Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1886)
- Date
- 1886-12-01
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 266 — „Israel ist nicht verwittwet und Juda, von seinem Gotte, dem Herrn der Heerschaaren!" Die Pflanzung jüdischer Religion gewinnt immer mehr Triebe und schlägt immer mehr Wurzeln, entfaltet immer mehr Zweige und Blüten und verspricht köstliche Heilesfrucht. Ja grade in unsrer Zeit hat sich der Wunsch unsrer hervorragendsten Geister und Führer erfüllt, das Verlangen jener Männer, die immer mit allem Eifer darauf drangen, daß ein Matt gegründet werde, das in populärer Weise die Wissenschaft des Judentums verbreite und für das Volk verallgemeinere, dem seine eigenen, erblich hergebrachten ^Quellen verschlossen waren, verschlossen wie ein Buch mit sieben Siegeln. Der Mendelssohn-Verein in Frankfurt a. M. hat das Verdienst während der Jahre seines Bestandes auch solche hohe Ziele angestrebt zu haben; er hat sich die Aufgabe gesetzt, das Judentum vor seinen eigenen und vor fremden Feinden zu schützen und einei neue Zeit vorbereiten zu helfen, die herrlichen Errungenschaften dieses Jahrhunderts hinüberzubergen für bessere Tage und so eine Zufluchtsstätte zu bilden für die gefährdeten geistigen Güter, die frevelhaft bei Seite geworfen wurden. Die Kleinodien des Judentums mußten an einen sicheren Ort gebracht werden, damit man später sagen kann: Seht! nicht untergegangen ist unsere jüdische Geisteswelt, sie ist noch da und legt laut Zeugnis ab von dem edlett Kern unseres Glaubens, er ist noch da, dieser Edelstein, dessen Feuer sich in seinen beiden monotheistischen Tochterreligionen abstrahlt. Der Mendelssohn- Verein bildet den „heiligen Schrein" für die „heiligen Geräte". Und des Mendelsohn-Vereins Organ, seine Mouatsblätter, auf die er mit Freude und Stolz blicken kann, sie haben nunmehr sechs Jahre hindurch unermüdlich und unentwegt solch' edle Zwecke verfolgt. Und wahrlich nicht umsonst! Wir dürfen es kühn sagen» daß dieselben in ausdauernder, opferfreudiger Befolgung des für Wahrheit erkannten Zieles, in dem emsigen, gewissenhaften, rücksichtslosen Einhalten der eingeschlagenen Richtung, die zum Heile Israels wie der ganzen Menschheit führen soll, als einzig unter den heute auf dem Boden des Judentums erscheinenden Blättern dastehen! Nur dem mit dem Wesen des modernen Judentums und den heute so vielfach zerrissenen Parteirichtungen in seiner Mitte näher Vertrauten mag es bekannt sein, wie viel Hindernisse zu überwinden, wie viel Widerstand zu besiegen, wie vielen Fallstricken zu entgehen war, um ein in jeder Beziehung geistig unabhängiges, nur dem wahren Fortschritt und der tieferen Erkenntnis gewidmetes Organ auf jüdischem Boden zu gründen. Der Stein, der mit schwerer Wucht auf dem so reichhaltigen Brunnen des Judentums liegt, muß gehoben, Freiheit von hundertjährigem Geistes- und Gewissensdruck muß errungen, eine neue Seele muß gleichsam dem, seines erhabenen Inhaltes entkleideten Judentum« eingehaucht werden. Darüber sind alle großen, der Wahrheit huldigenden und zustrebenden Geister unseres Volkes einig. Nur der Weg, die Mittel zum Ziele trennen sie. Wir glauben, daß dieselben nur in einer wahrhaft wissenschaftlichen und geistigen Aufklärung über Prinzipien, Lehren und Grundlagen unserer Religion gefunden werden können, in einer gewissenhaften Anknüpfung an die erhabenen Lehren der jüdischen Propheten und an die dadurch bedingte Entwickelung ihrer erleuchteten, humanen, die ganze Menschheit umfassenden Grundsätze. Aber um mit dem kürzlich verstorbenen Dichter v. Scheffel zu sprechen: