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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-10-01 · Heft 10 (1.10.1901) · p. Seite 218

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 10 (1.10.1901)
Date
1901-10-01
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 bist du, lebensfrohes Hellas, du Glanzgestirn unter den Völkern der Erde? Wo bist du, sieggewaltiges Rom, dessen Fuß auf dem Nacken der Erde ruhte? Ein einzig Volk nur seh' ich, das mit euch Allen zusammen wandelte vom Morgengrauen der Geschichte an, ein einzig Volk, an dem ihr Alle eure Kräfte prüftet, eure Riesenkräfte an dem kleinen Volke, und das euch Alle überdauerte. Sage mir, du einzig Volk, worin deine große Kraft besteht? Deine große Kraft, die dich den Anprall aller Völker wie eine Mauer aus Erz Stand halten ließ? Die dich allein dem Todesrachen entriß, wo alle Völker in die Gräber stiegen? Sage mir, worin deine große Kraft besteht? Wie diese Frage an mein Ohr sich drängt, ist mir's als hätte ich sie schon irgendwo gehört. Und wie ich darüber sinne, da steht sie mit einem Mal vor mir in den kraftvollen Tönen der heiligen Sprache: haggidah na li bameh Kochacha gadol. „Sage mir doch, worin deine große Kraft besteht?" (Richter 16, 6). Und vor mir steht ein Bild aus alter Zeit, eine Geschichte aus Israels Heldentagen, die Geschichte von Simson und den Philistern.- Zahllos oft habe ich diese Geschichte aus dem Buche der Richter gelesen und in der Schule lauschenden Kindern erzählt, aber ich fand nichts darin als eine packende poetische Darstellung aus der Heldenzeit Israels, ich fand nichts darin, als die ergreifende dramatische Schilderung eines einzelnen Menschenschicksals. Nun aber, da Jomkippurgedanken durch meine Seele wogten, nun aber, da ich am Thorweg des Judentums saß, und alle Zeiten an mir vorüberwandelten, nun aber, da die Frage in meiner Seele brannte: Sage mir, Judentum, worin deine große Kraft liegt, — da hört ich's plötzlich in meiner Seele rufen: Ein Gottgeweihter bin ich von Mutterschooß an, und kein Scheermesser ist über mein Haupt gekommen! — und mit einem Male zerriß es wie ein Schleier vor meinem Auge, und ich sah die alte Geschichte von Simson und den Philistern mit neuen Augen an, und ich sah in ihr die gewaltige Geschichtstragödie des Judentums in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Drei Jahrtausende jüdischer Geschichte liegen hinter uns, und in den drei Jahrtausenden stieg dreimal die Sturmflut drohend empor, um über dem Haupt des Judentums drohend zusammen zu schlagen. Aus Babylons Kerkern war es entronnen. Als vor Griechenlands mächtigem Siegesfluge alle Throne Asiens morsch zusammenftürzten, stand es allein aufrecht im Sturme der Zeiten. Da schlich sich der Geist der Verführung an's Judentum heran und sprach: Sage mir, worin deine große Kraft besteht, und womit man dir beikommen kann. Und das Judentum antwortete: Wenn ihr mich fesselt an eure neue Kultur, dann würde ich schwach und wäre wie die anderen Völker. Da überschwemmten sie Juda mit der griechischen Kultur, da stellten sie ihre schönheitstrunkenen Götter auf im Tempel des Ewigen in Jerusalein, da ver-

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