Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 46 (5.3.1919)
- Date
- 1919-03-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Konferenz sei geneigt, einstimmig zu beschließen, daß im Sinne der zionistischen Förderungen ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina Errichtet werde, welches unter den Schutz des Volker- Hundes gestelltwird, als dessen Mandatar Großbritannien zu fungieren hat. Durch diese Aeußerung Tmdieus, der als Oberkommiffär für die französischamerikanischerr AngelegenheiLcn Hub als Vorsitzender -Her' Kommission für territoriale Fragen schon früher lMit dem zionistischen Problem vertraut war und seine! Sympathie für den Zionisrnus wiederholt manifestiert Hat, ist -zweifellos die Stimmung der Friedenskonstrenz richtig dargestellt worden. Von zionistischer iSeite^wukde bereits früher offiziell bekanntgegeben, Nb die zionistischen Führer von der Behandlung ihrer Angelegenheit 'außerordentlich befriedigt waren. Die Friedenskonferenz wird durch Annahme der zionistischen Forderungen dokumentieren, daß sieden verkündeten Prin- Hien der Achtung des Rechtes der kleinen Völker tteu Werbt und auch das Selbftbestbnmungsrecht des jüdischen Volkes anerkennt. Das jüdische Volk hat in Wner übetwalttgenden Mehrheit unzweideutig dem Wünsche Ausdruck gegeben, daß feine alte Heimat HHchtina, das Land seiner Geburt, seiner Volkswerdung und feiner Größe, das Land, welches es nie «yrsgehört hnt, als . Zentrum seiner Seele zu betrachten, M- IMMtz.WM-cWiqhe leg'MLre' Liebe von Gene» Wmerk'' WnW^W' 1fe& rMdttlgeßebm werden soll. Das Volk, das dmch zwei HrhrtauseNde Non Hölle zu Hölle gewandert ist, gehetzt, bestzdelt und unverstanden, rvill heimkchren und M der eigenen Scholle wiederfinden, was anderen Völkern als selbstverständliche Voraussetzung ihres gegeben ist: die Ruhe des Werdens, die Frei-; der eigenen - Entfaltung. : In dieser Stunde, wo unser Herz übervoll ist, .Mtes uns. schwer, das zionistische Problem mit den rmchternen Augen des Polüikers zu betrachten. Und Hoch dürfen wir uns keiner Täuschung darüber hin- Mben, Haß wir die Erfüllung unserer zweitausend- Wngen Sehnsucht' einer ungewöhnlich günstigen weltpolitischen Konstellation zu danken habeir. Vor wenigen Jahren noch mutzte es als ein Ziel der zionistischen Holitik' erscheinen, die Türkei zur Abschaffung der M Juden geltenden Einwanderungsbeschränkungen zu bewegen, Der Zusammenbruch der türkischen »Herrschaft in Vorderasien hat ganz neue Perspektiven eröffnet. Während die Türkei und die mit ihr. verbündeten Zentralmächte den Zionismus stets geringschätzig als quantite negligeahle behandelt hatten, «kannte England sofort die große Bedeutung dieser Bewegung, welche nicht vermöge militärischer oder Anderer äußerer Machtmittel, sondern durch ihre ideelle Schwungkraft ein politischer Faktor geworden war. Röch im Jahre 1916 hat England in dieser Beziehung nicht klär gesehen. Damals wurde mit Frankreich ein Geheinwertrag über die Teilung der Interessensphären Ä Borderasien abgeschlossen und in dieses Geheimvertrag wurde Frankreich das Protektorat über Syrien 'einschließlich Nordpalästina zugesprochen, während England das Protektorat über Arabien einschließlich Südpalästina erhalten -sollte. Der intensiven Aus- KlLtungsarbeit der zionistischen Leitung in London ist es gelungen, die englischen Staatsmänner zu der EinsiAt zu bringen, daß Palästina ein selbständiges, .unteilbares Territoriüm ist und daß nur eine jüdische Besiedlung das Land wieder zur Blüte bringen kann. Während in England, Amerika und auch im Orient scharenweise