Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1886)
- Date
- 1886-05-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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115 nimmt von der armen Bevölkerung 24 Prozent Zinsen gegen Hinterlegung von Pfändern. Ist das die christliche Liebe? — In der Reichsratssitzung zu Wien am 5. März, in welcher über die Börsensteuer verhandelt wurde, sprach der protestantische Geistliche und schlesische Abgeordnete vr. Th. Haas» gewichtige Worte gegen den Antisemitismus. Er sagte unter Anderem: „Der Antisemitismus ist nicht nur religiöse Intoleranz, der Antisemitismus ist der soziale Kampf und der Racenhaß unserer Zeit, er ist der unter Anrufung der niedrigsten Leidenschaften geführte Krieg gegen einen ansehnlichen Teil der eigenen Bevölkerung; er ist die Verleugnung der Kultur und Zivilisation unserer Zeit; er ist die Verleugnung der allgemeinen Menschenliebe; er ist die Verleugnung der Sittlichkeit und Christlichkeit, deren sich auch die Antisemiten rühmen. Wir, sind in unserer Jugend alle in den Traditionen der allgemeinen Menschenliebe erzogen worden; wir haben mit Stolz die Glaubens- und Gewissensfreiheit auf unsere Fahne geschrieben; wir haben uns freudig dem Gedanken hingegeben, daß diese Ideen sich immer weiter Bahn brechen werden; und nun kommt der Antisemitismus! Die allgemeine Menschenliebe gilt ihm nichts; die Glaubens- und Gewissensfreiheit gilt ihm nichts; die Gleichheit der Staatsbürger vor den Gesetzen gilt ihm nichts; er verzichtet lieber auf die ganzen Staatsgrundgesetze; ihm ist es lieber, wenn er auf die Juden schimpfen, die Juden hassen und verfolgen kann. In immer weiteren Kreisen macht sich der Antisemitismus geltend. In Büchern wird aufgehetzt, bei Juden nicht zu kaufen, mit Juden nicht zu verkehren, sie aus der Gesellschaft auszuschließen. Was an dem Antisemitismus zu beklagen ist, ist aber nicht nur die Sache, sondern die Methode. Diese besieht darin, Fehler, welche man an einem einzelnen Jndividium wahrnimmt, auf die Allgemeinheit zu übertragen und gute Eigenschaften, deren sich die Allgemeinheit erfreut, auch an den Einzelnen nicht mehr zu erkennen und nicht zu würdigen. Ich werde die Fehler der Juden nicht entschuldigen, denn das ist ja zuzugeben, daß sie Fehler haben, wie jede andere Partei, Religions-Genossenschaft, jedes Volk u. s w. sie auch hat; aber andererseits gehört kein großer Scharfsinn und keine besondere historische Kenntnis dazu, einzusehen, daß ihre Fehler ganz andere sind, wo sie in der Unkultur stehen und verfolgt werden, als dort, wo ihnen das bürgerliche Leben, alle Gewerbe, Handel und Industrie offen stehen. Wenn der galizische kleine Handelsjude, der alltäglich mit Füßen getreten wird, eine arme feige Seele ist, so ist das wahrhaftig kein Wunder. Wenn wir nach Frankreich sehen, so finden wir, wie der Armee mehrere hundert Offiziere angehören, welche Juden sind, darunter fünf Generale. Schon Mirabeau hat im vorigen Jahrhundert es ausgesprochen, daß, wenn man die Juden zu besseren Menschen und nützlichen Bürgern machen wolle, man alle erniedrigenden Scheidungen beseitigen und ihnen alle Wege der Subsistenz öffnen müsse." Der Redner schloß mit folgenden Worten: „Ich wünsche, daß sich die gesunden Elemente aller Nationen und Konfessionen die Hand bieten möchten zur Unterdrückung der antisemitischen Allüren, damit durch das Eindämmen derselben nicht die Geister verwirrt, nicht die Herzen und Gemüter verroht werden, und damit man nicht nach Jahren in Bezug aus die Bewegung und die Verkümmerung der Gemüter so sagen könne, wie Klopstock in seiner Ode an den Kaiser Joseph: „Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht?" — In Burk, in Galizien hat der katholische Geistliche bei Antritt seines Amtes in seiner Rede die Juden seinen Zuhörern gerühmt und den Christen anbefohlen sich zu hüten, den Juden Böses zu thun. Das verdient in unserer Zeit ganz besonders hervorgehoben zu 10*