Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1895)
- Date
- 1895-12-01
- Page
- Seite 287 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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287 Renan ist einer aus der großen Zahl derjenigen berühmten Franzosen, von denen der gebildeten Klasse der Deutschen davon erst Kunde zu werden pflegt, wenn ihr Ableben durch langstilige Artikel, die in Begleitung des Portraits der Verblichenen zu erscheinen pflegen, vermeldet wird, und welche zweimal nach ihrem Tode in Deutschland Auferstehungssest feiern, erstens, wenn eine gute Uebersetzung ihrer Werke erscheint, zweitens, wenn diese Uebersetzung — was erst 30 Jahre nach dem Tode des Verfassers der Fall zu sein pflegt — billig ist. Was Renan populär gemacht hat, ist sein auf der Forschung von David Friedrich' Strauß beruhendes „Leben Jesu", das heute in unzähligen Uefceirtragungen3) von 20 Pfennig bis 4 Mark zu haben ist. Aber eine „Geschichte des Volkes Israel" verdient bei weitem größere Beachtung, denn alle die Vorzüge des Renan'fchen Stiles, die gefällige, jeglicher Maniriertheit bare Schilderung, die behagliche, ruhigdahingleitende Sprache, die kurzen Sätze, die mit markigen Strichen gezeichneten Charakteristicken, all dieser Vorzüge gelangen in diese Schrift zur glänzendster Entfaltung. Was dem Werke Renan's die hohe Bedeutung verleiht ist, daß der Verfasser, in der Erkenntnis, die ausgereifte historische Wissenschaft dürfe nicht vor der Schwierigkeit zurückschrecken, selbst auf die Gefahr hin, die ernstesten Mißverständnisse hervorzurufen, die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart darzustellen, ohne religiöse Skrupeln, lediglich und einzig vom Gesichtskreise des Historikers aus, das Volk Israel in seiner Geschichte, von den ältesten Zeiten bis zu denen der römischen Kaiser schildert. Darin können nur Leute von der allerbeschränktesten Geistesbeschaffenheit einen Anstoß finden, daß Renan die biblischen Angaben zergliedert und zerstückelt, ausgemerzt und, wenn nötig, durch eigne Anschauung ersetzt hat. „Die Ehrlichkeit der Wissenschaft kennt keine klugen Lügen." Es giebt in dieser Welt kein Motiv, das stark genug wäre, um einen Gelehrten im Aussprechen dessen zu beschränken, was er für. die Wahrheit hält. Aber wenn man einmal, ohne einen Schatten von Hintergedanken zu haben, das gesagt hat, was man für gewiß oder für wahrscheinlich oder möglich hält, ist es dann nicht erlaubt, die feineren Unterschiede beiseite zu lassen und sich nur an den Geist der Wahrheiten zu halten, welchen alle begreifen können und müssen?"^) Der Vorwurf, die Religion ' angetastet zu haben, ist auch bei der Geschichte d. V. I. dem großen Franzosen nicht erspart geblieben und. merkwürdig — die Juden viel weniger als die Christen sind es, welche sich herausnehmen solches auszusprechen, während doch grade jene, wenn überhaupt jemand, Grund zu Vorwürfen und Klagen hätten! . Zehn Jahre ununterbrochner Arbeit hat Renan seiner „Geschichte des Volkes Israel" gewidmet, wovon sechs dem ersten Bande allein gewidmet waren. Was er nicht zu hoffen gewagt hatte, daß er eigenhändig das Ziel, das er sich 3) Veranlaßt durch eine gekürzte umgearbeitete Volksausgabe, welche Renan selbst, besorgte. *) Aus der Vorrede Renans zum „Leben Jesu", übersetzt von W.. Kalt, Halle a. d. S. Otto Hendel Verlag.