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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-23 · Heft 64 (23.3.1919) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 64 (23.3.1919)
Date
1919-03-23
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Wen, Sonntag Wiener Morgenzeitrmg 23. März 1919 Nr. 64 Mitlionelle Leitung.: Mita Mittler. Das jüdische Heim. Me Durchdringung aller Aeußerungen, ja selbst aller Äußerlichkeiten eines Volkslebens mit dem einheitlichen Nationalcharakter ist nach dem Siege des nationalen Gedankens eine bei allen Völkern in Erscheinung tretende, ebenso natürliche wie selbstverständliche Tatsache. Alles trägt den Stempel des gemeinsamen, durch die Geschichte überlieferten Charakters der Nation. Nur die Juden, zumindestens ein großer Teil des Judentums, möchte so rasch wie möglich das Charakteristische, das ihm allein Eigenartige verwischen und in beschämender Nachäfferei alles Dolksfremde nachahmen. Es genügt, einen Blick in das jüdische Haus von heute zu werfen, in dem nur das Schablonenhafte, das Stillose des Fabriksgeschmackes zum Ausdruck kommt, um sofort klar zu . sehen, wessen Geist da hause. Aber die teuren, feinen und natürlich modernen Möbel rächen sich; denn die schweren Goldrahmen der Bilder, die glitzernden. Luster und die eichenen Schränke schaffen noch lange nicht jene vornehme, trauliche, liebevolle Atmosphäre, die dem Bewohner von einst nicht eine Wohnung, sondern ein Heimgeboten. . Ich suche oft und taste wie eine Blinde von Zimmer zu Zimmer, um jenen Lichtstrahl zu erhaschen, der die Eigenart, das Innenleben der Hausfrau wiederspiegeln soll. Und — ich erlebe eine sich stets wiederholende Enttäuschung, eine nie gestillte Sehnsucht nach einem echten jüdischen Heim; ich suche und finde immer wieder und wieder nur den Tapezierer einer größeren oder kleineren Möbelhandlung. - Das traurigste dabei, das schmerzvollste ist mir der Gedanke, daß in dieser leeren, nichtssagenden Atmosphäre Kinder geboren und erzogen werden, eine neue Generation des Judentums, unsere Jugend, die ein starker, brcitverzweigter Ast unseres Volksstammes werden soll. - Die Phantasie, den Geist, die Gefühlswelt des Kindes füllt das häusliche Leben ganz und gar aus. Daß das Heim auch für Erwachsene eine Anregung zum geistigen Leben, eine Erholung sein kann und soll, wollte ich nur nebenbei bemerken; die Hauptsache aber sind heute die Kinder. *- Das Kind erlebt zuerst die Umwelt mrd erkennt sich am Ende als einzelnen Körper in eben dieser Umwelt. Ist aber die Umwelt des Kindes jüdisch? Das jüdische Haus von heute ist im besten Falle kosmopolitisch, ein Konglomerat von Ueberall unöNirgends, wenn es nicht ärger ist, wie es einer meiner Freunde präzisierte; „man schließt Fenster und Tür vor dem Judentum und läßt durch kaum sichtbare Oessnungen und Poren fremde Einflüsse einziehen." In wie vielen jüdischen Häusern von heute werden Weihnachten gefeiert? Die Entwicklungsnorm der Dkenschenseele ist immer dieselbe geblieben. In feinen Kinderjahren schuf der Geist das Märchen. Erde Und Himmel wimmelte von wunderbaren Geschehnissen, die Gefühlswelt kann Götter und Zaubermächte nicht entfehren. Dann kommt die Vernunft und entgöttert die Natur. Der Forscherblick, die Analyse zerstören den Prachtbau der Phantasie und mitten im tragischen Zusammenbruch, in der Götterdämmerung erzwingt sich die Wissenschaft Macht und Herrschaft in der Allwelt. — Doch hoch oben, am steilen Bergesgipsel, in der eisigen Luft droht dem