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Wiener Morgenzeitung · 1919-02-13 · Heft 26 (13.2.1919) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 26 (13.2.1919)
Date
1919-02-13
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 28 Wien» Könnerstag Wiener MorgenzeiLnng -1 n--r-tr. i., r ~ ~ ~ -- -n . 13. Februsr 1919 6fHt 11^ Res«Ws«ette Ceitung: WWs Mittler. An rrrrfers jrmgen Mädchen. Junge Mädchen, ihr sollt in einigen Tagen vor die Wahlurne treten! Man hat euch in doppelter ttn* Mündigkeit gehalten. Einmal eures Geschlechtes und zweitens eurer Jugend wegen. Das neue Wahlrecht 'erkennt eure Reise an: zu tief haben junge Menschen, haben SZ^ die Frauen bewiesen, daß sie reif sind zur Mitarbeit am Werden und Leben der Völker. JMfche Mädchen» auch auf . euch rechnet Krer Volk in den Stunden der entscheidenden Wahl. Und . euer Volk glaubt, gerade eurer Hiebs und eurer Treue sicher sein zu können. Der jüdischnatwnale Gedanke ist der Leitsatz der jüdischen Jugend. Während viele» allzuviel« der Alten, die im Kampfe und in der stillschweigend ertragenen Not vieler Jahrzehnte kleinmütig und schwach geworden sind, hie neue Bewegung fürchten, versteht die Jugend ihre Gxötze und. ihre Heilkraft,- die sich, an . dem kranken BolkSkörper bewähren wirb. Dis Alten fürchten, ein Vaterland zu verlieren. Aber dis Jungen wissen, daß nur im DottSgehanken, in der starken Volkseinheit ihre Kraft liegt. 'Gis' jüdische Jugend ist es, die . diesen Gedanken vM.erfaßte, und ihm mit Begeisterung dient. Sie will sich nicht länger mit einem anonymen» rleinmuti- * gen»' verborgenen Judentum begnügen. Sie hat sich . in die. eigenen großen.. Ueberliöferungen ihres Volkes yy'rftukL und weiß>ftch berufen, brsjüdischs Nationalleben neu-zu schnfsen. Ältes Neue hat zuerst in der Jugend stärke, - jubelnde Bekennergehabt. Ideals fttcb keine blutlosen Schemen, firr sind mächtige Wirt-- Lichksiten ' üttdM':rW. ..sich' bitter, wenn man sie vor den kleinen Wirklichkeiten der Alltags/ leugnen wollte. Auch das Ideal dep Volkseinheit ist eine solche'Wirk- ' lichkoit, die sich durch.nichts leugnen läßt. Dem jüdischen VolkSgedauksn find .in diesen Tagen neus Blutzeugen tzrstandsn. Die Herzen unserer Jugend, vor allen: unserer jüdischen Mädchen, fühlen mit ihnen und. die glühende, mitleidsvolle Liebe läßt sie im Gefühl ' M Vvkrsbewüßtfeins erstarken/ ' 'Das Märchen von der treu behüteten, in den ''-Müuern des Vaterhauses wie von einem stillen Tempsl : erttgäschlossenen, jüdischen Mädchen, ist längst ausge- '^träumt. Auch unsere Mädchen stehen in der Welt, -'^'styhen im Kampfe. Ob sie sich hexn Studium Hingaben, -das ihnen neue Wahrheiten enthüllt und siefürsinen LebettsLsruf vorbereitet, ob sie. in treuer Pflichterfüllung hinter Kontobüchern und Schreibmaschinen, sitzen, ' H6 sfe‘ daheim wirken und die Leiden.