sind Sie also zu der Auffassung ge< kommen, daß die Dilsonsche Friedensvermittlung vom uns beseitigt werden sollte? ^Graf Bernstorff: Ja. Damals nahm ich? dÄ Sd»tr als eine Fortsetzung der Friedenspolitik an^ während ich heute nach dem Stande der Beröffentt lichungen annehme, L»aß diese Note die Friedensvermitto { lung Wilsons beenden sollte. Ich habe die Note damals! Gedauert, weil sie mir-nicht genügend entgegenkommend,' zu sein schien. er Zur Feit -der MarolckoKrise versucht habe^ alle zwischen Frankreich und Deutschland bestandenem Retbungsflächen zu beseitigen und ein rückhaltloses,, und mutiges Bekenntnis zur. Verföhnungspolitik .abgelegt. Möglich, daß Clemenceau vom Völkerbund zunächst eine Hilfe für die verschiedenen Nöte Frankreichs erhofft, die ja auch dem Sieger nicht erspart geblieben sind. Möglich, daß er an ihm eine Stütze für seine. europäische Politik zu finden hofft, derm Durchsetzung, 'wie der Fall Fiumes zeigt, auf Schwierigkeiten stößt und er deutet tn seiner Rede darauf hin, wenn er von Mitgliedem des Völkerbundes spricht, die sich gegenseitig mit der Pistole in der Hand betrachten. . Wie dem auch sei, Clemenceaus Bekenntnis zum Völkerbund ist ein Ereignis, das nicht hoch genug zu bewerten ist. Der Völkerbund mag in seinen Anfänge« nicht viel mehr bedeuten als eine durch die Eiwbeziehung der kleinen, der Entente asioziierten Völker verstärkte Allianz der Sieger. Er mag Mrs erste bloß Jm Sinne bisheriger mehr oder weniger imperialistischer Machtpolttik tätig sein, aber wenn seiner Institution Dauer beschieden sein wird, so wird von diesem Forum! dem auch die besiegten Völker aus die Dauer nicht werden fernbleiben Können, eine reinigende Kraft ausströmen und der Gedanke der Allmenschbeit auch ist die Politik seinen Einzug halten, der allem imstande ist, mehr alr alle auf unvorbereitete Massen stoßende Revolutionen die zerklüftete und chaotische Welt neu zu gestalten und den zerstörenden, Haß aus ihr zu banrren

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