Geiste, der nur Tatsachen, nur das Felsenfeste anerkennt —- das Erstarren. Da geschieht ein Wunder — der Geist breitet die Flügel aus, soweit als möglich, und läßt wieder die Phantasie walten. Sie schafft aus jener Tiefe der menschlichen Seele, die des Forschers Blick und Hand nicht ergründen kann — die Poesie. Die Seele des Kindes lebt in so einem Traum der Urzeit, und wenn wir die kleine Seele in die Härte des Alltages einzwängen, muß sie zugrunde gehen wie eine Frühliugsblüte im Schnee. Nur wenn das Gemütsleben im. Kinde stark genug ist, wird es sich die Märchenwelt allein schaffen, erdichten. Unsere jungen jüdischen Mütter richten es sich viel bequemer ein. Anstatt von eigenen vorhandenen Schätzen mit vollen Händen zu schöpfen, geben sie ihren Kindern Märchen von Grimm, Andersen u. a.; man spinnt die Phantasie in eine fremde Welt ein und das Erziehungswerk wird mit Gebräuchen und Sitten anderer Völker vollendet. Sind wir denn wirklich so arm an Geist, Natur und Eigenart, daß wir bei anderen nehmen müssen? Da müßte man jene blasse, schlichte Frau von der Judengasse fragen, wie sie eS zustande brachte, daß ohne Pädagogik, Psychologie, ohne dem ganzen modernen Apparat des Erziehungstvasens ihre Kinder dem Judenutwn erhalten blieben?.,', Sie würde es vielleicht selbst nicht wissen, daß der erste Blick des Kindes von derMenorah, von demHängeleuchter mit glühenden Kerzen an den Festtagen gebannt wurde. Das schönste Möbelstück in ihrer Wohnung war der große Kasten mit Glasscheiben, mit Büchern vollgestopft; wenn die Stube blank geputzt wurde, da erzitterte das kleine Herzchen in Erwartung. Jeder Feiertag, jede gehobene Stimmung im Hause, die den Alltag verdrängte, war in der Kinderwelt ein Erlebnis. Schon an der Wiege sang sie dem Kinde das Klage-, Weh- und Leidlied ihres verbannten, unglücklichen Volkes. Die Sprache zu Hause war kristallisierte Volksseele. Wohl war es die Galuthsprache, doch sie wirkte auf das Gemüt wie ein Trauerkbeid nach einem geliebten Toten. - Sie konnte kaum lesen und schreiben, doch sie gab sich ihrem Kinde ganz, nie vertraten sie in dieser heiligsten Pflicht fremde, bezahlte Hände. Ueber das Menschentum konnte sie kaum zw ei Worte reden, doch der Dienstbote in ihrem Hause war allen Hausgenossen gleichgestellt, als Familienmitglied betrachtet und behandelt. - Der Arme bekam nie von ihr den demütigenden Almosenkreuzer, der zwischen Mensch und Mensch eine unüberbrückbare Kluft reißt, er war in ihrem Hause Gast, der bei Tische saß. Es gab in ihrem Leben kein freudiges Ereignis, das sie mit Armen nicht teilte; es war bei ihr Herzensbedürfnis, als ahnte sie, daß jener Mensch ihr gegenüber auch ein Recht auf das Genießen hat — als wüßte sie, daß der Arme oft nur ein unschuldiges Opfer einer entsetzlichen Gesellschaftsordnung sei. < Das Kind, das im allgemeinen eine scharfe Beobachtungsgabe besitzt, sah im jüdischen Hause so manches Schöne und Gute, das sich tief in die Seele einprägte. Und als es zum Menschen wurde, fehlte ihm vielleicht die richtige Beurteilung der Arbeit, da man zu Hause die Lehre, die Wissenschaft über alles stellte, es wußte wenig oder vielleicht nichts vom Leben und der Herrlichkeit der Natur; doch das Soziale, das Ethische, das allgemein Menschliche galt ihm hoch and heilig. — Es ergab sich zunial, daß die Kinder der Judengasse sich dem Volke entfremdeten, doch nur äußerlich. Es genügt, wenn wir an das Bild von Wilhelm Wachtel „Freitagabend" erinnern. Dort sehen tvir einen modern gekleideten Mann, der