Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 74 (2.4.1919)
- Date
- 1919-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tatsächlich find di e Sitzungen des ‘Nates der Vier auf einem tote« f ti li K t angelangt. Diese ganze Woche ist vergeudet worden und inzwischen haben die Dinge eine weitere Krisis erreicht, so haß der Zustand sich verschlechtert statt verbessert hat. Berlin, 1. April. Die ,,B. Z. am Mittag" meldet aus Rotterdam: Der Korrespondent des „Da ity Ehroniele" berichtet seinem Blatte: .Die t e rritoriale» Fragen s i n d da« er» st e st e Hindernis für de« Friede«. Dö zeigt sich jetzt» daß die Franzosen mit allen Regelungen unzufrieden find, die nicht im weitesten Maße ihren Wünschen entgegenkomme«. El e m c nc c a u hat sich geäußert» daß er s e i n D e r b l e i L e n unter den vier Oberhäuptern , v p« der L 3 s « » g d e r S <s a r g e b i e > sri« ge gl» hängig machen müste. Die Mit änderen Worte» das 1 z e S n ä r t ai l als einen Teil der Bergiituüg für die durch Deutschland vernichtete« ( französischen Aohlengebiete. ' .?? Man nimmt bestimmt an, daß Wilson und L l o y,d George hiergegen # protestiert mrd sich auf de« amerikanische» Standpunkt gestellt . h«tbo«, wonach das S e l b st b e st imm u n g sr e ch t der Völker nicht verletzt werde« -- . Der Korrespondent nennt die Stimmung unter de« vier Oberhäuptern nicht . die beste und fügt Hinzu» falls in Amerika die Aeberzeugung Platz ' griffe, daß di e Siegel u n g nichtameridänisch en Interessen Amerika weiter nichts angehe und daß es für Amerika am besten wäre, wenn Wilson und seine 'Delegierten nach Hause zurückkehrten» so würde W i lson sehr mitdies er Stimm u n g rech n e n. Der Korrespondent schließt: Der Zustand der .Friedenskonferenz ist furchtbar er n st» und wenn nicht schnell eine Wendung zum Besseren , eintritt, können sensationelle Dinge passieren. - — y. W i en. 2. April. ' Am 20. Jänner hatte die Friedenskonferenz mit ihren meritorischen Verhandlungen begonnen. Ihr Beginn war die bekannte Rede PoincarSs, in der er es als die Aufgabe der Friedenskonferenz erklärte, über die besiegten Staaten Gericht zu halten. Der Geist, der aus djefer Rede atmete, hat die Friedenskonferenz durchaus beherrscht und wenn es auch oft den Anschein hatte, als ob der Standpunkt Wilsons, der die Gerechtigkeit denn doch ein wenig zu Wort kommen lassen wollte, sich mit Unterstützung der Engländer durchsetzen werde, so war es doch in den letzten Tagen, insbesondere nach dem Attentat auf Clemenceau, nicht mehr ziveifelhaft, daß die Friedenskonferenz an einer kritischen Wendung augelangt sei. Die nunmehr vorliegenden Meldungen der „New Bork Times" und des „Daily Ehroniele" weisen genau auf den springenden Punkt hin: auf die territorialen Fragen, in denen Frankreich durchaus nicht nachgeben will. Es fordert das linke Rheinuser und das Saarkohlengebiet. Die Haltung der Franzosen hat viel zu dem schleppenden Gang der Friedensverhandlungen beigetragen, die nicht nur in den Ländern der Besiegten, sondern auch bei den neutralen Staaten viel Mißmut erregt hatte. Im Zusammenhang mit der territorialen Frage stand auch die Bölkerbundidee, die, aus den vierzehn Punkten Wilsons geschöpft, sich immer weiter im Hintergrund verlor und schließlich in eine Kommission oer- Wiener EjnevwAOMpJnvr. UM« 30 Spiee PvätwxurfOMt* «"»W »V wTriiiiirf<iii m***tu+ .;Mr* Ä*«»f«rrl0 ., Ghtntiäirrxs . ü*ite -r **“• &£*?