Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1898)
- Date
- 1898-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Seines Eifers um das Hohe und Schöne darf sich jedermann rühmen; das Gelingen eines Werkes steht in der Allmacht Hand, die stark auch in den Schwachen ist, wenn sie gläubig und mutig ihr vertrauen. Bei unserm besten Können und tiefsten Verstehen fühlen wir, daß wir nur Werkzeuge eines höhern Willens sind, der den Drang zum Vollkommenen in unsere Brust gelegt, auf daß wir das Niederträchtige ob auch noch so Mächtige furchtlos bekämpfen. Denn wo der die Naturgewalt anbetende Mensch in seiner Qual verstummt, gab uns ein Gott zu sagen, was wir leiden.- Aus Sehnen und Sinnen, Vertrauen und in die Zukunft Schauen ist auch die folgende bescheidene Arbeit entstanden. Möge der ihier angeschlagene Versöhnungston überall Anklang, das schlichte deutsche Wort Eingang in deutschen Herzen finden und der endlichen Beilegung einer leidigen Frage kräftig dienen! Die für den Druck bestimmte Rede soll sich auch vornehmlich an den in die Geschicke der Nation entscheidend eingreifenden geistigen Adel, als den zuständigsten Gerichtshof in nationalen und idealen Angelegenheiten, ehrerbietigst wenden. Wer von höherer Warte als der Zinne der Partei die Dinge dieser Welt und die Geschehnisse beobachtet, wird auch die Tagesereignisse unbefangener als mancher berufsmäßige Parteipolitiker beurteilen. „Wer nur den Blick aufs Ganze hält gerichtet, dem ist der Streit in der Brust schon längst geschlichtet." So wollen wir auch die antisemitische Bewegung, trotz ihrer Versündigung an den Menschen- und Bürgerrechten eines ganzen Volksstammes und ihrer Vergiftung der deutschen Volksseele, in die Kämpfe der Zeit eingliedern und mit ihr als Thatsache wie mit jeder andern rechnen. Wir wollen vor ihren Ursachen nicht die Allgen schließen, vielmehr denselben erst recht auf den Grund schauen, um sie so viel in unserer Macht steht, aus der Welt der Wirklichkeit, der Erscheinungen und der Einbildungen zu schaffen. Der Antisemitismus gleicht, wie mich dünkt, der häßlichen Sphinx, die uns verschlingen will, wenn wir ihr diabolisches Rätsel nicht raten: lösen wir's — das Scheusal stürzt sich vor unfern klar und scharf blickenden Augen in den Abgrund. Wohl jeder Judenhasser, auch der erbittertste, dürfte durch die rechte Art der Behandlung — Schlagfertigkeit und Folgerichtigkeit einerseits, Selbsterkenntnis und ein wenig Feindesliebe andrerseits — von seinem prinzipiellen Standpunkt abzubringen sein und nur noch an einzelnen Hebräern pharisäisch zu mäkeln finden. Aller Antisemitismus, diese Zeit- und Modekrankheit, ist mit der neue Zustände und Eindrücke schaffenden Zeit heilbar. Wie anderswo, ist freilich auch in Israel, viel Licht und starker Schatten. Wir gleichen darin unfern Vorfahren, daß bei uns neben Hartnäckigkeit und Verzagtheit auch Herzensfrömmigkeit und geistige Schwungkraft zu finden, so daß uns noch heute, von einer Welt von Gefahren umgeben, Richter und Retter,