-ihrer Mütter, Väter, Brüder, zitternd miterleben, dabei für die eigens Zukunft bangend, sie alle kennen heute das Leben und sie wlfsM, was'dieses Leben für uns Juden bedeutet. Viele, dis meisten von ihnen, haben sich die Wege zeigen lassen» die aus der Not unserer . Tage führt und sie lmbsn sie'alS die richtigen erkannt und bewußt eingsschla^n. Sie wissen, daß das jüdische Volk sich aus der Unterdrückung empvrarbsiten kann und ivird. Wir wollen dis Pein unseres heutigen Geduldetseins, daS täglich neue Unduldsamkeiten mit sich bringt, abschütteln und aus der Unterdrückung zu freien, stolzen Menschen werden. Nicht aber wollen wir andere unter» drücken. Der Grundsatz unftreS GtrdüenS ist Gereichtigksit und Liebs. Die jüdische Jugend wird ihre Pflicht ihrem Volke gvgLNüber tun. Sie weiß, daß sie damit an ihrer eigenen Zukunft baut, die nicht mehr die zage S^bftbeschcidirng ihrer Väter sein wird,, sondern ein stolzes, starkes Bekennen ihres Judentums. Jüdische Jagend, deine eigene Zukunft ruft dich an als dein Huf h'eineS VolwS. Mädchen, werbet und vertretet den jübischnatisnalsn Gedanken. Lebet in ihm >und werbet für ihn. Tretet ein für ihn in der wichtige« B/tunbe der Entscheidung, welche/M Wahlen bringen:'' Wähler die Vertreter der jüdischnaiionalen^ Partei. Mem'PrograMM. f ' Von Ern« Pstäk. Wir stWn am Borabetzd/ der Konstituanü. Sie ist . berufsn, den Grundstein des neuen LOsns desfreien Deutschösterreich. und seiner Völker/ zu . legen. Don ,den Stützen, auf densn die frühere Ordnung , ruhte, ist nichts^ geblieb«n sie sollen durch hie MlkSherrschaft «rsstzt^ werden. An Stelle des Bestrebens - einer herrschenden Nation die andere zn assimilieren und zu unwrbrücksn, soll nunmehr''l)as frei«Zusammenleben der s i ch s«l b ft bestimm e n d e n; N a t i onen treten. / Ungemein verwickelt und groß sind dis Aufgaben, die /der AonfÜtüante harren,s wenn sie jene Prinzipien ins Leben ujnsetzeN tvill. -E.itt.-/bvr schwieri4sten ist die glückliche Lösung des nationalen Problems. ' Das österreichische. Judentum Iat-^däs größte Jntsresse an der Schaffung' gesunder demokrati scher Lebensgnmdlagsn für das ganze Land und insbesondere an der zweckmäßigen . Lösung der nationalen . Frage und will zu dieser Mutig sein . Teil beitragen... Jetzt aber gilt SS in erster Linie, di« Anlage der Fundaments für dis Vertretung des freien Judentums in allen gesetzgebenden Körperschaften zu legen, und.darum wurde' bsschlcssrnf eigens Wischnationüle Kandidaten aufzÜstMN. ' :,v/ - - :/,.. . Pis jetzt war die Fräu von jederDeilnahme am organisierten,/ öffentlichen Leben auSg^schlafsem nun aber wurde ihr d-as Recht der politischen Betätigung zugsbilligt und wir hoffen, daß auch unsere jüdischen Frauen ihre Pflicht erfüllen und von diesem Rechts Gebrauch machen werden. In erster Reil)« ist einzuttne« für die Pflege der nationaler: Art und Kultur; weiters muß eine jüdische DolkSvertreterin für die Hebung der Volksbild u n g im atlgrmstncn und im jüdischen Sinne Sorge träger"., daraus wird-sich eine Aenderung bM jüdischen U n L e r r i ch t s w e s e n S ergeben, was - so-. wohl vom pädagogischen als auch vom jüdischen Standpüni/r cinc NotivLndigkeit ist. Die Gründung von ganz ucuen Schultypen wird notwendig sein besonderst Schüler: im Freien, außerhalb der Stadt (Schulsiedlungsn), das Schulroesen wirb die Volks- und Mittelschulen, Arbeitsschulen vornehmlich für Mädchen, HauSunb LandwLrtschafts- und Handwerkerschulen, LehrersLkritnare. ferner Anstalten zur Heranbildung von Kräften für soziale