auf der dunklen Straße wie festgebannt steht. Es ist das beleuchtete Zimmer, die brennenden Kerzen, die betende Frau, von denen er sich nicht mehr losreißen kann. Wir sehen nicht sein Gesicht, doch die Macht der Reminiszenzen, die in ihm plötzlich wach wurden, kennen wir. Es ist die Poesie, der Frühlingsduft der Kindheit, die wie Jasmine betäuben. Die erste Jugend bleibt im Leben wie der eherne Sockel eines Postaments; er trägt die Statue und wenn diese auch im Laufe der Zeit zugrundegeht, der Sockel bleibt unverwüstlich. In unseren Zeiten gedeiht eine Generation, der dieser eherne Sockel fehlen wird, denn die fesselnde Kraft des jüdischen Heimes vermissen wir schon heute. Die jüdischnationale Mutter von heute muß sich dies vor Augen halten. Sie muß sich darüber Rechenschaft geben und zur Abwehr greifen. Sie muß ja wissen, daß sie als Erzieherin und Jüdin auch doppelte Verpflichtungen dem Judentum gegenüber hat. Durch ihr Kind wird das Ju' entum mächtiger oder ärmer. Es genügt nicht die sorgfältige körperliche Pflege, die Liebe zur Natur, denn die tägliche Sonne, die die Herrlichkeit der Erde bescheint, beleuchtet gleichzeitig auch das verwahrloste Innenleben, die Leere und Stillosigkeit ihres Heims. Man wird sagen, daß wir heute nicht mehr die religiösen Bräuche von einst einhalten können, daß der Pessachabend, Sol-Nidre oder Sümchas-Tora nicht mehr so mächtig wirkn können, da uns die Weihe des Glaubens fehlt. Nicht das fehlt uns; uns fehlt die Liebe zum jüdischen Volk, die Achtung vor den eigenen Werten, vor der Eigenart, die unser Stolz sein sollte. Was uns fehlt, ist die Kunst des Lebens, das Gestalten des Alltags zur harmonischen Einheit mit dem Inhalte der Seele. Wir inüssen nicht nur jüdischnationale Frauen sein, wir müssen jstdischnational leben. Lassen wir in unserem Heim unsere historische Vergangenheit, unsere Dichter und Kühler sprechen. Schassen wir endlich daS echte jüdische Haus, in dem die Kinder täglich den Hauch der nationalen, freiheitlichen Wiedergeburt deS ganzen Volkes einatmen werten. Dann werden unsere Kinder nicht mehr jene zerrissenen Halbexistenzen sein, die sich der Idee, dem Volke nicht ganz restlos geben können, es werden ganze Juden, und somit Menschen im edelsten Sinne des Wortes sein, denn das höchste Ziel unseres Lebens ist, Mensch zu sein. Große Meisterwerke, seien es Bilder, seien es Skulpturen oder Bücher erfüllen die Seele mit Schönheit. Ehrfurcht, Freude und Stolz; aber tiefste Bewunderung, fast heiliger Schauer und reinstes Glück genieße ich, wenn ich einem ganzen Menschen begegne. Nur in jener wahrhaft, von innerer jüdischer Kultur durchtränkten Atmosphäre kann diese Sehnsucht zur Wirklichkeit werden. _ Kuhmerker-Sirkes. Die jüdische Angestellte und Beamtin. Die jüdische Angestellte, ob sie nun Handkungsgehilsin oder Privatbeamtin ist, ist eigentlich eine Erscheinung, die dem Wesen des Judentums fremd ist, denn bei keinem anderen Volke und bei keiner Religion ist die Mutterstellung der Frau so ausgeprägt, wie . bei den Juden. In das Leben der jüdischen Frauen und Mädchen, die als Angestellte irgendeiner Kategorie tätig sind, spielt deshalb mehr als bei anderen ein pshchi»- sches Moment mit hinein, dieses Gefühl ist der Schmerz, um Mutterpflicht, Mutterrecht und Mutterfreuden betrogen zu sein. Die erbarmmrgslose Maschine, die man den modernen Kapitalismus nennt, nimmt den ledigen weiblichen Angestellten das Recht, Mutter zu werden; den Verheirateten raubt er die Möglichkeit, ihre