Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 215 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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215 bedeutsamen Ansprache: „Ich gestehe, daß ich nicht vorbereitet hierher komme, um über die Prinzipien und die Thätigkeit des Mr. Haffkine einen Bericht abzustatten. Vor sechs Jahren sah ich ihn zum ersten Mal, als er im Begriff war, nach Indien zu gehen, um durch Einimpfungen der Cholera vorzubeugen. Es bestanden große Zweifel, ob das vorgeschlagene Mittel sich wirksam gegen die Cholera erweisen würde, jedoch erzielte Mr. Haffkine wunderbare Resultate damit. Unerschrocken, wie er ist, versuchte er es zuerst an sich selbst. Es giebt viele, die da behaupten, daß Ärzte unmenschlich wären und die Letzten in der Welt, denen man Vertrauen entgegen bringen dürfe. Ich glaube nicht, daß die Maccabeans ebenso denken. Mr. Haffkine versuchte zwei Mittel zugleich und kam zu dem Resultat, daß die strengere Form durch Anwendung des milderen Mittels abgeschwächt wurde. Mr. Haffkine's edles Bestreben war darauf gerichtet, nicht nur Menschenleben zu retten, sondern auch Vorurteile der Eingeborenen zu bekämpfen. Mit der größten Schwierigkeit nur konnten die Eingeborenen zu einer Impfung bewogen werden, für die ihnen sogar Entgelt geboten werden mußte. Endlich lernten sie einsehen, daß ihnen durch einen Europäer eine so große Hilfe zu Teil wurde, und dies erfüllte sie mit Dank gegen die weiße Rasse. Mr. Haffkine hat sich um Indien große Verdienste erworben und durch letzteres Brittanien sich verpflichtet. Er hat eine bewundernswürdige Beharrlichkeit in der Überwindung ungeheurer Schwierigkeiten bewiesen. Während wir aber auf der einen Seite seine hervorragenden Geisteskräfte bewundern, müssen wir andererseits auch seinem Charakter gerecht werden. Er ist ebenso bescheiden wie befähigt. Die Selbstverleugnung, mit welcher er jahrelang sein Leben den Gefahre» aussetzte, seine Gesundheit mißachtete und gegen die Pest mit Selbstaufopferung kämpfte, ist einfach heroisch. Es giebt einige, die ihm seine Befähigung, seinen Erfolg absprechen wollen, weil er Jude ist. Ich bin glücklich, sagen zu können, daß so unedle Beweggründe in unserem Lande nicht existiren. Wir sympathisireu mit Dreyfus und freuen uns mit der Aussicht seiner baldigen Befreiung als ob er einer der Unsrigen wäre. Wir erinnern uns, daß wir einen Premierminister hatten, welcher von reinem jüdischen Blut abstammte, und wir beklagen noch den Tod eines der größten Advocaten, welcher ebenfalls Jude war. Es giebt nichts Verächtlicheres als den Haß gegen die jüdische Rasse, welche die edelste auf Erden ist; der Christ schuldet ihr Alles, was er verehrt, alle seine Hoffnungen, Alles, was er hochhält. Die außerordentliche Liebenswürdigkeit, mit welcher ich heute empfangen worden bin, macht es mir unmöglich, meine Empfindungen, wie ich es so gern möchte, zum Ausdruck zu bringen. Ich war betroffen, beim Lesen einer mir vom Chief Rabbi übermittelten Predigt dieselben Worte wiederzufinden, welche auch wir Christen Hochhalten: „Seid barmherzig, wie euer himmlischer Vater barmherzig ist." Diese Worte rührten mich sehr, da sie mir zeigten, wie Christen und Juden sich nähern können, und ließen mein Herz höher schlagen. Diese That ist wohl nicht würdiger zum Ausdruck gebracht worden als in dem Wirken des Man-