Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 11 (1891)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1891)
- Date
- 1891-02-01
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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31 vollzog und die mittelalterlichen Ghettoschrauken dem Sturmeswehen einer neuen Zeit wichen, da ward in vielen Kreisen die Erkenntnis lebendig, daß auch die äußeren Formen, in denen das religiöse Leben sich dem Auge der Welt offenbart, den veränderten Verhältnissen angepaßt, daß veraltete Einrichtungen durch neue ersetzt oder doch verbessert, mit einem moderneren Gewände ausgestattet werden müßten, und daß überhaupt danach zu streben sei, den Gegensatz zwischen Religion und Leben, zwischen Empfinden und Handeln möglichst auszugleichen und dadurch der Gefahr vorzubeugen, daß ein starres Formelwesen die religiösen Gefühle unterdrücke und die Freiheit des religiösen Denkens und Forschens beeinträchtige. Diesen Bestrebungen widersetzten sich begreiflicherweise alle diejenigen, die in dem überlieferten Judentume, wie es von den Vätern übernommen war mit allen seinen Satzungen, Bräuchen und Gepflogenheiten, nicht etwa auch das Produkt einer geschichtlichen Entwickelung sahen, sondern alles in ihm für göttlich hielten, denen selbst Mißbräuche und abergläubige Vorstellungen, die sich im Laufe der Zeit eingeschlichen hatten, als zum Wesen der Religion gehörig für heilig galten. Wohl hatte schon mehrere Menschenalter,.zuvor Moses Mendelssohn in seinem öffentlichen Sendschreiben an Lavater die Äußerung gethan: „ich werde es nicht leugnen, daß ich bei meiner Religion menschliche Zusätze und Mißbräuche wahrgenommen, die leider ihren Glanz verdunkeln — wie sie jede Religion im Laufe der Zeiten annimmt." Allein den Strenggläubigen hatte dieser Ausspruch großes Argerniß bereitet, sie wollten es durchaus nicht wahr haben, daß sich am Judentume irgend eine menschliche Zuthat befand, deren Beseitigung im Interesse der Religion erwünscht wäre. Und so brach denn ein heftiger Kampf aus zwischen den Anhängern des Alten und den Vorfechtern des Neuen, ein Kampf, .der teilweise mit großer Erbitterung geführt wurde und die deutschen Juden in zwei Lager zu spalten drohte. Äuf der einen Seite setzte man auch den unschuldigsten Zugeständnissen an den Geist der neuen Zeit den schärfsten Widerspruch entgegen, wodurch gereizt man auf der anderen Seite nicht immer mit der erforderlichen Pietät und Rücksicht verfuhr, man riß hie und da wohl auch ein Bollwerk ein, das zum Schutze gegen die verheerende Strömung der Leidenschaft und der Unsittlichkeit noch gute Dienste hätte leisten können, man verkannte bisweilen, daß jeder gesunde Fortschritt nur langsam und unter möglicher Schonung des Bestehenden vor sich gehen dürfe, und man erhöhte dadurch das Mißtrauen der gegnerischen Parteien, anstatt es zu mildern, ja, man trieb manche gemäßigte Elemente, deren Mitarbeit überaus wertvoll und heilsam gewesen wäre, in die Reihen der Opposition und hinderte dadurch eher das Gute, als daß man es förderte. Wenn daher die Wortführer der verschiedenen Richtungen, in denen das religiöse Leben der deutschen Juden in den mittleren Jahrzehnten unseres Jahrhunderts sich bewegt hat, auf den hinter ihnen liegenden Zeitabschnitt zurückblicken und ihre eigene Thätigkeit unparteiisch würdigen, so werden sie nicht anstehen, auch für ihre Person einzustimmen in die Selbstanklage: meiner Sünden gedenke ich heute. Gar viele Fehler sind begangen worden, die verhängnisvoll geworden sind, und die bei allseitig gutem Willen, bei gebührender Rücksichtnahnie auf die Wohlfahrt der Gesamtheit, hätten vermieden werden können. Gleichwohl aber brauchen sie sich dieser Fehler nimmermehr zu schämen; es ist so schwer, inmitten des Kampfgewühles stets Maß zu halten und vor-