Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1904)
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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99 .rufen, {bringen wir den Manen des unvergeßlichen Mannes den würdigsten Dank dar. In eine geistig bewegte Zeit fällt Geisenheimers Jugend; das höchste was der llltensch sich denkt, zeigt sich in ihr, um ein Göthesches Wort zu gebrauchen, „nah ynd erreichbar." Die Ideevon dem „Recht das allen gemein ist," beginnt ihren Siegeszug durch alle Lande; für Aufklärung und Humanität, für Würdigung des Menschen ohne Rücksicht auf Herkunft und Glauben treten erleuchtete Dichter und Denker in den Plan. Der große Lessing, in Gedanken und Worten vergleichbar den gewaltigen Propheten, verkündet das höchste Ideal, nach dem die Menschheit zu streben hat, die allgemeine Menschenliebe, die gegenseitige Ächtung und Duldung, und mccht in seinem „Nathan" einen Angehörigen des verachteten Judentums zum Träger dieses Ideals; ein Jude, Moses Mendelssohn, unternimmt die wissenschaftliche Begründung dieser neuen Welt-und Lebensanschauung und wird dann, als auch er — wie der erste Mose — „groß geworden," der Führer seiner Glaubensgenossen; er erschließt ihnen eine neue Kulturwelt, er zeigt ihnen in seiner eigenen Persönlichkeit, wie die Anhänglichkeit an der Väter Glauben sich mit moderner Bildung harmonisch verschmelzen lasse, er zeigt allen Andersgläubigen, wie der verspottete und mißhandelte Stamm, wenn man ihn nur teilnehmen lasse an den Segnungen der Kultur, zum Segen der Menschheit werden könne, wie zu jenen Zeiten, als er ihr die Erkenntnis Gottes brachte. Ein warmer, voller Strom edelster Menschenliebe dringt in alle Seelen und befruchtet alle Gebiete menschlichen Schaffens und Ringens; zu besonderer Wertung gelangt er auf dem Gebiet der Jugenderziehung, die philan-' thropinistische Bewegung wird durch ihn angefacht, die die Menschen im einzelnen und die Menschheit im ganze» durch naturgemäße Erziehung zur Glückseligkeit führen will. Allgemeine und allgemein menschliche Erziehung, Berücksichtigung des für daS Leben Nützlichen bei der Erziehung, eine möglichst angenehme „lusterregende" Methode — diese Grundsätze des Philanthropinismus finden in den gebildeten Kreisen warme Aufnahme, in den Judengassen der deutschen Städte begeisterte Zustimmung; der jüdischen Jugend, die bisher inmitten starrer Anschauungen in einer lediglich den Verstand berücksichtigende» Erziehungsweise ausgewachsen ist, erscheint die neue Erziehungsmethode mit dem Prinzip der Humanität, ans dem sie sich ausbaut, mit der Würdigung der Phantasie und des Gefühls, die ihr eigen ist» als göttliche Offenbarung, der sie andachtsvoll lauscht, und die sie mit voller Inbrunst , in sich anfnimmt. Freilich, wie der Philanthropinismus nur den besseren Ständen zu gute kam, so übt er auch in der Judengasse seine Wirkung nur auf die wohlhabenderen Kreise, d!e durch Privatlehrer moderne Bildung erwerben können; die große Masse bleibt von der neuen geistigen Strömung unberührt mid verharrt nach wie vor in der strengen Abgeschlossenheit, in der sie seit der unsagbar traurigen Zeit, die für die Juden nach den Kreuzzügen beginnt, lebt. Ihre Führer betrachten jede andere Beschäftigung als die mit dein Talinud und dein nachtalmudischen Schrifttum als Abfall