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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-13 · Heft 144 (13.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 144 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die vo« letzter Woche auf heute verschobenen Interpellationen in der französischen Kammer riefe» tumultuöse Szenen hervor. Das Ergebnis ist nicht bekannt. Clemenee Stellung gilt als erschüttert. i Der Viererrat hat heute auch über die Lage in Angarn berate«. Man glaubt zui wissen, daß Angarn von einer ganz unerwartete» Seite Hilfe erhalte« h^at^ was die Lage des Viererrates in Verwirrung bringt. j Die Eisenbahner haben in der Versammlung gestern nachts den StreiE schlossen und der Ausstand anderer großer Gewerkschaften droht in den nächsten Hagen auszubrechen. ____...... Die Urheber des Weltkrieges. Ein deutsches Weißbuch. enthält Dokumente defensiver ««d> offensiver Natur. Die Anlage« e«L bis drei bringen bisher unbekannt« Mitteilungen über die militärische« Vorbereitungen, die Anlagen vier bis fünf! widerlegen die von feindlicher Seite vev^ breiteten Legenden, so über den Potsdamer Kronrat. In den Anlagen sechs bis elf wird^ Han« offensiv gegen die feindlichen Anklage« vorgegangen durch die veröffentRchtd« und, anderen Dokumente, aus denen sich dir aggressiven Ab sich t e n S e r bi e»Sz und Rußlands lange vor Kriegsausstrnchl ergeben. Berlin, 12. Juni. (Korr.-Bur.) Die „Doffische Zeitung" meldet r Das Auswärtige Amt hat ein Weißbuch betreffend die Verantwortlichkeit der Urheber am Kriege herausgegeben. Das Weißbuch enthalt in seinem ersten Teil den Notenwechsel zwischen der deutschen und der feindlichen Friedensdelegatio«, den Bericht der feindlichen Schuld ko m m i s s i o n und die deutsche D e n ß.s ch r i f t über die Schuld am Kriege, die den feindlichen Regierungen überreicht worden ist. Der zweite Teil des deutschen Weißbuches Sperrung -er polnischen Depots in Wien. Krakau, 12. Juni. (Poln. Preßagent.) „Kurher Codziennh" meldet aus Wien: Die deutschösterreichische Regierung hat die Sperreüber die in Wien befindlichen Depots der polnischen Staatsangehörigen verhängt. Die bereits gewährten Erleichterungen wurden rückgängig gemacht. Polnische Kreise betrachten diese Maßnahmen als Antwort auf die Beschlagnahme des deutschösterreichische« Besitzes im galizischen Naphthagebiet. Amerika auf dem Weltmarkt» Errichtung von Lebensmittelgeschäften in der gauze« Wett. R e w - B » r I. 11. Juni. (Korr.-Bur.) €btj amerikanisches Konsortium will mit eine«! Kapital von KM) Millionen Dolla«l ein Projekt zur Durchführung bringe«, das durch Eröffnung von Tabak-, Lebens« mittel- und Bekleidungsgeschäf^ t e n in der ganzen Welt zu einer a l l g e-j meinen Preisreduktion beitragen! will. Vor dem Bankerott des Diktats. i Wien, 13. Juni. Die Verhandlungen in Paris gehen vor geschlossenen Türen vor sich. Wochen sind vergangen, seit man die Deutschen zur Vernehmung ihres Gerichtsspruches nach Versailles lud und es sollte ein Diktatfriede von unbeugsamer Härte werden. Man hat mündliche Verhandlungen ausgeschlossen, um zu verhindern, daß sich die Entente und ihr Feind wie gleich und gleich gegenüberstehen, mehr noch darum, weil man befürchten mußte, die eigene Position zu schwächen, wenn'man Deutschland in die eigenen Karten blicken lasse bei einer Partie, in deren Verlauf die gegensätzlichen Interessen nur allzu oft zu Reibungen und Kämpfen fuhren. Aber das eingeschlagene Verfahren hatte einen schleppenden Verlauf zur Folge und die Geheimhaltung der Beschlüsse, ja sogar des Wortlautes der Friedensbedingungen in den Ententeländern ist nur geeignet, die Nervosität der aufgewühlten Massen, die sich nach Ruhe sehnen, das Kriegsspiel gründlich satt haben und deren soziale Forderungen der Erfüllung harren, beständig zu steigern. Es scheint, daß man in Paris alle diese Umstände zu wenig ins Kalkül gezogen hat. Clemenceau, dessen Wille in Paris der überragende zu sein scheint, wird von dem einzigen Verlangen gepeitscht, Friedensbedingungen zu schaffen, welche Deutschland dauernd schwächen und die Wiederholung eines Angriffes unmöglich machen sollen. Aber je länger die Verhandlungen in Paris dauern, und je weiter den des Waffendienstes müden . Massen die Aussicht auf baldige Abrüstung rückt! um so mehr wächst die Nervosität .ist ^den Ententeländeril/ um so schwächer wird die Machtposition der Alliierten. Schon spricht' ein Pariser Bericht des „Daily Expreß" davon, daß Graf Rantzau der Entwicklung der Ereignisse in Paris und ganz Frankreich aufmerksam folge, alles wisse, was Paris denke und sage, und entschlossen sei, die in Paris herrschende Kriegsmüdigöeit bis zum Aeußersten auszunützen. Auch sei die deutsche Regierung der Ansicht, daß die gleiche Kriegsmüdigkeit auch in England bestehe. Hierdurch gestalte sich die Lage der Friedenskonferenz äußerst schwierig. Inzwischen sei der Viererrat beschäftigt, seine eigenen Entscheidungen nochmals zu erwägen, was beweise, daß man die Ergebnisse