jüdische Freiwillige zu den Fahnen eilten, um iit einer als Bestandteil der Kritischen Armee anerkannten jüdischen Freiwilligenlegion mit ihrem Blute das jüdische Land dem jüdischen Volk zurückzueriverben, wurde seitens der englischen Regierung in dem historischen Schreiben Balfours vom 2. November 1917 in offizieller Form die Zusicherung gegeben, daß in Palästina eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk errichtet werden soll. Dieser Erklärung sind später auch die arideren Entente- Mächte beigetreten, in besonders herzlicher Form Annahme der zionistischen Fmdernngen. Eine Aeußerung Andre Tardieus. Zürich, 4. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Aus Paris wird gemeldet: Andre Tardieu erklärte den Vertretern der Presse, daß die am Donnerstag der Friedenskonferenz von der zionistischen De Xe gation vorgelegten Forderungen nach Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina keinen Schwier igkeitcn bc« gegnen. Die Konferenz sei einstimmig geneigt, das Protektorat über das jüdische Palästina dem Völkerbund zu übertragen, als dessen Mandatar England die Sachwalterschaft führen soll. •_ Aufruhr in Berlin. Plünderung von WLffenMden und GoLdgeschästen. — SLratzerrkiimpfe in Lichtenberg und am Mexanderplatz. Berlin, 4. März. Aeber die nächtlichen Ausschreitungen des Pöbels wird gemeldet: Zn der Munzstraße wurde ein Waffenladen geplündert. Besonders batte es der Pöbel auf die G o l d w a r enge s ch äste in der Münz-, Alexander-, Schönhauser- und Brunnenstraße abgesehen, wo große Mengen Schmucksacheu geraubt wurden. Die plündernden Gruppen bestanden meist aus mehreren hundert Personen und würden Hn Leuten in Soldaten- und Matroserruniformen geführt. Das Polizeipräsidium sollte wiederholt besetzt werden, so um zwei, um vier und zul^t um 5 Ähr früh. Polizei- und Militärverstarkungen vereitelten jedoch diese Versuche. Zvsehr schw eren AuOs^hEeitMnWn^ kam es im Vororts L ich t e « b e r g. Gegen 12 Ahr nachts wurde das Polizeirevier 1 in der Müggelstraße von der tobenden Menge gestürmt, doch hielten die anwesenden Beamten stand. Bei dem sich entwickelnden Feuerg es echt wurden drei Wachtmeister getötet und einer verletzt; von den Angreifern sollen 7 bis 8 getötet, beziehungsweise schwer verletzt worden sein. Auf dem Alexanderplatz war es bereits gestern nachmittags zu sehr starken Ansammlungen gekommen. Vom Denkmal der Berolina aus wurden zahlreiche Rsden gehalten. Sicherheitsmänner "suchten die Menge zu zerstreuen. Es^wurde geschossen, hat Präsident Wilson in einem Brief all den amerikanischen Zionistenführer Stephen Wise seine Zusttmmung erklärt. Eine Komplikation ergab sich erst, als nach der Eroberung Galiläas und dem Zusammenbruch der Türkei Frankreich seine alten Forderungen auf Grub des Geheimvertrages anmeldete. Frankreich stützte sich dabei aus die Wünsche der christlichen Syrier, welche Palästina als Bestandteil Syriens angesehen wissen wollen und deren Wortführer Shukri Ganem ist. Von dieser Seite wurde sogar das Schauspiel eines syrischen Kongresses in Marseille inszeniert, welcher' die Vormundschaft Frankreichs für Syrien wünschte. Clemenceau hat in einem Brief bereits im Dezember anerkannt, daß die alten Geheimverträge nur vrovisorischer Natur waren und keine bindende Kraft haben. Die Friedenskonferenz müsse das Problem in seinem vollen Umfang behandeln. Mit dieser Auffassung trat Clemenceau in Gegensatz zu der Politik des Auswärtigen Amtes am Quai d'Orsay; Herr Pichon sprach auch weiterhin in der Kammer von den „hundertjährigen Rechten" Frankreichs in