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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-10-01 · Heft 10 (1.10.1893) · p. Seite 239

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 10 (1.10.1893)
Date
1893-10-01
Page
Seite 239 (sequence 23)
Language
German
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Knltnrdcfizit am Ende des Ii>. Jahrhunderts von Dr. mcd. Marens Hirsch Frankfurt a. M. I. Kansflnann 1Mit Schürfe und Gründlichkeit, gewürzt durch Humor und Ironie, geht diese Schrift der „Schmach des Jahrhunderts" zu Leihe. Sie ist nicht eine von den zahlreichen litterarischen Erzeugnissen, wie sie in unseren Tagen haufenweise die Presse verlassen; sie ist vielmehr wohl geeignet, Aufsehen hei Freund und Feind zu errege». Ausgehend von der politischen .Konstellation im Beginn des Jahres, ivirft der Verfasser einen prüfendeir Blick ans die aus den inneren Zuständen in unserem lieben Vaterlande sich ergebende Kultur und konstatiert in dieser Hinsicht ein ganz bedeutendes Defizit am Ende des Jahrhunderts. Wie ist nun dieses Defizit auszngleichen? Diese Frage beantworten, heißt die Mittel zur Bekämpfung und Vernichtung des Antisemitismus an die Hand geben, heißt die sogenannte Jndensrage zum so und sovielten Male lösen. Die völlige Heilung einer jeden Krankheit kann nur erfolgen auf Grund der Kenntnis ihrer Entstehung und Entwicklung — der Krankheitsgeschichte. Daher zeigt uns der Verfasser zunächst, wie diese Seuche entstanden ist, wie sie künstlich genährt und groß gezogen wurde zu innerpolitischen Zwecken, wie sie dann ihren Nährvätern über den Kops wuchs, so daß diesen — zu ihrer Heilung in erster Linie Berufenen - am Ende die Macht dazu fehlte, selbst wenn der gute Wille dazu vorhanden wäre. Aber gerade dieser gute Wille fehlt noch bis auf den heutigen Tag, und der Grund dafür ist unschwer zu erkennen. Man glaubt, des Antisemitismus als Waffe im Kampf gegen den Liberalismus nicht entbehren zu können. Kann denn aber der Kampf, den der Antisemitismus unternommen zu haben sich brüstet, als ein politischer übh. betrachtet werden? Mit anderen Worten: Ist das Judentum, gegen das gekämpft wird, identisch mit dem Liberalismus? Ist das Judentum eine politische Partei, die man ans politischem Gebiete bekämpfen kann und darf? Gehören alle Jude» derselben politischen Parteirichtung an? Entfällt aber für den Antisemitismus die Berechtigung, sich als politische Partei aufznspielcn, so hört jeder Anspruch auf Unterstützung desselben seitens aller wahrhaft Gebildeten — mögen sie welcher Partei und Konfession auch immer angehören — von selbst auf, dann bleibt nichts übrig als die wüste Ausgeburt von Bosheit und Neid. Diesem Beweise ist ein großer Teil des Buches gewidmet, indem die sattsam bekannten Anschuldigungen gegen Juden und Judentum durch die bereits im Uebermaße erörterten Thatsachen — hier meist auf statistischer Grundlage — von neuem -widerlegt werden. Hierin ist zwar nicht die wesentliche Bedeutung der vorliegenden Schrift zn suchen; immerhin ist ihr aber auch nach dieser Seite der Vorzug erschöpfender Darstellung und übersichtlicher Zusammenfassung des bereits Bekannten zuzuerkennen. — Fast uneingeschränkte Anerkennung verdient aber der zweite, »nichtigere Teil des Buches, der die unter den obwaltenden Umständen zur Bekämpfung des llebels anzuwendende» Mittel erörtert. Der Verfasser hat sich hier das Verdienst des tüchtigen Arztes erworben, der den Finger ohne Scheu in die offene Wunde legt. Sein Spruch geht dahin: Rottet das Uebel an der Wurzel aus! Gehet in die Tiefe und fanget da zu heilen an, wo die Quelle des Nebels liegt. Als diese Quelle bezeichnet er mit Recht vor allen anderen das althergebrachte Vorurteil aller, selbst der Gebildeten - und dieser in erster Reihe — gegen Andersgläubige; in zweiter Linie steht dann die allerdings wohl noch schwerer zu beseitigende allgemein menschliche Untugend des Generalisirens. Er richtet darum mit voller Kraft seinen Angriff gegen den Krypto-AntisemitismuS, gegen die große Mehrzahl der gebildeten Christen,die man so häufig, unter entschiedener Abweisung des Antisemitismus selbst, der antise-

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