Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 215 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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■ WW-WF- — 215 — giösen Lebens vor sich gehen mußten. Statt der politischen Thätigkeit, sollte das Judentum fortab seine ganze Aufmerksamkeit seinem Religionsgesetze zuwenden, statt politisch-nationale Interessen zu verfechten, sollte es die Prinzipien seiner Lehre verteidigen und ausbilde». Als mächtigste Träger dieses Gedankens sind diejenigen sieben Schüler R. Akibas zu betrachten, unter denen R. Simon der hervorragendste war. Um das Ende des ersten Jahrhunderts als Kind wohlhabender Eltern in Galiläa geboren, wurde er frühzeitig Schüler der unter der Leitung des Gamliel II stehenden Hochschule, wo er öfters Gelegenheit hatte, mit den hervorragendsten Lehrern, darunter R. Akiba, beisammen zu sein. Bei der Amtsentsetznng des Gamliel und der Wahl des Elasar b. Asarja war er angeblich zugegen, doch kam er später ganz in die Schule Akibas. Die Gründe, die Lewin bestimmt habe», den Konflikt im Schulhause zu Jabne gegen Grätz und Bacher in die Jahre 110—115 zu setzen, sind nicht stichhaltig, denn die Romreise der vier Tannaiten kann nicht vor der Amtsentsetzung stattgefunden haben, und an dieser Reise mußte sich das Oberhaupt der Jamnä'ischen Schule beteiligen. Als solcher kann aber unter den vier Gelehrten nur R. Eleasar ben Asarja gelten. Nach den Quietus-Kriegen im Jahre 116 erfolgte die Auflösung der Schule zu Jamnia, und Simon kehrte in das Elternhaus zurück. Bis zum Jahre 120 (diese Chronologie nimmt Lewiu an) nimmt er seinen Aufenthalt in Sidon, und wird dann von seinem Lehrer Akiba ordinirt. Sowohl in systematischer Anordnung der homiletischen Bemerkungen, als auch in der Erfindung von Fabeln und Parabeln, ist er reicher als sein Lehrer, wie er auch überall den tieferen Grund religiöser Vorschriften erforschen wollte. Nach dem Tode seines Lehrers siel ihm die Führerrolle zu. und als solcher nahm er an einer weiteren Romreise Teil, die durch aggadische Zuthaten (die Heilung der Königstochter Faustina) ausgeschiilückt wurde. Die Ansicht des sittlich verderbten Roms, mußte das hohe Sittlichkeitsgefühl eines Mannes wie Simon verletzen, und er verleiht dieser seiner mit Entrüstung gepaarten Verachtung gar oft Ausdruck. „Ihre (sc. der Römer) Einrichtungen sind durch unlautere, selbst- und herrschsüchtige Motive geleitet; ihre Märkte dienen der Untergrabung der öffentlichen Sittlichkeit, ihre Bäder lasterhafter Ausschweifung, ihre Brücken der Erpressung und Aussaugung durch betrügerische Zöllner." Und daß dieses Urteil nicht dasjenige eines haßerfüllten Mannes war, dies beweisen die von Lewin in reicher Fülle angeführten Anssprüche anderer Schriftsteller. Diese Aeußerung hatte für Simon unglückliche Folgen, denn ein Juda ben Gerim (ob ein Schüler des S. oder nicht, ist nicht mehr festzustellen), hat ihn bei dem Statthalter verraten, und er wurde zum Tode verurteilt. Doch er verbarg sich in einem Lehrhause, wo er von seiner Frau und seinem Sohne versorgt wurde. Weil aber seine Angehörigen durch seine intensive Verfolgung gefährdet wurden, und sich der Laune eines Weibes entziehen wollend, verbarg er sich mit seinem Sohne in einer Höhle in der Nähe des Genezareth-Sees. Die Festsetzung des Höhlenaufenthaltes, als auch der mit diesem verbundenen Einzelheiten, bilden die Glanzparthie der Lewin'schen Arbeit, indem er, entgegen der Annahme Grätz's beweist, daß der Höhlenaufenthalt Simons im Jahre 156 begonnen und bis 169 gedauert hat. Ebenso treffend ist die Bemerkung, daß es sich hier nicht um eine „Charaba-Höhle" handelt, sondern daß das fragliche Wort „Johannisbrotfruchte," die Nahrung Simons während seines Höhlenlebens, bedeutet. Als er nach 13 Jahren die Höhlenwohnung verließ, konnte er, der ein solches Märtyrertum für seinen Glauben erduldete, mit jener Weltverachtung auf das niedrige Treiben