Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1890)
- Date
- 1890-07-01
- Page
- Seite 163 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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163 — jahre und Herr Isaak Jaffe, der Gründer des „Paulinenstiftes" eines Erziehungshauses für jüdische Waisenkinder. — Die israelitische Religionsgemeinde in Dresden begieng am 27. April die Feier des fünfzigjährigen Bestehens der dortigen Synagoge. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. I. Winter. — In Göthen und Antonienhüttr wurde der Bau neuer Synagogen beschlossen. — Am 9. Mai wurde ini Preußischen Herrenhause folgender Antrag des Herrn Grafen Pfeil eingebracht und mit Majorität angenommen. „Auf Grund der vom Herrn Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten konstatirten Thatsache, daß bei preußischen öffentlichen höheren Lehranstalten wegen der Ueberzahl jüdischer Schüler an den jüdische» Sabbaten und Festtagen der Unterrichtsplan hat verändert werden »liissen, die königl. Staatsregierung um Erwägung von Maßregeln zur Beseitigung der hieraus erwachsenden Uebelstände zu ersuchen." In entschiedener Weise hat Herr Kultusminister v. Goßler hervorgehoben, daß die Ausführungen des Herrn Grafen Pfeil „überspannt" seien und daß der Autrag thatsächlich unausführbar sei, daß vielmehr dem geineinsanien Ziele der Entwicklung des Vaterlandes gegenüber Alle ohne Unterschied der Konfession sich willig die Hand reichen müßten. — Herr Liebermann v. Sonnenberg hat an, 20. Mai im Reichstage bei Gelegenheit der „Sonntagsruhe" natürlich die Juden herangezogen. Originell bleibt seine Ausführung, daß die Briefträger durch die Sabbatruhe der Juden Sonntags mehr belastet seien. - Ein Herr Graf Pfeil hat sich niit Fräulein Gertrud Leo aus Kerlin, einer Urenkelin Saloinon Hemes, verlobt.— Herr Staatsminister Finger sagte in der Sitzung der zweiten Kammer in Darmstadt mit Bezug auf den Antiseniitismus: Auch hochgestellte Persönlichkeiten hätten sich der Bewegung augeschlossen, aber nian werde sich täuschen, wenn man glaube dem Konservatismus und der Religion damit zu nützen, den alleinigen Vorteil ernte die Sozialdeniokratie von ihr. — In Weinheim nmßte der antisemitische Agitator Herr vr. Hentschel, ein Russe von Geburt, den Ort unter Schimpf und ohne Erfolg verlassen, da die Bürger ihn nicht zu Worte kommen ließen. — Herr I. Pestalozzi, ein evangelischer Geistlicher, schreibt in der „Wächterstimme für die Gemeinde des wahren Christentums" gegen den Antisemitismus und seinen Kollegen Herrn Hofprediger Stöcker. Es heißt dort unter Anderem: Dem Bolle Israel wurde einst geboten und zu wiederholten Malen eiligeschärft: „Ein Gesetz soll dir und dem Fremdling sein, der bei dir wohnt," und nun kommt derselbe Mann, der in seiner Rede vom 15. März über „das soziale Königtum und die kaiserlichen Erlasse" behauptete, „wenn der Geist Gottes in der Gesetzgebung fehle, so gerate ein Volk ins Verderben," und verlangt iw Namen des Christentums besondere Gesetze, durch welche die Rechte der Inden nach allen Seiten beschränkt werden! Das ihn mit so großer Begeisterung nnd Hingebung unterstützende „Volk" wird nicht müde, seinen Lesern die Juden von der häßlichsten und verächtlichsten Seite zu zeigen und diese anzufeuern zur Mitarbeit an der Imitation, an der Hetzerei. Geradezu eine Schmach ist es für nnsere evangelische Christenheit, daß unter Berufung auf das Christentum in einer Weise Judenhetze getrieben wird, wie es tagtäglich von Seiten des „Volk" geschieht.-— Wie will denn wohl Stöcker beweisen, daß auch da Gottes Geist in der Gesetzgebung vorhanden sei, wo sie für den Fremdling (wenn man den Juden als solchen betrachten will) ein anderes Gesetz aufstellt, als für den Einheimischen!?- Mit vollem Ernste weise ich von Neuem das deutsche Volk, sowie seine geistlichen und weltlichen Führer hin auf das Treiben gewisser Kreise, die sich kühn als die Vorkämpfer des Christentums hinstellen, ob ihnen auch immer und immer