Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber heute schon will ich Ihnen eine Thatsache Mitteilen, welche ich bis jetzt vor aller Welt geheim gehalten, von der ich aber, nachdem ich mein siebzigstes Lebensjahr zurückgelegt, ungescheut sprechen darf. Seit etwa zehn Jahren nämlich arbeite ich in den besten Stunden, die mir kommen, an einer Schrift, die bei meinen Lebzeiten nicht erscheinen, nach meinem Tode aber meinen Glaubensgenossen als mein „Vermächtniß" übergeben werden soll. Diese Schrift handelt von der Erneuerung oder „Verjüngung" des Judentums. — Es kommt auf das Wort nicht viel an, nur auf die Sache; dagegen aber Wiederbelebung „revival" darf sie gewiß nicht heißen. Denn das Judentum lebt. Es lebt, beiläufig gesagt, in beiden Parteien (so weit sie mit Ernst, mit Eifer lind unpersönlich vertreten werden), welche beide zu behaupten pflegen, daß in der anderen das wahre Judentuni erstorben sei. Wenn man etwa im Februar einen der Fruchtbüume, etwa einen Apfelbaum der mittleren Zone ansieht, und der Eine behauptet: der Baum ist ja tobt; er ist ja völlig erstarrt und ohne alle innere Bewegung: er irrt sich! er kennt die Lebensgesetze des Baumes nicht, deren Triebkraft sich ihm, er soll nur ein wenig n>arten, offenbaren wird. Wenn der Andere aber behauptet: dies sei ja die wirkliche Gestalt, also auch das wirkliche Leben des Baumes: er irrt sich! er kennt die Lebenszwecke des Baumes nicht; er soll ein wenig warten; erst wenn der Stamm seine Lanbkrone erhält — vom Lebensbaume der Religion ist ja die Rede — wenn die Sprossen religiöser Gefühle, wenn die Blüten. religiöser Gedanken und Wahrheiten, wenn die Früchte edler Handlungen erscheinen, dann offenbart sich das volle, das wahre Leben des Baumes. Es kann nicht meine Absicht sein, hier von dem Inhalte des „Vermächtnisses" Bericht zu erstatten; was ich Ihnen als Quintessenz der Antwort auf Ihre Frage aus der Einleitung in dieselbe Mitteilen wollte, ist nur Ein Satz, der etwa so lautet: Ich fürchte, daß meine Gedanken über Erneuerung oder Verjüngung des Judentuins erst in ferner Zeit, ja ich glaube, daßj sie zuerst in fernen Räumen zur Erwägung, und will es Gott, auch zur Geltung kommen werden. Denn nur drüben in Amerika scheinen mir für die Juden die Bedingungen gegeben und auch die wachsenden Kräfte bereits in Bewegung, um einen gewaltigen und tiefgreifenden Prozeß zu vollziehen zur Erfüllung des Lebens mit religiösen Mächten. Seit dritthalbtausend Jahren hat man die Thatsache beobachtet, daß der Gang der Kultur immer von Osten nach Westen ging; daß aber dann die im Westen entfaltete Blüte sich zurück nach dem Osten wandte. So wird es, denke ich, auch dem Judentum mit seinen Stationen: Asien, Europa und Amerika gehen. Was nun inzwischen an Ereignissen auf dem Gebiete der Religion sich begeben hat, hüben und drüben, hat mich in dieser Erwartung nur bestärkt. Erst