Hits« (Fürsorgerinnen, Pflegerinnen,. Hortleiterinnen usw.) cinschließrn. Eine eminent wichtige Aufgabe ist ferner die Wiederherstellung und' Festigung der physischen und' moralischen B o l k s g e s u n b f) e i t; dazu gehört BekAmpsung .der Säuglingssterblichkeit.. Beseitigung dSst Kostkinderelcuds, Schaffung von Kinderheimen, Errichtung von Heilstätten für unser? Tuberkulosen, deren Zahl im Kriege so furchtbar zngenommen hat, Ausgestattnng beö Mutterschutzes durch Schaffung von Mütter- und /Wöchnerinuenheimen, Organisation einer großzügigen und. weitreichenden Fürsorge für die Opfer. beS) Krieges, die. Invalider^ Kriegerwikwen und -Waisen, Erschließung von ErwerbZrnöglichkeiten für Frauen, ins-/ besondere Mittelstandsfraueu, durch Arbeitsschulen und' Arb-ei/2vccmittlung. . >^/ . ' t Alle diese Einrichtüügech sollen Und dürfen aLE . kr! nt W.o h l t L t i,g ke i L sein. Die ganze soziale Fürsorge müßte auf eine neue-Grundlage gestellt werden, die nicht Almosen Verteilt, sondern,' was mir alst Ideal erscheint:' über aller Fürsorge Bedürftigen Fegen-..' über müß^ der Grundsatz stehen: Keine Philäntropie, sondern Recht. Recht jedes Staatsbürgers auf sein Existeuzminimum und auf/Ttaatöhilse in unverdienter Not, Recht des 'Arbeitsfähigen auf Arbeit und Erwerb! Bis zur Realisierung diests JdMs ist im Gegensätze zur bisherigen Zersplitterung eine einheitliche Organisierung aller Mischen 5?räste absolut n-oLwendig.s Zusammensafsend und schließend betrachte ich es als/ unbedingt erforderlich, daß alle Hindernisse von 'tut*, serem. Wege als Juden und freie Bürger beseitigt und! Garantien geschaffen werden, die eine ungehinderte,: gsfunde Entwicklung unseres in Deutschösterreich-H! bettden Teiles eines 14 MillronenrÄoUrs ermögliche«.; i Ich bin überzeugt, daß in allen nuferen For-1 derungen und Dürsätzen/ nichts ist/ was uns t« der Ausübung unserer staatSbürgerlichrn.Pfl'ichtrn und Rechtzr hindern könnteund worauf wir. nicht moralischen Anspruch hätten. Wir Juden waren überall und immer gute Staatsbürger und haben vielleicht in diesem Kriege am meisten gelitten. Tausende unserer' Brüder.erlttLen auf allen Schlachtfeldern den Heldentod, hunderte, und hundTrte waren Märtyrer in dieser harten entsetzlichen Zeit. Wir haben unsere Pflicht in DeutschösterreiH' erfüllt und wollen nun 'endlich unser Recht in Wirk?, lichkrit und nicht nur auf dem Papier. I Jf rauen, zelgetLure poUtiedbelReif e! Keine teble bei berMablt mwiiwwiaMBM Allgemeines PrsLestversammlungen deutscher Frauen gegen dir Pvgrsms. Der Bund der deutschen Frauenvereine hat dieser Tage in zahlreichen deutschen Städten Protest.- Versammlungen gegen die Pogroms in Galizien veranstaltet. Als die berufenen Hüterinnen alles Lebens haben diese Frauen sich gedrängt gefühlt, ihrem Abscheu i Vvr den blutigen Greueln, die an friedlichen, unschuldigen Bürgern, Frauen und Kindern verübt werden, Ausdruck zu.geben. Gleichzeitig ließ die Zentralleitung des Bundes an die einzelnen Ortsgruppen ein Rundschreiben ergehen, in welchem sie betvnt, daß es Pflicht . der deutschen Frauen sei, ihren jüdischen Schwestern, dür Schulürr an Schulter mit ihnen gearbeitet, heute ■ doppelt ihre Liebe