*?* »b. tseums Wien, Mittwoch, den 2. April ISIS 1. Jahrgang Die jüdische Frage bei den Friedensverhandlnnge«. Forderungen der deutschen Sachverständigenkommtsfion. Berlin» 1. April. Sn der Geschäftsstelle des Auswärtigen Amtefür die Friedensverhandlungen fand gestern eine Sitzung zur Beratung der jüdische« Frage bei den Friedensverhandlungen statt. Die Sachverstä « digenko«ttuiffio« für jüdische Angelegenheiten schlug folgende Forderungen vorr Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden «nd des Zud e n tum S in allen L Lud er» der Welt, also anch Beseitigung aller Gesetze» Verordnungen^ nnd' Bestimmungen, welche Beschränkungen lediglich für Jude« enthalten. Die Forderungen Aber die nationale «nd die kulturelle Autonomie in den nengebttdeten St^Äe« find in dem Amfange, wie ihn die dortigen Juden fordern, z« erfüllen. Die Nationalstaaten gegen die Beschlagnahme des habsburgischen Vermögens. Gestern vormittags erschienen die Gesandten der auf dem Gebiete' des ehemaligen Oesterreich entstandenen Nationalstaaten gemeinsam beim Staatssekretär Dr. Bauer und überreichten ihm folgenden Protest : Der Verfassung saus schuß der Nationalversammlung der deutschösterreichisch Republiken hat einen Gesetzentwurf betreffend die Uebernahme des Vermögens des Hauses Habsburg-Lothringen zur gesetzmäßigen Beschlußfaffung vorgelegt, dessen §§ 5 und 6 folgenden Wortlaut ausweisen: § 5. Die Republik Deutschosterrnch ist Eigentümerin des gesamten in ihrem Staatsgebiete befindlichen beweglichen und unbeweglichen hofärarischen, sowie des an das früher regierende Haus oder eine Zweiglmie desselben gebundenen Vermögens. § 6, Als hofärarisches VerHZHch gär dqs bish^ nön,Len den Hofstäben und deren Aemtern verwaltete Vermögen, soweit nicht ein an das früher regierende Haus oder an eine Zweigfinw desselben gebundenes Vermögen oder nachweisbar freies-' Möw! ' liches Püvatvermögm ist. -; ■ ,1 Da diese Gesetzesvorlage ein einseitiges Berfügungsrecht der Deuts ch o sie d» reichischen Republik über Bermögeüschofien statuiert, welche nicht ausschließlich der deuWW«- reichischen Republik gehören, sondem in die/JMeÄsame Liquidattonsmasse der Nationalstaaten saLen^ erklären die Vertreter der Nationalstaaten» W falls diese Vorlage, welche einen Eingriff in die.WW der übrigen Nationalstaaten involviert, GeMeHM erlangen sollte, deren RechtswirKsamKett tdp w. kennen können, vielmehr gegen diesen Eingriff iu^Äk t fch ied eu Eins p r u ch Die polnischen Truppen werde» in Danzig ausgeschifft. Entscheidung des Marfchall Foch. o Rotterdam, 1. April. (Tel. der »Wr. Morgenztg/) Dev ^TempS" meldet ans PariSH Marschall Foch erhielt die Vollmacht der Alliierten, die Danzig« Frage selb st ündiAg« entscheid e ». Foch besteht a«S' militärischen Gründen ans de« L r a n S p o r t .de p polnischen und alliierten Truppen über Danzig. wandelt wurde. Der Widerstand gegen den Völkerbund ging teils von den neutralen Staaten aus, die eine Vormachtstellung der Entente nicht anerkennen wollten, teils aber auch von fetten der politischen Gegner Wilsons in Amerika, die nicht mit Unrecht von der Verwirklichung des Projekts schwere Verwicklungen Amerikas in der Zukunft befürchteten, ja