der Untersuchung der eigenen Sachverständigen anzweifle. Der Viererrat wisse, daß die Deutschen den Wunsch der Alliierten, den Frieden ehestens unterzeichnen zu lassen, genau kennen und sei überzeugt, die Deutschen würden . beim ersten Zugeständnis sofort Anträge aus weitere Zugeständnisse unterbreiten. Diese Meldung des Londoner Blattes scheint den kritischen Punkt, auf dem die Friedenskonferenz angelangt ist, genau zu umschreiben. In der Tat scheint es, als ob auch der Starrkopf Clemenceau mit den Stimmungen des organisierten Proletariats und der Armee zu rechnen beginne. Vor einigen Tagen hat er einer Abordnung der Streikenden in Paris^ versichert, daß nicht beabsichtigt werde, ftd) in Rußlands innere Verhältnisse einzumischen, was nicht weniger als eine Desavouierung alter bisherigen Pariser Absichten bedeutet, den gegenrevolutionären Truppenführer Koltschak zu unterstützen und anzuerkennen. In das gleiche Kapitel gehört die zögernde und schwankende Haltung, welche die Entente in der Frage des tschechisch-ungarischen Konflikts cinnimmt. Die scheinbare Rat- und Entschlußlosigkeit der Entente illustrieren vielleicht gewisse Zeitungsstimmen und Nachrichten des heutigen Tages. In der „Humanste" schreibt Marcel Cachin: Die Nervosität unserem Bevölkerung ist auf das höchste gestiegen» die Ausstandsbewegung nimmt täglich zu, Soldaten und Matrosen meutern, die Regierenden erweisen sich r!s unvermögend» aus den Wirrsalen des Krieges ljerauszukommen» den Frieden herzustellen, die wahnwitzige Teuerung zu verhindern, die Ordnung zu sichern, die erregten Gemüter zu beschwichtigen. Dadurch ist in Frankreich ein revolutionärer Zustand geschaffen worden. Die Reaktion glaube» alle Schuld liege an den Sozialisten und fordere die Verhaftung ihrer Führer. Als ob nicht die ganze Welt vom Fieber der neuen Zeit geschüttelt würde, das just vor den Toren Frankreichs Halt machen sollte! In England spreche man sogar bereits vom Bol- _ chewisMUs, Und die «Moming Post" berichtet von der Meuterei eines französischen Artillerieregiments in Toulouse, welche infolge der Nachricht ausbrach, daß das Regiment nach Polen öder nach dem Osten geschickt werden solle. Einen ernsteren Charakter scheint die Revolte der Schwarzen Meer-Flotte gehabt zu haben, welche die Hauptursache für den Abzug der französischen Truppen aus Rußland gewesen sein soll. Auf einer Reihe von Kriegsschiffen hißten, wie der Deputierte Brizon mitteilt, die Matrosen die rote Flagge und demonstrierten in den Straßen von Sebastopol für Lenin und die Revolution. Es kam zu einem Zusammenstoß, wobei es Tote und Verwundete gab. Die Matrosen hätten in einem Ultimatum an den Admiral den Abzug aus Rußland gefordert und erst wieder Dienst getan, als ihnen zugesagt wurde, daß sie binnen vierzehn Tagen Rußland räumen würden. Die Meldungen über die Vorgänge in der französischen Schwarzen Meer-Flotte, von denen auch in der Kammer gesprochen wurde, werden in Frankreich streng geheim gehalten. Nun aber hat sich die kcmfädöration generale dti travail mit den Matrosen solidarisch erklärt,' die sich weigerten, gegen die russischen Revolutionäre zu kämpfen. Auch in der italienischen Arbeiterschaft herrscht eine beträchtliche Gärung, namentlich im industriellen Norden. Die Streiks, die in Genua, Rom und Neapel ausgebrochen sind, scheinen vorläufig keinen rem politischen Charakter zu haben. Aber die radikale Sozialistenpartei Italiens hält unentwegt an einem antunWaristischen und antiannerionistischen Programm fest, so daß die Ausstände leicht ins Politische hinübergreifen könnten. j Und schließlich wird sogar von einer Generalstreikbewegung in Amerika berichtet. Es soll der Plan bestehen, die Eisenbahn-, Hafen- und Bergarbeiter, welche drei Millionen Mann umfassen, für einen Generalstreik zu gewinnen, wodurch die Truppenbewegungen im ganzen Lande stillgelegt würden. Es sind bloß Symptome, welche sich in den einzelnen Ländern zeigen. Aber auch wenn man sie nicht überschätzt, deuten sie auf eine tiefgehende Erregtheit hin, welche die Massen auch in den Ländern der, Sieger zu erfassen beginnt. Je länger die Friedens-! Konferenz, welcher die Probleme über den Kopf! wachsen wollen, die Welt im Ungewissen läßt,^ um so größer wird die Wahrscheinlichkeit,! daß sich die Waffen abstumpfen müssen, auf welche die Entente sich stützt. „Humanite" spricht davon, datzj seit einigen Tagen ein neuer Geist über der Pariser'! Konferenz walte, und daß England und Amerika sich im Klaren seien, daß es unsinnig sei, sich unversöhnt lich zu zeigen, weshalb man mit den Deutfchosterreichem. in Verhandlungen treten werde. Wenn die Nachricht! wahr ist, und sich die 'Alliierten in letzter Stunde! fähig zeigen sollten, Einsicht und Versöhnlichkeit zu üben und sich nicht allzuviel durch neugeborene und um so gefräßigere Imperialismen beeinflussen zu lassen^ so märe es noch Zeit, die Welt vor Wirren zu be-r wahren, die ihr sonst bevorstehen. " . ' - n

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