und Wertschätzung zu beweis«:, um sie über das Leid, d-S ihnen durch die Verfolgungen ilfrer Volksgenossen Ungetan wurde, hinwegzutrösten. Zur selben Zeit, als in Deutschland diese Protestversammlungen stattfanden, wurde in Wien die Versammlung desVundesösierreichischerFrauenvereine abgehalten, deren Teilnehmerinnen eS nicht für notwendig fanden, zu den Pogroms Stellung zu - nehmen. Dagegen betonte die Vorsitzende, Frau Herta v. Sprung, die Notwendigkeit, daß di« Frauenvereins sich gegen das Eindringen der „volksfremden" Elemente unter den Frauen zur Wehr setzen. Es ist ein trauriges Zeichen, daß die Frauen, von denen man stets vorausgesetzt hat, daß sie es verstehen werden, sich vom Chau-! vinismus und vom engherzigen Harteienstandpunkte freizumachen, de» kleinlichen Standpunkt der Männer einnehmen und ohne Sachlichkeit, anstatt die Mitarbeit von tausenden aufopfernden jüdischen Frauen dankbar gerecht zu werden und zu würdigen, eine chauvinistisch? Hetze beginnen. Die jüdischen Frauenvsreine, welche dem Bunds angefchlofssn waren, haben'auch «u§ diesem Borgehen ihre Konsequenzen gezogen und sind aus dem Bund« ausgetreten. ES ist aufs wärmste zu begrüßen, daß die jüdischen Frauen, welche in jahrzehntelanger Arbeit vorbildlich auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge gearbeitet haben, besonders während der KriegSzert zahlreichen Armen ohne Unterschied der Konfession geholfen haben ihre gerechte Empörung durch ihren Austritt bekundet haben. ES ist eine erfreuliche Tatsache, daß die jüdischen Frauen ihre Würde und Ihr Selbstbewußtsein auch den nichtjüdischen Frauen gegenüber zeigen. Im Jniere/se der allgemeinen Frauen, bervegung wollen wir aber hoffen, daß solche Vorfälle,! die tteftraurig und beschLmend für die ganze Welt sind, 1 in Zukunft vermieden werden. Gründung Landwirtschaftlicher Schulen für Frauen. Im Deutsche;: Reiche, wo die Erziehung der Jugend' zn Landwirtschaft und Ackrrban schon' seit langem altz Erziehungsmittel sowie als Mittel zur Bekämpfung der Landflucht gerne geübt wird, ist in letzter Zeit die Gründung neuer landwirtschaftlier Schulen für Frauen in Angriff g-riwmmen worden. Gelehrt wird Feld- , und Geii'.üsebäu, Obstbau, Geflügel-- und Viehzucht, Molkerei, Bienenzüchterei, Blumenlultur, daneben Hauswirtschaft mit besonderer Berücksichtigung d«r Führung ländlicher Haushaltungen und Wirtschaften größten und kleinen Stiles. ES wäre zu wünschen, daß auch in Deutschösterreich, und zwar speziell für jüdische Frauen/ landwirtschaftliche Schulen errichtet würden. ES würden damit de« jüdischen Frauen njj£> Mädchen, die sich sämtlich zu geistigen oder kaufmännischen Berufen drängen und durch diese Ueberfüllung die Erwerbsverhaltni.se in denselben sehr verschlechtern, neue, gesunde und befriedigende Berufe eröffnet, die sie für das Land- und Dorflpben vorbereitcn. Besonderes Augenmerk wäre aber auf eins Echulung der jüdischen Krauen für die Paläst inaarbeit zu richten.,Eine solche KöloniaLschule wird im Frühja,r dieses Ja/res von Frau Erna Patak eröffnet werden, die sicherlich das Bedürfnis nach wKÜ^sn ähnlichen 'Anstalten erweisen wird.

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