sogar im Völkerbunde eine Gefährdung des künftigen Friedens der Welt erblickten. Die Konferenz hatte ursprünglich die Leitung der Arbeiten einem Zehnmännerrat übergeben. Als es sich aber herausstellte, daß auch diese Kommission mit ihren Arbeiten nicht recht vorwärts. kam, wurde ein aus Wilson, Lloyd George. Clemenceau und Orlando bestehender Viererrat gebildet. Natürlich stteßen in dieser kleinen Körperschaft die Gegensätze viel schroffer aufeinander, als dies'in einer größeren Kommission der Fall war, und es ist nun so weit gekommen, daß Clemenceau sein Verbleiben im Viererrat von der Lösung der Frage des Saargebietes abhängig gemacht hat. Die Sache steht nun so, daß entweder Clemenceau oder Wilson mit ihren Ansichten durchdringen. In Amerika spricht man schon davon, daß man für die Lösung nichlamerikanischer Fragen kein Interesse habe. Noch ist der Viererrat in Tätigkeit und es wird mttgeteilt, daß er zur Tat bereit ist. Aber — gegen Deutschland. Das würde zeigen, daß. vorläufig wenigstens, Clemenceau noch immer die Situation beherrscht. Zu gleicher Zeit hört man. daß zwar eine direkte Aktion gegen Rußland unterbleiben soll, daß aber doch die „kleinen" Völker, Tschechen, Polen Rumänen und Griechen mit Waffen und Munition versorgt werden sollen, um den „großen" Völkern die Kastanien aus dem Feuer zu holen und in ihrem Interesse den Aufstand der Hungernden, die moderne Spartakistenerhebung, niederzuschlagen. Aber was da scheinbar so schlau eingesädelt wird, kann ganz anders enden. Es hat sich gezeigt, daß die Friedenskonferenz' nüt chrm sicherlich sehr ehrlich gemeinten Warnungen M die kleinen Völker, mtt dem Bluwergießew )do<h^ endlich auszuhören, nur tauben Ohren gepredigt hat. und sich lächerlich gemacht hat. Dieses Beispiel könnte fortwirken und die kleinen Völker Mutten leicht auf den Gedanken kommen, den Austtäg der Friedenskonferenz für sich zu vollsttecken um'neue Annexionen zu versuchen. Die Volittk der Friedenskonferenz schlägt eben auf)Schritt und Tritt M dw» Unbeabsichtigte um, und aus dem Streben, tntt hMen Mitteln auf halben Wegen halbe Ziele zü erKühw,' wird neues Unglück geboren. Die Friedenskonferenz, hat durch ihre bisherig Arbeitsmethode die Situation in Europa außerordentlich verschlimmert. Die Hungersnot ist in Zmträlewwpä gewachsen und schlägt in eine Sttmmung um, W'die gewagtesten politischen Experimente begünsttgt. Wenn nun die Friedenskonferenz auseinandergcht. ^so würde dies den bisherigen Zustand wohl nur in der Aschtung ändem, daß der Bolschewismus bis an den' Rhein, möglicherweise auch weiter vordringt. Sollte :stchaber die Entente eines Besseren besinnen und den Wttfonschen Standpunkt akzeptieren, der die unbedingte Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker: fordert, so würde damit die Sache des.Friedens choch' noch gerettet werden können. Das wäre dätm/die Rettung der Welt, während ein Schettem der .Friedenskonferenz . die Katastrophe fiir die ganze Menschheit nur beschleunigen würde. ' ' Die Friedenskonferenz hat es. bisher, mM oer- . standen, sich auch nur an einem Ort Vertrauen M. erringen. Sie hat die russischen Parteien zu Beratungen auf . der Prinzeninsel geladen, aber sich die Ablehnung aller geholt. Ungarn ist in den Kommunismus hineingetaumett. Das sind die Erfolge der Friedenskonferenz.