Syrien, im Libanon, in Cilicien und Palästina. Unter Berufung auf den Geheimvertrag wurde auch in Nordgaliläa eine - französische Verwaltung eingesetzt. Es entstand eine offenkundige Verstimmung zwischen Frankreich und England, wobei Amercka auf der. Seite Englands stand und auch Italien zweifellos dem englischen Standpunkt näher stand. Dadurch entstand auch in zionistischen Kreisen eine gewisse Beunruhigung.. Im Verlauf der mit der arabischen und syrischen Delegatton gepflogenen Verhandlungen wurde jedoch von der Friedenskonferenz der wichtige Beschluß gefaßt, daß Palästina als ein selbständiges Territorium, wobei ein Soldat getöLet und mehvere Zivilisten verletzt werden. Das Eckhaus Neue Königsstraße 48 ist durch die Schießerei stark beschädigt. Zn einige Geschäfte drangen Personen ein und plünderten dort. Die Ansammlungen hielten bis in die späten Nachtstunden an. Truppen schießen auf die Menge. Tote und Verwundete. B e r L i«, 4. März. Zwischen 12 und 1 Ahr mittags haben Negierungstruppen den Ale» xanderplatz, der von großen Menschpnmassen besetzt war, obgleich Ansammlungen und Zusammenrottungen verboten find, geräumt. Da die Massen zum Teil hartnäckig ihren Platz behaupteten und allem Zureden nicht zugänglich waren, mußten die Truppen von der Wasse Gebrauch macheu. Ejuige Persone» flud getötet, beziehungsweife v er:l etzL w o r d e m Zh kW l u n d di e N a me u d er G e t ö t e t e n s in d n o ch n i ch t b e k a n u t. Paris als Ort der jüdischen AationalräLe-Konferenz. Zürich, 4. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Wie Zhr Korrespondent erfährt, wird die Konferenz der jüdischen Nationalräte, die ursprünglich in die Schweiz einberufen war, voraussichtlich in Paris zusammentreken. Die Konferenz wird dem Friedenskongreß die Forderungen nach nationalen Nechten für die Juden Osteuropas unterbreiten. keineswegs als Teil Arabiens oder Syriens anzusehen ist. England erklärte, daß es # keine territorialen Forderungen zu stellen beabsichtige, die miH den Prinzipien des Völkerbundes unvereinbar wären.^Der Völkerbund solle auch über die Zukunft' Mesopotamiens und Palästinas entscheiden. Inzwischen wurde seitens der zionistischen Organisation, welche durch die Zustimmung der /organisierten Judenheit der ganzen Wett zur Vertretung des jiidischen Volkes legitimiert wurde, die Forderung. erhoben, daß das jüdische Gemeinwesen in-Palästina unter Sachwalterschaft Englands als Mandatars des Völkerbundes gestellt werde. Hierbei wurde.gHsordertz'.' daß Palästina innerhalb seiner Wtorischen Grenzen, unter solche ökonomische und administrative Bedingungen gestellt werde, daß seine Entwicklung zu. einem jüdischen Gemeinwesen gesichert, ist. Das Wische Volk mußte insbesondere gegen den Plan einer. Teilung des Landes mtt Entschiedenheit Stellung nehmen. In diesem Sinne haben auch die zionistischen Delegierten am 27. Februar chre Forderungen vorgelegt. Wenn diese Forderungen, wie aus der Mitteilung Tardieus hervorzugehen scheint, angenommen werden, dann ist auch der englisch-französische Konflikt gelöst. Von großer Wichtigkeit ist auch, daß nicht'nur die in Paris versammellen herrschenden Männer die Ansprüche des jüdischen Volkes, aneckeinren, sonderrr daß auch die sozialisttsche Konferenz in BÄt die Resolution der Poale-Zion, in welcher die Fordemngen der jüdischen Demokratie formuliert waren, mit großer Sympathie ausgenommen hat. Angesichts der heutigen weltpolitischen Konstellation, die jeden Tag allemhalben neue Männer ans Ruder bringen kann, ist es für uns von Bedeutung, daß auch die demokratische