Mutterpflichten der gebvrnen und ungebornen Nachkommenschaft gegenüber zu erfüllen. Davon ,-euqen die vielen kinderlosen Ehen, das späte Zurweltkommen des ersten Kindes, oft erst nach sechs- bis achtjähriger Ehe und die mangelnde Betreuung desselben. Die jüdische Frau! findet sich im Bureau und im Warenhause von ihrem eigentlichen Berus abgedrängt . Die Erkenntnis dieses Umstandes macht die jüdischen Angestellten weiblichen Geschlechtes in einem weitaus größeren Prozentsätze als ihre arischen Kolleginnen organisatiönsfähig und zu eifervollen Mitarbeiterinnen in den Berufsorganisationen. Und doch hat die jüdische Angestellte in den seltensten Fällen erkannt, daß ihr Platz in der jüdischen Organisation ist, denn auch ihre Stellung leidet unter den typischen Merkmalen jener . Krankheit, die Pinsker in seiner Aut», eman-ipation als Judophobie bezeichnet. Die> Furcht, die Abneigung und die unbestimmte Angst vor atwas Fremdem, Unbekanntem, äußert sich in erster Linie darin, daß sie den jüdischen Angestellten die Tüe verschließt und ihnen die Möglichkeit des Erwerbes nimmt. Diese Erscheinung, die den jüdischen Frauen und Mädchen die Möglichkeit auf Stellen in Bureau- und Geschäftsbetrieben, öffentlichen Aemtern nicht in dem Maße gibt, als sie gebraucht wird, ja oft überhaupt nicht möglich macht, hat nun den Typus der bei anderen Völkern kaum gekannten Agentin, Vertreterinnen für Versicherungen und Geschäfte, namentlich während des Krieges, geschaffen. Ist schon die Bureautätigkeit dem Wefeu der Frau fremd, doppelt fremd ist ihm die hastende Arbeit des Agententums. Dabei leiden die weiblichen Angestellten, die von Haus aus ein lobndrü'kendes Element darstellen unter dem Lohndruck, der von seiten ihrer nach den: Westen ununterbrochen Zuströmen e i .estern geübt wird. Und so muß leider festgestellt werden, daß bie, jüdischen Angestellten weiblichen Geschlechtes durchschnittlich weit unter das Einkommen ihrer arischen Kolleginnen gestellt sind, trotzdem sie ihnen an geschäfi> sicher Begabung sicher nicht nachstehen. Dazu kommen noch die Anforderungen, die an die jüdische Angestellte seitens der Familie gestellt werden. Sie ist sehr oft Familienerhalterin. Der Wunsch nach Mutterschaft macht sie zur Erzieherin und Versorgerin ihrer Geschwister^ denen sie ein schönere) Leben erkämpfen will. j Das jüdische Weib hat ein erschreckliches Mankos an Judentum. Dieses muß ihr anerzogen werden. Dies kann aber nur geschehen, wenn sie sich in die Reihe« der jüdischen Berufsorganisation einstellt, die nicht allein ihre wirtschaftlichen Interessen vertritt, sonder« auch in ihr Innenleben fördernd eingreift. Dadurch allein kann die im Erwerbsleben tätige, jüdische Frau frei zur Arbeit für sich selbst und zur Arbeit für dass Jildentum gewonnen werden. Der arbeitenden Frau müssen aber auch die Laste« der Famisiensvrgen erleichtert werden. Und hier liegt die große Aufgabe des Jüdischen Frauenbundes. Mutterschutz und Säuglings fürsorge, Kinderpflege, und Kindererziehung fiub eine seiner wichtigsten Aufgaben. Aber noch eine große Arbeit hat er zu erfüllen,, und Pas Ist die der Berufsumschichtung der. j ü bischen Ange st eilten weiblichen G eschlechtes. Sie sind dem Kaufmanns- und Geschäftsbetriebe zu entziehen und in jene Zweige des Hand- Werkes und der Wirtschaft hinüberzulei:ett, die sie in ein unabhängiges, selbständiges Erwerbsleben führen und ihr den Weg zu ihrem eigentlichen Berufe, den der Mutter, freimachen.

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