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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-11 · Heft 142 (11.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 142 (11.6.1919)
Date
1919-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Krei« 30 Heür» ■int Mit Au-ellmr« fatl Ha«; MtVüstsrr^sd: ..'r, rrner Nr. 142 M. Wien, Mittwoch, den 11. Juni 1919 9vinwu$vee0cn*^i Wir* IS» da» aLttjjgttfci M-natttch ., .JB 8.50 M-rt,lfLhrrs 7Z «k.- t.. -#:*ätw- ’’ Me», Sat^Sr»jtB ¥$fifpatikan*n-&ent o 'NV.1S0.MS 1. Jahrgang 1 :- Von Krakau bis Krakau. ' v W i e n, 10. Jmi. -' In Krakau nahm die Pogromwelle ihren Ausgang, die seit mehr als Jahresfrist den ganzen p olnischen Hserrschaftsbereich überflutet, wälzte sich nordwärts, osttpärts — und kehrt heute wieder zurück. Im April vorigen Jahres durchzog Pöbel die Stadt, Legionäre an der Spitze, plürrderte jüdische Geschäfte, die in der vorangegangenen Nacht mit Kreide die Aufschrift „Zyd" erhalten hatten, verschonten jene, in deren Auslage ein Heiligenbild stand, schleppten einen alten Mann aus Ler Straßenbahn und erschlugen ihn auf der Straße. Cs war das erste' Grollen des heränn atzenden revolutftinären Sturmes. Zwar fehlte es nicht an Versuchen, die Situation zu verschleiern. Es wurde erklärt, daß es sichnur um Hungerkrawalle ohne politischen und insbesondere ohne antisemitischen Charakter haitdelte und jüdische Repräsentanten gaben sich zum willigen Werkzeug dieses Lügenfeldzuges her. Damals gab es noch einen österreichischen Staat und man konnte ■ die Wiener Regierung verantwortlich machen. Tatsächlich hat die Unzufriedenheit infolge des unleidlich gewordenen Kriegsdruckes eine revolutionäre Stimmung erzeugt, die auf die Juden abznlenken gar nicht unwillkommen war. Der im polnischen Volke durch jahrelange systematische Verhetzung großgewordene AntiftiUtismuS kam.allerdingsdieser Tendenz außerordentliche entgegen. Als dann nach dem Zerfall Oesterreichs in Galizien völlige Anarchie eintrat und die Polen gleichzeitig sofort einen neuen Krieg mit den Ukrainern begMnen, wagte sich —- zunächst, wieder in der Umgebung von. Krakau — die. Pogr-gmlust schon ungenierter lftrpor uich 'mit d'c'm Vormarsch-gegen Osten wurde der 'SeitdM.-.gm«e^.Ms'sMge)i. vchsi-HrzemYsl - ütid^Muberg haben die Jird'en in 'Galizien und Holen das' leldöollste Halbjahr ihrer Geschichte durchlebt. In den größeren Städten Polens kam.' es immex >wieder^ zu Ausschreitungen,. die beinahe, jedesnml .Todesopferkosteten.. Statt dresen Exzessen energisch und zielbewußt Einhalt-zu tun, begnügten sich die. wechselnden polnischen Regierungen, auch die sozialistischen; ^damit, die Tatsachen vor' der Welt, zu beschönigen', und. .erfanden alle rnög-. lichen Rechtfertigungen, um.. die Stimmung der Welt. AU ihren Gunsten zu beeinflusftn. .Anfangs wurden!hie Berichte über die Pogrome als feindselige antipolnische deutsche Erfindungen .hingestellt; zum Schlüsse, cfts,dje Exekution der Straft gegen den jüdischen Bolas dile Exekution der Straft gegen den jüdischen Bolschewismus begründet. Alle öieft 'Lügen' hätten aber notwendigerweift kurze Beine. 'M'kamen unparteiische Kommissionen uild Bericht erst alte rund .lernten "mit Entsetzen die' Wahrheit kennen. Die Wahrheit aber ist, dos; hier ein gänzlich verwilderter Mob auf ein wehrloses Volk losgelgssen wirb, daß'Militär keine Schranke der Disziplin, Intelligenz und Gesellschaft keine Schranke k^sr Menschlichkeit kennt, wo es den Kampf gegen Juden gilb. Es muß gesagt sein: die ganze polnische Ge-' ftllschaft ist an den Pogromen" schuldig. Das jüdische Volk wurde geschmäht und gedemütigt, wie ein. scheues - Wild von Ort zu Ort gehetzt,, der Jude wurde als Mensch geringerer Art mit beispielloser Verachtung von den vom Freiheitsrausch erfaßten- Polen ins .Elend zürückgestoßen. Eine furchtbare Panik hat sich' der Juden bemächtigt; sie wurden in.diesem halben Jahr nicht nur unausgesetzt verfolgt und gepeinigt, sie wurden auch ins Herz getrofftn und zutiefst verwundet.; Pfachja Meller war der rasch bekannt gewordene Name des ersten Opfers des Krakauer Pogroms. 'Wer aber kennt und zählt die Namen derer, die ihm folgten? Es wurde unmöglich, -das Schicksal des einzelnen Menschen zu registrieren, man-berichtete nur noch Zahlen, für deren furchtbare Bedeutung die Ohren der Menschheit beinahe stumpf geworden sind. Die jüngsten Ereignisse, Pinsk, Wilna, KolbuKzowa, Czenstochau, und wie die Orte alle heißen mögen, haben. das Maß voll gemacht. Die Leiden, der Juden wurden ins Groteske gesteigert, seitdem die Armee Haller, in Polen eingezogen ist. Die Entente ist von der Schuld nicht freizusprechen, daß sie diese verwilderte Soldateska auf das Land losgelösten hat, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie diese famosen Befreier in Polen hausen tverden. Die Roheiten dieser Soldaten kennen keine Grenze. Eine besonders raffinierte tierische. Quälerei haben sie erfunden, und praktizieren sie jetzt bereits ffctt Wochen im ganzen polnischen Gebiet: das ,,Bartobschueidcu". Den Inden wird auf der Gasse, in ihren Geschäften und in ihren Wohnungeil einfach mit einem Wilson zieht stch zurück. Er will die Fertigstellung des Friedensvertrages nicht abwarten. — Pessimistische Auffassung der Zuverlässigkeit der Ententetrnppen. Paris, 10. Juni. (Tel.-Komp.) Das Programm für die Abreise Wilsons «ach Amerika steht nunmehr fest. Der Präsident wird sich Mitte Juni nach Amerika zurückbegeben. Fm Zu-, sammenhang damit befindet sich eine amtliche Mitteilung in Vorbereitung, wonachLansing und White die Verhandlungen mit Oesterr eich, mit der Türkei und mit Bulgarien zum Abschluß bringen werden. Trotz der Notwendigkeit, de« weiteren Gang der Verhandlungen wegen der Streiklage in Frankreich und in Italien und! wegen der England drohendenStreikgefahr zu beschleunigen, hat sich Wilson außerstande erklärt, den Termin der Unterschrift des FriedenSvertragos durch Deutschland abzuwarten. In politischen Kreise» herrscht Pessimismus darüber, ob die Ententetruppen, falls Deutschland die Unterschrift des Friedensvertrages ablehnen sollte, noch zum Einmarsch in Deutschland bereit und geeignet sein würd^pf Die Verschuldung der Welt. Haag, 10. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenztg/) Laut einer Zusammenstellung hm Mechanie and Metalls National Bank beträgt die Verschuldung der Welt über 200 Milliarde« Dollar, wobei Deutschland und England mit je 40 Milliarden an der Spitze marschierend Ihnen folgen Frankreich (30), Rußland (27), Oesterreich-Ungarn (24), Amerika (21)*1 Italien (12). Die gesamten Schulden übersteigen den Bolksreichtum jedes einzelnen dieser^ Lander außer Amerikas und find siebenmal so groß wie die gesamten Bankeinlagen der Union, zwölfmal so groß wie die ganze bisherige Gold- und Silberproduktion der Welt nnd zwanzig-- mal so groß wie der Wert des amerikanischen Außenhandels. Falls kein Bankerott erfolgt/ muffen die Schulden schließlich aus Volkseinkommen und Ersparnissen gezahlt und die Steuer« erhöht werden, denn Staatsschulden sind ein Hypothek aus das Volksvermögen. m Zionismus vor der Verwirklichung. Aeutzerungen Wilsons und Lloyd Georges. Z ü r i ch, 10. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Laut „Iewrsh Times" hat Professor Frankf n rt e r soeben vom Präsidenten Wilson einen Brief erhalten, der die Versicherung enthält, daß der Zionismus vor der Verwirklichung feines Programms steht. Es ist absolut keine Aenderung zum schlechteren eingetreten und jetzt mehr denn je sicher, daß die Forderungen gar keinen Grund zu irgendwelcher Diskussion bieten. Einen Brief ähnlichen Inhaltes hat Dr. Weizmann von Lloyd.George erhalten. Messer der Bart ab geschnitten, wobei es dem sonderbaren Raseur besonderen Spaß macht, wenn auch Stücke Fleisch mit den Barthaaren gehen. Diese Soldaten waren die. Anführer des zweiten Krakauer Pogvoms. Das Kommando der Hallerschen Armee veröffentlicht eine kuriose Kundmachung, in der es sich dagegen der-. wahrt, daß Hallersche Soldaten an den Ausschreitungen, die diesmal nicht einmal von der polnischen Presse verschwiegen werden können, beteiligt waren. Vielmehr handle es sich um eine provokatorische „bolschewikischdeutsch-jüdische Aktion" ... Es soll hier keine Satire geschrieben werden, aber es ist blutiger Hohn und eine verletzende Herausforderung, wenn während dieser Ereignisse die ganze polnische Oefftntlichkeit naiv-unschuldige Entrüstung spielt, weil die Entente einen Schutz der Juden in Polen für notwendig hält. Im polnischen Landtag.wurde einstimmig ein Dringlichkeitsantrag angenommen, welcher sich gegen diesen Eingriff in. die Souveränität Polens verwahrt, da die polnische Republik „niemals irgendein Volk bedrückte". Und als der Abgeordnete Grünbaum zum Schluß seiner großen historischen Anklagerede in der Erregung die Bemerkung machte, daß die Juden in Polen wie in einer Hölle leben, wurde er mit größter Empörung unterbrochen, vom Präsidenten zurechtgewiesen, und wird jetzt boykottiert. Der Pogrom aber geht ruhig tveiter. Die polnische Regierung zeigt! trotz der schönsten Redensarten nicht die geringste Neigung, der Schlächterei und Räuberei ein Ende zu machen. Darum ist es höchste Zeit, daß die Bestinmiungen über den Minoritätenschutz Wirklichkeit werden und der Konstantinopel neutralisiert. . Haag, 10. Juni. (Tel. der „Wr. MörgenztaH Wie „Daily Telegraph" meldet, will die Entente die Verwaltung der Stadt Konstantinopel einer in te w nationalen Kommission übergebe«/ in der alle Großmächte vertreten sein sollen^ Sollte sich dieser Weg als ungangbar erweise«, so würde Griechenland als Mandatar deK Völkerhundes die Verwaltung anvertrant er-' halten. Amerika führt Gold aus. Wash ingto«, 10. Juni. (Reuter.) Wilson hat das Ausfuhrverbot für Gold von den Vereinigten Staaten «ach allen Ländern mit Ausnahme der feindlichen Länder und des bolschewikischen Rußland a « fgehoben. Schutz des Völkerbundes auch' für die Juden fühlbarwird. Niemand bedauert es lebhafter als wir, baß es nicht gelungen ist, von Anfang an ein freundliches Verhältnis zwischen Polen nnd Inden anzubahnen. Die' polnischen Juden haben das Entstehen des unabhängigenj polnischen Staates mit Freuden begrüßt, weil sie fö# jedes Volkes Freiheit und Selbstbestimmung stets ein-- getreten sind. Auch heute noch ist es unser natürlicher Beruf in der Völkerpolitik, gegen Tyrannei und' Gewalt und für das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu kämpfen. Aber wir verwerft» eine Auffassung, die' das Selbstbestimmnngsrecht nur als ein Recht auf Staatenbildung gelten läßt und die dann den Begriff der Souveränität dazu mißbraucht, um das blutigste Gewaltregiment int eigenen Staat aufzurichten. Der' Minoritätenschutz ist der erste Schritt zur Vermenschlichung der Politik. Die Völker werden als ethnische und nicht nur als politische Einheit begriffen, der lebende Organisums wird an Stelle des abstraktere: Mechanismus in das politische Kalkül eingesetzt. Die, kleinen Staaten hätten mehr Verständnis für den neuen! Geist bewiesen) wenn sie sich gegen die Forderung des Minoritätenschuhes nicht verwahrt hätten. Denn wenn es eine organisierte Menschheit gibt, so ist sie auch dafür verantwortlich, was innerhalb der Staaten vor->- geht. DaS Gebot der Gerechtigkeit und' Menschlichkeitgilt allgemein oder gar nicht. s; Neuer,Geist? Menschlichkeit?, Die Bilder zu diesem!; Text ziehen au, deck fragenden Auge kaleidoskopartig mit blutiger Deutlichkeit Vorüber: Bon Krakau bis Krakau.' ' ' ,

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